Rezension zu »Der Himmel meines Großvaters« von Stefan Hertmans

Der Himmel meines Großvaters

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783446246430
Sprache: de · Herkunft: nl

Vermächtnis, Annäherung und Dankeschön

Rezension vom 14.12.2014 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

»Sergeant-Majoor Marsjèn?«, fragt der heilige Petrus den neunzigjährig Ver­stor­be­nen, der da in strammer Haltung an der Himmelspforte um Einlass bittet. »Non, mon commandant. Je m'appelle Martien, pas Marsjèn, à votre ordres«, sa­lu­tiert der Neuankömmling.

Mit dieser au­gen­zwin­kernd aus­ge­dach­ten Szene schließt der Roman, mit dem der flämische Autor Stefan Hertmans den Spuren seines Großvaters Urbain Martien folgt: Wie war er (»ein vergessener Kriegsheld«?), wie hat er das Jahrhundert persönlich erlebt, wie hat der Enkel, wie haben andere ihn wahrgenommen?

Das Fundament für dieses Porträt hat der Großvater selbst gelegt, als er 72 Jahre alt war: Mit Füllfeder­hal­ter hat er »in einer unvergleichlichen Vorkriegshandschrift« seine Erinnerungen in zwei Heften aufge­zeich­net, die er kurz vor seinem Tod seinem Enkel anvertraute. Nach seinen eigenen Worten enthält das erste »zu viele langweilige Geschichten aus meiner Kindheit«, das zweite dagegen handelt vom Krieg, und zwar nur davon, »was ich selbst erlebt habe«.

Erst nach drei Jahrzehnten brachte der Enkel den Mut auf, in dieses Leben hineinzulesen, welches »das rück­sichts­lo­ses­te Jahrhundert der Menschheitsgeschichte« umspannt. Das daraus hervorgehende Buch sollte bewusst erscheinen, ehe der hundertsten Wiederkehr des Kriegsbeginns offiziell gedacht würde. Stefan Hertmans wollte Urbain Martiens »ganz persönliche Qual« daneben setzen.

»Oorlog en terpentijn« Stefan Hertmans: »Oorlog en terpentijn« bei Amazon lautet der originale Romantitel – und er trifft viel besser den Kern als sein deut­sches Pendant. Denn Krieg und Terpentin sind die beiden Pole in Großvaters Leben »zwischen Sol­da­ten­da­sein aus Not und dem Künstlerdasein aus Neigung«.

Die Welt war ein anderer Planet »mit Dörfern, Feldwegen, Pferdekutschen, Gaslampen, Waschzubern, An­dachts­bild­chen«, als Urbain Martien 1891 in Gent geboren wurde. Sein Vater verdient als Kirchenmaler nicht genug, um die Familie mit fünf Kindern satt zu bekommen; die Mutter, aus wohlhabendem Kauf­manns­hau­se stammend und gebildet, übernimmt Näh-, Putz- und Schreibaufträge, um mitzuhelfen. Vom Vater, dem er bei seiner Arbeit zuschauen und Werkzeuge anreichen darf, lernt Urbain die Kunst des Far­ben­mi­schens aus natürlichen Stoffen wie Birnbaumholz, giftigem Kobaltpulver, süß duftendem Siena und Sepia, die Wahl der Pinsel aus Schweineborsten oder kostbarem Eichhorn- und Marderhaar und den Um­gang mit Bleistift, Holzkohle und Bitumen. So verbringen die beiden endlose, stille Tage intensiver Zwei­sam­keit.

Dem »Himmel seiner Kindheit« folgt die Hölle des Arbeitslebens, in das Urbain mit dreizehn Jahren ein­tritt. In einer Eisengießerei muss er bei ohrenbetäubendem Lärm Schmelztiegel voller brodelnd flüssigem Eisen tragen. Hält er es nicht genau in der Waage, tropft es auf die Erde, backt seine Füße in den Holz­schuhen fest. Sein Körper ist von Wunden, Dellen und Narben gezeichnet. In dieser Zeit wächst aber auch das tiefe Ver­lan­gen, zu malen und zu zeichnen, zu »tun, was sein Vater tut«. Die Mutter finanziert ihm von ihren müh­sam er­wor­be­nen Groschen Malunterricht.

