Rezension zu »Im Rachen des Alligators« von Lisa Moore

Im Rachen des Alligators

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 345 S. · ISBN 9783446241305
Sprache: de · Herkunft: ca

Colleen rettet, so gut sie kann

Rezension vom 24.07.2013 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Jede Menge Verlierer bevölkern St. John’s, Neufundland, den Schauplatz in Lisa Moores Erstling. Nur die siebzehnjährige Colleen strahlt Positives aus. Wohl­be­hü­tet wächst das Mädchen auf; außer ihrem Stief­vater fehlt ihr nichts. Die Cover-Montage mag ihr Prinzesschen-Image treffen, aber so putzig ist sie nun auch nicht (mehr). Jetzt ficht sie engagiert gegen alles, was in der Welt ungerecht ist, und setzt sich für alles ein, was gerettet wer­den muss. Zwar reitet sie dabei nicht wirklich auf einem Alligator, aber mit ihrer letzten Aktion hat sie sich doch heftig in die Bredoullie manövriert.

Sie schloss sich einer Gruppe an, »um gegen die Rodung, durch die der Fichtenmarder gefährdet wurde, zu protestieren« Als dabei außer viel Gerede bei Kaffee und Kuchen nichts herauskommt, begibt sich Colleen auf eigene Faust per Anhalter und per pedes in die Wälder und legt die Bulldozer lahm, indem sie ihnen Zucker in die Tanks schüttet. Damit kann sie die letzten fünfzig Fichtenmarder auf Dauer nicht retten, aber für eine Weile ist Ruh’ in allen Wipfeln, und die Caterpillars schweigen im Walde.

Dummerweise hat Colleen ihren Rucksack nebst Handy liegengelassen. Der Jugendrichter verdonnert sie zu einem Monat gemeinnütziger Arbeit. Sie ist entsetzt über die anderen jugendlichen Straftäter, die sich zu gemeinsamen Maleraktivitäten einfinden: Sie tragen ordinäre Klamotten, stammen aus miesen Eltern­häu­sern, sind ungewaschen und »geistig minderbemittelt« – kurzum: Zwischen denen und ihr liegt »eine ge­wal­tige Kluft. Das waren alles Arschlöcher und sie nicht.« Angewidert von der Vorstellung, den ganzen August mit »Klassenunterschieden, der sozialen Ungerechtigkeit und der mangelnden Selbst­be­herr­schung« verschwenden zu müssen, macht sie sich lieber vom Acker.

Sie erinnert sich an eine prägende Sequenz aus einem Schulungsvideo für Kernkraftwerkssicherheit, das ihre Tante Madeleine, eine Filmemacherin, gedreht hatte: Ein Mann steckt seinen Kopf in das aufgerissene Maul eines Alligators. Doch leider landet ein Schweißtropfen des Mannes (sein winziges Versäumnis: er hätte sich noch besser abtrocknen müssen) auf der Zunge des Tieres und löst den Schnappreflex aus … Der Mann überlebte schwer verletzt und züchtet heute in einem Ökoreservat in Louisiana Alligatoren, um sie später in freier Wildbahn auszusetzen. Da zieht es Colleen hin. Doch woher soll das Geld für das Flug­ticket kommen?

In der Disko hatte sie Frank kennengelernt, einen gutmütigen Typen, der sie gleich nach Hause ab­schleppte. Frank war vom Schicksal gebeutelt, verfolgte aber eisern den Traum, seinen eigenen Hotdog-Stand zu eröffnen; dafür arbeitete und sparte er hart. Daraus wird vorerst nichts, denn Colleen stiehlt sein Geld …

Mit Frank kommen weitere obskure Personen ins Spiel. Ein Inuit, der in der Wohnung über seiner lebte, erhängte sich. Dann zieht der Russe Valentin ein, ein brutaler, kaltblütiger, skrupelloser Krimineller. Sein neuester Plan ist, das Haus seiner Freundin Isobel abzufackeln und die Versicherungssumme einzustrei­chen. Isobel (die an Madeleines letztem Filmprojekt über die Geschichte Neufundlands mitgewirkt hatte) fühlt sich zu gewalttätigen Männern hingezogen und liegt in dieser Hinsicht ganz richtig bei Valentin, der sie beispielsweise gewürgt hat. Er ist es, der immer wieder für unerwartete, heftige Ausschläge unserer Ner­ven­be­las­tungs­skala sorgt, während die meisten Handlungsstücke relativ gleichförmig dahingleiten.

Die Autorin verknüpft nach und nach die gesponnenen Handlungsfäden von Figur zu Figur wie um einge­steckte Nadelpunkte, kreuz und quer, hin und her. Der Roman ist in relativ kurze Kapitel strukturiert, die jeweils Ereignisse um eine der Personen erzählen (Colleens Abschnitte teilweise aus der Ich-Perspektive). Die Abfolge der Kapitel wirkt jedoch wie zufällig, so dass sich keine augenscheinliche Systematik hin­sichtlich der zeitlichen Abfolge der Ereignisse oder der Beziehungen der Figuren zueinander erschließt. Lisa Moore bewegt ihre Figuren gleichsam auf einem im Dunkeln liegenden Schachbrett. Dort sehen wir sie immer nur kurze Züge gehen, ehe der Lichtstrahl zu einer anderen springt und einen Moment aus deren Vergangenheit oder im Jetzt beleuchtet.

Die Autorin erzählt von Menschen, die nicht mit Silberlöffeln im Mund geboren wurden. Alle sind schick­salsverhaftet, sie schliddern auf einen Abgrund zu. Colleen rebelliert dagegen, wie ihre Mutter sie erzieht und auf Konventionen ausrichtet; sie widersetzt sich deren permanentem Trauerzustand um die Verflosse­nen. Auch wenn sie dabei schon früh ihre Grenzen ausgereizt hat (Alkohol, Drogen, Diebstahl), ist sie im Kern völlig normal. Sie hat ihr Leben noch vor sich und kennt die Risiken selbst kleinster Fehler: Das Maul des Alligators kann jederzeit zuschnappen.

»Alligator« Lisa Moore: »Alligator« bei Amazon (2005) war Lisa Moores Debütwerk und wurde jetzt von Kathrin Razum für Hanser übersetzt. Erst später erschien ihr Roman »February« Lisa Moore: »February« bei Amazon , zu dem Sie hier meine Rezension finden.


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