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Rezension zu »Sommer in Maine« von J. Courtney Sullivan

Sommer in Maine

von


Belletristik · Deuticke · · Gebunden · 512 S. · ISBN 9783552062122
Sprache: de · Herkunft: us

Heißer gekocht als gegessen

Rezension vom 12.06.2013 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

1945 ging es um eine Wettschuld von 50 Dollar, die Freund Ned nicht einlösen konnte. So wird Daniel Kelleher über Nacht Besitzer eines traumhaften Grund­stücks am Strand von Cape Neddick an der ameri­kanischen Ostküste im US-Bun­des­staat Maine. Hier er­rich­ten Daniel und seine Brüder in Eigenarbeit ein groß­zügiges Som­mer­haus. Am langen Holztisch in der Küche können locker zehn Personen Platz nehmen, während auf dem guss­eiser­nen Holzofen das Essen vor sich hinköchelt. Wer möchte und kann, macht auf dem schwarzen Klavier im Wohnzimmer Musik. Un­ver­gessliche Momente beschert die Außendusche, vor allem wenn in klaren Nächten die Sterne über ihr fun­keln. Wahrlich, ein »kleines Stück vom Paradies«, in dem die wachsende Familie Kelleher viele Sommer verbringt.

Zu Thanksgiving 1942 hatte Daniel seine zukünftige Frau Alice kennengelernt. Ihre Brüder hatten ihn mit­geschleppt in das berühmte Tanzlokal »Coconut Grove« in Boston, wo sich auch die Schwestern Alice und Mary amüsieren wollten. Die attraktive Alice fühlte sich schon damals zu Höherem auserkoren; ihr Plan war, sich in Paris ganz ihrem Talent, der Malerei, hinzugeben. Da war der auf den ersten Blick unschein­bare Daniel in ihren Augen »ja wohl ein absoluter Blindgänger«.

Doch der Abend endet dramatisch und wird Alices Leben in völlig andere Bahnen lenken. Das »Coconut Grove« brennt ab, und unter den 492 Menschen, die in dem Flammenmeer umkommen, ist auch Mary. Fortan belastet Alice ein Gefühl der Mitverantwortung, der unauslöschlichen Mitschuld an Marys Tod. Erst viele Jahre später kann sie sich wieder anderen gegenüber öffnen …

Zunächst braucht sie jetzt jemanden an ihrer Seite. Daniel ist da, und langsam wächst Liebe. Ein halbes Jahr später heiraten die beiden. Alice wird aktives Mitglied der Kirchengemeinde, versucht Frieden im Gebet zu finden.

Im Jahr 2000 ist Alice 83 Jahre alt. Viel von ihrem Besitz hat sie in diesem Sommer schon ausgeräumt, Schub­läden und Schränke sind leer. Denn sie hat ihr Testament gemacht und die Strandparzelle mit Som­mer­haus und erweiterndem Neubau – ein Millionen-Dollar-Objekt – der Kirche vermacht. Pfarrer Donnelly weiß das Geschenk, das die Zukunft der Gemeinde sichert, zu schätzen, ahnt aber nicht, dass Alices letzter Wille ein Alleingang ist – kein böswilliger Coup gegen ihre Familie, auch keine selbstlose Groß­zügig­keit. sondern allein dem Be­dürfnis entsprungen, ihre als übergroß empfundene Schuld in irgend­einer Form abzutragen.

Wie werden die Kinder und Kindeskinder reagieren, wenn sie in wenigen Wochen anreisen? Keiner von ihnen ahnt etwas von Alices eigenmächtig getroffener Entscheidung.

So steuert die Handlung auf den Kulminationspunkt zu, die Zusammenkunft der Familie in Maine. Die Charaktere sind da bereits so stark geprägt, ihre Konstellation und ihr Verhalten schon so festgelegt, dass absehbar ist, was kommen muss.

