Rezension zu »San Miguel« von T.C. Boyle

San Miguel

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 448 S. · ISBN 9783446243231
Sprache: de · Herkunft: us

Hinter der geschlossenen Zugbrücke

Rezension vom 18.01.2014 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Eine eigene sonnenverwöhnte Insel im Pazifik bewohnen und dort schalten und walten wie ein König – das ist ein Wunsch, den nicht viele realisieren können. San Miguel, etwa fünfzig Ki­lo­me­ter vor der Küste bei Santa Barbara gelegen und von übersichtlicher Ausdehnung, könnte dem Traum einen Ort bieten. Aller­dings haben schon die Spanier sie so nachhaltig abgeholzt, dass die ver­blie­be­ne Gras­landödnis nur für Schafzucht und militäri­sche Zwecke nutzbar war. Heute ist die ganze Insel­grup­pe Naturreservat – Be­tre­ten verboten.

In seinem jüngsten Roman (seinem vierzehnten) setzt T.C. Boyle acht Menschen auf San Miguel aus und schenkt ihnen ihren Inseltraum. Was machen sie daraus? Was macht das Schicksal daraus?

Ein rein fiktionales Laborexperiment in der Tradition von Defoes »Robinson Crusoe« oder Goldings »Lord of the Flies« unternimmt der Autor freilich nicht. Er stützt sich auf die Tagebuchaufzeichnungen der realen Vorbilder seiner Protagonisten. 1888 lebte Marantha Waters dort sechs Monate mit ihrem Mann Will, der Adoptivtochter Edith (14) und dem Dienstmädchen Ida, und Elise und Herbie Lester wohnten von 1930 bis 1942 auf der Insel, wo sie zwei Mädchen zur Welt brach­ten.

Es ist weder Luxus noch Eskapismus, was Marantha (38) auf die abgeschiedene, einsame Insel treibt, son­dern Not. Sie sucht dort »jungfräulich reine Luft«, um ihrer Schwindsucht, die sie quält »wie eine mittel­alter­liche Folter«, ein Ende zu machen. Dafür hat sie alles aufgegeben: Familie, Freunde, Komfort und Kultur in Boston und ihre Ersparnisse, damit Will als Teilhaber der Schafherde auf San Miguel wirtschaf­ten kann.

War Marantha blauäugig? Nach rauer Überfahrt am eisigen Neujahrstag findet sie am Ziel nicht etwa ein »einfaches Schäferhaus aus Holz« vor, bestenfalls »wie aus einem Bild von Constable oder Turner«, son­dern eine nach Kot stinkende »Baracke für die Hirten«, und sie weiß gleich, dass dieses primitive, trostlose »Rattenloch« ihr nie ein Zuhause werden kann, egal wie stark sie sich dafür einsetzt. Ganz anders Will: Sein Mund spricht von »Erfolg und Wachstum und Gesundheit«, aus seinen Augen leuchten Visionen: »Wolle zu Geld«, »unsere eigene Insel«, »niemand, vor dem wir uns verantworten müssten«, »wir könnten die Zugbrücke hochziehen«. Marantha »hatte ihn noch nie so glücklich gesehen«. Dagegen wägt sie ihr ei­genes Unglück und fügt sich. Obwohl desillusioniert und von ihrer Krankheit geschwächt, versucht sie mit Idas Unterstützung diesen ungastlichen Ort zu einem bewohnbaren Familienmittelpunkt zu gestalten, selbst »wenn ich mich dafür totarbeiten muss«.

Dass tatsächlich das Leben seiner Frau auf dem Spiel steht, möchte Will nicht wahrhaben. Nach sechs Mo­naten entbehrungsreichem Kampf geben die Nordoststürme mit sintflutartigem Dauerregen Marantha den Rest. »Gott hatte sie verlassen.« Ehe sie »das Paradies auf Erden« finden und das »Privileg, hier draußen leben zu dürfen,« genießen konnte, muss sie hinabsteigen »zu jenem anderen Ort, in die ewige Fins­ter­nis«.

