Rezension zu »Die Hungrigen und die Satten« von Timur Vermes

Die Hungrigen und die Satten

von


Damit sie Europa nicht überfluten, hält die internationale Politik eine Million afrikanischer Flüchtlinge in einem Lager südlich der Sahara zurück. Das Team eines Privatsenders reist dorthin, um mit spektakulären Szenen Quote zu machen. Der Megahit gelingt, als man einen gigantischen Treck nach Deutschland organisiert.
Satire · Eichborn · · 512 S. · ISBN 9783847906605
Sprache: de · Herkunft: de

Sie laufen und laufen und laufen

Rezension vom 26.10.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Eins muss man Timur Vermes lassen: Er hat einen zuverlässigen Instinkt, große Themen aufzuspüren, die den Leuten am Herzen liegen und über die sie gerne und kontrovers diskutieren. War es vor sechs Jahren der wieder­erwachte Nazi-Kult, sind es jetzt »die Flüchtlinge«. Als nächstes käme vielleicht »die Altersarmut« in Betracht oder »die Spaltung der Gesell­schaft«. Diese Themen sind komplex genug, um darüber trefflich zu streiten, aber auch auf griffige Thesen zu reduzieren. Und daraus kann man dann spannende, schillernde Plots stricken, wenn man dafür ein Talent hat wie Vermes.

Polarisierung steckt schon im Titel, und der verheißt nichts Gutes. »Die Hungrigen und die Satten« – das klingt nach Leiden und Luxus, Fordern und Verweigern, Caritas und Krieg. Kann man aus so einem Stoff – der traurigen Geschichte von Menschen, die vor dem Verhungern, vor Armut, Gewalt, Bomben und Unter­drückung aus ihrer Heimat fliehen – eine bissige Groteske schneidern, die verwöhnte Lesermassen unterhält, ohne das Problem zu verharm­losen?

Timur Vermes kann es, aber ohne Schluckbeschwerden ist sein neuer Roman nicht zu konsumieren.

Der Plot spielt einerseits mit politischen Visionen, von denen manche heute sehnsüchtig träumen (ganz wie bei »Er ist wieder da« [› Rezension]). Erstens: Die Dauer-Kanzlerin Angela Merkel ist in den Ruhestand befördert worden. Zweitens: Deutschland hat eine Obergrenze für Asyl­suchende eingeführt. Drittens: Europas Grenzen sind dicht. Viertens: Südlich der Sahara hat man mit finan­zieller Hilfe der Vereinten Nationen gigantische Zeltlager errichtet, um den Zustrom nach Norden aufzustauen. Den politischen Diskurs über diesen trostlosen Konflikt und seine Aus­wirkun­gen führt Vermes in seiner Fiktion ernsthaft und überzeugend. Angesichts des wie eine Walze auf Deutschland zurollenden Flücht­lings­stroms bilden sich radikale Bürger­wehren und radikale rechte Gruppen. Die Regierung ist überfordert, die Parteien werden abgestraft. Wenn man bedenkt, dass Vermes sein zweites Buch über Jahre hin konzipiert hat, muss man seine Hell­sichtig­keit, in welche Richtung sich ›die Flücht­lings­krise‹ entwickeln wird, bewundern.

Aber der Autor bringt eine zweite Schiene ins Spiel, nämlich die Art und Weise, wie private Massen­medien die dramatische Lage für ihre Zwecke in Beschlag nehmen. Leider kommt damit reichlich Klamauk auf den Tisch.

Nadeche Hackenbusch heißt die Frontfrau der Doku-Serie »Engel im Elend«. Die Moderatorin steht für »ehrliches Engagement«, woran ihr Wesen (ein bezaubernd naives bzw. dümmliches Püppchen) und das Sendungs­logo (eine Häsin in Latzhose mit etwas zu großen Brüsten) ein wenig zweifeln lassen. Der Vorschlag, die nächsten Folgen live aus dem größten Flücht­lings­lager der Welt in Afrika zu senden, löst bei ihrem Produzenten Sensenbrink Begeis­terungs­stürme aus. Das ist »Authen­tizität« pur, wenn die Zuschauer mit dem Engel aus Deutschland ins Elend eintauchen und es förmlich riechen können. »Wir müssen dahin, wo es wehtut.« So etwas spült sagenhafte Quoten und Werbe­einnah­men in den Sender­konzern, und auch die Sponsoren freuen sich über Publicity durch Produkt­platzie­rung.

Bald jettet Nadeche nach Süden, begleitet von ihrem Techniker-Tross und Astrid von Roëll, Reporterin des Haupt­sponsors, einer Zeitschrift für die moderne, durch­setzungs­fähige Frau. Man cruist im klima­tisier­ten pink­farbe­nen Zebra-Auto durch die unüber­schau­bare Zeltstadt (eine Million Bewohner) und hält Ausschau nach passenden Locations und einem smarten Mittler vor Ort. Dank Youtube-Video spricht sich in Windeseile bis zu den Ärmsten der Armen herum, dass ein hilfreicher deutscher Engel (»Malaika« auf Suaheli) in die Ödnis einge­schwebt ist, und die Nachricht weckt Ambitionen: Als Helfer lässt sich vielleicht etwas Geld verdienen, und wer weiß, ob sich am Ende nicht ein Schlupfloch nach Deutschland auftut.

