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Sardinien

Die besten sardischen Filme aus hundert Jahren

26 Filmkritiken von Bücher Rezensionen


Über die Herausbildung einer eigenständigen Filmkunst auf Sardinien und ihre Ent­wick­lung über hundert Jahre infor­miert Sie meine Seite Sardische Filmkunst aus hundert Jahren. Hier finden Sie nun eine sehr persönliche Auswahl bedeutender Filme aus einem Jahr­hundert sardi­scher Film­kultur mit mehr oder weniger aus­führ­lichen Be­spre­chun­gen. Die meisten dieser Filme kann man bei Youtube oder ähn­lichen Platt­formen zumindest in einigen Sequen­zen ansehen, etliche sogar in voller Länge (siehe Hinweise bei jedem Artikel).

Interessant ist, wie in diesen Filmen Themen auf­kei­men und ernst­haft verar­beitet werden, ehe sie in den Händen anderer Regis­seure weiter­geführt, ver­tieft, mo­der­ni­siert oder persi­fliert werden, und wie Moder­nität und Archaik oft sehr nahe bei­ein­ander lie­gen.


Darstellung:
  1. Amore rosso
    – Aldo Vergano, 1952
  2. Arcipelaghi
    – Giovanni Colombu, 2001
  3. Ballo a tre passi
    – Salvatore Mereu, 2003
  4. Banditi a Orgosolo (Die Banditen von Orgosolo)
    – Vittorio De Seta, 1961
  5. Bellas mariposas (Schöne Schmetterlinge)
    – Salvatore Mereu, 2012
  6. Cainà – L’isola e il continente
    – Gennaro Righelli, 1922
  7. Canne al vento
    – Mario Landi, 1958
  8. Cenere
    – Febo Mari, 1916
  9. Disamistade (Zur Rache verdammt)
    – Gianfranco Cabiddu, 1988
  10. Faddija – La legge della vendetta
    – Roberto Montero, 1949
  11. I protagonisti (Bandit zu besichtigen)
    – Marcello Fondato, 1968
  12. Il figlio di Bakunin
    – Gianfranco Cabiddu, 1997
  13. L’arbitro
    – Paolo Zucca, 2013
  14. L’edera – Delitto per amore
    – Augusto Genina, 1950
  15. La destinazione
    – Piero Sanna, 2003
  16. La grazia
    – Aldo De Benedetti, 1929
  17. Le vie del peccato
    – Giorgio Pàstina, 1946
  18. Padre padrone
    – Paolo und Vittorio Taviani, 1977
  19. Pelle di bandito
    – Piero Livi, 1969
  20. Pesi leggeri
    – Enrico Pau, 2002
  21. Proibito
    – Mario Monicelli, 1954
  22. Sequestro di persona (Die Mafia-Story)
    – Gianfranco Mingozzi, 1967
  23. Sonetàula
    – Salvatore Mereu, 2008
  24. Su ballu ‘e s’arza
    – Serafino Deriu, 2012
  25. Un delitto impossibile
    – Antonello Grimaldi, 2000
  26. Ybris
    – Gavino Ledda, 1984