Die Kinder Kathleen, Clare und Patrick haben harte Zeiten mit ihrer Mutter hinter sich. Bis in Alices hohes Alter kann niemand verstehen, warum sie von Anbeginn an niemals eine liebende, sich aufopfernde Mutter sein konnte, warum sie so launenhaft, leicht reizbar, oft zynisch und verletzend mit ihren Lieben umging. Besonders schlimm waren die Zeiten, als sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrank. Nachdem sie im Rausch einen schweren Autounfall verursacht und ihre Kinder dabei gefährdet hatte, traf Daniel zwar klare Anordnungen und die Flaschen verschwanden, aber trotz seiner Ruhe, Gelassenheit und Toleranz gelang es ihm nie mehr, Zwietracht, Antipathien und Fehleinschätzungen unter den Kindern zu mildern. Die Un­fähigkeit, vorurteilsfrei, harmonisch und verständnisvoll zusammenzuleben, ließ dem Familienfrieden keine Chance.

Kathleen, die geschiedene älteste Tochter, hat sich von ihrer Übermutter bis an die Westküste abgesetzt, wo sie mit einem Alternativen zusammenlebt (»diesem Gammler Arlo«). Auf ihrer Farm in Kalifornien ver­füttern sie Essensabfälle von Schulen und Kantinen an Würmer, deren Ausscheidungen als Dünger höchst gefragt sind. Trotz ihres grandiosen Erfolgs gilt Kathleen in ihrer eigenen Familie als Underdog – sie haust und wühlt ja schließlich im Dreck. Wie viel von dem Geld, das Daniel seiner Lieblingstochter vermacht hatte, wird sie dafür erst einmal verbrannt haben? Doch ist nicht absehbar, dass nach Mutters Ableben den Geschwistern ein gerechter Ausgleich in Gestalt des Sommerhauses zuteil werden wird?

Die Verhärtungen in der Familie wirken sich noch in die Enkelgeneration aus. Wie Alice hatte auch Kath­leen Alkoholprobleme, die zusammen mit einer Ehekrise Spuren bei ihrer Tochter Maggie hinterlas­sen. Ständig auf der Suche nach einer festen, liebevollen Bindung, trifft Maggie auf Männer, die so eine Ver­ant­wor­tung nicht tragen wollen, und auch eine Schwangerschaft kann keine Ehe zwingen. Nach dem Scheitern der Paarbeziehung flüchtet Maggie ins Sommerhaus, um sich selbst und eine Zukunft für sich und ihr Kind zu finden. Doch Kathleen ist diese Perspektive unerträglich; sie reist nach Maine, um die Sache in die Hand zu nehmen …

Die Unbeliebteste in der Familie ist Patricks Frau Ann Marie. Ihr Mann ist erfolgreich, ihre drei Kinder geben eine makellose Figur ab, und Ann Marie bemüht sich nach Kräften, es allen recht zu machen. Dass die glänzende Fassade Risse hat, sehen die anderen nicht, doch Ann Marie und Patrick macht es zu schaffen. Aber für Ann Marie gilt nur der Blick nach vorn: sich kümmern um Schwiegermutter Alice, die man in ihrem hohen Alter doch nicht allein im Sommerhaus wirtschaften lassen kann; sich in diffizile Näh­arbeiten ver­tie­fen, deren Perfektion sie bis ins Finale nach London trägt; ein Puppenhaus in Backsteinoptik basteln …

Dies sind nur einige der Kelleher-Frauen in J. Courtney Sullivans Roman »Maine« J. Courtney Sullivan: »Maine« bei Amazon (Übersetzung: Henriette Heise), und sie stehen für alle. Ihre Befindlichkeiten, gut gepflegten Vorurteile, gegenseitigen Unterstellungen, irreleitenden Beobachtungen und giftigen Mut­maßungen sind mehr als seltsam. Jede reibt sich an den anderen auf, ohne den Balken im eigenen Auge wahrnehmen zu können. Unterm Strich sind sie mir allesamt zu eindimensional.

Nach vielen Seiten voller Gift und Galle rechnet man mit einem furiosen Finale, einem zünftigen Familien­eklat mit allem Brimborium, gern auch mit Toten (faktisch oder metaphorisch). Allein, die Autorin hat sich anders entschieden, und so unverfänglich wie sein Titel »Sommer in Maine«, so unprätentiös endet der Roman tatsächlich – und bleibt lediglich als leichte Sommerbrise in Erinnerung.


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