Rezension zu »Kanada« von Richard Ford

Kanada

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 464 S. · ISBN 9783446240261
Sprache: de · Herkunft: us

Dilettierende Weichensteller

Rezension vom 22.07.2013 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Als Dell Parsons mit sechsundsechzig Jahren zurückblickt auf sein Leben, hat er dessen Struktur durch­schaut. Sein Weg führte den Jugendlichen aus Great Falls, Montana, binnen weniger turbulenter Jahre auf verschlungenen und dramatischen Wegen ins benachbarte Kanada – das ›bessere Amerika‹ –, wo er studier­te, heiratete, schließlich als Highschool-Lehrer den Frieden einer bürgerlichen Existenz fand. Jetzt (2010) ist er bald pensioniert, breit belesen und gebildet, weise auch, und erzählt seine Geschichte. Schon in den ersten Sätzen schafft er lapidare Klarheit. Er werde »von den Morden«, zuerst aber »von dem Raub­überfall erzählen, den meine Eltern begangen haben […] denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als erstes erzählt wird, ergibt der Rest keinen Sinn.«

Die frappierend offene Ansage schlägt den Leser sogleich in den Bann, und er wird sich bis zur letzten Seite nicht mehr befreien können.

Der angekündigte elterliche Banküberfall ereignete sich im Sommer 1960. Er atomisierte die Familie für immer und war selbst das absurde Resultat des lebenszerstörerischen Scheiterns des Traums von der Selbstverwirklichung, der in den USA der Fünfziger Jahre noch so magisch und unverfroren beschworen werden konnte.

Bis zum Tag der Katastrophe verlief das Familienleben der Parsons in – für amerikanische Verhältnisse – einigermaßen gewöhnlichen Bahnen. Das körperlich, geistig und interessenmäßig ungleiche Elternpaar Geneva (»Neeva«) und Bev hatte 1945 den Bund der Ehe geschlossen, um allen Betroffenen den Makel eines unehelichen Nachwuchses zu ersparen; sie waren »normale Leute […] und gehörten zu keiner Avant­garde.« Nach der Geburt der Zwillinge Berner und Dell zogen sie auf der Suche nach Erfolg und Glück von einer Stadt in die nächste .

1960 leben sie schon seit vier Jahren im Schicksalsort Great Falls. Dell geht gern zur Schule. Freunde hat er zwar nicht, aber er lernt Schach, um Anschluss im Kreis angesagter Mitschüler zu finden. Seine wichtigs­te Bezugsperson ist Berner, seine wenige Minuten ältere Schwester. Bisher haben sie einander immer ge­nügt, aber in letzter Zeit wurde es etwas schwierig mit ihr. Sie wirkt ernster, reflektiert den »gegen­wärti­gen Stand der Dinge«, mag ihren Alltag nicht, denkt über ihre Zukunft nach. Denn seit neues­tem hat sie einen Freund, und, so vertraut sie Dell an, mit dem würde sie durchbrennen. Ansonsten hört man von ihr nur spöttische, aufmüpfige Töne. Vater provoziert sie gern mit Widerspruch. Dell, der für seine fünfzehn Jahre noch nass hinter den Ohren ist, ist das angepasstere Kind. Er liebt seine Eltern auf­richtig, egal was ge­sche­hen wird, und er bleibt »ein guter Sohn«.

Mutter Neeva ist eher introvertiert, eine intellektuell in sich ruhende, durch Aussehen (»wie Shirley Temple mit fünfzehn«) und Haltung aus der Masse ragende Erscheinung: »selten ein Lächeln, Brille, Fleiß […] skeptisch, scharfsinnig, abweisend, oft abwesend«; Anpassung und Konformität waren »ihren Respekt nicht wert«.

Ganz anders Vater Bev – äußerlich ein strahlender Heldentyp (groß, muskulös, blond), immer bemüht, den Kumpeln zu gefallen, aber in Wahrheit glanzlos ausgemustert. Hatte er im Krieg als Pilot den »pfeifenden Tod« aus luftiger Höhe geschickt, so halfen ihm seine Tapferkeitsorden im zivilen Leben nicht weiter; wie viele andere gezeichnete GIs fand er sich unverstanden. Für den erneuten Einsatz in Korea untauglich, mit Schreibtischtätigkeiten abgespeist, quittiert er den Dienst. Da aber sind die beiden ungleichen Eheleute einander schon weitgehend entfremdet.

Nun muss man, wenn man etwas darstellen will, kreativ sein, um die kleine Pension aufzubessern. Bev schlägt sich als Gebrauchtwagenhändler, dann mit allerlei krummen Touren durch, jedoch zu dreist und glücklos. Als ein Partner nicht zahlt und ein Schuldnertrupp mit eindeutiger Drohgebärde vorm Haus pa­trouilliert, ist Bev im Zugzwang – und verfällt in dieser Notlage auf die Idee, eine Bank zu überfallen.