  1. Bandit zu besichtigen (I protagonisti)
    – Marcello Fondato, 1968
  2. Die Banditen von Orgosolo (Banditi a Orgosolo)
    – Vittorio De Seta, 1961
  3. Die Mafia-Story (Sequestro di persona)
    – Gianfranco Mingozzi, 1967
  4. Schöne Schmetterlinge (Bellas mariposas)
    – Salvatore Mereu, 2012
  5. Zur Rache verdammt (Disamistade)
    – Gianfranco Cabiddu, 1988
  1. Cenere
    – Febo Mari, 1916
  2. Cainà – L’isola e il continente
    – Gennaro Righelli, 1922
  3. La grazia
    – Aldo De Benedetti, 1929
  4. Le vie del peccato
    – Giorgio Pàstina, 1946
  5. Faddija – La legge della vendetta
    – Roberto Montero, 1949
  6. L’edera – Delitto per amore
    – Augusto Genina, 1950
  7. Amore rosso
    – Aldo Vergano, 1952
  8. Proibito
    – Mario Monicelli, 1954
  9. Canne al vento
    – Mario Landi, 1958
  10. Banditi a Orgosolo (Die Banditen von Orgosolo)
    – Vittorio De Seta, 1961
  11. Sequestro di persona (Die Mafia-Story)
    – Gianfranco Mingozzi, 1967
  12. I protagonisti (Bandit zu besichtigen)
    – Marcello Fondato, 1968
  13. Pelle di bandito
    – Piero Livi, 1969
  14. Padre padrone
    – Paolo und Vittorio Taviani, 1977
  15. Ybris
    – Gavino Ledda, 1984
  16. Disamistade (Zur Rache verdammt)
    – Gianfranco Cabiddu, 1988
  17. Il figlio di Bakunin
    – Gianfranco Cabiddu, 1997
  18. Un delitto impossibile
    – Antonello Grimaldi, 2000
  19. Arcipelaghi
    – Giovanni Colombu, 2001
  20. Pesi leggeri
    – Enrico Pau, 2002
  21. Ballo a tre passi
    – Salvatore Mereu, 2003
  22. La destinazione
    – Piero Sanna, 2003
  23. Sonetàula
    – Salvatore Mereu, 2008
  24. Su ballu ‘e s’arza
    – Serafino Deriu, 2012
  25. Bellas mariposas (Schöne Schmetterlinge)
    – Salvatore Mereu, 2012
  26. L’arbitro
    – Paolo Zucca, 2013

Die besten sardischen Filme aus hundert Jahren in chronologischer Abfolge


Febo Mari: »Cenere«

Febo Mari ()

Cenere

Mütterliche Großmut
Rezension vom 09.10.2015

Anania ist der uneheliche Sohn von Rosalìa Derios. Wegen seiner illegitimen Herkunft wird er ge­hän­selt, be­lei­digt und diskriminiert. Da beschließt seine Mutter, ihn zu seinem Vater zu bringen, der sie, nachdem er sie verführt hatte, sich selbst überließ. Sie hofft, der Jung...


Gennaro Righelli: »Cainà – L’isola e il continente«

Gennaro Righelli ()

Cainà – L’isola e il continente

Weg von hier
Rezension vom 21.02.2018

Der jungen Schäferin Cainà ist ihr Dorf zu eng. Sehnsüchtig schaut sie auf die Weite des Meeres hinaus. Jenseits – auf dem »continente« – muss doch ein freies, unab­hängi­ges, glückliches Leben warten. Als ein Segel­schiff anlegt und die Mann­schaft im Dorf ausge­lassen feiert, ist sie voller Bew...


Aldo De Benedetti: »La grazia«

Aldo De Benedetti ()

La grazia

Wahre Liebe
Rezension vom 26.02.2018

Ein junger Landbesitzer von der Küste verliebt sich in den Bergen in eine Hirtin, verführt sie und verspricht ihr die Ehe. Unglück­liche Umstände hindern ihn an der Rück­kehr zu ihr. Nun ist das schwangere Mädchen entehrt, und ihre Familie sinnt auf tödliche Rache. In letzter Minute we...


Giorgio Pàstina: »Le vie del peccato«

Giorgio Pàstina ()

Le vie del peccato

Gefangene ihrer Gefühle
Rezension vom 27.02.2018

Eine dramatische und tragische Lie­bes­ge­schich­te vom Anfang des zwanzigs­ten Jahrhun­derts; der Schau­platz ist Nuoro. Ilaria ist die Ehe­frau eines jungen Arbeiters. Als einer der Männer aus den bes­se­ren Krei­sen der Stadt ihr nach­stellt, wird ihr Mann von Eifersucht und Hass ergriffen und tötet ihn. Dafür muss er für z...


Montero Roberto: »Faddija – La legge della vendetta«

Montero Roberto ()

Faddija – La legge della vendetta

Die Überwindung des Hasses
Rezension vom 28.02.2018

Der Konflikt zwischen Landbesitzern und Hirten in der sumpfigen Ebene am Golf von Oristano nimmt seinen Lauf, als der junge Schaf­hirte Michele seine Herde auf dem Land des Grund­besit­zers Pietro weiden lässt und die Tiere dort einige Wein­stöcke beschädig...


