Rezension zu Stephen Dobyns: »Ist Fat Bob schon tot?«

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Ist Fat Bob schon tot?

Kriminalroman · Bertelsmann · · Gebunden · 464 S. · ISBN 9783570102305
Sprache: de · Herkunft: us

Bewertung: 4 Sterne
Harley verleihen kann Leben retten

Rezension vom 09.09.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Ganz unauffällig firmiert dieser Roman als Thriller und hat doch viel mehr zu bieten als hart­gesot­tene Ver­brechens­szenarien. Stephen Dobyns, 1941 geboren, als wort- und bild­starker Schrift­steller amüsanter Unter­halter und begna­deter Zyniker, variiert das Genre, indem er seinen Beitrag als abstruse, schwarzhumorige Lach­nummer daher­kommen lässt.

Bis es zum ersten Mal kracht, macht uns der souveräne Erzähler fünf Seiten lang mit den Reizen, Be­sonder­heiten und Bewoh­nern des Küsten­städt­chens New London, Con­necti­cut, vertraut. Gewiss könnte er ganze Bücher darüber füllen, denn er beschränkt sich offen­sichtlich nur des­wegen auf das Relevan­teste, »damit es weiter­geht«. Das Wich­tigste in Kürze. Es ist ein lauer Frühlings­morgen im Spät­winter. Tiri­lierende Rot­kehl­chen und dumpf grollende Harleys sind die ersten ver­nehm­baren Boten des nahenden Früh­lings. Mensch und Tier zieht es ins Freie, und schon laden die ersten vor­witzigen Tisch-und-Stuhl-Arrange­ments zum Snack im Freien.

»Es wäre falsch, zu sagen, es sei ein guter Tag zum Sterben, aber gewiss kann man sich schlechtere vorstellen«, stimmt uns der Erzähler auf das ein, was unver­meidlich kommen muss, aber ihn keines­wegs nötigt, eine tristere Tonart anzu­schlagen. So fährt er mit unver­änder­ter Lust an Farben und Formen, makabren Details und vorgeb­lich knochen­trocke­nem Fabu­lieren fort, uns die wenigen Sekunden eines ent­setz­lichen Unfalls und seiner gruse­ligen Folgen auszu­malen.

Ein Lastwagen setzt aus einer Ausfahrt zurück, crasht in die Laden­front auf der anderen Straßen­seite, so dass ein heran­brausen­der Harley-Fahrer an Bremsen nicht einmal mehr denken kann. Fataler­weise flutscht die untere Hälfte des Kraft­rads und seines Fahrers unter dem LKW-Chassis hin­durch, während der Kipper­aufbau beider höher­gelegene Teile abrupt zum Still­stand bringt, soweit sie sich nicht auf der Fahr­bahn und weit darüber hinaus ver­streuen oder ver­schmieren. Augen­zeugen sind zunächst einmal darauf konzen­triert, ihres Brech­reizes Herr zu werden und Blut­spritzer von ihrer Kleidung zu tupfen.

Einer von ihnen ist Connor Raposo, 25. Trotz der chaoti­schen Umstände erspäht er am Rand­stein eine nunmehr herren­lose Harley-Kappe, mit rotem Satin gefüttert und mit dem hand­schrift­lichen Namens­zug »Marco Santuzza« gekenn­zeich­net. Aus welchen Gründen auch immer nimmt Connor das gute Stück, das der Polizei die Identifi­zierung des Bikers verein­facht hätte, an sich.

Ein weiterer Zeuge ist der im Viertel prominente Obdach­lose Fidget, von klapper­dürrer Gestalt, mit meist getrübten Sinnen und wechseln­den fantasie­reichen Körper­wahr­nehmun­gen. Aktuell plagt ihn ein lästig hinter ihm bau­melnder, andert­halb Meter langer Schwanz, als sei er eine Ratte. Ansonsten ist Fidget umtriebig wie eh und je, um nichts zu über­sehen, das er zu Geld machen könnte. Am blutigen Unfall­ort ist sein Stöbern aller­dings unwill­kommen. »Verpiss dich hier, du Sack­gesicht«, pfeift ihn einer der drei Polizisten an, die sich mühen, die Stätte des Schreckens zu sichern und den Hergang der Katastrophe zu erfor­schen.

