Rezension zu »Als ich meine Eltern verließ« von Michel Rostain

Als ich meine Eltern verließ

von


Belletristik · Bertelsmann · · Gebunden · 157 S. · ISBN 9783570580325
Sprache: de · Herkunft: fr

Es lebe die Sonne! Es lebe das Leben!

Rezension vom 08.07.2012 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was tun, wenn der Sohn, nur 21 Jahre alt, unerwartet stirbt? Michel Rostain muss diesen Schicksalsschlag verarbeiten. Er kann den Schmerz des Verlustes kaum ertragen, zieht sich von der Welt zurück. Doch dann scheint ihm sein Sohn zuzurufen: "Komm schon, Papa, du übertreibst!" Und Rostain fasst sich. Der Opernregisseur, der auch Psychologie und Philosophie lehrt, schreibt seinen Debütroman, "Le Fils" - nach eigenem Bekunden eine "halb wahre, halb erfundene Erzählung". Die Botschaft lautet: "Der Tod ist ein Teil des Lebens, man kann damit leben."

Nachdem "Le Fils" 2011 mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist das kleine Büchlein im März 2012 unter dem Titel "Als ich meine Eltern verließ", übersetzt von Birte Völker, in der Edition Elke Heidenreich bei C.Bertelsmann erschienen. Seine Stärken liegen in dem nicht alltäglichen Sujet, der Authentizität und der ungewöhnlichen Art der literarischen Bearbeitung, die den Leser aufwühlt, emotional belastet - und am Ende doch getröstet, gestärkt entlässt.

Gerade war Lion, das einzige Kind, noch gegenwärtig. Er hat mit dem Studium begonnen, ist von zu Hause ausgezogen. Ihn wirklich ziehen zu lassen, das haben die Eltern nicht vermocht. Sie wollen ihm nah sein, wissen, was er macht, ob er Drogen nimmt, ob er eine Freundin hat. Auch der Sohn nähert sich: Sie besuchen sogar gemeinsam die Oper - ein wahres Geschenk Lions an die Eltern. Endlich mag er das, was für die Eltern eine Leidenschaft und ihr Beruf ist. Ein Telefonat mündet in ein "ethisch-theoretisches Zwiegespräch", André Gide klingt an: Der Vater spricht von Höhen und Tiefen des Lebens; man müsse "einen Schritt durch die Pforte gehen, eine enge Pforte".

Plötzlich hat der junge Mann Fieber. Eine Grippe, meint man, bis der Notarzt kommt und mit Schrecken den mit dunklen Flecken übersäten Körper untersucht. Er diagnostiziert "Purpura fulminans", eine tödliche Hirnhautentzündung. Leider ist schon zuviel Zeit vergangen. Lion kann nicht mehr gerettet werden.

Das Unfassbare, der Tod seines geliebten Kindes, trifft den Vater bis ins Innerste. Wo er geht und steht, sucht er nach seinem Sohn, riecht noch einmal an seinen Kleidungsstücken, ehe er sie weggibt, liest die letzten SMS in seinem Handy, blättert in Fotoalben, möchte die Erinnerung lange wach halten.

Die Eltern, Künstler und Atheisten, zelebrieren die Beerdigung mit Freunden und Verwandten als alternatives Fest. Schweren Herzens haben sie sich für eine Feuerbestattung entschieden. Gut so, denn Mutter Martine entnimmt der Urne, bevor sie in die Erde gelassen wird, ein bisschen Asche, um sie mit nach Hause zu nehmen. Erst später teilt ihnen eine Freundin Lions letzten Wunsch mit: Schon immer habe er die Musik Björks und Island geliebt. Dort möchte er einmal verstreut werden.

Sechs Monate später starten die Eltern mit einem befreundeten Ehepaar zu ihrer Trauerreise dorthin, glücklich, Lions Wunsch erfüllen zu können. ja in "flippiger Laune". Sie streunen durch wunderbare Landschaften, schieben die letzte Etappe immer weiter hinaus, bis sie spüren: Hier ist der richtige Ort. An den Hängen des Vulkans Eyjafjallajökull verstreuen sie Lions Asche. Dass der Vulkan 2010 ausbrechen, die Aschewolke zeitweise den Flugverkehr lahmlegen und Lion in kleinsten Teilchen nach Frankreich zurückwehen würde, ist wie ein Wink von oben.

Anfangs ist der Vater voll unendlicher Traurigkeit, in seinen Gefühlen hoffnungslos gefangen; seinen Tränen lässt er schier endlos freien Lauf. Obendrein belasten ihn Schuldgefühle, sich seinem Sohn nicht intensiv zugewandt zu haben.

Später findet er durch imaginäre lockere Gespräche mit Lion den befreienden Ansatzpunkt. Durch einen äußerst ungewöhnlichen Erzähltrick schafft der Autor auch für uns Leser Entspannung: Der Ich-Erzähler ist von Anfang an Lion. Er beobachtet, beschreibt, reflektiert und kommentiert in kurzen Passagen das Verhalten seiner Eltern in der Vergangenheit, in der Phase seines Sterbens, in den Zeiten des Trauerns und des Wiedererstarkens. Belastende Situationen spielt er herunter, tröstet voller Liebe und Dankbarkeit. Er ist in ihrer Nähe, als sie den schweren Weg zum Friedhof gehen.

So zieht sich sogar ein Hauch bisweilen trotzig-absurder Heiterkeit durch den Roman. Neben dem in der Totenhalle aufgebahrten Sohn steigert sich der ansonsten eher stoische Vater in einen Tanz des Sich-Aufbäumens gegen den Schmerz, des Nicht-aufgeben-Wollens. Immer wieder, immer lauter ruft und singt er: "Es lebe die Sonne! Es lebe das Leben!", hüpft dazu und drängt auch die untröstliche Freundin des Toten, einzustimmen in dieses verzweifelte Ritual.

"Jetzt müssen sie mit dem Tod leben ... Papa steckt mittendrin."


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