L’edera – Delitto per amore

Regie: Augusto Genina

nach dem Roman »L’edera« Grazia Deledda: »L’edera« bei Amazon () von (1871-1936)

Die Familie Decherchi, verarmte und hochverschuldete Landadlige aus Barunei, im Umland von Nuoro, adoptiert Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Findelkind Annesa und zieht das Mädchen groß. Annesa weiß um die prekäre finanzielle Lage ihrer geliebten Pflegeeltern und opfert sich auf, um ihren Anteil zum Auskommen beizutragen.

Die Hoffnungen aller ruhen darauf, dass der entfernte Onkel ziu Zua ihnen sein Erbe hinterlassen möge. Die Familie nimmt den hinfälligen alten Mann in ihrem Haus­halt auf und pflegt ihn, wofür er ihnen einen kleinen Betrag bezahlt. Doch lei­der erweist er sich als gries­grä­mig und hartherzig und beklagt sich ins­be­son­de­re über Annesa, ob­wohl sich gerade die seiner ge­dul­dig an­nimmt.

Als don Paulu Decherchi, Sohn der Familie und Annesas heim­li­cher Lieb­ha­ber, wirt­schaft­li­cher Hilfe bedarf, weigert sich der Alte, ihn zu unterstützen, und die ver­zwei­fel­te Annesa tötet ihn. Sie gerät unter Verdacht, doch kann ihr die Polizei nichts nachweisen, und so bleibt die Mord­tat un­auf­ge­klärt.

Annesa aber kann ihre Schuld nicht tragen. Sie vertraut sich ei­nem Beicht­va­ter an und ver­lässt dann die Familie Decherchi.

Der Roman wurde 1974 durch die RAI erneut verfilmt, als Dreiteiler.


Amore rosso

Regie: Aldo Vergano

nach dem Roman »Marianna Sirca« () von (1871-1936)

Wie seine literarische Vorlage erzählt der Film eine dramatische Liebesgeschichte vor spe­zi­fisch sar­di­schem sozialen Hintergrund. Die beiden Liebenden stammen nicht einfach aus zwei ver­schie­de­nen Schich­ten, sondern eine weitere bedeutende Rolle spielt das Banditentum mit seinen ei­gen­tüm­li­chen Rechts- und Ehr­vor­stel­lun­gen.

Simone Sole arbeitet als Diener im Haus einer wohl­ha­ben­den Fa­mi­lie. Bald erkennt er, dass es für Men­schen seiner Herkunft keine Chance auf ein glück­li­ches Leben geben kann. Er bricht aus der bür­ger­li­chen Welt aus und setzt sich in die un­über­sicht­li­chen, wil­den Ber­ge ab, um gegen diejenigen, die die armen Leute noch ärmer und recht­lo­ser ma­chen, Wi­der­stand zu leisten.

Eines Tages begegnet er Marianna, der ihm bislang un­be­kann­ten Tochter sei­nes ehemaligen Herrn, und zwischen ihnen entbrennt eine leidenschaftliche Lie­be. Doch während Ma­ri­an­na ungeachtet aller sozialen Widrigkeiten und Unterschiede bedingungslos und kämp­fe­risch zu dem stolzen Banditen steht, erweist sich Simone als weniger standfest. Ihre Liebe schei­tert nicht nur tra­gisch; sie kann auch keine Veränderungen bewirken.


Mario Monicelli: »Proibito«

Mario Monicelli ()

Proibito

Keine Chance auf Versöhnung
Rezension vom 29.02.2016

Die Familien Barras und Corraine lie­gen seit langem in tödlicher Fehde mit­ein­an­der. Althergebrachte Ehrbegriffe und Rachevorstellungen lassen keinen Frieden zu; die allgemeine Verachtung für das staatliche Rechtssystem und das tra­di­tio­nel­le Schweigegeb...

auf YouTube suchen: »Proibito«


Canne al vento

Regie: Mario Landi

nach dem Roman »Canne al vento« () von (1871-1936)

