Rezension zu »In Flammen« von Megha Majumdar

In Flammen

von


Eine junge Inderin aus der Unterschicht kann sich mühsam einen bescheidenen Aufstieg erarbeiten, bis ein Staatssystem, das nicht einmal die einfachsten Regeln für Gerechtigkeit und Ordnung aufrecht hält, ihr gesamtes Leben zunichte zu machen droht.
Belletristik · Piper · · 336 S. · ISBN 9783492070928
Sprache: de · Herkunft: us

Ein falscher Schritt zur falschen Zeit am falschen Ort

Rezension vom 05.01.2022 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Jivan und ihre Eltern sind strebsam und fleißig, aber trotzdem bitterarm und kommen auf keinen grünen Zweig. Sie haben auf den Kohle­minen­feldern gearbei­tet, bis sie durch einen brutalen Polizei­einsatz vertrie­ben wurden. Im berüch­tigten »Kolabagan-Slum« hinter einer riesigen Müllkippe finden sie eine neue Bleibe, eine Einraum-Hütte mit zwei Ziegel­mauern und zwei Wänden aus Blech und Planen. Hier will Jivan nicht enden. Uner­müdlich rackert sie sich ab und nutzt jede Chance, die sich ihr bietet.

Mit zwanzig hat sie eine leitende Stelle in einem Kaufhaus errungen. Sie ist stolz auf ihre Karriere »vom Kohl­fresser … zum Hühnchen­fresser« und genießt die Aner­kennung, die ihr jetzt als »arbei­tende Frau« von allen entgegen­gebracht wird. Freude bereitet ihr ein auf Raten gekauftes Smart­phone – Status­symbol und Verbin­dung mit der großen weiten Welt. Besonders faszi­niert ist sie von der Facebook-Plattform, wo Menschen persön­liche Videos veröffent­lichen, damit wild­fremde Betrach­ter sie »liken«, und alle furchtlos nieder­schreiben können, was immer sie bewegt. »Sie hatten keine Angst davor, Witze zu machen. Ob auf Kosten der Polizei oder der Politiker, sie gönnten sich ihren Spaß, und war nicht genau das Freiheit?«

Genau diese naiv-oberflächliche Auffassung führt Jivan ins Verderben. Als sie sich eines dunklen Abends zufällig in Bahnhofs­nähe befindet, verüben Terro­risten einen Anschlag auf einen Zug. Im Chaos der lodernden Flammen und dichten Rauch­schwaden kann Jivan kaum eine Person ausmachen, weder Opfer noch Täter. Über hundert Menschen sterben. Zu Hause verfolgt sie interes­siert, wie auf Facebook die Posts zum Terror­anschlag herein­prasseln, darunter auch viel Kritik an der Regierung, die viel ver­spricht, doch im Endeffekt kaum etwas unter­nimmt. Mitge­rissen von ihrer Begeis­terung über die vermeint­liche Meinungs­freiheit und die Vielzahl zustim­mender »Likes« veröffent­licht sie einen eigenen Text: »Wenn die Polizei einfachen Leuten wie euch und mir nicht geholfen hat, wenn die Polizei zugesehen hat, wie diese Menschen starben, heißt das dann nicht, dass die Regierung ebenfalls ein Terrorist ist?«

Umgehend und unbarmherzig schlägt nun die Staatsmaschinerie zu. Jivan wird verhaftet. Zeugen behaupten, sie in der Nähe des Tatorts mit einem Bündel in der Hand gesehen zu haben. Die Polizei findet in ihrem Smart­phone einen Facebook-Chat­verlauf, »in dem Sie sich mit dem Anwerber der Terro­risten schreiben«. Bald sieht sich diese voll­ständig unbe­scholte­ne junge Frau des schlimm­sten Verbre­chens »gegen die Nation« und der Volks­verhet­zung angeklagt. Ihr droht nicht weniger als die Todes­strafe.

In klarem, einprägsamem Sprachstil erzählt die junge indische Autorin Megha Majumdar die tristen Vorgänge um die Muslima Jivan, die wegen eines lächer­lichen State­ments in den soge­nann­ten Social Media in das Räderwerk einer will­kürlich agieren­den Gerichts­barkeit gerät und zermahlen zu werden droht. Die Erzähl­stimme der inhaf­tierten Protago­nistin wechselt mit denen der zwei Ent­lastungs­zeugen Lovely und Sir. Doch kann sie sich wirklich darauf verlassen, dass sich diese beiden bei der Gerichts­verhand­lung zu ihren Gunsten enga­gieren werden?

Sir ist Sportlehrer und schätzt seine begabte ehemalige Schülerin, die ihre Schulzeit vorzeitig beendete, als fleißig und intelli­gent. Mittler­weile hat er freilich den Schul­dienst verlassen, um in einer muslim­feind­lichen Hindu-Partei Karriere zu machen.

