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Rezension zu »Christmas« von Bruce Cockburn

Christmas

von


Weihnachtliches · True North ·
Sprache: en · Herkunft: us

CD

Weihnachten bei den Holzfällern

Rezension vom 23.12.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Bruce Cockburn ist ein kanadischer Sänger und Gitarrist. Er wurde 1945 geboren und hat seit 1970 über dreißig Alben eingespielt. Was ihn kenn­zeichnet, ist Folk, Jazzrock, Bluegrass, rollende Rhythmen; virtuoses, unauf­dring­liches Spiel auf der klassi­schen Akustik­gitarre (und verwandten Instru­menten), kleine Begleitband; eine angenehme, erdige Stimme mit achtlos wirkender Aus­sprache, aber gut zu ver­stehende Texte mit meist sozialen, poli­tischen und christ­lichen Inhalten.

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Fernab der unzähligen süßlich-gefälligen Aufgüsse bekannter Jahres­endhits erzeugt Cockburns Samm­lung weih­nacht­licher Stücke (davon zehn in Dur-Ton­arten) eine meist heitere, lebhafte Atmos­phäre. Vier der fünf Lieder in Moll stimmen dagegen eher nach­denklich und ent­führen in zeitlich und räumlich entfernte Kulturen. Fast zwangs­läufig evoziert die Musik beim Hören und Träumen Bilder aus der tief ver­schneiten, fried­lichen Einsam­keit Kanadas, vielleicht von einer kleinen Gruppe guter Freunde, die sich auf einer Lichtung oder in einer Block­hütte um ein Feuer versam­melt haben. Ein Blick auf das Cover enthüllt, was der Künstler selbst für derlei Klischees übrig hat: Er macht sich darüber lustig.

Tatsächlich interpretiert Bruce Cockburn (das -ck- wird übrigens nicht aus­gespro­chen) die tra­ditio­nellen Weih­nachts­lieder, die in der anglo­phonen Welt jeder mit­summen kann, recht un­kon­ven­tionell. Respekt zollt er ihnen aber sehr wohl – und arbeitet damit ganz unge­wohnte, faszinie­rende Züge heraus. Alles zusammen – die winter­liche Würde, weih­nacht­liche Besinn­lichkeit und Freude der Vorlagen, dazu die spiele­rische Leichtig­keit und Ironie – macht den Reiz der wunder­baren, zeit­losen CD »Christmas« aus.

Die Hirten auf dem Felde, Cowboys auf den Weiden oder lumber­jacks in den Wäldern, die da musi­zieren, sind offen­kundig froh­gemut. Zwei Klassiker, nur auf der Solo­gitarre ange­spielt, rahmen die Kollek­tion ein (Adeste Fidelis / Oh come all ye faithful und Joy to the World).

Die drei fröhlichen Titel Les Anges Dans Nos Campagnes (bei uns als »Gloria in excelsis Deo« bzw. »Engel auf den Feldern singen« bekannt), I Saw Three Ships und God Rest Ye Merry, Gentle­men verbreiten mit ihrer leicht­füßig per­len­den Hinter­grund­beglei­tung pastorale Aus­ge­lassen­heit.

Gewagter klingen O Little Town of Bethlehem, konse­quent und etwas spröde gegen den ver­trau­ten Rhyth­mus und die übliche Nied­lich­keit gebürstet, und Silent Night, kühn ameri­kanisiert mit bottle­neck-Ein­sprengseln und Mando­linen und nie gehörten Harmonien.

Regelrechte Country & Western-Versionen liefern Cockburn und seine Musiker von Early On One Christmas Morn, Go Tell It On The Mountain und Mary Had A Baby ab. Die tönen ganz entspannt wie im ver­rauchten Saloon, im Hinter­grund jubi­lieren Gospel-Sänge­rinnen, bis das Stück mit pompösem ritardando zum Stillstand kommt.

Am interessantesten sind freilich zwei Stücke von ausge­fallener Prove­nienz, die eine dunkle, exotische Farbe einführen. Riu Riu Chiu ist eine einfache Tonfolge in Moll und ihre teil­weise Spiege­lung. Diese kraft­volle Phrase wird in viel­facher Wieder­holung wie beschwö­rend vorge­tragen und immer reich­haltiger instru­mentiert, bis endlich alles flirrend und zwit­schernd ausklingt. Es handelt sich um die ziemlich freie Gestal­tung einer spani­schen Vorlage aus dem 16. Jahr­hundert (ein villancico), die auch in Latein­amerika populär war.

Als erstes Weihnachtslied kanadischen Ursprungs gilt Iesus Ahatonnia, auch als »Jesus Aha­tonhia« oder »The Huron Carol« zu finden. Den Text hat der Jesuiten­pater Jean de Brébeuf um 1640 in der Sprache seiner Huronen-Gemeinde verfasst, um die Weih­nachts­ge­schichte mit deren Vor­stellun­gen und Bildern auszu­drücken. Der Titel bedeutet »Jesus ist geboren«, die Melodie stammt aus seiner franzö­sischen Heimat. Obwohl feind­liche Irokesen die Missions­station 1649 zer­störten und de Brébeuf töteten, überlebte das Lied bei den Huronen, die nach Quebec geflohen waren. Erst später wurde es ins Englische und Fran­zö­sische übersetzt. Bruce Cockburn aber singt den Original­text, und man meint, sein Vortrag umfasse voll­ständig die viel­fältige Tragik, die mit der Geschichte dieses Liedes verknüpft ist.

Bemerkenswert sind schließlich Cockburns Versionen zweier weiterer kaum bekannter Lieder. Der Text von Down In Yon Forest (»Corpus Christi Carol«) liegt schon in einem mittel­engli­schen Manu­skript von etwa 1504 vor. It Came Upon The Midnight Clear hört sich an, als stamme es ebenfalls aus der Renais­sance, es entstand jedoch erst Mitte des 19. Jahr­hun­derts in Massa­chusetts. Während das Original in Dur erklang, hat Cockburn eine Variante in Moll daraus gemacht, die das Weih­nachts­lied noch melan­cho­lischer wirken lässt.

Trotz der großen Bandbreite der Musik­stücke, der Bot­schaften ihrer Texte, der Stim­mun­gen und der Kulturen ihrer Herkunft ist diese CD eine Einheit, das über­zeugende Werk eines Künstlers, dessen unver­wechsel­bare stilis­tische Aus­drucks­weise in Jahr­zehnten gereift ist.


01 Adeste Fidelis (0:53)
02 Early On One Christmas Morn (3:03)
03 O Little Town Of Bethlehem (3:39)
04 Riu Riu Chiu (6:27)
05 I Saw Three Ships (4:21)
06 Down In Yon Forest (4:10)
07 Les Anges Dans Nos Campagnes (3:10)
08 Go Tell It On The Mountain (3:13)
09 Shepherds (2:52)
10 Silent Night (4:11)
11 Iesus Ahatonnia (The Huron Carol) (6:34)
12 God Rest Ye Merry, Gentlemen (2:54)
13 It Came Upon The Midnight Clear (6:42)
14 Mary Had A Baby (4:43)
15 Joy To The World (0:46)

Empfehlungen für weihnachtliche Musik auf Bücher Rezensionen:

Ensemble Resonanz / J. S. Bach: Weihnachtsoratorium BWV 248 (Auszüge)
Bruce Cockburn: Christmas
Annie Lennox: A Christmas Cornucopia
Loreena McKennitt: A Midwinter Night’s Dream
Sting: If on a Winter’s Night
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