Grazia Deleddas berühmtester Roman, seit einhundert Jahren immer wieder von diversen Verlagen auf­ge­legt, in viele Sprachen übersetzt und 1958 von der RAI für das Fernsehen verfilmt. Im Kern geht es darin um den Niedergang einer einst angesehenen, wohlhabenden, nun verarmten Familie in einer ent­le­ge­nen Gegend im kargen Inland des nördlichen Sardiniens. Wir erleben den ereignisarmen, tristen All­tag im be­schei­de­nen, eingeengten Leben dreier Schwestern, ihrer Dienstboten und Mitbewohner im Dorf. Ihrer aller Leben wird definiert durch die materielle Reduktion auf das wenige, über das sie ver­fü­gen kön­nen, durch die sie allumfassende Natur, durch die Sit­ten, Konventionen, Ehrbegri...


Banditi a OrgosoloDie Banditen von Orgosolo«)

Regie: Vittorio De Seta

Der Schafhirte Michele, ehrlich, aber überschuldet und glücklos, wird beschuldigt, an einem Schweinediebstahl beteiligt gewesen zu sein. In Wirklichkeit wollte er mit den fünf Banditen, als diese ihn aufsuchten, ausdrücklich nichts zu tun haben. Doch da man die Tiere bei ihm findet und er nichts über die banditi zu verraten bereit ist, bleiben die carabinieri bei ihrer Annahme. Micheles Lage ver­schlech­tert sich dramatisch, nachdem die Viehdiebe einen carabiniere erschießen – nun gilt auch er als Po­li­zis­ten­mör­der. Er sieht keinen an­deren Ausweg, als mit seiner Schafherde und seinem Bruder in die Berge zu flie­hen. In der lebensfeindlichen Umgebung verliert er jedoch alle seine Schafe. In seiner Verzweiflung stiehlt er jetzt die Herde eines anderen Hirten, wird also tatsächlich zum Banditen – und Teil einer unglückseligen, scheinbar unausweichlichen Kettenreaktion, die den ban­di­tis­mo stärkt.

Dies ist wahrscheinlich der berühmteste Film, der je in Sardinien gedreht wurde, obendrein eines der wort­kargsten, wildesten, dunkel­sten Dramen aus einer wahr­haft ande­ren, ar­chai­schen Welt, die als mysteriös und undurchdringlich dar­ge­stellt wird.

Fesselnd ist das Werk von Anfang an. Einem atemberaubenden Panorama des Su­pra­mon­te folgen Szenen wie aus einem Dokumentarfilm: Wir schauen den Hirten bei ihrem einsamen, kargen Leben in der un­ge­zähm­ten Natur zu, wie sie im dichten Wald der Bar­ba­gia jagen, auf den Weiden hoch oben ihre Herde bewachen, die Tiere über gefährliche steile Pfade und Berg­spit­zen führen, untereinander Handel treiben, leicht in Streit geraten. Oft sehen sie tagelang keinen anderen Menschen. Fern der geordneten Zivilisation ist es leicht, ihre Tiere auf fremdem Land wei­den zu lassen, einige aus des Nachbars Herde mitzunehmen, aber auch solcher Übergriffe beschuldigt zu werden.

Die Männer erscheinen leicht als primitiv und barbarisch, folgen sie doch wilden Instinkten und lassen ex­tre­men Gefühlen ihren Lauf. Dem stehen Tugenden wie Genügsamkeit, Gastfreundschaft und Auf­rich­tig­keit ge­gen­über. Die kleinsten Zeichen in der Natur richtig zu deuten, sich den wechselnden Jah­res­zei­ten an­zu­pas­sen, mit ihren Ressourcen klug zu haushalten ist lebenswichtig für sie, denn Nachsicht oder Trost kön­nen sie nirgends erwarten. Sie sind prototypische Kämpfer, die stolz und rebellisch ihre Frei­räu­me ver­tei­di­gen.

Im Gegensatz zu anderer Streifen dieser Art wurde De Setas Film von der sardischen Bevölkerung gut aufgenommen; man schätzte es, dass der Regisseur sich in seiner Darstellung jeder Verurteilung enthielt und damit das, was als sardischer Nationalcharakter aufgefasst wurde, der Welt ernsthaft und zutreffend vorführte.

