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Rezension zu »Nachtauge« von Titus Müller

Nachtauge

von


Historischer Roman · Blessing · · Gebunden · 480 S. · ISBN 9783896674586
Sprache: de · Herkunft: de

Ungeschoren kommt keiner davon

Rezension vom 18.10.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Gezüchtigt werden sollten sie, die unnachgiebigen Aggressoren. Mit einem Peit­schen­hieb wollten die Bri­ten der deutschen Rüstungsindustrie die Le­bens­grund­la­ge aus der Hand schlagen: ihre Strom- und Wasser­versorgung. Wenn es ihnen gelänge, die Stau­mauern von sechs Talsperren im Ruhrgebiet und Hessen in einer Aktion zu zerstören, wäre das wirt­schaft­li­che Herz Nazideutschlands getroffen, die Rüstungsmaschi­nerie kraftlos und zum Erliegen gebracht, das Ende des schrecklichen Krieges näher gerückt.

Doch wie sollte eine solch umfassende und präzise Zerstörungsarbeit mitten im Feindesland geleistet wer­den? Nur die Royal Air Force war dazu in der Lage. Man entschied sich für eine ebenso raffinierte wie schwierig zu beherrschende Technik: Für diesen Zweck umgebaute schwere Lancaster-Bomber sollten speziell entwickelte Rotationsbomben dicht über der Wasseroberfläche abwerfen, damit sie hüpfend wie flache Kieselsteine ihr Ziel erreichen: die Staumauer. In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 wurde die »Operation Chastise« (»züchtigen«) ausgeführt.

Kaum waren die Talsperren der Eder und der Möhne gesprengt, ergossen sich gewaltige Flutwellen übers Land und ertränkten zwischen 1300 und über 2400 Menschen, darunter eine große Zahl Zwangsarbeiterin­nen und alliierte Soldaten in Kriegsgefangenenlagern. Auf britischer Seite starben 53 von 133 beteiligten Soldaten. Im Nachhinein erwies sich die als bravouröses Husarenstück gefeierte »Operation Chastise« als zwiespältiges Unterfangen.

Vor diesem historischen Hintergrund spielt Titus Müllers Spionage- und Kriegsroman »Nachtauge« auf den Schauplätzen London und Neheim (nahe der Möhnetalsperre im Ruhrgebiet). Aufschlussreich ist der An­hang mit (elementaren) Erläuterungen zu Ideologie, Propaganda, Lagern, Agentinnen und schulischer Er­zie­hung im Zweiten Weltkrieg, illustriert durch Quellen (z.B. Tagebucheinträge von Schülerinnen und des Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­ters Goebbels).

In Neheim hat Axel Rottländer seine Beziehungen als Kriminalinspektor der Geheimen Staatspolizei spie­len lassen. Deshalb hat Schwager Georg jetzt einen Posten an der Heimatfront, anstatt womöglich vor Sta­lin­grad zu kämpfen oder gar, wie so viele andere, erfroren zu sein. Rottländer hat ihm den Ausweg nicht etwa aus Nächstenliebe verschafft, sondern nur seiner Ehefrau Anneliese zuliebe, die ihn mit ihrer Fürsor­ge fast erstickt und sich auch um ihren Bruder unerträgliche Sorgen macht.

Doch Georg fordert sein Schicksal geradezu heraus. Spaziert er doch am Osterfeiertag in aller Öffentlich­keit mit einer Zwangsarbeiterin aus dem Osten durch die Stadt. Dabei hat ihn die Gestapo wegen voraus­gegangener wehrkraftzersetzender Vorfälle längst in ihre Verdächtigenkartei aufgenommen. Bald wird Rott­län­der schlimme Konsequenzen für Georg nicht mehr verhindern können – wenn er nicht sogar ge­zwun­gen sein wird, selber aktiv zu werden, um nicht sich und seine eigene Familie in den Abgrund zu zie­hen.

