Rezension zu »Serenade für Nadja« von Zülfü Livaneli

Serenade für Nadja

von


Belletristik · Klett-Cotta · · Gebunden · 335 S. · ISBN 9783608939637
Sprache: de · Herkunft: tr

In dunklen Gewässern und Zeiten

Rezension vom 24.01.2014 · 15 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Erst hörte er den Knall, dann nahm er die Explosion wahr, und wenige Minuten später war die »Struma« in den Wellen des Schwarzen Meeres versunken. Die Geräusche und der Anblick blieben fest in seinem Ge­dächtnis. Fünf­zig Jahre später kehrte Maximilian Wag­ner an den Ort des Untergangs zurück, um sich von seiner Frau zu verab­schieden. Denn Nadja Wag­ner war an Bord gewesen.

Die »Struma« war einmal ein richtiger Überseedampfer. Jetzt, in ihren alten Tagen, befördert sie Vieh auf der Do­nau. Am 12. Dezember 1941 aber geht sie noch einmal auf große Fahrt. Sie verlässt das ru­mä­ni­sche Konstanza mit dem Ziel Palästina. Die Chancen, dass sie dort jemals ankommt, sind minimal. Das Schiff ist ein Seelenverkäufer, hoffnungslos überladen, und immer wieder bleibt es auf dem Schwarzen Meer mit Motor­schaden liegen.

Einflussreichen Kreisen ist das nur recht. Politisch ist es nicht gewollt, dass das Schiff auch nur den Bos­porus er­reicht. Unter General Antonescu hatte Rumänien 1940 antisemitische Gesetze erlassen und sich am Jahresende den Achsenmächten angeschlossen. 1941 kämpft das Land an der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion und liefert wichtige Rohstoffe wie Rohöl und Getreide. Da war die »Struma« ein Lichtblick für Juden, die den Repressalien, Verfolgungen und Todesgefahren entfliehen wollten. 769 Juden jeden Alters sind jetzt an Bord. Sie hatten es im September 1941 geschafft, sämtliche Aus­wan­de­rungs­for­mali­tä­ten zu erfüllen und für eine Fahrkarte den horrenden Preis von tausend Dollar zu bezahlen.

Als ein Schlepper den Pott in den Bosporus zieht und man endlich Istanbul vor Augen hat, ist die Not an Bord so groß geworden, dass bereits einige der Passagiere an Hunger, Durst und Krankheit verstorben sind. Fahruntüchtig liegt das Schiff jetzt vor der nahen Stadtkulisse. Jüdische Hilfsorganisationen bemühen sich um die Rettung der Menschen, bringen Güter an Bord und berichten von den menschenunwürdigen Zuständen dort. Doch die türkische Regierung lässt aus Furcht vor Spionen keinen Passagier von Bord, und Winston Churchill verweigert die weitere Passage durch den Bosporus, denn mit der Einwanderungs­welle in ihr Protektorat Palästina droht den Briten Ärger mit den benachbarten Arabern.

Nach zwei Monaten kann der Motorschaden behoben werden, doch soll die »Struma« jetzt nach Konstanza zurück­kehren. Dazu wird sie wieder ins Schwarze Meer geschleppt. Am 24. Februar 1942 wird das Schiff vom Torpedo eines sowjetischen U-Boots getroffen, explodiert und versinkt – vor den Augen Maximilian Wagners.

Wagner lebte und arbeitete seit 1939 in Istanbul. Er gehörte zu einer Gruppe illustrer Intellektueller, Aka­demiker und Geschäftsleute, die hierher ins Exil gegangen waren und sich in Sicherheit vor Nazi-Verfol­gung hofften. Doch im Treffpunkt »Teutonia-Haus« schleichen sich auch Spione ein. Ist Wagner einer von ihnen? Den Arier umgibt eine Aura rätselhafter Undurchschaubarkeit.

Februar 2001. Literaturwissenschaftlerin Maya Duran, 36, wartet am Flughafen Istanbul auf den Gast, den sie im Auftrag der Universität betreuen soll. Der 87-jährige Harvard-Professor Maximilian Wagner wird im Audimax ei­nen Vortrag halten und als »Wegbereiter einer modernen türkischen Universitätsausbildung« gewürdigt werden. Von Anfang an spürt Maya eine geheimnisvolle Melancholie bei dem zurückhaltenden, schmächtigen Herrn, der sich unter keinen Umständen von dem Geigenkasten trennen möchte, den er mit­gebracht hat. Später, im Hörsaal, fallen Maya drei Männer auf, die ihnen in einem weißen Kleinwagen zum Hotel gefolgt waren.

