Rezension zu »Sündengräber« von Kristina Ohlsson

Sündengräber

von


Die Serie der Morde folgt einem Muster: Zu jedem einzelnen gibt es ein paralleles Gegenstück. Die Stockholmer Ermittler tappen lange im Dunklen. Dabei haben sie an ihren persönlichen Schicksalsschlägen selbst genug zu tragen. Die Mysterien halten sie und den Leser bis zur letzten Seite auf Trab.
Thriller · Limes · · 480 S. · ISBN 9783809026976
Sprache: de · Herkunft: se

Angst Angst Angst Angst Angst

Rezension vom 04.03.2019 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was mag das sein, »Sündengräber«? Erdlöcher, in denen man in irgend einem über­trage­nen Sinne Missetaten zur letzten Ruhe bettet, um sie ein für alle Mal vom Erd­boden zu tilgen? Oder sind das Menschen, die diese Toten­gräber-Arbeit erledigen? Oder eher solche, die, analog zu »Gold­gräbern«, die schreck­lichen Taten wieder ans Licht zerren? Ob und was hier aus- oder vergraben wird – ich bin nicht dahinter gekom­men, was das Wort mit diesem Kriminal­roman zu tun hat. Aber das ist egal, im Text kommt es gar nicht vor, und Hauptsache ist doch, dass es neugierig macht und mit seiner mysti­schen Unschärfe den Kauf­anreiz fördert. Der schwedische Original­titel lautet jedenfalls »Synda­floder«, was die biblische Sintflut oder allge­meiner eine Katas­trophe bezeichnet. Und das hat mit dem Thriller auch nix zu tun.

Zu Beginn werden dem Leser drei »verirrte Männer« vorgestellt, die im April 2016 ihr Unwesen treiben.
Der erste ist todkrank, nimmt Morphium und weiß genau, wann er sterben wird. Die kurze Zeit bis dahin will er nur für eines nutzen: »Sühne zu tun« für eine Schuld, die seit Jahren auf ihm lastet – ein schweres Verbrechen, wie er nun seiner Frau auf den letzten Drücker brieflich gesteht. »Ich mache alles wieder gut«, schreibt er, und er habe alles geregelt.
Der zweite sucht einen sicheren Zufluchts­ort für seine Tochter und deren Familie, die sich seit Jahren im Ausland verstecken. Nun möchte er sie in die Heimat zurückholen, muss ihnen dafür aber ein einsam gelegenes Haus mit schuss­festen Türen und Panzer­glas­fenstern bieten.
Der dritte Mann hat eine Lebenskrise überwunden. »Er hatte so viel verloren, dass er nicht mal mehr er selbst war«, aber einen Weg aus Leere und Trost­losig­keit gefunden. Jetzt will er Ge­rechtig­keit wieder­herstel­len, nicht nur für sich selbst, sondern auch für all die anderen, denen Unrecht im Leben widerfuhr, die allein­gelas­sen wurden, keine Unter­stüt­zung fanden.

Wenige Wochen später folgen den Ankündigungen Taten. An einem Samstag spritzt der Täter seinem Opfer eine Überdosis Insulin in den Nacken.. Am Montag findet die Putzfrau eines ehemaligen Bau­unter­nehmers den Alten im Sessel vor dem erloschenen Kamin, getötet durch einen direkten Schuss in die Brust. Am Mittwoch entdeckt der Platzwart eines Tennis­platzes beim Rasen­mähen eine fast perfekt verscharrte Leiche – nur ein vor­witzig aus dem Erdreich ragender Daumen meldet sie. Und Sie vermuten richtig: Am Freitag geht das Morden weiter.