Beim Casting für den heiß begehrten Job des Guide setzt sich der hellhäutige Salif durch, ein 24-jähriges Naturtalent subtiler Manipu­lation im eigenen Interesse. Geschickt bedient er alle Erwartungen. Er macht sich ein paar Jahre reifer, behauptet, mit Dialekt­kennt­nissen dienen zu können, und besticht mit Weisheiten, deren Sinn die Fernseh­leute auch durch Googeln nicht ergründen. »Let me help you under­stan­ding Africa … Africa is like a woman«, raunt er, und auf die Frage nach seinem Namen säuselt er: »Der Name eines Mannes bedeutet dem Löwen nichts.« Fortan nennt man ihn Lionel, er lächelt dazu und gewinnt alle Herzen, vor allem Nadeches.

Wer hätte gedacht, dass so ein Lager als Absatzmarkt für Nadeches daheim lahmende Mode­kollek­tionen (Push-ups, Bling-Bling-Sneakers) interessant sein könnte? Anderer­seits scheut sich »Malaika« nicht, Frauen beim Sammeln von Brennbarem in der Wüste zur Hand zu gehen. Die anwesenden Medien­vertre­ter stilisieren das als »selbstlose Arbeit« zwischen »Elend, Not und Gewalt«, und folge­richtig leiden die Zuschauer mit dem Opfer solch erbärm­licher Lebens­um­stände: »Wie erträgt das Nadeche Hackenbusch?«

Während Lionel stets im Fokus der Kameras agiert (ein Techtel­mechtel mit Nadeche wäre der Knüller überhaupt, aber die beiden haben gegen­läufige Träume), verdient »Gangboss« Mojo im Verborgenen an allem mit. Seine große Stunde schlägt, als die Fernseh­macher den nächsten Kracher zünden. Lionel und Nadeche (die an ihren Aufgaben wächst) organi­sieren einen Treck von 150.000 Flücht­lingen gen Europa, genauer: nach Deutschland. Zuschauer kleben an den Bild­schir­men, die Auflage von Astrids Zeitschrift explodiert, und auf einem Bankkonto irgendwo gehen Millionen ein, da jeder Teilnehmer am Zug via Smartphone fünf Dollar pro Tag überweist. Die Berliner Regierung kann den vierzig Kilometer langen Zug in der Ferne nicht ignorieren, und viele Bürger erwarten beherztes Ein­schrei­ten, bevor die stetig wachsende Menschen­schlange vor ihrer Haustür eintrifft.

»Die Hungrigen und die Satten« ist eine relevante und aktuelle, bitterböse Gesell­schafts­groteske, die in satirischer Überzeichnung Missstände anprangert und zum Nachdenken über Verant­wort­lich­keiten, unser Men­schen­bild, die Mög­lich­keiten, Chancen und Pflichten der Politik einlädt. Leider setzt ihr Autor oft allzu sehr auf die billige Wirkung ober­fläch­licher Gags und gängiger Stereotypen: Grüne Politiker fahren dicke Autos, arme Menschen sind schlicht und gut, reiche überheblich, gierig und dumm. Das amüsiert und entlarvt ein bisschen, verliert aber bald seinen Reiz.

Bis weit über die Schmerzgrenze hinaus walzt Vermes Nadeches Primitivst-Englisch aus, das ihr deutsches Geplapper Wort für Wort durch halbwegs englische Vokabeln ersetzt. »I have noch never a man how you founded«, schmachtet sie Lionel, »a man and a human«, an. »This is the first mall I do what real senseful.« Erschüttert von den Zuständen in einer Kranken­station verspricht sie Hilfe: »This must other go … I swear.« Schon nach wenigen sprach­lichen Tief­schlägen dieser Art wünscht man sich eine Stummschalt-Taste oder Schwär­zungen im Buch. Ähnliches gilt für das Privat­fernseh-Bashing. So berechtigt es ist, die Geschäfts­metho­den bloßzu­stellen, die Maske vorgeb­licher Menschen­freund­lich­keit zu zerfetzen und die Niveau­losig­keit der Lächer­lich­keit preiszu­geben, so geht, was man eine ganze Weile als spritzig und lustig überzogen genießt, nach zig dümmlichen, viel zu breit ausgekauten Dialogen mehr und mehr auf die Nerven. Doch zu den Öffentlich-Rechtlichen wegzappen geht ja nicht …

Einem Reporter der Qualitätspresse, der die tägliche Doku »Engel im Elend« »noch vor acht Wochen nicht mit dem Arsch angesehen hätte«, gewährt Produzent Sensenbrink ein aus­führ­liches Interview. Zum Abschluss feuert der Journalist die spannende Frage ab: »Wie wird die Sendung enden?« So viel darf hier angedeutet werden: mit einem unfass­lichen Fiasko an der österrei­chisch-deutschen Grenze, dreh­buch­reif als großes Kopf-Kino geschildert. Wenigstens dann ist Schluss mit jeder Blödelei.


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