Rezension zu »Am Ende des Archipels – Alfred Russel Wallace« von Matthias Glaubrecht

Am Ende des Archipels – Alfred Russel Wallace

von


Biografie · Galiani · · Gebunden · 448 S. · ISBN 9783869710709
Sprache: de · Herkunft: de

Die spannende Evolution der Evolutionstheorie

Rezension vom 18.06.2013 · 8 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Evolutionstheorie = Darwin: eine falsche Gleichung. Als die »Theorie von der Ver­än­der­lich­keit der Arten durch natürliche Selektion« am 1. Juli 1858 vor der Linnean Society in London erstmals vorgestellt wurde, hieß sie noch Darwin-Wallace-Theorie. Warum diese bahnbrechende neue Sicht zwei Vätern zu­ge­schrie­ben werden muss und wie es dazu kam, dass der eine davon fast vollständig in Vergessenheit geriet, das schildert Matthias Glaubrecht, selbst Evolutionsbiologe, in seiner akademisch fundierten und doch unter­haltsam, ja spannend zu lesenden Biografie über Alfred Russel Wallace: »Am Ende des Archipels«. Es er­gänzt seine Biografie über Charles Darwin (»›Es ist, als ob man einen Mord gesteht‹: Ein Tag im Leben des Charles Darwin. Ein biografisches Porträt« Matthias Glaubrecht: »›Es ist, als ob man einen Mord gesteht‹: Ein Tag im Leben des Charles Darwin. Ein biografisches Porträt« bei Amazon) um die Per­spek­tive des – tja, was: Partners? eigentlichen Begründers? Ideenliefe­ranten? Abgehängten?

1889 prägte Wallace selbst den Begriff des »Darwinismus« – eine Geste selbstloser Bescheidenheit oder des resignierenden Hinnehmens einer Niederlage? Darwin hat seine Theorie zur Entstehung der Arten schon 1844 in einem ersten Essay konzipiert. Da aber Veröffentlichungen anderer Wissenschaftler und Amateure, die Zweifel an der bis dahin unumstößlichen Schöpfungslehre vorbrachten, äußerst kontrovers aufgenommen wurden, schließt er seinen Entwurf weg, anstatt noch mehr Zündstoff zu liefern. Hätte er seinen Aufsatz veröffentlicht, wäre Wallace, damals 21 Jahre alt und 14 jünger als Darwin, sicher niemals in andere Kontinente aufgebrochen.

Wallace wurde 1823 in einem walisischen Dörfchen geboren. Seine Kindheit verbringt er im Garten, am Fluss, auf den Weiden. Der gewaltige, rasche Umbruch hin zur Industriegesellschaft macht die Zeitläufte hart. Das kleine Erbe der Familie ist bald aufgebraucht; dauerhafter ist der Einfluss der Bücher, die der Vater abends vorliest: Gullivers Reisen, Robinson Crusoe und andere stimulieren des Knaben Fernweh und Abenteuerlust. Trotz des üblichen lediglich elementaren Schulunterrichts lernt er gut. Nach kurzer Lehrzeit in London arbeitet er einige Jahre als Landvermesser im Eisenbahnbau. Dabei entdeckt er für sich nicht nur das Hobby des Beobachtens, Notierens, Sammelns von Pflanzen, Insekten und anderen Tieren, sondern liest auch bedeutsame Bücher seiner Zeit (Humboldt, Malthus) und schließt folgenreiche Bekanntschaften, etwa mit dem etwas jüngeren Gleichgesinnten Henry Walter Bates. 1844 tritt er die einzige bezahlte An­stellung seines ganzen Lebens an und wird Lehrer in Leicester. Die magere Entlohnung erlaubt es ihm im­merhin, Geld zurückzulegen, und er findet Gelegenheiten, sich in Naturkundemuseen und Botanischen Gärten (z.B. in Paris) umzusehen.

Bald genügt Wallace und Bates nicht mehr, was England und Wales ihnen an Artenvielfalt zu bieten hat. Inspiriert von Humboldts und anderen Berichten, planen die beiden im Herbst 1847 erstmals, zum Amazo­nas zu reisen, wo eine neue Welt lockt.