Ehe Wagner wieder in die Staaten zurückfliegt, äußert er Maya gegenüber diskret den Wunsch, zu dem Badeort Şile ans Schwarze Meer gebracht zu werden. Selbstverständlich erfüllt sie ihm dieses Anliegen und begleitet ihn.

Mit Ich-Erzählerin Maya erfahren wir nun nicht nur Wagners private Geschichte, sondern auch von histori­schen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die seit Langem ein Mantel des Schweigens verhüllt, die offi­ziell vertuscht werden. Es geht um den Umgang mit Flüchtlingen und insbesondere um Minderheiten, die kein Land aufnehmen wollte.

Der türkische Autor Zülfü Livaneli ist ein vielseitiger Mann: Musiker, Filmemacher, Parlamentarier. Zeit­weise war er inhaftiert. In seinem Roman »Serenad« (2010; Gerhard Meier hat ihn übersetzt), wirft er, in­dem er Vorgänge aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gestaltet, brisante Fragen auf, die heute wieder hochaktuell sind. Wie »gleich« sind die Menschen? Richtet sich ihre Würde nach ihrem Nutzen für die Gemeinschaft?

Mit offenen Armen begrüßte die Türkei die 190 jüdischen Emigranten, die 1939 in Istanbul eintrafen. Die Professo­ren, Mediziner, Spezialisten ihres Fachs waren hoch willkommen, um Kemal Atatürks Reform­politik zu stärken und das Hochschulwesen zu modernisieren. Viele von ihnen blieben über Jahre, manche ihr ganzes Leben.

Anders die Passagiere der »Struma« (stellvertretend für zahlreiche ähnliche Flüchtlingsgruppen): Das wa­ren haupt­sächlich unqualifizierte, arme und verhämte Menschen, Juden aus der Ukraine, aus Rumänien und Bessarabien. Sie sind nirgends willkommen, und gleich mehrere Regierungen und Länder sind sich einig, ihnen keine Chance ein­räumen zu wollen.

In der Figur Mayas bindet Livaneli ein besonders finsteres Kapitel türkischer Vergangenheit ein, das bis heute hochoffiziell tabuisiert wird. Mayas Großmutter war Armenierin und eine der wenigen, die das Mas­sa­ker an ihrer Volksgruppe (1915/1916) überlebten. Die offizielle Sicht auf diesen Genozid repräsen­tiert Mayas staatstreuer Bru­der Necdet. Um seine Militärkarriere nicht zu gefährden, würde er die unlieb­samen Eigenschaften seiner Vorfahren am liebsten auslöschen. Dass in seinen Adern »schmutziges Blut« – so­wohl armenisches als auch das der muslimi­schen Krimtartaren – fließt, darf niemand erfahren. Doch immer wieder holt die Vergangenheit die Gegenwart ein. Die Wunden verheilen nicht, der Hass wird wei­ter­ge­tra­gen, das Blutvergießen nie vergessen.

Gleichzeitig schlägt Livaneli einen versöhnlichen Bogen zur Gegenwart. Während der Fahrten durch Istan­bul zeigt Maya ihrem Gast eine moderne, pulsierende und weltoffene Metropole. Und Maximilian Wagner setzt sich in sei­nem Vortrag in der Universität mit verschiedenen Theorien zwischen »Religions­kriegen«, »Kampf der Kulturen«, »Kampf der Vorurteile«, unterschiedlichen »Zivilisationsformen« und der »globalen Kommunikation« auseinander.

Maya schreibt all dies während eines Fluges nach Amerika auf. Sie bringt dem im Sterben liegenden Pro­fessor Wagner eine DVD mit Tiefseeaufnahmen der »Struma« und die seit Jahren verschollenen Noten ei­ner Serenade, die er einst für Nadja komponiert hatte. Eingewoben in die tragische Liebesgeschichte zwi­schen Wagner und Nadja ent­steht ein Mosaikbild der Türkei als Konglomerat vieler Kulturen, weit zu­rück­liegen­der politischer Ereignisse und internationaler Verflechtungen. Gleichzeitig erleben wir die All­tags­pro­ble­me einer modernen gebildeten Türkin: allei­nerziehende Mutter eines computersüchtigen Sohnes, be­rufs­tätig an einem anspruchsvollen Arbeitsplatz, in permanenten Auseinandersetzungen mit ihrem Ex­mann und ihrem konträren Bruder.

Insgesamt eine lohnende, bewegende Lektüre; ein etwas reduzierter Themenumfang, eine etwas straffere Gestaltung hätte den Roman allerdings nur noch besser gemacht.


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