Doch im Gegensatz zu Bonnie and Clyde, deren Raubzüge Bev bewunderte und deren zerschossenen Wagen er sogar mit Dell besichtigt hatte, sind Mum and Dad »die unwahrscheinlichsten Bankräuber der Welt«. Ihre Show, an Dilettantismus kaum zu überbieten, ist eine lächerliche Farce. Die Verhaftung der Eltern folgt stante pede.

Fortan gehören die Kinder »dem Staat Montana«. Doch Neeva hatte noch rechtzeitig Vorsorge getroffen: »Geht nirgendwohin, bis euch Mildred abholen kommt.« Während sich Berner lieber aus dem Staub macht, wartet Dell, auf Mutters Pläne vertrauend, ab, bis die unbekannte Tante am 30. August 1960 tatsächlich in einem verbeulten alten Auto vorfährt.

Damit beginnt der 2. Teil des Romans. Mildred rettet Dell vor dem Arm des US-Gesetzes, indem sie ihn zu ihrem Bruder Arthur ins kanadische Saskatchewan schafft. Doch die intendierte und erhoffte Befreiung in einer menschenfreundlichen und grenzenlosen neuen Heimat führt Dell in menschliche Abgründe. Schon die Weite der Landschaft raubt jedes Gefühl der Orientierung. »Hier konnte jemand leicht verlorengehen oder verrückt werden, denn der Mittelpunkt war überall und alles gleichzeitig«, antizipiert der Erzähler.

Die versprochene Obhut entpuppt sich als miese Ausbeutung. Arthur gibt sich zwar als distinguierter Ho­telier, ist aber durch und durch maliziös. Dell muss in seinem Betrieb die Drecksarbeiten ausführen und in einem lausigen Schuppen hausen. Schließlich vereinnahmt ihn der Onkel auf hintertriebene Weise vollends als sein Werkzeug, um seine eigene Haut zu retten. Er inszeniert am Ende vorsätzlich und ohne langes Ge­fackel einen kaltblütigen, mörderischen Showdown, dessen Zeuge und Komplize Dell wird. Auch diese Katastrophe katapultiert Dell wieder in eine neue Umgebung und Existenz.

Bei der Rekonstruktion der Vergangenheit seiner Familie sucht der rückblickende Ich-Erzähler nach den Zusammenhängen, fragt nach den Gründen. »Das Kleingedruckte der Wahrheit schien unauffindbar zwi­schen all den Tatsachen.« Was er als junger Mann erlebt hat, musste er für sich bewahren, doch was er damals gelernt hat, gab er seinen Schülern weiter, wenn er mit ihnen die Werke seiner Lieblingsautoren be­sprach (Thomas Hardy, Joseph Conrad, F. Scott Fitzgerald): Leben bedeutet immer wieder »eine Grenze überschreiten«, seine Lebensweise ständig neu ausrichten, damit sie funktioniert, »Anpassung« üben. Leben, so hatte ihm Arthurs Lebenspartnerin Florence mit auf den Weg gegeben, kriegt man leer ge­schenkt, damit man selber das Glücklichsein erfindet.

Richard Fords »Kanada« ist ein tief beeindruckender, mitreißender Roman. Die Initialzündung der An­fangs­sätze legt zwar gleich den Kern des Plots frei, setzt den Leser aber unter gewaltige Spannung. Da­rüber hinaus ist das Buch ein literarischer Genuss. Während der Erzähler die Handlung im Zeitlupentempo fort­führt, widmet er jedem Detail, jedem Gedanken, jeder Emotion seine volle Aufmerksamket. Dabei sitzt jedes Wort. Die Charaktere, ihr Aussehen, ihre Gebärden werden ebenso perfekt zum Leben erweckt, wie ihre Motive durchleuchtet und die Räume, Landschaften und ihre Atmosphäre porträtiert werden. Keine Sorge – das ist anregend und vergnüglich; von Langeweile keine Spur!

Wie würden Sie sich zum Beispiel Einsamkeit vorstellen? »Die Einsamkeit […] ist so, als stünde man in einer langen Schlange und es wäre einem versprochen worden, wenn man drankomme, geschehe etwas Gutes. Nur dass sich die Schlange nie voranbewegt, andere Leute drängen sich immer vor, und der Ort, wo man endlich drankommt und wo man sein will, rückt immer weiter weg, bis man gar nicht mehr daran glaubt, dass er einem etwas zu bieten hat.«

Ein besonderes Kompliment gebührt Frank Heibert, dem kongenialen Übersetzer von »Canada« Richard Ford: »Canada« bei Amazon . Das äußert sich beispielsweise im originellen, oft lakonischen, dann wieder ver­schachtelten Satzbau, vor allem aber in der erfrischend unkonventionellen Wortwahl: »Dummbratzen« (für dumbbell), »Piephahn« (für peter), »Mumpitz« (für hooey), »Posemuckel« (für Podunk), um nur ein paar originelle Schätzchen zu zitieren.

Für »Unabhängigkeitstag« erhielt Richard Ford 1996 den Pulitzer Prize. Auch »Kanada« ist ein echtes Lese-Highlight.


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