Aber wie finanzierte man damals die enormen Kosten monatelanger Entdeckungsfahrten ans andere Ende der Welt? Charles Darwin, aus wohlhabender Familie, kaufte sich schlicht ein Ticket für die Beagle, die ihn zu den Galapagos-Inseln brachte. Wallace und Bates müssen dagegen investieren und spekulieren. Wäh­rend Großbritannien sein Empire konsolidiert und immer weiter vergrößert, boomt zu Hause der Markt für kurioses Anschauungsmaterial aus der großen weiten britischen Welt. Handelshäuser wie das der Ge­brü­der Stevens in London vermitteln als Agenten exotische Naturalien an Museen und betuchte Privat­sammler – und finanzieren Expeditionen vor, die späteren Gewinn versprechen. Die Rendite kann sich sehen lassen: Die Kisten, die Wallace 1858 von der Insel Aru im indo-australischen Archipel nach London schickt, ent­hal­ten 9000 genauestens katalogisierte Tiere von 1600 Arten – Vögel, Eidechsen, Schnecken, Käfer, Schmet­ter­linge – und bringen eintausend Pfund ein (etwa 75.000 Euro).

Doch vor der Schlussrechnung ist ein hohes Risiko zu schultern, und Wallace steht erst am Anfang, ist ein Nobody. Seine Expedition zum Amazonas (1848-1852; Bates und er gehen am Ende getrennte Wege) bringt ihm mannigfache Schwierigkeiten – Regenfälle, Stromschnellen, misstrauische Eingeborene, unge­wohnte Ernährung (Maniokmehl, Affenfleisch) – und unsägliche Qualen: Mückenstiche, geschwollene, ei­ternde Füße durch Sandflohbisse, wochenlange Fieber- und Durchfallerkrankungen.

Obgleich wiederholt zu Unterbrechungen oder Umkehr gezwungen, kann nichts Wallace’ Forscherdrang hemmen. Der Lohn sind immense Schätze an Vogelbälgen, Fischen, Muscheln, Schlangen, Schmetterlin­gen, Käfern, auch Teilen von Palmen – alle in mehreren Exemplaren und sorgsam präpariert und notiert. Einige Kisten verschickt er nach London, den Rest – dabei auch ca. 40 lebende Tiere – nimmt er im Jahr 1852 mit auf den Segler, der ihn zurück nach London bringen soll, u.a. zum Kassensturz.

Doch das Schiff geht auf See in Flammen auf und versinkt mit Wallace’ Früchten jahrelanger Arbeit und der Aussicht auf finanzielle Sicherheit für viele Jahre und weitere Forschungsreisen.

Am schlimmsten trifft ihn die Katastrophe aber insofern, als er nun keine Belege mehr vorweisen kann. Als er später in London erste Aufsätze vorlegt (und damit erstmals als ernstzunehmender Naturforscher, nicht nur als Sammler auftreten könnte), kann er nur die Bleistiftskizzen beifügen, die er gerade noch ins Ret­tungs­boot mitnehmen konnte. Sie genügen den Koryphäen natürlich nicht, erlauben es ihnen vielmehr, Wallace gründlich als Amateur zu demütigen.

Dennoch hat Wallace nicht alles verloren. Was ihm geblieben ist, sind die Erkenntnisse, die er am Amazo­nas gewonnen hat. Sie bilden die Grundlage seiner eigenen Entwicklungstheorie, die er später mit Kollege Darwin teilt.

Sie entsprang weder dem Götterfunken einer Blitzerkenntnis noch entstand sie in der spektakulären Aktion eines Geniestreichs. Sie entwickelte sich vielmehr schrittweise, resultierte aus vielen Einzelbeobachtungen. Bereits am Amazonas hatte Wallace bemerkt, dass Affen- und sogar Fischarten am einen Ufer sich von denen am anderen unterscheiden. Er kartografierte die Vorkommen und begann Erklärungen zu suchen und zu verifizieren. Erst im indo-australischen Archipel – v.a. auf der Insel Aru – gewann die Theorie ihre Ge­samtform und -kraft.