Lovely führt selbst ein bemitleidenswertes Dasein. Als trans­sexuelle Muslima (»Hijra«) ist sie gesell­schaft­lich ausge­stoßen. Wie ihre Schicksals­genossin­nen hält sie sich mit den Almosen am Leben, die sie zuge­steckt bekommen, wenn sie als Glücks­bringer bei Hoch­zeiten, Geburten oder Haus­einwei­hungen bis zur Erschöp­fung tanzen und Eheleute, das Neuge­borene oder das Haus segnen. Aber Lovely spart besonders eisern, denn sie möchte unbedingt ein Filmstar werden. Dazu muss sie Schau­spiel­unter­richt nehmen, vor allem aber die Grund­voraus­setzung erfüllen, gutes Englisch zu erlernen. Ab und zu erteilt ihr Jivan unent­gelt­lich ein wenig Sprach­unter­richt. Wenn die Presse nun darüber berichtet, dass Lovely Kontakt zu einer Terro­ristin hat, kann sie ihren Traum vergessen, und ihr Lebensweg wird noch steiniger werden.

Immerhin wird Jivan ein Verteidiger zur Seite gestellt, und sie setzt auch ein Fünkchen Hoffnung auf ihn. Doch mehr Engage­ment als seiner Mandantin gelegent­lich einen Besuch abzu­statten bringt er nicht auf. Kann man es ihm verdenken, wenn er Präfe­renzen setzt? Mehr als arbeiten kann der Anwalt nicht, und seine begrenzte Arbeits­zeit ist zu kostbar, um sie in einen aussichts­losen Fall wie den einer bereits vor­verur­teilten armen Muslima zu inves­tieren.

Neue Hoffnung fasst Jivan, als sich ein Jour­nalist für die Lebens­geschichte der Inhaf­tierten interes­siert. Wenn eine große Tages­zeitung die wahre Geschichte über den ehrbaren Lebens­lauf, über Vertrei­bung, Armut und Krankheit ihrer Familie unter die Leute bringt, werden sich gewiss Initia­tiven für ihre Frei­lassung stark machen. Denn wer kann unbeein­druckt davon bleiben, dass das intelli­gente Mädchen Jivan die Schule aufgibt, um mit ihrem kleinen Verdienst Vater, Mutter und sich selbst über Wasser zu halten, und schwer arbeitet, um den Eltern teure Medika­mente und Arzt­besuche zu ermög­lichen?

Wie zu befürchten, platzt die Illusion wie eine Seifen­blase. Die Story geht, ange­fangen mit einer reißeri­schen Schlag­zeile (»Eine Terro­ristin erzählt ihre Lebens­geschich­te. Ich habe Bomben auf die Polizei geworfen«), in die entgegen­gesetzte Richtung ab. »Die Öffent­lichkeit will Blut. Die Medien wollen ihren Tod«. Die Zeitung will Auflage und Einnahmen. Niemand will die traurige Wahrheit.

Zwar ist der Handlungsgang von Megha Majumdars Gerichts- und Polit­thriller vorher­sehbar, aber der Roman schildert eindring­lich die kaum vorstell­baren sozialen und wirt­schaft­lichen Verhält­nisse in der komplexen, traditio­nell segmen­tierten Gesell­schaft Indiens. Die Existenz des Einzelnen ist starr determi­niert durch seine Religions­zugehörig­keit und das hierar­chische Kasten­system, und unter beidem leiden die Muslime besonders. Einige drasti­sche Szenen bereiten uns Lesern geradezu brennende Schmerzen. Wie es in einem indischen Gefängnis zugeht, können wir durch Jivans Berichte hautnah nach­vollzie­hen, und was die »Hijras« an Demüti­gung, Diskrimi­nierung und Miss­brauch ertragen müssen, schildert uns Lovely. »Ganz ohne Grund … kippt dir jemand Säure ins Gesicht«, doch so eine Grau­samkeit bei der Polizei anzu­zeigen, wird als »Belästi­gung« empfunden und mit Arrest geahndet – Arrest für das Opfer wohlge­merkt.

Wie tief der Hass sitzt und die Menschen verroht, erfahren wir am Beispiel der »Riot Economy«: Irgend­welche Gerüchte genügen, um »gute Leute« aufzu­wiegeln, dass sie ihre muslimi­schen Nachbarn über­fallen und ihre Häuser anzünden. Schon ist ein hilf­reicher Makler zur Stelle und verkauft den heimat- und obdachlos Gewor­denen im Flücht­lings­lager, die nun ein bisschen staat­liche Unter­stützung erhalten, ein Grund­stück, wo sie auf mehr Sicher­heit hoffen können. Leider entpuppt es sich als Sumpf­gebiet, und der einzige, der aus diesem Deal Profit zieht, ist der Makler.

Nach der Lektüre von Megha Majumdars aufwühlendem Roman »A Burning« (von Yvonne Eglinger übersetzt) hat man den Eindruck, dass weder die Menschen noch die Regie­renden ihr Handeln an Wahr­heits­findung und Mensch­lich­keit aus­richten. Die Letzten – die auf der untersten Ebene der Gesell­schaft – beißen die Hunde, und das sind arme ungebil­dete musli­mische Frauen. Sie zählen weniger als nichts.


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