Rezension zu »Das Mädchen, das nach den Sternen greift« von Pep Bras

Das Mädchen, das nach den Sternen greift

von


Belletristik · Insel · · Taschenbuch · 301 S. · ISBN 9783458360858
Sprache: de · Herkunft: es

Der zerbrechliche Zauber des Glücks

Rezension vom 25.09.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Was das wunderschön gestaltete Cover verheißt, das löst dieses Buch auch ein. Das Bild entführt uns in eine exotische süd­amerika­nische Urwald­land­schaft, ruhig gleitet ein Kahn auf spiegelglattem Gewässer dahin, im üppigen Astwerk, das den Betrachter umspielt, tummeln sich kunterbunte Vögel, deren Pfiffe man förmlich zu hören, deren sirrendes Flügelflattern man zu sehen meint.

Pep Bras erzählt im ersten Teil seines Romans vom Leben in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt als der unseren. Die Handlung trägt sich 1909 auf Ilhabela (»schöne Insel«) zu, die mit den anderen kleinen Eilanden der gleichnamigen Inselgruppe eine Perlenkette knapp vier Kilometer vor dem brasilia­nischen Festland bildet.

Die Menschen leben in enger Verbindung mit der wilden, weitgehend unberührten Natur, die sie umgibt. Schlichte Palmhütten genügen ihnen als Behausung, sie brauchen kein Schuhwerk und schon gleich keine Uhr. Sie können sich einfach nach dem Stand der Sonne und den Bedürfnissen ihrer Körper richten. Außer­dem, so glauben sie, sendet ihnen der Himmel Zeichen. Doch auch das Dasein auf der »schönen In­sel« ist nicht frei von Bedrohung und Sorge: In den Urwäldern lauert der gefährliche Jaguar, der sich auf leisen Sohlen anschleicht, Tiere reißt und Menschen tötet.

Wenn die kleine Dandhara sich allein auf den Weg zu ihren Großeltern im Nachbardorf macht, singt sie unablässig das »Zauber­lied« vor sich hin, das die Angst vor Gápanamé, dem großen mythischen Jaguar, durch spötti­sche Be­schwö­rung vertreiben soll. Dabei hält sie einen Stein fest in der Hand, mit dem sie die­sen sagenumwobenen Gegner besiegen kann, wenn er sich denn zeigen sollte. Bei jedem Geräusch zuckt sie erschreckt zusammen. Als hinter ihr etwas knackt, nimmt Dandhara die Beine in die Hand und stürmt davon. Doch sie ist bloß auf eine Möwe hereingefallen. Während das Mädchen auf einer Anhöhe innehält, um zur Ruhe zu kommen, fällt ihr Blick hinunter zum Strand. Was sie dort sieht, wird ihr unauslöschlich im Gedächtnis bleiben.

Ein riesiger Überseedampfer, die Príncipe de Barcelona, hat bei einem Sturm Schiffbruch erlitten. Die leblosen Körper aller 457 Menschen, die an Bord waren, treiben auf den Strand zu, wo die Brandung scharlachrot gefärbt ist. Aus allen Dörfern der Insel strömen Männer und Frauen hier zusammen, um zu retten, was zu retten ist, doch es ist zu spät für jede Hilfe.

Und die Zeit drängt, wie Catarina, die allseits geschätzte Geburtshelferin, weiß. Mit einem Schuss aus ihrem Colt verschafft sie sich in dem heillosen Chaos Gehör und organisiert die Bestattung der Toten. Alle Leichen müssen vor Sonnenaufgang unter der Erde sein, damit sie keine Infektions­krank­heiten übertragen können.

Doch kurz vor Abschluss der anstrengenden Arbeiten taucht weit draußen am Horizont eine feine Silhou­ette aus dem Meer. Vom ersten Licht des Tages unwirklich bestrahlt, erkennen die erschöpften Menschen einen Reiter auf den Wellen – und sind entsetzt. Das muss der Teufel sein, der seine Toten holen will! »Und wenn er sie nicht findet, dann nimmt er uns alle als Unterpfand!« Einzig Catarina behält einen klaren Kopf. Um dem Humbug rechtzeitig ein Ende zu machen, verlangt sie, aufs Meer hinaus gerudert zu wer­den, damit sie dem vermeintlichen Satan in die Augen schauen kann. Catarina stellt nicht nur fest, dass der Reiter aus Bronze ist (Der Dampfer hatte eine Statuengruppe als spanisches Staatsgeschenk für Argen­tinien geladen.), sondern entdeckt an seinem Fuß eine weitere menschliche Gestalt, das Gesicht im Wasser, schwarz gekleidet, männlich, etwa zwanzig Jahre alt.