Georg Hartmann, 31, ehemaliger Lehrer an der Höheren Schule, ist Leiter des örtlichen Lagers für Zwangs­ar­bei­te­rin­nen, im Volksmund »Russinnenlager« genannt. Mehr als zweihundert Frauen leben in not­dürf­tig eingerichteten Baracken auf engstem Raum, bewacht von Soldaten, die beim ersten Fluchtver­such von der Schusswaffe Gebrauch machen. Sämtliche Kosten für Transport, Desinfektion, ärztliche Un­ter­su­chung, Er­näh­rung und Unterkunft übernimmt die Firma Trögelkind & Winkler und erwartet als Ge­gen­leis­tung zu­ver­läs­si­ge Arbeit bei der Munitionsherstellung.

Wenn ein Lastwagen neue Frauen vom Bahnhof herbringt, nimmt Georg sie auf und weist sie in die Lager­ordnung und ihre Aufgaben ein. Während sich die meisten in ihr Schicksal fügen, verhält sich Nadjeschka aus der Ukraine von Anfang an widerborstig. Sie kann weder begreifen noch akzeptieren, dass man sie hier gefangen hält und dass sie für Hunger und Not auch noch brav arbeiten soll. Mit ihren Leidensgenossinnen steht sie am Förderband in einer stinkigen Giftwolke und muss Schwefel in Patronenhülsen einfüllen. Dann entstehen tödliche Geschosse daraus, um Feinde umzubringen – vielleicht ihre eigenen Angehörigen und Freunde, die als Soldaten auf russischer Seite kämpfen! Mehrmals verursacht Nadjeschka wegen ihrer Auf­müp­fig­keit Unruhe im Lager und wird dafür mit Einzelhaft bestraft. Insgeheim trägt sie sich mit Flucht­ge­dan­ken. Doch bis es soweit ist, sabotiert sie die Fließbandproduktion, wo immer sie kann.

Immerhin hat Nadjeschka in Georg Hartmann einen ungewöhnlichen Lagerleiter angetroffen. Er hat es ge­schafft, Distanz zum Regime zu halten, seine Menschlichkeit zu bewahren. Schon als Lehrer hat er seine Schüler nicht im Sinne der neuen Machthaber indoktriniert, nie ist er der Partei beigetreten. Jetzt schickt er ständig Anfragen an die Deutsche Arbeitsfront, um für seine hart arbeitenden, ausgemergelten Frauen we­nigstens ein paar Kartoffeln mehr zugeteilt zu bekommen. Die renitente Neue vergrößert nur seine Sorgen. Als Nadjeschka bei einem Fluchtversuch ihr Leben aufs Spiel setzt, lässt er sie zu sich bringen und befragt sie eingehend. Sie ist am Boden zerstört und gesteht ihm ihre persönliche Schuld am Tod einer Lagerinsas­sin. Schon bei der ersten Begegnung fühlte Georg sich hingezogen zu dieser besonderen, willensstarken Frau; jetzt ist er beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Offenheit. »Niemand kommt durch den Krieg, ohne schuldig zu werden«, tröstet er sie, und indem er sie schützend umarmt, schöpft sie vorsichtig Vertrauen. Ihr Geständnis wird er nicht an die Gestapo melden.

In London lebt die Bevölkerung derweil schon seit Jahren in Angst und Schrecken vor dem »German Blitz«. Die deutschen Bombardements richten gewaltige Zerstörungen an, und die Menschen halten ständig ge­pack­te Koffer und Gasmasken griffbereit, um mit so vielen anderen Bewohnern schnell die Luftschutz­räu­me zu erreichen, wenn die Sirenen gellen. Auch Eric Knowlden ist mit Ehefrau und zwei Kindern mit­ten in der Menge, die in Panik zu den Eingängen drängt, manche stürzen auf den Treppen, werden zu Tode ge­tram­pelt, als sich eine Lawine von Körpern in den Keller ergießt. Knowldens Familie wird auseinander ge­ris­sen, aber alle kommen mit dem Schrecken davon. Während Knowlden den Überlebenden und bei den Auf­räum­ar­bei­ten hilft, wo er kann, wächst seine Wut auf die Deutschen. Am liebsten würde er es ihnen als Pilot in direktem Luftkampf zeigen, doch auch in seinem Beruf kann er seinem Land helfen: Er ist Ge­heim­dienst­ler in Diensten des MI 5, und das Beste, das er zum Erfolg seiner Regierung gegen den deut­schen Gegner beitragen kann, ist, endlich »Nachtauge« zu finden, die deutsche Agentin, die sich irgendwo in London aufhält und per Funk alles über die neuesten Techniken der Royal Air Force an die deutsche Aufklärung meldet.