Würden denn Jahrzehnte später die Lesters auf San Miguel ihr erhofftes Inselparadies oder wenigstens un­getrübteres Glück finden?

Elise (38) und Herbie (42) sind frisch vermählt, als sie 1930 auf das Eiland übersiedeln. Sonnig und heiter gestaltet sich schon ihre Ankunft bei »reinem, unverfälschtem Blau des Himmels«. Ihre junge Ehe, der exotische Ort, die Aussicht auf »das wirkliche Leben ... in der Natur ... einfach, kraftvoll, unverfälscht« – all das atmet den Geist eines vielversprechenden Neuanfangs, von Chance und Abenteuer, und Elise ist ein positiver Mensch. Sie glaubt fest daran, »einfach Glück« zu haben. »Warum sich mit Unzulänglichkeiten aufhalten, wenn es soviel Schönheit zu bewundern gab?«

Das Haus ist »sauber ... karg, beinahe klösterlich«, jedenfalls wohnlich. Hier zelebrieren Elise und Herbie ihr Glück von Anfang an: »Omelette ... fines herbes durch Pfeffer, Salz und etwas Ketchup ersetzt«, ein »durchsichtiges Neglige« aufs Kissen drapiert, jeden Morgen ausgiebiges Frühstück. Die Inselnatur steuert Wildblumen und einen Wald mit »fossilen Bäumen« bei. Überall streunen frei laufende Schafe herum, am Strand lümmeln See-Elefanten. San Miguel – also doch ein Paradies? »Sie nannte ihn Adam, er nannte sie Eva.« Nach zwei Jahren wird Baby Marianne geboren, noch einmal zwei Jahre später Betsy.

Wie die Schafscherer kommen und gehen, verstreichen die Jahre. Langeweile kommt nie auf. Herbie heckt ständig neue Projekte aus: ein Wasserrohr zum Badezimmer, ein Kamin fürs Wohnzimmer, ein Windrad, um Wasser zu pumpen. Elise unterrichtet ihre Kinder, aber von der »Welt jenseits des Kanals« (Welt­wirt­schafts­krise, Mussolini, Hitler, ein neuer Präsident) bekommen sie wenig mit; sie wird den Les­ters so fremd wie das Leben auf einem »anderen Planeten«.

Doch splendid isolation ist zu diesen Zeiten schon keine realistische Option mehr. Amerikas Kriegseintritt 1941 beendet auch die Idylle der Kleinfamilie. Fremde kommen auf die Insel und staunen über das augen­scheinliche Idyll der in Frieden lebenden Aussteiger, während der Rest der Welt sich zerfleischt. Bald be­richten die Schlagzeilen überregionaler Zeitungen von der »glücklichen Familie in ihrem Königreich«. Die Lesters werden zum »Mythos« stilisiert, zu einem positiven Gegenbild in den Wirren eines brutalen Krie­ges.

Alles hat seinen Preis, und für eine vor der Außenwelt hochgezogene Zugbrücke muss man mit Realitäts­verlust und Kauzigkeit bezahlen. Weltkrieg-I-Veteran Herbie hatte ein seltsames Hobby entwickelt: Er sam­melt Gewehre. Wie er nun in den Kriegsnachrichten des Radios hört, dass in Ostafrika Kaiser Haile Se­las­sies mutige Kämpfer den Maschinengewehren und Panzern der Italiener mit Speeren entgegen ziehen und abgeschlachtet werden, da will Herbie tatkräftige Unterstützung leisten. Schon zuvor hatte er kritische oder ermunternde Briefe an kleine und große Politiker geschrieben; jetzt aber bietet er dem »Löwen von Juda« seine Gewehrsammlung einschließlich seiner persönlichen Ausbilderdienste an. Wenngleich der Vorschlag von einem anderen Stern gefallen zu sein scheint, verleiht Haile Selassie seinem Helfer den »Rang eines kaiserlichen Würdenträgers« und übersendet ihm ein Paar »golddurchwirkte Epauletten«. Pa­ket und Nach­richt erreichen den Geehrten allerdings erst Jahre später, als es längst keinen äthiopischen Kaiser mehr gibt – und auch keinen »König von San Miguel«. Denn auf dessen Insel wurden inzwischen zum Schutz gegen einen befürchteten Angriff der Japaner zwei Navy-Soldaten stationiert und haben die Befehlsgewalt übernommen. Herbie ist zur Witzfigur geworden, sein Paradies zerstört, sein Leben ohne Sinn.