Da tut die Polizei von Stockholm natürlich längst ihre Pflicht. Die Chefin Margareta Berlin setzt Alex Recht als Ver­antwort­lichen ein, seine Kollegin Fredrika Bergman unterstützt ihn, und vor Ort helfen Spezia­listen und Rechts­medi­ziner. Voran kommen sie alle nicht recht, obwohl sich an den Tatorten Briefe und Botschaften finden, manche infamer­weise direkt an Alex gerichtet: »Ich mache alles wieder gut.«

Alex Recht ist oft abgelenkt, kann sich so gar nicht auf die Fälle konzen­trieren. Ihn besorgt, dass seine sonst so toughe Mit­arbei­terin Fredrika seit Wochen verändert wirkt. Was bedrückt sie nur? Wir wissen es: Spencer, ihr Mann, ist dem Tode geweiht, aber sie will Alex nicht mit ihren familiären Sorgen belasten, wo der doch den Krebstod seiner ersten Frau noch immer kaum verkraftet hat.

Davon unbeeindruckt setzt sich die Serie von Gewalt­verbre­chen an entfernten Orten und zu anderen Zeiten fort. Selt­samer­weise gibt es zu jedem Opfer ein passendes Gegenstück, auf ähnliche Weise aus dem Leben gerissen wie die in und um Stockholm gefundenen Toten. Der Leser kann ebenso wenig wie das Er­mittler­team erkennen, was hinter diesen Verbrechen stecken könnte, und so rätseln wir gemeinsam bis zur letzten Seite.

An Spannung fehlt es dem Thriller mit dem wunder­lichen Titel wahrlich nicht, ebenso wenig wie an Ereignissen, die sie geschickt über den ganzen Roman hin tragen. Allerdings mangelt es ihm an Maß und Klasse. Die Figuren­gestal­tung ist mini­malis­tisch: Mehr als den Namen erfahren wir kaum über die vielen Personen, die sich hier tummeln. Sie bleiben alle gesichts- und farblos. Dafür überzieht sie die Autorin wie eine Rachegöttin mit Schick­salsschlä­gen. Fast jede der im Vordergrund stehenden Figuren muss sich mit einer unheilbaren Krankheit oder einem ver­hängnis­vollen Todesfall quälen. Unser Empathie­vermögen wird hoff­nungs­los über­strapa­ziert.

So schlicht wie die Charakterisierung ist die Sprache. Ihr fehlt jede literari­sche Ambition, jede Origina­lität. Eine rein quanti­tative Soll-Über­erfül­lung beobachten wir bei der Formu­lierung beklem­mender Gefühle aus dem Bereich »Angst«. Die dominieren viel zu viele Seiten, wobei die Autorin leider zu wenig Differen­zierung kennt. Wie viele Schrift­stel­ler(in­nen) mit Anspruch bewiesen haben, kann man bedrü­ckende Nerven­belastun­gen in unendlichen Aus­prägun­gen beobachten und sprachlich darstellen. Hier hat man halt einfach »Angst«.

Spätestens im Rückblick fällt auf, dass auch der Plot weder Raffinesse noch Tiefgang aufweist. Es handelt sich um ein umständlich erzähltes Routine­kon­strukt, das viele parallele Hand­lungs­fäden abwechselnd in leicht kon­sumier­baren Portiönchen serviert und den Leser mit regel­mäßigen Cliff­hangern an der Leine hält. Wegen der Vielzahl zu ver­folgen­der Stränge kann es allerdings viele, viele Seiten dauern, bis so ein Appetit­anreger endlich eingelöst wird. Ganz am Ende fügt sich schließlich alles ver­ständ­lich zusammen.

Wer spannende Unterhaltung sucht, die ohne Mühe und geistige Verrenkung in einem Rutsch genossen werden kann, wird von Kristina Ohlssons Thriller (den Susanne Dahmann über­setzt hat) nicht enttäuscht sein. Es ist übrigens bereits der sechste Band ihrer gut verkauften Reihe mit den Ermittlern Alex Recht, Fredrika Bergman und Peder Rydh. Der erste (»Askungar«, dt. »Aschen­puttel«) erschien 2009, und gemäß einer Bemer­kung im Nachwort ist »Sünden­gräber« wohl der letzte. Wahr­schein­lich sind jetzt alle Sünden aus- oder einge­graben.


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