Vittorio De Seta stützte sich bei der Konzipierung seines Films (dem zwei Dokumentarfilme über Hirten in der Barbagia vorausgingen) auf die Forschungsergebnisse von Franco Cagnetta (1926-1999), der seit 1952 die sozialen Verhältnisse um Orgosolo auf innovative Weise vor Ort studiert und mit modernen Mitteln (Film, Fotos, Tonaufzeichnungen) dokumentiert hatte. Cagnetta hatte seine anthropologischen und eth­no­lo­gi­schen Erkenntnisse zur Lebensweise der Hirten und zu ihrer Kultur, zu Fehden, ven­det­ta und ban­di­tis­mo in mehreren Aufsätzen publiziert, die zum Teil politisch inopportun waren; deswegen erschien die Sam­mel­aus­ga­be 1963 in Frankreich, 1964 in Deutschland und erst 1975 in Italien (: »Ban­di­ti a Orgosolo« Franco Cagnetta: »Banditi a Orgosolo« bei Amazon ).


Sequestro di personaDie Mafia-Story«)

Regie: Gianfranco Mingozzi

Sardische banditi ent­füh­ren den jungen Francesco. Es geht nicht um Ehre und Gerechtigkeit, sondern um Lö­se­geld­er­pres­sung. Beteiligt ist auch eine Freundin des Opfers, Cristina.

Obwohl Gavino, ein Be­kann­ter der beiden, sie eindringlich warnt, die Polizei einzuschalten, meldet sie die Tat. Auf den Spuren der Entführer kommt es zu einem Feuergefecht zwischen diesen und der Polizei, in dessen Verlauf Francesco getötet wird. Die Banditen schaffen seine Leiche aber beiseite, um nicht auf das Lö­se­geld verzichten zu müssen. Um dieses zusammenzukratzen, muss Francescos Vater sein ge­sam­tes Land an den reichen Grundbesitzer Osilo verkaufen.

Inzwischen lässt sich Gavino von den Ban­di­ten ent­füh­ren und sät Misstrauen unter ihnen: Ihr Anführer, be­haup­tet er, nutze sie nur aus und werde sie schließ­lich verraten. Gavinos Strategie funktioniert: Die Ver­bre­cher liefern ihren Boss ans Messer, und es stellt sich heraus, dass es Osilo ist. Er kann zwar fliehen, aber nur, bis die An­ge­hö­ri­gen des Opfers und Gavino Selbstjustiz üben.


I protagonistiBandit zu besichtigen«)

Regie: Marcello Fondato

Marcello Fondato greift die blu­ti­ge und todernste Problematik der Entführungen auf makabre Weise auf. Der sardische Bandit Taddeu ist ein besonders abgebrühter Typ mit einer aberwitzigen Ge­schäfts­idee: Gegen entsprechende Gebühr inszeniert er für abenteuerlustige Touristen, die so etwas mögen, Ent­füh­rungs-Events. Freilich zieht die Polizei da nicht mit und greift gleich zu den Waffen, um den ge­such­ten Ver­bre­cher in seinem Versteck zu stellen.

So gefährlich und lebensnah hatten sich die Ur­lau­ber die Show natürlich nicht vor­ge­stellt. Angesichts von Leichen auf beiden Seiten vergeht ihnen rasch die Lust ...

Insgesamt eher etwas oberflächliche Komödie als, wie man erhoffen könnte, sa­ti­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit einem ernsten Thema.


Pelle di bandito

Regie: Piero Livi

Piero Livis pessimistischer Schwarz-weiß-Film erzählt von der Eskalation der Gewalt in den Sechziger Jah­ren auf Sardinien: Während der banditismo zu reiner Kriminalität ausartet und immer brutaler wütet, rüstet der Staat Waffen und Truppen auf, um ihn auszumerzen. An der Einstellung der sardischen Be­völ­ke­rung än­dert das nicht viel: Die banditi werden weiterhin als Helden verehrt, die Obrigkeit und die Gesetze vom con­ti­nen­te blei­ben verhasste Feinde, die Leute hüllen sich in Schweigen. Folgerichtig endet der Film so, wie er angefangen hat: mit einem Jungen, dessen kriminelle Zukunft abzusehen ist.

