Rezension zu »Palmherzen« von Laura Lee Smith

Palmherzen

von


Belletristik · Dumont · · Gebunden · 511 S. · ISBN 9783832197117
Sprache: de · Herkunft: us

Die bravourösen Bravos

Rezension vom 17.03.2014 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mit der Pistole im Hosenbund ist Dean Bravo in seinem Pick-up unterwegs. Wie so oft sucht er seinen Vater Tucker. Dieses Mal wird er ihm für alle Zeiten das Licht aus­pusten. Denn Deans Mutter Margie musste im Kran­ken­haus not­ope­riert werden, nachdem ihr Mann sie mal wieder zu­sam­men­ge­schla­gen hatte.

Doch dann hält ihn ein einschneidendes Ereignis von seinem tödlichen Vorhaben ab: Er be­geg­net Arla, de­ren makel­lose Schön­heit ihn in den Bann schlägt.

Arla Bolton ist achtzehn und stammt aus einer anderen Welt. Ihre Familie – reiche, angesehene Un­ter­neh­mer – gehört zu den »Stützen der Gesellschaft« von St. Augustine, Florida. Die Eltern sind nicht begeistert von der Wahl ihrer Tochter. Sie wissen, wer und wie die Bravos sind: ein Haufen Nichtsnutze, die von der Hand in den Mund leben und ihren Ort, das vierzig Kilometer entfernte Utina, unsicher machen. Mehr oder weniger regelmäßig sitzen sie in Haft- oder Aus­nüch­terungs­zel­len ein.

Immerhin hat sich Arla mit Dean, dem drittgeborenen Bravo-Sohn, noch den Besten aus der Sippe gean­gelt. Mit »dunk­lem Charme« und »grüb­le­risch dis­tan­zier­tem Blick«, dabei »groß­spurig und rot­zig«, fühlt er sich »mit sei­nen Un­zu­läng­lich­kei­ten auf eine Art wohl, die Arla erstaunte und erregte« und ihr gar »un­keu­sche Ge­dan­ken be­scher­te«. Er verspricht ihr »ein kleines Haus, einen vollen Vor­rats­raum, Babys in der Bade­wanne und Liebe in jedem Zim­mer«. Dafür lässt Arla ihre luxuriöse, aber gefühlskalt-distanzierte Welt hinter sich und läuft mit fliegenden Fahnen über.

Damit die Hochzeitsglocken läuten können, nimmt Dean eine regelmäßige Arbeit in einer Papierfabrik auf und kauft in North Utina ein altes mehrstöckiges Haus, mitten in dem Wald gelegen, der bis an die Küste reicht. Die junge Ehe wird rasch mit den Kindern Sofia, Carson, Frank und Will gesegnet.

Vierundvierzig Jahre später sieht Arlas Realität erwartungsgemäß nüchterner aus. Inzwischen 62, wohnt sie mit Tochter Sofia (43) immer noch im Haus, das sie einst »Aberdeen« getauft haben; ihr Faktotum Biaggio ist in einem Wohnwagen auf dem Gelände untergebracht. Sofia kämpft aussichtslose Kämpfe. Arla kann sich von nichts trennen, weswegen das Anwesen zur Müllkippe degeneriert ist. Gleichzeitig er­obern die unermüdlichen Termiten mehr und mehr Bereiche des Terrains.

Auch das Vermögen der Bolton-Eltern schmolz im Lauf der Jahre dahin; von dem kleinen Erbe, das Arla schließlich zufiel, erwarb sie die Bar Uncle Henry's, die jetzt ihr Sohn Frank Bravo als erfolgreiches Res­taurant führt. Seit 1995 lebt er mit seinem Hund in einem kleinen Bungalow. Sein Bruder Carson (42) ist Investmentbanker und wohnt mit Ehefrau Elizabeth und Tochter Bell (7) im wohlhabenden St. Augustine.

Und Dean? Seine und Arlas Desillusionierung hat schon in den Flitterwochen begonnen und auf brutale Weise in die Herzen aller Beteiligten geschnitten. Dean will sich als souveräner Macher präsentieren, mie­tet, damit Arla Wasserski fahren kann, ein großes Motorboot, steuert es alleine, verzichtet auch auf ei­nen Helfer an Bord, schlägt alle Empfehlungen in den Wind. Als Arla stürzt und Dean sie aus dem Wasser zieht, trennt die Schiffsschraube ihren halben Fuß ab. Anfangs verbindet Dean den Stumpf liebevoll, doch bald verkommt er zum Symbol seines Versagens, seiner Unzulänglichkeit. Dean schämt sich für den tram­pe­li­gen Gang seiner jungen Frau, und beide müssen sich mit dem Verlust ihrer Stand­fes­tig­keit und ihrer at­trak­ti­ven Voll­kom­men­heit abfinden. Ein stützender Stock wird zeitlebens zu Arlas zu­ver­läs­si­gem Beglei­ter, wäh­rend Dean seine Schuld zwar lange trägt, aber mit immer mehr Alkohol betäubt.

