Rezension zu »Die wir liebten« von Willi Achten

Die wir liebten

von


In kraftvollen Bildern lässt der Autor den Mikrokosmos ländlichen Lebens in den Siebzigerjahren aufleben und zeichnet gleichzeitig ein bedrückendes Soziogramm der Nachkriegszeit. Zwei Brüder müssen sich schmerzvoll einen Weg zwischen scheinbarer Idylle, Umbruch und den üblen Schatten der Vergangenheit erkämpfen.
Belletristik · Piper · · 384 S. · ISBN 9783492059947
Sprache: de · Herkunft: de

Eine Welt neben der Welt

Rezension vom 17.07.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Auf den ersten Blick reiht sich dieser Roman ein in die Reihe derer, die in den letzten Jahren das Lebens­gefühl der frühen Bundes­republik detail­getreu, mit viel Zeit­kolorit und einem Schuss Melan­cholie beschwö­ren. Doch der Eindruck dieser scheinbar nostalgi­schen Ober­fläche trügt. Darunter geht der Autor gesell­schaft­lichen Miss­ständen nach, die Jahr­zehnte lang vertuscht wurden, obwohl sie Tausenden von Menschen lebens­langes Leid gebracht haben. Dies ist ein gesell­schafts­politi­scher Roman, der gleich­wohl durch seine einfühl­same, bild­starke Erzähl­kunst besticht. Das gibt es nicht oft.

Willi Achten wurde 1958 in Mönchengladbach geboren und wuchs in Nieder­krüchten-Elmpt am linken Nieder­rhein auf. Er kennt aus eigener Anschau­ung die Gegend und die Zeit, in der seine fiktiven Figuren leben. Das sind vor allem die Brüder Edgar und Roman Wollissen, die mit ihren Eltern, der Groß­mutter, einer Groß­tante und einem unver­heira­teten kriegs­ver­sehrten Vetter der Groß­mutter unter einem Dach wohnen. Roman, zu Beginn zwölf Jahre alt, ist robuster, mutiger, auf­müpfiger und voller Flausen. Edgar, elf, macht alles mit. Die Handlung, die er aus der Rückschau erzählt, trägt sich 1971 bis 1976 zu.

Die frühen Siebziger waren eine Phase politischer Krisen, des Auf- und Umbruchs. Viele mehr oder weniger bedeut­same Ereig­nisse aus Politik und Kultur kolo­rieren Willi Achtens Roman, obwohl die Wollis­sens in ihrer provin­ziell-biederen Parallel­welt von all dem (Ost­politik, RAF-Terro­rismus, Fahr­verbote, Rede­schlach­ten im Bundes­tag, Hippies, Rock­musik …) kaum tangiert werden. Nur wenn die Kampf­jets von den briti­schen Militär­flug­plätzen in der Nähe übers flache Land donnern, ist nicht zu überhören, dass der Frieden fragil ist.

Das erste der drei Kapitel schildert, was man für den Inbegriff eines sorglosen Kinder­para­dieses auf dem Lande halten möchte. Doch von Beginn an brechen kleine Risse auf. Dem jugend­lichen Taten­drang der Jungen werden kaum Grenzen gesetzt, und so schlagen sie ordent­lich über die Stränge. Nicht einmal wenn sich Nachbarn über frag­wür­dige Streiche beschwe­ren, können sie Vater Emils lang­mütiges Wesen sonder­lich aus der Ruhe bringen. Ihm liegt das Florieren seiner Bäckerei am Herzen, er liest gern (Heinrich Böll), begeis­tert sich für das frische Spiel der auf­streben­den Kicker aus Mönchen­glad­bach und ist sich im Übrigen selbst genug. Mutter Gertrud arbeitet tagsüber in ihrem Lotto­geschäft, führt abends die Bücher und den Haushalt und ist damit ausge­lastet. Einzig die Groß­mutter schenkt den Jungen Zeit und Liebe, und sie hält schützend ihre Hand über alles, was die beiden anstellen.

Im Hause Wollissen nimmt somit keiner wahr, wie die Buben zusehends den Halt verlieren, die Idylle zerbrö­ckelt und sich eine Schlinge zuzieht: Der gestrenge Dorf­poli­zist Buhnke hat die Jungen ins Visier genom­men und das Jugend­amt infor­miert.

Die emotionale Distanz in seiner Familie registriert Edgar mit kind­licher Sensibi­lität, und diffus spürt er auch die Tragweite des Zwischen­falls beim Tanz in den Mai, mit dem das Schicksal seinen Lauf nimmt: Vater wendet sich der attrak­tiven Tier­ärztin zu, zieht zu Hause aus, Mutter betäubt ihre Ver­zweif­lung mit Alkohol. Das alles bleibt Episode, die Eheleute trennen sich nicht, aber die Aus­wirkun­gen auf die Söhne sind gravie­rend. Die Katas­trophe bricht herein, als die Groß­mutter, die engste Vertraute, ihrem Krebs­leiden erliegt und die unkon­trolliert irrlich­ternden Jungen sich selbst über­lassen bleiben. Buhnke verpasst ihnen den Stempel »verwahr­lost« und »asozial«, die Jugend­amts­mit­arbei­terin erledigt das Formale, bis das Jugend­gericht die Einwei­sung des Brüder­paares in eine nahe­gele­gene katho­lische Erziehungs­anstalt anordnet.

