Rezension zu »Skizzen aus Washington« von Stefan Koch

Skizzen aus Washington

von


Zeitgeschehen · Mecke · · 98 S. · ISBN 9783869440224
Sprache: de · Herkunft: de

Am Herzschlag der amerikanischen Nation

Rezension vom 19.09.2010 · 1 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Stefan Koch, Jahrgang 1966, ist langjähriger Politikredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und deren Korrespondent in Berlin. Im Frühjahr und Sommer 2010 lebte der langjährige Amerika-Kenner in den USA, und seine aktuellen Eindrücke hat er in dem kleinen Buch "Skizzen aus Washington" festgehalten. In zwanzig Kapiteln berichtet er zunächst über den politischen Ist-Zustand der Regierung Barack Obamas – man könnte sagen: "Nach der Wahl ist vor der Wahl ..." -, über die Stadt Washington, ihre Einwohner und Probleme, um anschließend Eindrücke aus anderen Teilen Amerikas wiederzugeben.

Zwar erscheint Washington als boom-town der Zukunft, aber das Rassenproblem hat die Hauptstadt immer noch nicht im Griff. Im östlichen Stadtteil Anacostia leben die Farbigen isoliert und unter sich. Hier ist man seines Lebens nicht sicher. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, was zwangsläufig den Weg in kriminelle Aktivitäten attraktiv macht.

Im Westen leben die Weißen, die einem ungeschützten Konkurrenzkampf ausgesetzt sind und zumeist hart arbeiten müssen, um ihren gewohnten Lebensstandard einigermaßen über die Runden bringen zu können. Dazu gehört auch, die hohen Kosten für die bestmögliche Ausbildung der Kinder zu erwirtschaften. Es ist üblich, dass beide Ehepartner einen Job haben – nicht selten auch mehrere. Von einem Ruhestand mit 65 Jahren oder einem bisschen Absicherung für den Fall der Arbeitslosigkeit oder der Krankheit träumt in Amerika niemand. Wer es sich leisten kann, macht im Jahr eine Woche Urlaub und fliegt dann nach Europa.

Kochs Buch lebt vor allem von seinen reportagehaften Portraits punktueller Ereignisse und Erlebnisse, die er so lebendig schildert, dass man unmittelbar teilnehmen und zuschauen zu können meint. Am Memorial Day zum Beispiel findet ein Biker-Treffen statt, das sich im Laufe der Jahre als größtes der USA etabliert und eine erweiterte nationale Funktion gewonnen hat: Der größte Teil sind veterans, ehemalige Kriegsteilnehmer. Man gedenkt der Kriegsopfer, legt Kränze an den diversen Gedenkstätten nieder, z.B. in Arlington. Was die Gemeinschaft der veterans verbindet, sind ihre Traumata, ihre psychischen und/oder körperlichen Versehrungen, ihre politischen Enttäuschungen, oft genug ihre Schwierigkeiten, den amerikanischen Alltag zu meistern. Koch nennt die weltweiten Kriegsschauplätze und die Zahlen der Gefallenen.

Dann verlässt Koch den Brennpunkt Washington und besucht Lancaster County, wo 28.000 Amish in ihrer streng religiösen Gemeinschaft leben. Neben ihrer rückständigen Lebensweise weitgehend ohne jegliche moderne Technik schildert er die Historie dieser Menschen, die im 18. Jahrhundert aus Süddeutschland in die USA auswanderten und von denen viele noch heute ihren altertümlichen deutschen Dialekt sprechen. Die immer näher an sie heran rückenden "Engländer" schätzen ihre Zuverlässigkeit in Handwerk und Moral. Jeder Amish-Jugendliche darf zwei Jahre lang die freiheitliche Außenwelt erkunden und muss sich dann für immer entscheiden – für oder gegen das Leben als Amisher; 85% wählen ihre traditionelle Gemeinschaft.

Eines von Amerikas (und Obamas) größten Problemen ist der permanente Zustrom illegaler Einwanderer. Viele Bürger warten darauf, dass er endlich handelt, eine gesetzliche Regelung schafft. Die rechte Bürgerbewegung "Tea Party" fordert eine radikale Lösung – Abschiebung oder Verhaftung -, findet damit viel Anklang und schafft Druck.

Stefan Koch hatte sich über Jahre mit der Geschichte der Russlanddeutschen beschäftigt; er gehört zu den Gründungsmitgliedern der "Deutschen Gesellschaft der Freunde Kasachstans". So ist es nur folgerichtig, dass er "Little Odessa", einer russischen Gemeinde in einem Stadtteil New Yorks, einen Besuch abstattet. Auch dort lebt man völlig autark mit eigenen Geschäften und mit der russischen Sprache. In einem Café trifft er Jurij, den erfolgreichsten russischen Künstler in New York. Er ist der Großneffe des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow.

Das letzte Kapitel widmet Stefan Koch dem Ort in Vermont, wo in den siebziger und achtziger Jahren Alexander Solschenizyn als Asylant in Ruhe und geschützt vor dem russischen Geheimdienst leben konnte.

Mir haben Stefan Kochs "Skizzen aus Washington" sehr gut gefallen. Besonders wohltuend fand ich, dass Koch (ungleich anderen Bestsellerautoren) nie mit dem Dünkel der Überlegenheit der Jahrtausende europäischer Kultur über amerikanische Essens- oder andere Lebensgewohnheiten die Nase rümpft oder sie als Kuriositäten belächelt. Der Leser kann sich unbeeinflusst seine eigene Meinung bilden auf der Basis dessen, was er selber "sieht". Es gibt genügend Textstellen, die uns Gedanken nahelegen wie etwa "Ach, geht's uns gut hier in Deutschland!" – oder auch umgekehrt: "Amerika, du hast es besser!", "Amerika, immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten".

Stefan Kochs Sprachstil ist der des Profi-Journalisten: präzise, klar, anschaulich, farbig, detailreich, weitgehend wertfrei, für jedermann verständlich. Auch wenn dem Leser manche Inhalte schon bekannt sein werden (über die Amish people gab es schon etliche Reportagen und Spielfilme) , so bietet dieses Büchlein doch genügend aktuellen und interessanten Lesestoff, der kurzweilig unterhält.

Das Buch wird zur Frankfurter Buchmesse am 7. Oktober 2010 präsentiert.


War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

Schenken Sie uns ein Like!

»Skizzen aus Washington« von Stefan Koch
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel
oder bei Amazon als
Gebundene Ausgabe


Kommentare

Klicken Sie hier, um Ihren Kommentar hinzuzufügen.

Zu »Skizzen aus Washington« von Stefan Koch wurden 1 Kommentare verfasst:

Marc Schwarzenberger schrieb am 22.09.2010:

Hallo aus New York! Die "Skizzen" habe ich auf dem Hinflug gelesen und muss sagen: eine kurzweilige Lektre. Endlich mal eine unvoreingenommene Sicht auf das Alltagsleben in den Staaten.
Gre in die Heimat von
Marc Schwarzenberger

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top