Rezension zu »Arcipelaghi« von Giovanni Colombu

Arcipelaghi

von Giovanni Colombu


Film · · 95 Min.
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien


Sühne eines Kindesmordes

Rezension vom 25.09.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der elfjährige Giosuè wird von seiner Mutter auf dem Bauernhof einer befreun­deten Familie in der Nähe von Nuoro zurückge­lassen. In der Nacht wird er dort unfrei­willig Zeuge, wie drei Männer aus dem Dorf fünf Pferde aus dem Stall stehlen. Der Eigen­tümer der Tiere bedrängt das Kind unter Androhung grau­samster Strafen, immer bei der Wahrheit zu bleiben und ihm die Namen der Diebe zu nennen. Einmal bekannt, müssen die Ganoven ihre Beute zurück­geben, beschließen aber, dem Jungen für seinen Verrat eine Lektion zu erteilen. Sie kehren auf den Bauern­hof zurück und nehmen mitleid­los Rache an dem ver­ängstig­ten, wehr­losen Kind. Flores, der brutalste der drei, verliert völlig die Kontrolle über seine Aggres­sionen und schlitzt mit einem Glas­scherben die Kehle des Jungen auf. Als die Mutter mit Oreste, Giosuès vierzehn­jähri­gem Bruder, eintrifft, ist ihr kleiner Sohn bereits verblutet.

Alle im Dorf wissen, wer die Tat begangen hat, doch alle halten sich an l’omertà: Die unaus­gespro­chene traditio­nelle Schweige­pflicht, aus prinzi­piellem Miss­trauen entstanden, bewahrt den Einzel­nen vor Scherereien und schließt jede Koope­ration mit der Obrig­keit aus. Der Dorf­pfarrer rät der Mutter, den Tätern zu vergeben, um die An­gelegen­heit zu einem Ende zu führen; die Polizei ermuntert sie, selbst Beweise zu be­schaf­fen, um die Mörder zu über­führen.

Während des ausgelassenen nächtlichen Karnevals­umzugs (kirchliche Prozession, dabei treibende Wechsel­gesänge zwischen Vorsänger und viel­stimmi­ger Gemeinde, dann ein orgias­tisches Treiben von maskier­ten und schwarz be­schmier­ten Menschen um ein riesiges Feuer) wird Flores aus nächster Nähe erschos­sen.

Nach dem Roman
»Gli arcipelaghi« ()
Maria Giacobbe: »Gli arcipelaghi« auf Bücher Rezensionen

von
(*1928)

Der Tat angeklagt wird Oreste, aber die Verwandten stellen ihm ein Alibi aus, so dass der Prozess vor dem Jugend­straf­gericht mit seinem Freispruch endet. Wieder sorgt das allge­meine Still­schwei­gen, das Zurück­halten und Zurecht­biegen der Wahrheit, dafür, dass der Mord unge­sühnt bleibt. Es war Giosuès Mutter, die ihn aus Schmerz, Reue und Ehrgefühl ausge­führt hat, um sich in aller Stille und ganz privat an den Mördern ihres Kindes, das sie unver­zeih­licher­weise allein­gelas­sen hatte, zu rächen.

Diese Geschichte erzählt der Film auf unglaublich packende, vielge­staltige Weise. Giovanni Colombus wich­tigstes Stil­mittel ist die Montage­technik. Während in der personell erheblich differen­zierte­ren Roman­vorlage von Maria Giacobbe der Gerichts­prozess am Ende steht, nachdem mehrere Erzähler das Gesche­hen aus verschie­denen Perspek­tiven aufge­rollt haben, entwickelt Colombu die Ereig­nisse aus dem Verlauf des Prozesses, der wie ein Doku­drama darge­boten wird: Der Richter befragt einen Zeugen nach dem anderen, und jede Aussage geht in die szenische Wieder­gabe der betref­fenden Episode über, als gäbe der Zeuge ihr Gestalt oder erlebte sie erneut. Erst am Ende setzt sich aus all den Szenen das Gesamt­bild zusam­men.

Während im Gerichtssaal und in den sozial besser gestellten Familien (gut ver­ständ­liches) Italie­nisch gespro­chen wird, sprechen die meisten Dorf­bewoh­ner Sardisch mitein­ander. Nur dank der italieni­schen Unter­titel können wir folgen.


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»Arcipelaghi« von Giovanni Colombu
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