Rezension zu »Falsche Bilder, Echtes Geld« von Stefan/Tobias Koldehoff/Timm

Falsche Bilder, Echtes Geld

von


Sachbuch · Galiani · · Gebunden · 275 S. · ISBN 9783869710570
Sprache: de · Herkunft: de

Investigativer Journalismus: der Fall Beltracchi

Rezension vom 31.12.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein bisschen Häme kommt schon auf, wenn man "Falsche Bilder, Echtes Geld" der beiden Jour­na­listen Stefan Kolde­hoff und Tobias Timm ge­lesen hat. Denn im größ­ten Fäl­scher­skan­dal auf dem Kunst­markt der Nach­kriegs­zeit wur­den die Super­reichen ab­ge­zockt. Hat es ihnen spür­bar weh getan? Wohl kaum. Nach land­läu­fi­ger Mei­nung ver­mehrt sich ihr Ver­mö­gen im Schlaf, sie nut­zen steuer­liche Schlupf­löcher, in­ves­tieren, wo immer sich eine Rendite bietet. Gemälde haben sich als Alter­native zu Hedge­fonds, Deri­vaten o.ä. und als Fels in der Brandung welt­weiter Abstürze im Jahr 2009 erwiesen. Während wir Normal­bürger mit win­zigen Zins­erträgen gegen die Inflation ansparen, liegen sündhaft teure Kunst­werke in dunk­len Kellern der Schwei­zer Banken, schlum­mern dort als Tresor­aktien, um nach kür­zes­ter Zeit weiter­verkauft zu werden, ohne je das Licht der Öffent­lich­keit gesehen zu haben. Die Gewinn­marge ist nach oben offen.

Während der Fiskus zumeist leer ausgeht, ziehen alle, die diesen Markt bedienen – wie Galerien, Auktions­häuser, Vermittler, Gutachter – mit fetten Provi­sionen nach Hause. Die mannig­fachen Versuchun­gen und die Gier nach dem Geld treiben manche Blüte; die kriminelle Phantasie ist grenzen­los; dem Verbrechen – ob Fälschung, Schwarz- und Drogen­geld­wäsche oder Steuer­flucht – stehen Tür und Tor offen.

Seit 30 Jahren agiert der Künstler Wolfgang Beltracchi auf dem Kunstmarkt. Zusammen mit seiner Frau Helene, der Schwägerin Jeanette und Ge­schäfts­part­ner Otto Schulte-Kellinghaus wusste er die Chancen des Marktes clever für sich zu nutzen. Solange man ein paar Bedingungen einhält, läuft das Geschäft eigentlich risikolos für die Fälscherbande. In einem Umfeld, wo Diskretion oberstes Gebot ist, wo milliar­den­schwe­re Käufer ungenannt bleiben möchten, wo als Fälschung identifizierte Gemälde einfach un­ge­kenn­zeich­net wieder zurück an den Anbieter gehen, ohne dass er mit einer Anzeige rechnen muss, ist es doch geradezu einen Versuch wert, ein bisschen mitzumischen.

Man nehme einen versierten Künstler, der das Handwerk des Malens und die Techniken des Fälschens auf alten Leinwänden mit möglichst zeitgemäßer Rahmung beherrscht. Man suche verstorbene Maler der Moderne aus der zweiten Reihe. Man wähle Titel verschollener Gemälde, die in Werk­ver­zeich­nis­sen ohne Abbildung aufgeführt sind. Man lasse sich seine Fälschung von einem renommierten Kunstpapst mit Expertise als echtes Kunstwerk bestätigen. Und schon ist das Geschäft fast in trockenen Tüchern …

Aus mehreren Perspektiven haben die beiden Zeit-Journalisten Koldehoff und Timm den Fäl­scher­skan­dal des Jahrhunderts auf unterhaltsame Weise beleuchtet. Mit Akribie haben sie Details ans Tageslicht gebracht. Ihr Stil ist faktisch, neutral und frei von jeglicher Verurteilung, so dass sich der Leser seine Meinung selber bilden kann. Neben der Biografie der vier angeklagten Betrüger (der "Beltracchi-Bande") erfahren wir alles, was sich in und hinter dem eigentlichen Geschäft mit Kunst abspielt – über Sammler, Museen, Auktionshäuser, Galerien, Kunsthistoriker. Letzteren fällt eine Schlüsselrolle zu: Ihnen genügt oft nur ein Foto, eine Beschau des Werks von 30 Minuten, um zu einem Urteil zu finden. Ihr Wort gilt, und damit ist dem Oeuvre eine Wertsteigerung sicher. Kaum zu glauben, dass na­tur­wis­sen­schaft­liche Expertisen für millio­nen­schwe­re Werte keineswegs selbst­ver­ständ­lich sind.

Wolfgang Beltracchi, der Mann hinter dem gigantischen Schwindel, muss sage und schreibe sechs lächerliche Jahre für sein Verbrechen einsitzen. Der Prozess vor dem Kölner Landgericht ging im Herbst 2011 nach nur neun Tagen zu Ende. Vierzehn Bilder hat der Maler als Fälschungen von seiner Hand anerkannt; wie viele weitere noch im Umlauf sind und in ein paar Jahren wieder auf den Markt geworfen werden können, dazu hat er fein geschwiegen – ganz nach der Devise, dass Diskretion alles ist …

Während der Ger­ichts­ver­hand­lung erlangte der Name Beltracchi zwar eine gewisse Medien­auf­merk­sam­keit als Fälscher des Jahrhunderts, doch ebenso flott geriet er wieder in Vergessenheit. Wahrscheinlich haben andere längst seinen Platz im alltäglichen business eingenommen, wo doch die Gier der Investoren auf Renditen ebenso groß ist wie die Chance, daran kräftig mitzuverdienen. Ob es dem Kunsthandel wohl ernst genug ist mit dem Wunsch, seiner betuchten Kundschaft mehr Sicherheit zu bieten? Ob es ihm gelingt, von allen seinen Mitgliedern einen dies­be­züg­lichen "Kodex für den Kunsthandel" unterzeichnen zu lassen?

Das Buch endet mit einer Liste aller 84 "Werke von Wolfgang Beltracchi, aus seinem Besitz oder aus seinem Umfeld", darunter die vierzehn, deren Fälschung er selbst eingestand und die Gegenstand des Prozesses waren, solche, die wegen der Ver­jäh­rungs­frist (zehn Jahre) nicht mehr verwertet werden durften, und die vielen, zu denen Beltracchi keine Aussagen machen wollte.

Für ihre Recherchen zum Fall Beltracchi wurden Stefan Koldehoff und Tobias Timm mit dem Prix Annette Giacometti ausgezeichnet, und sie haben den Otto-Brenner-Preis 2012 für Kritischen Journalismus gewonnen.


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