Rezension zu »Der Russe ist einer, der Birken liebt« von Olga Grjasnowa

Der Russe ist einer, der Birken liebt

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 288 S. · ISBN 9783446238541
Sprache: de · Herkunft: de

Entwurzelt und heimatlos

Rezension vom 08.02.2012 · 26 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mit der Ich-Erzählerin Mascha erhält Olga Grjasnowas Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" stark autobiografische Züge. Beide sind entwurzelte junge Frauen aus jüdischen Familien und Flüchtlingskinder aus Aserbaidschan, die in Deutschland ihre erste Anlaufstelle finden. Dank ihres bemerkenswerten Talents für Fremdsprachen – sie beherrschen Russisch, Polnisch und Arabisch – arbeiten sie im Deutschunterricht grammatikalisch fehlerfrei mit; ihre Deutschlehrerin bemängelt nur den immer noch vorhandenen slawischen Akzent.

Mascha, inzwischen 27 Jahre alt, möchte gern als Dolmetscherin für die UN arbeiten. Sie studiert Sprachen, erweitert ihr Repertoire noch um Italienisch, Französisch, Englisch und Spanisch. Als Hochbegabte erhält sie Stipendien und sammelt während ihrer Auslandspraktika in Moskau, Brüssel, Wien und Warschau wertvolle Erfahrungen.

Unter dieser glanzvollen Oberfläche verbirgt sich aber eine doppelt traumatisierte junge Frau. Die Pogrome in Baku verfolgen Mascha noch immer, und über den Verlust ihrer großen Liebe Elias, im Diminutiv auch gern Elischa genannt, kommt sie zeitlebens nicht hinweg. Bei einem Fußballspiel hatte er sich den Oberschenkel gebrochen, war nach Operationen nach Hause zurückgekehrt, doch seine Wunde eiterte, er hatte Fieberschübe, und die Ärzte konnten ihn nicht mehr retten.

Mascha quält nicht nur die unabänderliche Tatsache, dass Elias nicht mehr da ist. Oft und oft erscheint er ihr in ihren Erinnerungen; sie peinigt sich mit Selbstvorwürfen, fühlt sich mitschuldig, denn sie hätte die Wunde beobachten müssen. Weinkrämpfe, Atemnot bis zur Bewusstlosigkeit und Gewichtsverlust sind die physischen Auswirkungen ihres psychischen Schmerzes. Sie muss starke Beruhigungsmittel schlucken. In ihrem türkisch-muslimischen Freund Cem findet sie immer wieder geduldigen, einfühlsamen, aufbauenden Zuspruch.

Mascha, die Heimatlose, fliegt nach Israel. Am Flughafen muss sie strenge Kontrollen durchlaufen. Nach dem Grund ihres Einreisewunsches gefragt, ist er ihr eigentlich gar nicht klar – aber ihre Antwort, sie sei gekommen, "um zu trauern" (S. 162), trifft wohl den Kern.

Olga Grjasnowa beschreibt ein atemberaubendes, quirliges, überhitztes Leben und Klima in Israel – eine Multikulti-Gesellschaft, in der sich alle Facetten zwischen Modernität und Weltoffenheit bis hin zu rigider Traditionsbewahrung und ultraorthodoxem Judentum finden. Auf den Straßen und in den Cafes herrscht ein verwirrendes Sprachen-Tohuwabohu. An der Klagemauer in Jerusalem fühlt sich Mascha zwischen all den Betenden und in einer befremdlichen Atmosphäre leicht fehl am Platz. Überall sind Checkpoints zu passieren. Während einer Busfahrt beobachtet Mascha eine junge Frau in Uniform, die sich gerade ihre Nägel lackiert, auf dem Sitz neben ihr ihre Damenhandtasche – und ihr schweres Maschinengewehr ... Der ganz normale Alltagswahnsinn: ein Tanz auf dem Vulkan.

Während Maschas jüdische Eltern einstmals engagierte Kommunisten waren, ist sie selber weder religiös noch hat sie politische Überzeugungen. Nur kurz stürzt sie sich in ein Liebesverhältnis mit einer israelitischen Frau und einem palästinensischen Mann. Zur Ruhe kommt sie nicht in diesem pulsierenden Land. Ihre Melancholie, ihre Depressionen und ihre Albträume lähmen sie. Im Schlussbild des Romans steht sie hilflos auf freiem Feld in Palästina, hat Nasenbluten, ist handlungsunfähig wie ein kleines Kind. Sami, ihr erster Geliebter aus Studentenzeiten, zögert nicht: Er holt sie zurück nach Deutschland.

Wer ist diese Mascha wirklich? Wie passt diese Schlussszene zu einer weltgewandten Frau mit außergewöhnlichem Sprachgefühl? Eigentlich hat sie ihre tief verletzte Seele nur überdeckt – mit pseudo-feministischem Verhalten, mit freier bisexueller Liebe, mit heißen Partys und Drogenkonsum ...

"Der Russe ist einer, der Birken liebt" – das ist das bemerkenswerte Erstlingswerk einer jungen Russin, die selbst immer noch nicht angekommen ist. 1984 in Baku, Aserbaidschan, geboren, wuchs Olga Grjasnowa im Kaukasus auf. Nach Auslandsaufenthalten in Polen, Russland und Israel studiert sie jetzt Tanzwissenschaften an der FU Berlin. Sie ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. 2011 erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung.


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