Sie stellt in Frage, was Generationen anerkannter Geistesgrößen zuvor für richtig befunden hatten (und im 21. Jahrhundert in evangelikalen Kreisen der USA wieder die Oberhand gewinnt). Die traditionelle Lehre besagt, dass die Arten starre, voneinander unabhängige Schöpfungen sind, in ihrem Inneren homogen; alle Individuen einer Art sind also identisch. Wallace und Darwin setzen dagegen, dass die Arten, ausgehend von bereits existierenden Spezies, allmählich entstehen und sich weiterhin permanent verändern. Nicht einmal die Individuen einer Art bilden eine Konstante, sondern unterscheiden sich in winzigen Details.

Allerorten also Varianz und Wandel? Dann müsste das doch auch für den Menschen gelten, womöglich gar für dessen gesellschaftliche Ordnung – ein für viele undenkbarer Gedanke …

Bleibt außerdem noch die Frage, welches Prinzip diese Prozesse vorantreibt. Wie wird die Entwicklung der Arten gesteuert?

Hier unterscheiden sich Darwin und Wallace. Letzterer – schon als junger Landvermesser aufgeschlossen für mentale Phänomene und Spiritualismus – räumt durchaus die Möglichkeit des Waltens einer Schöpfer­kraft ein. (Glaubrecht sieht in seinem Wesen eine »nicht unbedenkliche Mischung aus Rationalität, Enthu­siasmus und Naivität«.)

Ein weiterer wichtiger Unterschied liegt darin, dass Wallace schon frühzeitig die Bedeutung des unmittel­baren Umfelds eines Lebenwesens erkennt. Er notiert deshalb präzise seine Fundorte – und kann aus die­sen Fakten später entscheidende Schlussfolgerungen ableiten. Er entwickelt sogar Landkarten von Teilen des Amazonas-/Orinoco-/Rio Negro-Gebietes und des malayischen Archipels, die für lange Zeit die einzi­gen bleiben. Hieraus entwickelt sich die Wissenschaft der Biogeographie, als deren Begründer Wallace heute bekannter ist als durch seinen Anteil an der Evolutionstheorie.

Wie es um den steht, wie nun Wallace und Darwin in Kontakt miteinander traten, ihre Gedanken aus­tausch­ten, welche Briefe hin und her gesandt wurden, welche erhalten und welche verschollen sind, welche Mythen sich darum gerankt haben bzw. geflochten bzw. kolportiert worden sind – all das ergibt einen ge­ra­de­zu kriminalistischen »Handlungsfaden« in Matthias Glaubrechts akribisch recherchierter und belegter Wallace-Biografie.

Das letzte Fünftel des Buches widmet der Autor schließlich den Nachwirkungen, die Wallace und seine Arbeit bis in unser Jahrhundert zeitigten – für die Biologie, für die Regenwälder, für die Klimaforschung, für unser Umweltbewusstsein. Umfangreiche Anhänge – eine timeline, kommentierte Lese- und Internet-Hin­weise und ein Register – vervollständigen das Werk, das auf Deutsch nicht seinesgleichen hat.

Glaubrecht lobt Wallace’ »Technik, in eleganter und eloquenter Weise naturkundliche Theorien und Über­le­gun­gen mit einer persönlichen Schilderung seiner Reisen zu verweben.« Dieses Kompliment möchte ich uneingeschränkt an den Autor dieses Buches weiterreichen. Wir lesen darin aber auch, dass Wallace »auf peinliche Weise erfahren soll, dass es ohne Anschauungsmaterial in der Naturkunde eben nicht recht geht« – und fragen uns, warum diesem oft spannenden, kenntnisreichen, aufwendig verfassten und auch für Laien anregenden Werk, das eine Fülle detaillierter Beschreibungen von buntem Paradiesvogelgefieder, filigran gezeichneten Schmetterlingsflügeln und subtilen Insektengestalten bietet, nicht eine einzige Abbil­dung vergönnt wurde. Der Text schreit geradezu nach einigen Farbtafeln, Schwarz-Weiß-Skizzen und Übersichtskarten.


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