Titus Müller erzählt die beiden fiktiven Handlungsbahnen auf historischer Grundlage zunächst alternie­rend. Erst gegen Ende kreuzen sich die Wege, als der britische Angriff auf die Talsperren niedergeht und Axel Rottländer seiner Rolle als Gestapo-Mann gerecht werden muss: »Die Hure kommt nach Bergen-Bel­sen ins KZ, und du, Georg, bist ein Volksverräter und wirst gehängt.« Obwohl Rottländer am Tag zuvor in der Flut­ka­tas­tro­phe seine Familie verloren hat, steht er schon wieder stramm, um für Ordnung zu sorgen, wie es dem Regime dient. Für so viel vorbildliche Pflichterfüllung wird er von Rüstungsminister Albert Speer bei seinem Ortstermin persönlich belobigt: »Wenn alle Deutschen so eingestellt wären wie er, hätten wir den Krieg bereits gewonnen.«

Müllers Roman »Nachtauge« nimmt den Leser auf ganz besondere Weise gefangen, denn der Autor ver­wendet viel Sorgfalt darauf, das Zeitkolorit, den Alltag zu schildern. Kinder stehen Schlange vorm italieni­schen Eissalon »Dolomiti«; heiß erwartet wird der Zirkus Sarrasani, der bald seine Zelte aufschlagen und die Menschen mit Tierbändigungen, Akrobatik und Clownerien in den Bann schlagen und für kurze Zeit aus ihrem tristen Alltag entführen wird. Derweil greift ihr Land die Welt an, erklärt ganze Völker zu »Un­ter­men­schen«, nimmt sie gefangen, um sie wie Tiere zu halten und bis zur völligen Entkräftung arbei­ten zu lassen oder gleich zu vernichten. Wie gehen die Bürger mit den unübersehbaren Widersprüchen, den schrei­en­den Ungerechtigkeiten, den Grausamkeiten, die selbst in ihrer Nachbarschaft wahrzunehmen sind, um? Das Spektrum der Möglichkeiten erfasst Müller in winzigen authentischen Szenen, die den Hand­lungs­fort­gang bebildern, und in Gestalt seiner lebensnah gezeichneten Protagonisten verschiedenster Cou­leur: der aufrichtige, charakterstarke Ex-Lehrer Georg Hartmann; die mutige Nadjeschka, emotional zwi­schen Miss­trau­en und Zuneigung schwankend; der feige Karrierist Axel Rottländer, dem es am Ende nur darum geht, das eigene Leben zu retten. Die Figuren auf britischer Seite wirken dagegen einheitlicher; sie stehen nicht unter dem Druck eines totalitären Systems, das sie zu einer Positionierung zwischen Mitma­chen und Wi­der­stand zwingt.

Mancher lässt es dabei bewenden, sich und andere mit leisem, kritischem Humor zum Nachdenken zu ani­mieren. Immer wieder tauchen in Kneipen und anderen alltäglichen Begegnungsstätten Streichholzschach­teln auf, in denen Zettelchen mit mehr oder minder subversiven gereimten Botschaften versteckt sind: »Lieber Tommy, fliege weiter, hier wohnen nur die Ruhrarbeiter. Fliege weiter nach Berlin, die haben alle ›Ja‹ geschrien.« Das tröstet zumindest in der Not: »Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, erst geht der Führer und dann die Partei.«

Nachtrag vom 21.10.2014: Lesen Sie hier, wie der Autor Titus Müller unsere Rezension beurteilt.


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