Detective Benny Vikström hört von dem überge­wichtigen LKW-Fahrer Leon Pappa­lardo, er sei mit seinen monster­großen Füßen vom Brems­pedal abge­rutscht. Kollege Manny Streeter erfährt von einem der Gaffer, die aus allen Löchern herbei­geeilt sind, dass ein Typ mit Elvis-Locke dem Trucker zuge­wunken habe. So eine Geste – wenn sie denn tatsäch­lich ausge­führt wurde – ließe Raum für Inter­pretation. Ist hier womög­lich ein hinter­hältig und kalt­blütig geplanter Mord geschehen?

So verkorkst wie der Un- (oder Mord-?) -fall ist auch das Gespann Streeter/Vikström, das nun ermitteln muss. Die beiden fechten einen erbitter­ten Psycho­krieg aus und treiben einander unter­schwellig zur Weißglut. Auslöser war, dass Ehrgeiz­ling Manny der Begeis­terung für sein Karaoke­hobby freien Lauf ließ, von Benny, dem Bauch­gefühl­ermitt­ler, bei einer musischen Abend­einladung jedoch nur unge­bändig­tes Gelächter erntete.

Derlei schräge und zumeist üble Typen bevölkern den Thriller mit Unter­haltungs­wert in großer Zahl. Dem einen oder anderen unter ihnen ist es nicht vergönnt, den Plot zu über­leben, und irgend­wie hängen die Todes­fälle mitein­ander zusam­men. Um das genauer zu durch­schauen, geben sich die beiden Ermittler redlich Mühe. Sie schauen sich tapfer die grauen­haftes­ten Tatorte an und vernehmen Zeugen, die es mit der Wahr­heit nicht so genau nehmen (nicht einmal mit ihren wech­selnden Namen), dreist lügen oder schlicht nichts wissen.

Während die Detectives die »Kausalitäts­ketten auf- und abwärts« knüpfen, ohne einen Schritt voran­zukom­men, gewährt der Autor dem Leser einen Erkenntnis­vorsprung. Immer mal wieder meldet sich der Erzähler als Person zu Wort, um den Fort­gang der Handlung zu kommen­tieren. Ist es nicht zutiefst beein­druckend, wenn der – nach eigenem Bekunden – beste unter vielen Schreiber­lingen Handlung und Figuren für uns mit der »apo­phati­schen Theologie« verquickt, die ja darauf hinaus­läuft, »dass wir nichts über Gott wissen«? Am liebsten kokettiert dieser allwis­sende Erzähler als großer Relati­vierer oder gleich als Gar­nichts­wisser. Das pingelig sezierte Äußere eines Menschen, seine Gesten oder seine Mimik als eindeutigen Ausdruck seiner Seelenverfassung oder seines Charakters zu deuten, das ist ihm unmöglich. Wir »könnten« doch nach­haken, aber »wichtig ist es nicht«; dann weckt ein skepti­sches »so einfach ist das« unsere Zweifel, ein schlichtes »viel­leicht ...« oder ein resignie­rendes »wir wissen es nicht«.

So belässt er viele Charaktere bis zum Schluss schwer durch­schau­bar wie das Leben. Beispiels­weise Connor: einer­seits aufrecht, von Schuld­gefühlen geplagt, anderer­seits ein gut organi­sierter, kreativ abzockender Charity-Betrüger.

Oder »Fat Bob«, dessen Spitznamen sein Harley-Modell bezeich­net und den Buch­titel ziert: Eigentlich wäre er von Leons Laster halbiert worden, hätte er seine Maschine nicht an einen Kumpel verliehen. Die Titel­frage – »Is Fat Bob Dead Yet?« Stephen Dobyns: »Is Fat Bob Dead Yet?« bei Amazon (wie das ganze Buch von Rainer Schmidt über­setzt) – bleibt offen bis zum letzten Atemzug – will heißen: bis zur letzten Seite.


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