Wie aus dem geborgenen Körper ein »lebender Toter« wird, vor dem es allen eine Zeitlang gruselt, und wie es kommt, dass er zwei Jahre, zwei Monate und sieben Tage später seine Erretterin zur Frau nimmt, das erzählt Pep Bras auf fas­zinie­rende, fan­ta­sie­volle, ein­fühl­same Weise. Er gibt der Geschichte zudem einen (fiktiven) auto­biogra­fischen Hintergrund: Joan Bras, der einzige Überlebende der (ebenfalls fiktiven) Schiffs­katastro­phe vom 14. August 1909, sei sein Urgroßvater gewesen. Auf Ilhabela verbrachte er mit Catarina und ihrer gemeinsamen Tochter Sión die glücklichste Zeit seines Lebens – bis ihm Gápanamé vor seinen Augen die Frau raubte.

Mit diesem ein­schnei­denden Unglück wechseln Schauplatz der Handlung und Atmosphäre. Verzweifelt lässt Joan die Insel und sogar sein Kind für einige Jahre hinter sich, heiratet Isabelle, die schöne Tochter eines reichen französischen Investors, und zieht schließlich mit ihr und der mittlerweile achtjährigen Sión nach Paris. Einen krasseren Kontrast als zwischen der »schönen Insel« und der europäischen Metropole kann man sich kaum vorstellen. Hier toben »les années folles«, die wilden Zwanziger Jahre. Die ganze Stadt scheint im permanenten Partyrausch. Künstler, Schriftsteller, Reiche aus aller Welt treffen sich hier, um ihre Sinne und ihre Schaffenskraft zu inspirieren. Man begegnet sich in Bars, Cafés, edlen Restaurants, besucht Theater, Galerien und Museen, amüsiert sich in Cabarets und Varietés. Man will nicht nur gesehen werden, sondern auffallen, zum Gesprächsthema avancieren.

Joan und seine Frau mischen mitten im Trubel mit. Die Heirat hat Joan zu einem vermögenden Mann ge­macht und in die Ober­schicht katapultiert, doch glücklich wird er weder in seiner Rolle als feiner Herr noch in seiner neuen Ehe. Im Windschatten der elterlichen Probleme kann Sión relativ ungestört eigene Wege gehen. Bei einer Varieté-Vorstellung entdeckt sie eine Aus­drucks­form, die ihre Neigungen und Ta­lente aus der Kindheit fortführt: Schon auf Ilhabela waren aus Stroh gebastelte Puppen, mit denen sie spielte und sprach, ihre besten Freunde; jetzt möchte sie eine ebenso gute Bauchrednerin werden wie der bekannte Künstler, der das anspruchsvolle und verwöhnte Pariser Publikum in seinen Bann zu schlagen vermag. Ihr weiterer Ent­wicklungs­gang zeitigt dramatische Folgen für Isabelle und Joan, was die Span­nungskurve am Schluss des Romans noch einmal heftig nach oben ausschlagen lässt.

»La niña que hacía hablar a las muñecas« Pep Bras: »La niña que hacía hablar a las muñecas« bei Amazon ist der erste Roman des katalanischen Autors Pep Bras, der ins Deutsche über­setzt wurde (von Svenja Becker für den Suhrkamp-Verlag), und ein wunderbarer Sommerroman. In seinem bemer­kens­wer­ten Sprachstil – keineswegs kitschig, wie man befürchten könnte, sondern sozusagen mit schmunzelnder Sympathie, nicht selten ironisch distanziert, belebt der Autor (der sich in seiner Heimat auch als Dreh­buch­schreiber einen Namen gemacht hat) unter­schied­liche Charaktere, von denen die meisten heftig vom Schicksal gebeutelt werden. Das Zeitkolorit der turbulenten fran­zösi­schen Hauptstadt erfasst er ebenso glaubhaft wie die exotische Atmosphäre der überseeischen Insel, auf der seine Protagonisten Sión und Joan ihre un­be­schwer­teste Zeit verbringen dürfen.


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