Um der harten Arbeit zu entfliehen, bieten sich für einen einfachen jungen Mann ohne Ausbildung und Ver­mö­gen nicht viele Möglichkeiten. Im November 1908 meldet sich der Siebzehnjährige in der Re­gi­ments­schu­le von Courtrai-Kortrijk an. Schon während der Ausbildung nehmen die französischen Offiziere den Flamen un­ver­hält­nis­mä­ßig hart ran, und auch nach Kriegsbeginn im Feld brüllt man ihn herablassend »Marsjèn« an, doch er gibt nicht klein bei: »Je m'appelle Martien, mon commandant.«

Die Zeit des Ersten Weltkriegs füllt die Seiten des II. Kapitels. Perspektive und Erzählweise ändern sich. Es berichtet nicht mehr der Enkel, sondern der Soldat Urbain Martien schildert selbst, was er erlebt: den Alb­traum von Schiplaken, die Schlacht von Yser, die militärischen und psychologischen Kriegstaktiken und grau­sa­men Ver­gel­tungs­ak­tio­nen der Deutschen an der Zivilbevölkerung. Korporal Martien, ein auf­rechter Mann, der den Gehorsam kennt und jeden Befehl gewissenhaft ausführt, meldet sich oft freiwillig für Ein­sät­ze, wo andere sich zurückhalten. Mehrfach wird er verletzt und zur Genesung freigestellt, bis er wie­der kriegs­taug­lich ist. Befördert und ausgezeichnet, aber traumatisiert wie so viele kehrt er 1918 nach Gent zurück.

Hier enden die Aufzeichnungen. Das zweite Heft ist nahezu vollgeschrieben, die Gicht in den Händen und der Graue Star machen Urbain Martien im Sommer 1976 zu schaffen.

Im III. Kapitel übernimmt Autor Stefan Hertmans wieder die Rolle des Berichterstatters. Nachdem seines Groß­va­ters wahre Liebe Maria Emelia an der Spanischen Grippe verstorben war, heiratet er 1920 ihre Schwes­ter Gabri­elle, aber sie führen eine distanzierte Ehe. Er kann den Verlust seiner einzigen Liebe nie ver­win­den, Gabrielle weist ihn mehr und mehr zurück. Nach der Geburt einer Tochter scheint es, als habe sie ihre Schuldigkeit getan.

»Der Himmel meines Großvaters« ist kein neuer Antikriegsroman im Stil eines Erich Maria Remarque. Viel­mehr ist er ein großes Dankeschön, ein Beweis der Zuneigung eines Enkels für seinen Großvater, der ihm viel bedeutet, von dem er viel gelernt, der ihm viel aus seiner Welt hinterlassen hat. Erst nach Jahren des Abstands erschließen sich dem Enkel Besonderheiten seines Wesens wie die Bedeutung seiner Eltern, der Malerei und der Religion, die Kriegstraumata und Wahnvorstellungen.

Das I. Kapitel schreitet leichtfüßig voran, gespickt mit unterhaltsamen Anekdoten, die im Familienkreis im­mer wie­der zum Besten gegeben wurden: wie der Bengel an Süßigkeiten, aber mit leeren Suppen-Hen­kel­män­nern nach Hause kam, wie die goldene Taschenuhr in Zeiten bitterster Armut mehrmals den Weg ins Pfand­haus und wieder heraus nahm ...
Im II. Kapitel erzählt Großvater seinen Großen Krieg ohne Pathos. Das erlebte Grauen spricht für sich.
Im III. Kapitel verknüpft der Autor »meine Erinnerung mit seinen Erinnerungen«, folgt den zahlreichen Spu­ren des Großvaters bis zu den nachgebauten Schützengräben der Schlachtfelder von Schiplaken und Yser. Detailliert beschreibt er Landschaften und Gemälde, von denen etliche in Schwarzweiß abgedruckt sind, ebenso wie Fotografien.

Im November 2014 erhielt der flämische Autor Stefan Hertmans für »Oorlog en terpentijn« den hochdo­tier­ten AKO-Literaturpreis für den besten niederländischsprachigen Roman. Ira Wilhelm hat das Buch für den Hanser-Verlag übersetzt.


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