Rezension zu »Kassiopeia« von Bettina Balàka

Kassiopeia

von


Belletristik · Haymon · · Gebunden · 343 S. · ISBN 9783852186931
Sprache: de · Herkunft: at

Das Spiel ist vorbei - oder nicht?

Rezension vom 10.07.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Judit Kalman, verwöhnte Tochter eines erfolgreichen Bauunternehmers und inzwischen Ü40erin, kollidiert förmlich mit dem Wink des Schicksals, nachdem ihr Gatte Stefan verstorben ist. Es sind ganz unmissverständliche Zeichen, die ihr die Gewissheit geben, dass der Schriftsteller Markus Bachgraben der Quell ihrer zukünftigen Glückseligkeit ist. Der hat den erfolgreichen Roman "Kassiopeia" veröffentlicht, und "Kassiopeia" steht in der Liste ihrer Lieblingswörter an dritter Stelle. Mit ihm teilt sie den Geburtsort (Salzburg) und den Wohnort (Wien). Diese und noch mehr Gemeinsamkeiten hält Judit ebenfalls in einer Liste fest.

Nach einer Autorenlesung kommt man sich näher. Doch Markus lässt den Kontakt abreißen, und so verlieren sich ihre Wege wieder. Judit aber denkt nicht daran, sich zu fügen. Sie recherchiert wie eine Privatdetektivin, plündert seinen Briefkasten in der kleinen Wiener Wohnung und horcht seine geschäftstüchtige Mutter Erika aus, die die Eier aus ihrer Hühnerlegebatterie als "bio"-Produkte auf dem Markt verkauft. Mit derlei Methoden erfährt Judit, dass Markus den Sommer als Stipendiat in Venedig verbringen wird. Klar: Sie wird ihm nachreisen müssen. Glücklicherweise kann sie in der Lagunenstadt sogar eine Wohnung beziehen, während deren Eignerin, Judits Freundin Tita, mit Hurtigruten in See sticht.

Welch ein unglaublicher Zufall (glaubt Markus), als er so weit weg von Zuhause Judit über den Weg läuft! Wieder verabredet man sich, verpasst sich wieder – so richtig will die venezianische Love Story nicht anlaufen. Dabei küssen sich hier doch allerorten die Verliebten, und frisch vermählte Brautpaare setzen sich an pittoresken Brücken und in romantischen Winkeln für ihre Nachwelt in fotografische Szene. Ob es auch für Judit ein Happy End geben wird, oder heißt es bald Game Over?

Venedig als Kulisse für einen Beziehungsroman – das kann gefährlich werden wie Glatteis, denn wie leicht kann alles ins Kitschige, Klischeehafte abrutschen. Nicht für Bettina Balàka, die gerade hier ihre literarische Stärke ausspielt. Um den Canal Grande des zentralen Plots herum (den wir nie aus den Augen verlieren) siedelt die Autorin in vielen Kapiteln unterschiedlichste Episoden an, so dass ein farbiges Kaleidoskop entsteht. Thematisch umfasst es vor allem Judits Familiengeschehen – ihre Kindheit frei von jeglicher Autorität ("alles würde sich von selbst auswachsen" ), ihre Suche nach den Wurzeln (mütterlicherseits in Italien, väterlicherseits in Ungarn), ihre Beziehungen zu Freundinnen und Männern -, weitet sich aber auf viele Randfiguren und Nebenschauplätze. Stilsicher trifft Balàka immer den richtigen Strich, wenn sie die Charaktere salopp, ironisch, bisweilen skurril zeichnet.
Schon zu Beginn des Romans treffen wir auf die Ärztin Dr. Soucek, eine Fachfrau in Ernährungsfragen, die selbst in kürzester Zeit von Kleidergröße 52 auf 36 geschrumpft ist. Nur steckt dahinter keine wissenschaftlich fundierte Diät, sondern das Schicksal hat ihr böse mitgespielt ...
Claudia war die Köchin im Hause Kalman. Sie verstand sich bestens mit den Kindern. Doch als sie nach ihrer Heirat ihren eigenen Nachwuchs großzieht, entwickelt sie sich zum sadistischen Drachen. Obwohl sie spürt, dass sie ein Verbrechen an ihren beiden Kindern begeht, prickelt es doch zu reizvoll in ihr, wenn sie sie anbrüllt, als hirnlos beschimpft, ihre Klassenarbeiten mit zusätzlichen Fehlern manipuliert ...
Doch das sollten Sie selber lesen!

Und was erfahren wir über Markus Bachgraben, Judits Traummann? Ach, das weltliche Dasein so eines Autors ist ein einziges Jammertal. Elend darbt so ein Schriftsteller dahin. Die "Kulturtanten" allerdings teilen diese Ansicht keinesfalls, wird er doch mit einem großzügigen Stipendium von 200 Euro bedacht, kann in freier Natur lustwandeln und seinen Gedanken beliebig Zeit und Raum schenken. Andererseits kann der Wortkünstler nur im Elend Großes erschaffen, glauben "Nicht-Schriftsteller", die eigentlich verkappte "Möchtegern-Schriftsteller" sind ... Was im vorliegenden Fall als Produkt entsteht, lesen wir jedenfalls als Roman im Roman: Auszüge aus "Kassiopeia", Bachgrabens Werk mit autobiografischen Zügen.

Bettina Balàkas "Kassiopeia" ist eine funkelnde Sternengruppe am literarischen Himmel, fabulierend von unkonventionellen Zweierbeziehungen und Begebenheiten anderer Art, voller Esprit, fein gesponnener Ironie, Komik in den Irrungen und Wirrungen.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher aufgenommen.


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