Rezension zu »Weine nicht« von Lydie Salvayre

Weine nicht

von


Belletristik · Blessing · · Gebunden · 252 S. · ISBN 9783896675644
Sprache: de · Herkunft: fr

Der heiße Sommer der Umbrüche

Rezension vom 05.08.2016 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Montserrat Monclus Arjona ist so hilflos wie 1921, als sie in einem gott­ver­lasse­nen katalo­nischen Dorf auf die Welt kam. Die pflege­bedürf­tige Neun­zig­jäh­rige hat oben­drein fast alles vergessen, was ihr langes Leben erfüllt hat. Doch voll­ständig intakt sind ihre Erinne­rungen an den strah­lenden Sommer 1936. Da entdeckte »Montse« das Leben, wurde zu einer jungen Frau, erlebte ein rausch­haftes, alle Sinne und den Verstand betörendes Aben­teuer.

Viel kann eine Bauerntochter wie sie damals nicht vom Leben erwarten. Seit Jahr­hunderten bestim­men die Feudal­herren über das Schick­sal der Land­bevöl­kerung, halten sie unge­bildet und arm. Doch Montse ist, warum auch immer, aus beson­derem Holz geschnitzt. Als die Fünfzehn­jährige mit ihrer Mutter bei Don Jaime Burgos Obregón vorspricht, wo eine Stelle als Haus­mädchen zu vergeben ist, taxiert sie der von oben bis unten und lässt sich schließ­lich zu dem Urteil herab, sie sehe »recht beschei­den aus«. Während die Mutter das als Kom­pliment nimmt und sich artig bedankt, löst die Aussage bei Montse eine klar­sichtige Analyse aus, die sie der entsetz­ten Mutter auf der Straße wütend ent­gegen­schleu­dert. Der Satz sei eine ein­zige Demü­tigung. Niemals werde sie als gehor­sames Dumm­chen wider­spruchs­los die Anord­nungen der Herr­schaften aus­führen, ekligste Arbeiten ver­richten und für einen Hunger­lohn auch noch unter­würfig »muchí­simas gracias« sagen – »lieber werde ich Hure in der Stadt ... Lieber sterben!«

Die Episode steht am Anfang des Romans, den Montses Tochter Lydie Salvayre nach den Schilde­rungen ihrer Mutter aus deren Per­spek­tive verfasst hat. Sie be­schönigt und ver­schweigt nichts, über­nimmt mit (auch in der Über­setzung merk­lichem) Vergnügen das oft seltsam verball­hornte und drastische Voka­bular der Greisin und schafft es doch, im Ton kritische Distanz zu wahren, Cha­rakter­zeich­nungen mit spitzer Feder zu erstellen, sprach­liche Eigen­heiten zu kom­men­tieren, histo­rische Fakten und Zusam­men­hänge zu ergänzen, zu berich­ten statt in wört­licher Rede zu drama­tisieren.

Das Buch soll mehr vermitteln als ein subjektiv rührendes Frauen­schicksal. Es soll vor Augen führen, was Kriege abseits der großen Schlachten in den Menschen und in der Ge­sell­schaft anrichten, wie sie jegliche mensch­liche Ordnung im Großen wie im Kleinen, in den Institu­tionen wie in den Köpfen, bei Gebil­deten und Un­gebil­deten zer­splittern und zer­stören. Sie berich­tet dazu von zwei Schau­plätzen: Montses Dorf und Palma de Mallorca.

