Rezension zu »Cevdet und seine Söhne« von Orhan Pamuk

Cevdet und seine Söhne

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 665 S. · ISBN 9783446236394
Sprache: de · Herkunft: tr

Die türkische Oberschicht im Wandel der Zeit

Rezension vom 20.10.2011 · 7 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Orhan Pamuk gilt als wichtigster Schriftsteller der Türkei. Sein Werk wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt und weltweit veröffentlicht, und 2006 wurde er mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Die Figuren seiner Romane lässt er als Vermittler zwischen der europäischen Kultur und der Tradition seines Landes agieren. Er selber engagiert sich politisch als Menschenrechtler.

1952 in Istanbul geboren, wuchs Pamuk als Sohn einer gutbürgerlichen Familie im Istanbuler Stadtteil Sisli auf. Den Wohlstand hatte sein Großvater als Ingenieur im Eisenbahnbau erwirtschaftet. Schon als Kind entdeckte Pamuk seine künstlerische Begabung und war fasziniert von der Literatur Thomas Manns, Kafkas, Dostojewskis, Tolstois u.a., deren Romane ihm sein weltoffener Vater zum Lesen anbot. 1977 beendete er sein Literaturstudium und wurde Journalist und Schriftsteller. 1982 erschien sein Erstlingswerk "Cevdet Bey ve Ogullan" ("Herr Cevdet und seine Söhne") , aber Pamuk sträubte sich dreißig Jahre lang gegen Übersetzung und weitere Verbreitung dieses Romans. Erst jetzt ist "Cevdet und seine Söhne" bei Hanser erschienen – ein episch breiter Gesellschaftsroman, in dem sich Figuren aus der nächsten Verwandt- und Bekanntschaft des Autors mit ihren individuellen Charakteren, Lebenszielen und kulturpolitischen Einstellungen wiederfinden. Als Anregung und Vorbild für seine Geschichte um Cevdet, seine Söhne, seine Tochter und seine Enkel benennt Pamuk ausdrücklich Thomas Manns "Die Buddenbrooks" und Leo Tolstois "Anna Karenina".

Die Handlung beginnt im Jahre 1905. Cevdet Isikci hat ein klares, ehrgeiziges Ziel vor Augen: Er will ein Geschäft führen, seinen Reichtum mehren und eine Familie gründen. Als tüchtiger Geschäftsmann ("Lampen-Cevdet") arbeitet er zwischen jüdischen, griechischen und armenischen Händlern, verstößt damit aber gegen die Tradition und wird für seine Ambitionen belächelt. Eintritt in die sogenannte bessere Gesellschaft verspricht sich Cevdet durch die Heirat mit einer Frau aus dem Hause eines Paschas. Die Vermählung wird nach einem Tevla-Spiel verabredet, und der völlig verarmte, dennoch arrogante Pascha willigt gnädig ein – eine bessere Partie hätte er für seine Tochter kaum aushandeln können. In Niºantaºý, einem der besten Wohnviertel Istanbuls, baut Cevdet ein Steinhaus und kann sich sogar bald ein Sommerhaus auf einer türkischen Insel leisten. Obwohl die Eheleute noch keine Kinder haben, hängt über Cevdets Laden schon das zukunftsweisende Schild "Cevdet und seine Söhne".

Während Cevdet sich weder von Politik noch Kultur noch jeglicher Unterhaltung von der Verfolgung seiner Lebensziele ablenken lässt, muss er mit Entsetzen, ja geradezu Hass mit ansehen, wie Nusret, sein leichtlebiger Bruder, sein Leben zubringt. Nach dem Medizinstudium in Paris hat Nusret sich mit den Umbrüchen befasst, die die französische Revolution für Europa mit sich brachte, und steht in Kontakt mit den Jungtürken, einer illegalen Bewegung, die für Liberalisierung, Modernisierung und Stärkung des Osmanischen Reiches kämpft. Nun liegt er, schwer an TBC erkrankt, in einem Hotelzimmer. Die Figur Nusrets repräsentiert die Anfänge politischer Veränderungen, erste Verstöße gegen Konventionen, erste Beispiele des Andersseins in der Gesellschaft.

