Rezension zu »Die Frau im grünen Kleid« von Stephanie Cowell

Die Frau im grünen Kleid

von


Belletristik · Droemer · · Gebunden · 416 S. · ISBN 9783426198704
Sprache: de · Herkunft: us

Camille und Claude Monet

Rezension vom 17.11.2010 · 21 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die vorliegende Droemer-Ausgabe von Stephanie Cowells Roman "Die Frau im grünen Kleid" hat einen umfangreichen Anhang, der neben Anmerkungen und Danksagungen vor allem eine Übersicht der im Roman erwähnten Bilder mit Angabe der betreffenden Entstehungsjahre und der Museen umfasst. Liest man diese Seiten vorweg, so hat man eine hilfreiche Perspektive auf das Thema des Romans: das Leben Claude Monets. Die Autorin hat intensiv recherchiert und die Biographie des Malers, seinen künstlerischen Werdegang, seinen Freundeskreis, die späteren "Impressionisten", und insbesondere seine Liebe zu Camille Doncieux, seiner ersten Frau, sehr realitätsnah erzählt.

Der Buchtitel ist frei nach einem Gemälde Monets aus dem Jahr 1866 gewählt, das unter den Titeln "Camille im grünen Kleid", "Die Dame im grünen Kleid" oder einfach "Camille" bekannt wurde. Das großformatige Porträt (231 mal 151 cm, Öl auf Leinwand, heute in der Bremer Kunsthalle zu bewundern) zeigt Camille Doncieux in grünem Kleid und Jacke. Dem Maler brachte es wichtige Anerkennung bei den Kritikern, als er es 1866 im Pariser Salon ausstellte, und es gilt heute noch als herausragendes Werk seiner frühen Schaffensphase. Camille (1847-1879) stand Claude Monet (1840-1926) häufig Modell, zum Beispiel für das "Frühstück im Grünen" und für die "Frauen im Garten". Selbst im Sterben wurde sie noch von ihrem Mann porträtiert.

Zum Inhalt des Romans. Drei Jahrzehnte nach Camilles Tod lebt Monet als Siebzigjähriger in Giverny. Er hat ein Haus gemietet und den Traum eines Gartens, der zu allen Jahreszeiten seinen Liebreiz hat, verwirklicht. Am liebsten verbringt er seine Zeit an einem Teich, wo er seine berühmten Seerosenbilder schafft, mit denen er fast nie zufrieden ist – sogar eine mehrfach geplante Ausstellung seines bedeutenden Galeristen Paul Durand-Ruel verschiebt er aus diesem Grund mehrfach. Er schreibt Briefe an Annette, die Schwester seiner liebsten Camille, und bittet sie um Briefe, die Camille einst an eine unbekannte Person sandte, denn er möchte sich endlich manche Geheimnisse aus Camilles Vergangenheit erklären lassen.

Jedem Kapitel stellt die Autorin eine Jahreszahl sowie eine markante Aussage voran, wie zum Beispiel Auguste Renoirs "Wenn Gott keine weiblichen Brüste erschaffen hätte, weiß ich nicht, ob ich Maler geworden wäre" (S. 156).

Dann folgt die Handlung streng chronologisch im Verlauf der Jahre. Anfang 1857 lebt Monet noch in Le Havre bei seinem Vater. Dieser besitzt einen Kolonialwarenladen und ist radikal gegen Monets Wunsch, nach Paris zu gehen, um dort Malerei zu studieren. So geht er mittellos. Zwar schickt ihm seine Tante ein wenig Geld, doch immer wieder muss er in Cafés Menschen ansprechen, ob sie an einem Portrait für kleines Geld interessiert sind. Er lernt Frédéric Bazille kennen, der sein treuester und hilfreichster Freund sein wird, auch in größter Not. Der Kreis wird größer: In den Malschulen trifft Monet Auguste Renoir, Jacob-Abraham-Camille Pissarro, Paul Cézanne, Edouard Manet und andere. Sie alle haben nie genügend Geld, hungern aber eher, als dass sie an Leinwand und Farbe sparen. Sie treffen sich, malen gemeinsam in einem Atelier, wohnen oft in einer Wohnung, bereiten sich auf wichtige Ausstellungen vor. Camille wird später sagen (frei nach den Musketieren, S. 143) : "Un pour tous, tous pour un" – gründet doch eine Gemeinschaft, macht eine unabhängige Ausstellung! Immer wieder erleben sie Enttäuschungen, denn ihre Bilder sind nicht gefragt. Die Menschen lieben den Zeitgeschmack des Realismus. Erst spät wird man ihre Malerei "en pleine air" mit dem Namen "Impressionismus" verbinden – einem Begriff, den ein Kritiker nach einer Ausstellung verwendete, um spöttisch seine abfällige Meinung auszudrücken.