Livi orientiert sich am Werdegang von Graziano »Grazianeddu« Mesina (*1942), einem populären si­zi­lia­ni­schen Entführer, Outlaw und notorischen Ausbrecher. Schauplatz ist das zweithöchste Gebirge der Insel, der Supramonte, ein sprödes, zerklüftetes Karstgebirge südöstlich von Oliena und nördlich des Genn­ar­gen­tu-Massivs.

Der junge Mariano De Linna begeht einen Mord aus Blutrache (»fratello per fratello«) und endet dafür im Gefängnis. Dort sucht der Spanier Pedro Alfonso Rodriguez Gomez, Ex-Fremdenlegionär und Autodieb, seine Kameradschaft. Die beiden brechen aus und fliehen in die weglosen Berge, wo sich ihnen einige Männer anschließen.

Die Carabinieri können die Ausbrecher nicht fassen, obwohl sie Straßensperren errichten, Häuser durch­su­chen, Verdächtige festnehmen, immer höhere Belohnungen aussetzen. Doch die Banditen bringen je­den Ver­rä­ter um (»Così muoiono gli amici della legge.«). Unter dem Druck der öffentlichen Meinung auf dem Fest­land zieht die Polizei die Schraube weiter an: Eine 600 Mann starke Elitetruppe für den Gue­ril­la­kampf, »I baschi blu«, rückt inklusive Hubschrauber an; jetzt will man rücksichtslos durchgreifen.

Auch Pedro und Mariano stacheln ihre Männer auf. Sie können sie überzeugen, dass die althergebrachten Ver­hal­tens­wei­sen der Briganten – immer nur auf l’onore bedacht – fruchtlos und unzeitgemäß sind; man müs­se sich zu­sam­men­schlie­ßen, sich organisieren, sich modern bewaffnen, um »den Reichen« Geld ab­zu­knöp­fen, und zwar durch mit­leid­lose Entführungen. Das Konzept findet Zustimmung, und bald ist nie­mand, der näch­tens im Auto über Land fährt, mehr sicher davor, in die Berge verschleppt zu werden, bis rie­si­ge Lö­se­geld­sum­men übergeben sind.

Mariano und Pedro fühlen sich sehr sicher. Diente ihre Geldgier ursprünglich privaten Zielen (»Possiamo aiutare le nostre famiglie, pagare le spese dei nostri processi, e vivere meglio.«), so unterfüttern sie ihr bar­ba­ri­sches Verbrechertum jetzt mit einer abstrusen pseudosozialistischen Ideologie, die ihre Taten als »gius­ti­zia so­cia­le« deutet. In geheimen Treffen posiert Mariano, Pistole im Gürtel, vor Journalisten, die seine ver­quas­te Selbst­dar­stel­lung als Kämpfer gegen »i ricchi« und »lo stato« protokollieren sollen. Da­hin­ter schim­mert freilich immer noch schlichter Egoismus durch: »Ho rubato per fame, e ucciso per ven­det­ta, e ora mi faccio la pensione per la vecchiaia.«

Das Blatt wendet sich, als Pedro bei einem Feuergefecht getötet wird. Mariano fühlt sich allein und er­schöpft, ebenso wie seine Männer. Trost findet er bei der jungen Stefania. Am Ende tappt er in eine Falle der Ca­ra­bi­nie­ri und lässt sich widerstandslos festnehmen; der Grund bleibt offen: Hat er aufgegeben? Will er seiner Mutter das Kopfgeld zukommen lassen?

Piero Livis Film verzichtet fast vollkommen auf Folkloreszenen und ist gänzlich unromantisch. Er erzählt die etwas plakative Handlung in lakonisch knappen Szenen mit atemberaubenden Schnittfolgen und raschen Wechseln. Die Kamera bleibt den Protagonisten mit eindringlichen Großaufnahmen dicht auf der Pelle, was oft einen heroisierenden Effekt mit sich bringt. Die Sprache ist recht gut zu verstehen, auch Pedros Misch­masch aus Spanisch und Italienisch.