Cevdet findet in seinem Sohn Osman einen würdigen Nachfolger, der das Geschäft in seinem Sinne fortführt und erweitert. Nach alter Tradition (die Mutter verlangt es so) lebt die gesamte Großfamilie immer noch im väterlichen Haus: Osman und sein Bruder Refik, beider Frauen und Kinder, sowie ihre jüngere Schwester.

Der zweite und umfangreichste Teil des Romans spielt in den dreißiger Jahren. Atatürk und seine umwälzenden Reformen bestimmen die Entwicklung des Landes und die Lebensweise der Menschen. Während Osman der ruhigere, beständige Sohn ist, bleibt Refik in den Diskussionen mit seinen ehemaligen Studienfreunden ein Suchender. Die Wohlstandselite kann es sich erlauben, sich Gedanken der Aufklärung (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und des Fortschritts hinzugeben und ihre individuellen Vorteile zu genießen. Auch eine Reise nach Europa, wo das Leben so modern, so reizvoll ist, kann man sich leisten.

Bald erträgt der melancholische Refik, dessen Lieblingsautor Hölderlin ist, das Leben als Kaufmann mit Ehefrau nicht länger. Es zieht ihn zu seinem Studienfreund Ömer, der als Ingenieur beim Eisenbahnbau tätig ist. Monatelang bleibt Refik weg von zu Hause, denkt über gesellschaftliche Verbesserungen für die Menschen auf dem Dorfe nach und verfasst eine Abhandlung, die er später in der Hoffnung, irgendetwas bewirken zu können, im Landwirtschaftsamt vorlegt. Doch hier sieht man keinen besonderen Bedarf ...

Den dritten und letzten Teil widmet Pamuk dem Enkel Ahmet, der sich, in einer Dachgeschosswohnung wohnend, dem Künstlerleben hingibt. Der Roman endet im Jahre 1978.

"Cevdet und seine Söhne" war meine erste Begegnung mit Orhan Pamuk: ein geradezu wunderbarer Roman voller Poesie; manchmal an die Atmosphäre in "Tausend und eine Nacht" erinnernd; manchmal getragen langsam, dann wieder umso intensiver in den Beschreibungen der Szenen und Handlungsorte; manchmal gemächlich voranschreitend, dann in dichter Handlungsabfolge. Die Personen – aus einer mir bisher unbekannten Welt – sind dennoch so nah, so überzeugend.

Besonders gut gefällt mir, dass Pamuk seine Individuen ganz natürlich-menschlich sein lässt. Ihre Ansichten und Aussagen sind sehr differenziert, können für vieles stehen. Nie zeigen sie wie mit dem didaktischen Finger auf etwas, das nur so sein soll, nur so richtig ist. Pamuk weckt beim Lesen ein gutes, ein sinnliches Gefühl. Durchweg stehen die Männer im Mittelpunkt des Romans; die Frauen füllen den Raum als schmückendes Beiwerk. Einzig Schwester Ais,e wehrt sich gegen die ständige Aufsicht ihrer Mutter und ihres Bruders, die sie vom Klavier- und Schulunterricht abholen. Endlich einmal frei und unbeobachtet, lässt sie sich vom Sohn des Lehrers, für den sie ein gewisses Interesse hegt, nach Hause begleiten. Doch dieses Aufbäumen hält nur kurz an. Ob reumütig oder einsichtig oder einfach älter und abgeklärter: Schließlich kehrt sie zu den alten Traditionen zurück, lässt sich wieder abholen und stimmt der Wahl des für sie vorgesehenen Mannes zu ... "Emanzipation" ist noch ein Fremdwort.

Welche Weitsicht zeigte der erst 22-jährige Autor; welch eine literarische Leistung hat er vollbracht! Bis zur Veröffentlichung der endgültigen Fassung von "Cevdet Bey ve Og (ullar?" ließ er sich acht Jahre Zeit.


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