Da erschüttert ein weiterer Schicksalsschlag die ganze Familie bis in ihre verbliebenen Grundfesten. So­wohl Dean als auch seine beiden älteren Söhne tragen Schuld an der Katastrophe, die den Jüngsten das Le­ben kostet. Unter der Last zerreiben und zerstreiten sich die Jungen in den Jahren darauf; ihr Vater setzt sich eines Tages spurlos ab.

In ihrem Roman »Heart of Palm« Laura Lee Smith: »Heart of Palm« bei Amazon (übersetzt von Eva Kemper) breitet Laura Lee Smith das an­rührende Fa­mi­lien­epos der Bravos großzügig aus. Ihre Erzählung setzt an deren Ende ein, gut vierzig Jahre nach Arlas Hochzeit. North Utina wurde von Yuppies entdeckt, das Leben der Alteingesessenen verändert und das Stadtbild von riesigen Supermärkten umgekrempelt. Jetzt soll ein gigantisches Bauvorhaben allem die Spitze aufsetzen. Ein Finanzinvestor plant einen Yachthafen, und schon bietet eine Immobilien­ge­sell­schaft Arla sehr viel Geld für ihr Restaurant, ein benachbartes Grundstück und »Aberdeen«. Der Makler versteht sein Handwerk und bearbeitet die Brüder kunstgerecht, doch im Grunde rennt er offene Türen ein. Das Geschäft könnte Carson aus der Patsche der Finanznöte helfen, in denen er gerade steckt, und Frank könnte es den Wunschtraum einer einsamen Berghütte in North Carolina erfüllen. Andererseits können sie doch nicht das Land vertickern, auf dem Mutter und Schwester leben. Die Schlussrechnung aber macht dann ein anderer auf ...

Die Geschichte um das ganz große Geldgeschäft liefert jedoch nur die Rahmenhandlung für »Palm­her­zen«. Im Binnenteil erfahren wir von den Befindlichkeiten und Beziehungen der Figuren. Al­lein und verstört geht jeder seinen Weg, eher gegeneinander als aufeinander zu. Weil Dean nicht zuverläs­sig arbeitet, ob­liegt es Arla, die Familie durch die harten Jahre zu bringen. Neben der Hausarbeit über­nimmt sie Wasch­auf­trä­ge für die Kirche. Mit Mühe schafft sie es, die Raten für die Hypothek aufzubrin­gen. Erst als Be­sit­ze­rin der Uncle Henry's-Bar empfindet sie für kurze Zeit ein Hochgefühl des Erfolgs.

Als Carsons Ehe zerbricht, verlässt Elizabeth ihren Mann, um mit ihrer Tochter bei Arla und Sofia einzu­zie­hen. Auf »Aberdeen« herrscht allerdings das reine Chaos. Ehe das Gerümpel überhand nimmt, muss Sofia endlich klar Schiff machen. Auch das Klavier, auf dem Arla als höhere Tochter in St Augustine spielte, muss raus – und prompt versperrt das schwere, von Termiten durchsetzte Trumm den Eingang. Man sagt Sofia nach, sie sei verrückt; schon als Kind musste sie Therapien über sich ergehen lassen und Me­di­ka­men­te einnehmen. Doch in diesem Reigen der Überlebenskämpfer ist sie die einzig Glückliche. Kaum einer hat mitbekommen, dass zwischen ihr und dem alten Biaggio zarte Liebesbande keimten.

Laura Lee Smiths Roman »Palmherzen« nimmt den Leser von Anfang an gefangen und hält ihn bis zum Ende in Bann. Smiths Figuren sind lebensnah gestaltet. Es sind die Gefühle, die ihr Wesen prägen und ihre Handlungen steuern, wobei die Faust dem Herzen oft näher sitzt als der Verstand. Die »bravourösen Bra­vos« männlichen Geschlechts schwanken zwischen Hass und Liebe. Sofern es zum gemeinsamen Erfolg führt, schenken sie einander Vertrauen und halten loyal zusammen.

In »Palmherzen« erleben wir small-town America ohne pathetische Sonnen- und Freiheitsträume, dafür mit den alltäglichen Nöten einfacher Menschen, die sich nichts mehr wünschen als dass alles so bleibt, wie es einstmals war.


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