Camille – später sein Modell, seine Geliebte, seine Ehefrau – sieht Claude Monet zum ersten Mal auf einem Bahnhof, wo sie lautstark mit ihrer Mutter diskutiert. Vier Jahre später trifft er sie zufällig in einer Buchhandlung wieder, wo sie für ihren kranken Onkel arbeitet. Monet ist von ihrer geradezu griechisch-klassischen Schönheit so betört, dass er sie bittet, ihm Modell zu stehen. In aller Heimlichkeit – denn sie kommt aus Kreisen der Bourgeoisie – besucht sie ihn im Atelier, und ihre gegenseitige tiefe Liebe ist durch nichts aufzuhalten. Als Camille gegen den Willen ihrer Eltern zu dem Maler zieht, erlebt sie die entbehrungsreichsten Jahre ihres Lebens. Sie sind so arm, dass Claude ihr zur Verlobung einen aus Gras geflochtenen Ring schenkt. Aber er verspricht ihr, dass sie eines Tages in einem Haus mit Garten wohnen werden. Lange leben sie unverheiratet zusammen, selbst als der erste Sohn zur Welt kommt. Sie erleben Höhen und Tiefen – bei Dissonanzen ist Claude unfähig zu malen, und Camille ist immer wieder gemütskrank -, doch ohne den anderen können sie nicht leben, wie zwei Magnete ziehen sie sich an.

Während des Deutsch-Französischen Kriegs verlassen sie 1870 Frankreich und gehen nach London. Dort lernt Monet den Galeristen Durant-Ruel kennen, der ein paar seiner Bilder verkauft. Für eine Weile geht es ihnen etwas besser, aber immer ist das Geld schnell aufgebraucht, und sie müssen zum wiederholten Male ihre Bleibe fluchtartig verlassen und alles Pfändbare mitnehmen.

1879 stirbt Camille im Alter von 32 Jahren. Nach den historischen Quellen war ein Schwangerschaftsabbruch die Ursache, doch die Autorin hat für ihren Roman einen qualvolleren Tod für sie erschaffen.

Wenn man diesen Roman auf das Genre Liebesroman reduziert, so gehört er für mich zu den allerbesten, die ich je gelesen habe. Einfühlsam beschrieben, ohne jeden Kitsch oder Schnulz, erleben wir mit, wie diese beiden Menschen füreinander geschaffen sind und unglaublich entbehrungsreiche Zeiten meistern. Dabei vergessen sie nie ihre Freunde: Ihr Zimmer – Atelier, Schlaf-Wohnraum, alles in einem – ist immer offen für alle. Stephanie Cowell beschreibt das Zeitkolorit, das harte Leben der heute so berühmten Künstler jener Zeit und die historisch wahre Beziehung zweier Menschen fast so, als habe auch sie einen Pinsel in der Hand. So leicht, so farbig, so sonnig, so luftig, so gemütsbetont, im wechselnden Licht von Sonne und Wolken, so "impressionistisch" wie die Malerei ihrer Figuren setzt sie behutsam ihre Striche.

Dieser Roman ist ein Praliné für Liebhaber historischer Romane, aber auch für Kunstinteressierte, die sich anspruchsvoll unterhalten lassen möchten.


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