Was sich in jener Institution zuträgt, erwartet uns in der zweiten Roman­hälfte, und es ist eine wahre Hölle, wie man sie kaum mehr für möglich gehalten hätte in einer Zeit, die doch bereits von Zeichen der Aufge­klärt­heit und der Moderne geprägt scheint. Aber wer mag schon nach­schauen, was sich hinter den Wänden eines von Nonnen geführten, also »frommen« Heimes voller wider­spens­tiger Zöglinge abspielt? So konnten in einem abge­schot­teten Reservat Charak­tere und Methoden aus finsteren Jahr­zehnten überleben, die den jugend­lichen Schutz­befoh­lenen lebens­lange Traumata bescheren. Im Jahr 1976 kommen die beiden Wollis­sen-Brüder einem Schlüssel­geheim­nis auf die Spur, stellen mutig einen Verant­wort­lichen und können schließ­lich fliehen.

Willi Achtens fiktionale Handlung hat einen historischen Ort. Der Franzis­kaner­orden begrün­dete um 1912 das St. Josefs­heim Waldniel, einen weit­läufigen Komplex aus Kloster, Kirche, Schule, Werk­stätten, Wohn- und Verwal­tungsge­bäuden, wo bis zu sechs­hundert behin­derte und lern­schwache Menschen betreut wurden. Mit der Macht­über­nahme des NS-Regimes galten die Insassen als »unwertes Leben«, wurden für medizi­nische Versuche miss­braucht, zwangs­sterili­siert oder unter dem euphemis­tischen Begriff »Gnaden­tod« umge­bracht.

Bereits 1962 sammelt die katholische Kirchen­gemeinde Erkennt­nisse über die beschä­mende Vergangen­heit der Anstalt, einige Jahre später wird im Stillen ein Gedenk­kreuz erichtet, aber erst im Jahr 2010 rüttelt eine offi­zielle Publi­kation eine breitere Öffent­lich­keit auf und inspi­riert auch Willi Achten zu seinem Roman. Darin schildert er nicht etwa die unmensch­lichen Vorgänge während der Nazi-Zeit, sondern Gescheh­nisse lange danach. Viele der NS-Ärzte und Pflege­kräfte waren nämlich in ihren Ämtern verblie­ben, und zwar unter Beibe­haltung ihrer Gesin­nung, Arbeits­weise und Aufgaben. Teils im Auftrag der Pharma­indus­trie wurden Patienten weiter­hin für Versuche »benutzt«.

Während es also erste Bemühungen gab, die national­sozialis­tischen Greuel in der »Kinder­fachab­teilung Waldniel« aufzuar­beiten, agierte am selben Ort immer noch Personal aus jener Zeit, teil­weise in maßgeb­lichen Posi­tionen. So bekommen Edgar und Roman Wollis­sen im »Gnaden­hof« (so der viel­sagende Name der Anstalt im Roman) drako­nische Erziehungs­methoden zu spüren, die zum allei­nigen Ziel haben, die fehlge­leiteten Jungen durch Härte, Demüti­gung, Bestra­fung, Mangel und Mitleid­losig­keit zu brechen. In krat­zender Anstalts­kleidung und mit rasier­tem Schädel werden sie und ihre Leidens­genossen mit sadisti­scher Willkür miss­handelt.

Komplette Isolation ist Teil des unmensch­lichen Konzepts. Zwar schreiben die Jungen verzwei­felte Briefe an ihre Eltern und berichten über tägli­chen Hunger, Strafen wie Folter und Zwangs­arbeit statt Schul­unter­richt, aber nie erreichen sie ihre Adres­saten. Gleich­zeitig werden die Anträge der Eltern auf Kontakt zu ihren Kindern vom Jugend­amt abge­lehnt: So etwas sei »nicht erzie­hungs­förder­lich«.

Kaum nachvollziehbar, kaum glaublich die Divergenz des Zeit­gesche­hens – dessen, was sich gleich­zeitig, parallel und gegen­läufig im Land und in der Welt entwi­ckelt. Aus Groß­britan­nien und den USA schwappen revolu­tionäre Theorien und Praktiken herüber, die Repres­sions­freiheit und die Abschaf­fung über­holter Struk­turen fordern (anti­autori­täre Erziehung, freie Liebe, neue Formen des Zusam­men­lebens) – eine Rebellion gegen den Mief nicht nur in den Talaren von Würden­trägern und Autoritäts­personen, sondern im ›Bürger­lichen‹ insgesamt, die sich in Musik, Sprache, Kleidung und Haar­tracht äußert, in manchen Familien tägliche Aus­einander­setzun­gen verur­sacht und selbst ländliche Gegenden in Unruhe versetzt. Zur selben Zeit werden Kinder wie im Mittel­alter und während der NS-Barbarei der Willkür mitleid­loser »Erzieher« ausge­liefert, wie seelen­lose Tiere gehalten und abge­richtet. Erst nach Jahren der Scham finden Zeugen der Gescheh­nisse den Mut, den Weg an die Öffent­lichkeit zu beschrei­ten und von dem Durch­littenen zu berichten.

Achtens vielschichtiger Roman ist ein aufrüt­telnder literari­scher Beitrag, der das höchst reale Unrecht, das unzäh­ligen Heim­kindern in der Nach­kriegs­zeit angetan wurde, nicht unge­schehen machen kann, aber die Erinne­rung daran wach hält.


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