Dass am Tag nach der Szene der Spanische Bürgerkrieg losbricht, erweist sich für Montse als glück­liche Fügung. Die Bewer­bung ist vom Tisch. Ihr älterer Bruder José, der sich all­jähr­lich in Lérima als Ernte­arbeiter verdingt, kehrt mit schwarz-rotem Hals­tuch zurück und gibt seine Begeis­terung über das soeben Erlebte in unge­wohnter Bered­samkeit an Mutter und Schwester weiter. Man hat dort den Groß­grund­besit­zer ent­eignet und den Boden ver­ge­mein­schaf­tet. Plötzlich sind die »Grund­festen er­schüt­tert«, »die Moral auf den Kopf gestellt«, überall tönen Parolen und fordern Revo­lution, Brüder­lich­keit, Kommunen, »Es lebe die Freiheit ... Tod dem Tod!«

Befeuert von neu erworbenem Wissen wettert José gegen »schlechte Reiche« (ein »Pleo­nas­mus«, hat er aus der Zeitung Tierra y Liber­tad gelernt, da doch alle ihr Ver­mögen nur gestohlen haben) und gegen General Fran­cisco Franco Baha­monde, den selbst ernann­ten Anführer der nationa­listischen Bande. Polit­jargon à la Bakunin (»objek­tiver Verbün­deter des Kapita­lismus«) geht ihm genauso leicht über die Lippen wie ordi­närste Be­schimp­fungen traditio­neller Art (»pfaffen­fickender Gift­zwerg«). Montse hört ihrem Bruder gern zu, auch wenn sie an seine Luft­schlösser einer blü­henden Zukunft (»un paraíso« auf Erden) nicht glauben kann. Ihre Mutter hat den Über­schwang ihres Sohnes bald satt und ermahnt ihn, lieber in die Realität zurück­zu­kehren.

Auch die Bauern im örtlichen Café lassen sich zunächst mitreißen von Josés um­stürz­leri­schen Ideen, berufen Ver­samm­lun­gen ein, debat­tieren unter schwarz-roten Fahnen, wollen die »Grund­bücher ver­bren­nen« und das Land kollek­tivieren. Doch rasch schwenken sie um, als ein talen­tierter Gegen­spieler die Bühne betritt – Don Jaimes Adoptiv­sohn Diego. Obwohl nie sonder­lich gelitten, gelingt es ihm, Josés anarchis­tisches Konzept als chancen­los zu diskre­ditieren. Einer nach dem anderen lässt sich über­zeugen, bis am Ende nahezu alle wieder einmütig zu­sammen­finden, diesmal auf Diegos Moskau-kon­former kom­mu­nisti­scher Seite. Als macht­hung­riger neuer Bürger­meister hängt Diego ein großes Stalin-Porträt auf und wird für eine strik­tere Ordnung sorgen als je zuvor.

Tief enttäuscht von Wankelmütigkeit, Dumpfheit und Unter­würfig­keit der Bauern beschließt José, nach Barcelona aufzu­brechen, und überzeugt seine Schwester, ihn in die »Haupt­stadt der Revo­lution« zu be­gleiten. Während José dort immer mehr ernüch­tert wird, das hohle Pathos der Pro­paganda­phrasen durch­schaut, die die Menschen ebenso ver­führen und ver­blenden wie die Riten der katho­lischen Kirche, und schließ­lich sein Vorhaben, sich den Milizen anzu­schließen, aufgibt, wird die chao­tische, welt­offene Groß­stadt für Montse zur Offen­barung. Sie lernt nicht nur unge­ahnten Luxus kennen (elektri­sche Beleuch­tung, flie­ßendes Wasser für Toi­letten und Bade­wannen, Telefon, Kühl­schrank), sondern auch zügel­lose Freiheit (Frauen in Hosen, die mit rot lackier­ten Finger­nägeln Ziga­retten rauchen) – und die Liebe ihres Lebens, den jungen Fran­zosen André. Nur einen Tag und eine Nacht sind sie zu­sammen, dann trennen sich ihre Wege wieder, für immer. Montse kehrt wie José zu ihrer Familie zurück.