Zwischen den beiden Familienchroniken lesen wir Edith Waters' Geschichte. Marantha und Will ver­frachten ihre eigenwillige und frühreife Adoptivtochter ungefragt auf die Insel, die ihr kaum mehr zu bie­ten hat als Schafe. Immerhin gibt es noch den gleichaltrigen Jimmie, der ihr sogleich zu Diensten zu sein hat (»Er ist mein Sklave.«). Ihren Vater hasst sie, hat er doch ihre Mutter auf die elende Insel und somit in den Tod ge­lockt. Doch auch Will ist Edith gegenüber nicht zimperlich. Als ihr geliebtes Lämmchen stirbt, setzt er ihr das zart gebratene Fleisch zum Mahl vor. Er hält das Mädchen wie eine Gefangene und zwingt sie, die Haus­arbeiten zu übernehmen (»Lern es.«). An diesem verdreckten Ort führen sie, so findet Edith, ein »Le­ben auf dem Niveau verkleideter Affen, die kürzlich erst von den Bäumen gestiegen waren«. Ihre Gegen­welt ist die Bühne, und nichts kann sie davon abhalten, ihren Traum, einmal im Rampenlicht zu ste­hen, zu verwirklichen. Endlich gelingt ihr die Flucht. Auch ihr Ausbruch hat einen hohen Preis.

Obwohl T.C. Boyles Erzählung ruhig abläuft, fasziniert der Roman durchgehend. Der Autor gestaltet die Schicksale zweier Familien, deren Glück und Unglück durch ihre Isolation und die Natur bestimmt wer­den. Das Paradies, das sie auf Erden suchen, ist letztendlich nicht an einem Ort auszumachen.

Der straffe dreiteilige Aufbau mit Kapiteln, deren prägnante Überschriften sich wiederholen (»Ankunft«, »Das Haus«, »Abreise« und weitere) betont die Parallelen und fordert Vergleiche heraus. Während sich die Zeiten und die Welt ändern, ist der Ort San Miguel eine Konstante. Alle, die hier ankommen, haben hinter sich gelassen, was die Zivilisation zu bieten hat, und müssen nun das Beste aus ihrer neuen elementaren Lebenssituation machen. Das gelingt aus unterschiedlichsten Gründen nicht jedem, und Scheitern zeigt sich in unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Die Gemeinsamkeiten und Gegensätze zwischen den Agierenden machen den Plot so reizvoll: Pro Familie treten ein Mann, eine ihm ebenbürtige Frau und zwei Kinder bzw. Jugendliche an. Zwar nimmt der Erzähler die Perspektiven der drei Frauen an, doch die wer­den von ihren Männern dominiert.

Herbie Lester und Will Waters sind Kriegsveteranen; beide leiden, der eine seelisch traumatisiert, der an­dere körperlich an einem wandernden Granatsplitter. Niemand kann nachvollziehen, was sie »im Krieg durchgemacht« haben. Harte Arbeit ist ihre Therapie und eröffnet ihnen eine neue Chance im Leben. Wäh­rend Herbie scheitert, setzt sich Will mit Druck durch, der nicht einmal das Leben seiner Frau schont. Edith ist die einzige, die sich gegen die männliche Übermacht auflehnt.

Mit schönem Sprachduktus und seiner feinen literarischen Komposition, die den Erzählfluss unaufdringlich lenkt und strukturiert, ist »San Miguel« T.C. Boyle: »San Miguel« bei Amazon in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren ein rundum empfeh­lenswerter Roman.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2013 aufge­nommen.


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