Die Ereignisse der wenigen Monate, die das Mädchen jetzt in ihrem Heimat­dorf verbringt, symbo­lisieren geradezu das Chaos, in dem sich die spani­schen Verhält­nisse bis zur Franco-Diktatur auflösen. Die wider­borstige Revolu­tionärin im Geiste, inzwischen in Kenntnis ihrer Schwanger­schaft, ent­scheidet sich, wie ihre praktisch den­kende Mutter es befür­wortet, zugunsten einer guten Partie und ehelicht Diego. Der hatte schon lange ein Auge auf sie geworfen und insze­niert die Heirat ohne kirch­liche Seg­nung als anti­bürger­li­chen Skandal. So zieht die Schwester des Anar­chisten José ins Haus des (systemis­chen und persön­lichen) Erzfeindes Burgos ein, und zwar als Herrin. Dort lernt das Bauern­mädchen die feine Kultur des alten Groß­bürgers Don Jaime (ihres Schwieger­vaters) schätzen, eifert ihm gelehrig nach und versteht sich poli­tisch mit dem Re­präsen­tanten der uralten Zeiten bald besser als mit ihrem stalinis­tischen Ehegatten.

Kurz bevor Francos Truppen über das Dorf herfallen, gelingt Montse mit ihrer Erst­gebore­nen Lunita, der älteren Schwester der Autorin, die Flucht nach Süd­frank­reich. Nach langem Auf­enthalt im Flücht­lings­lager und der Geburt ihrer zweiten Tochter (der Autorin) gewöhnt sie sich zwar in den franzö­sischen Alltag ein, doch die vielen Jahre ihres weite­ren Lebens ver­rinnen in Be­deutungs­losig­keit, als »endloser Winter«.

Seine volle Wirkung entfaltet der Roman durch die Einbindung einer zweiten Per­spek­tive. Der franzö­si­sche Schrift­steller Georges Bernanos, über­zeugter Katholik und Kon­serva­tiver, lebte von 1934 bis 1937 in Palma de Mallorca und hielt seine Beob­achtun­gen und Re­flexionen über die Bürger­kriegs­gescheh­nisse auf der Insel in seinem Roman »Die Großen Fried­höfe unter dem Mond« fest. Die Massen­verhaf­tungen einfacher, anstän­diger Bauern, die syste­mati­schen Säube­rungen, die Gewalt­exzesse und nieder­trächtigen Tötungen vieler unschul­diger Menschen, die die natio­nalis­tische Falange anord­nete und aus­führte, haben ihn ge­zwungen, mit seinen alten Sympathien zu brechen. Entsetzt hat ihn vor allem, dass die Kirche schrei­endes Unrecht und unüber­sehbares Grauen mit ihrem Segen reinge­waschen hat (»Skandal einer Kirche, die sich mit den Militärs ins Huren­bett gelegt hat«). Als »zer­risse­ner Zeuge« schrieb Bernanos sein Buch. Lydie Salvayre integriert Teile daraus in ihren eigenen Roman.

»Pas pleurer« Lydie Salvayre: »Pas pleurer« bei Amazon (ausge­zeichnet über­setzt von Hanna van Laak) ist ein groß­arti­ges, viel­schich­tiges Werk, das indivi­duelle Schick­sale und nationale Geschichte, Zeit­kolorit, Politik und kritische Nach­denk­lich­keit auf atem­berau­bende Weise zu­sam­men­bringt und seine Hand­lung faszi­nierend erzählt.

Auf einem unbedeutenden Nebenschauplatz des politischen Groß­gesche­hens führt Lydie Salvayre die Ge­spalten­heit der Menschen vor Augen. Ideo­logie­frei, ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar illustriert sie aus deren Per­spek­tive ihre einfache Denk­weise gegen­über kom­plexen revolu­tionären Theorien. Am Ende ob­siegt der Prag­matis­mus der Dörfler, mit der alten Ordnung besser zu fahren. Im größe­ren Kontext erleben wir, wie Kom­munis­ten und Anar­chisten durch ihre un­ver­söhn­liche Riva­lität nicht nur jede Chance für eine tat­säch­liche Gesell­schafts­ver­ände­rung ver­spielen, sondern auch noch der herauf­ziehen­den Franco-Diktatur den Weg ebnen. Mora­lische In­stitu­tionen wie die Kirche ver­sagen völlig.

Ganz zu Recht wurde Lydie Salvayre 2014 der Prix Goncourt, Frank­reichs be­deutend­ster Literatur­preis verliehen.


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