Padre padrone

Regie: Paolo und Vittorio Taviani

nach dem Roman »Padre padrone« () von (*1938)

Kongeniale Umsetzung des autobiographischen Romans über eine erschütternd harte Kindheit und Jugend in einem archai­schen Sardinien der Hirten: Was an­mu­tet wie Steinzeit, trug sich erst »kürzlich« zu – zwischen 1938 (Leddas Ge­burts­jahr) und ca. 1970.

Schauplatz ist das Dorf Siligo im hügeligen Nordwesten Sardiniens (Provinz Sas­sa­ri), vor allem aber die endlosen Weiden darum herum. Die sind von Tro­cken­mau­ern umfasst, bieten eine karge Hütte als Unter­schlupf und Schutz ge­gen die Un­bil­den der Natur und müssen Tag und Nacht argwöhnisch bewacht wer­den gegen Räuber aus der Tier- und Menschenwelt. Glücklich kann sich schätz...


Ybris

Regie: Gavino Ledda

nach dem Roman »Lingua di falce« Gavino Ledda: »Lingua di falce« bei Amazon () von (*1938)

Eine Art Fortsetzung von »Padre padrone«, doch ist dieser Film weniger autobiografisch-naturalistisch, als dass er den Spuren sardischer Mythen nachgeht und sie mit dem griechischen Altertum und der Psy­cho­lo­gie verknüpft. Offenkundig wollte der für die authentisch-schlichte Geschichte seiner Hir­ten­kind­heit ge­fei­er­te Gavino Ledda nun etwas ›An­spruchs­vol­le­res‹ vorlegen und sich als Autor, Gelehrter, Regisseur, Phi­lo­soph und Schauspieler (er spielt sich selbst) bewähren.

Der Handlungsrahmen ist einfach: Als Gavino Ledda vom Festland in seine Heimatstadt Siligo (Provinz Sas­sa­ri) zurückkehrt, findet er sich nicht mehr zurecht; er wird von den Einheimischen nicht mehr wie einer der Ihren akzeptiert. Denn wer seiner Heimat den Rücken kehrt, verbannt sich selbst. Zwar hat er sich in der Fremde einen Hochschulabschluss er­ar­bei­tet, doch der entfremdet ihn nur von seinen Wurzeln und von sich selbst. Gavino zieht sich in eine primitive steinerne Schä­fer­hüt­te (eine Art nuraghe) zurück.

Als Gavino an Krebs erkrankt, erscheinen ihm in seinen Delirien Kobolde (amuntadores) aus der sar­di­schen Sagenwelt, dazu sein Freund Leonardo (in dem er Leonardo da Vinci erkennt) sowie grie­chi­sche Göt­tin­nen, u.a. Athene. Die Geister lassen ihn wissen, dass seine Krankheit eine Folge seiner Ab­wen­dung von den heimatlichen Traditionen ist. Unter Anleitung seines Mentors Leonardo ›da Vinci‹ ge­lingt es ihm, die Dämonen abzuwehren und sich selbst wie­der­zu­fin­den.

Die »Hybris« des Filmtitels bezieht sich auf Gavinos anmaßende Her­aus­for­de­rung der höheren Mächte; am Ende fügen sie sich nicht seinem Stolz, sondern seiner wiedergefundenen (sardischen) Identität.

Der Film wurde vom öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal Raitre produziert und 1986 in vier Folgen (ins­ge­samt 184 Minuten) ausgestrahlt. (Die Kinoversion hatte 124 Minuten.) Allerdings schoss Ledda mit seinem verkopften, avantgardistischen Kon­zept weit über das hinaus, was er seinem Publikum zumuten konnte. Die Kritik warf ihm Selbst­be­weih­räu­che­rung vor, während der Film als ge­küns­telt, über­frach­tet, ab­ge­ho­ben emp­fun­den wurde. Et­li­che Szenen wirken unfreiwillig komisch, etwa manch alberne Kostümierung oder wenn der Held allein mit der Kraft seiner Stimme Tro­cken­mauern zum Einsturz bringt. Es fragt sich auch, ob Gavino Leddas Botschaft eine Absage an jegliche Moderne sein soll, wenn er am Ende fellbekleidet und si­chel­be­wehrt einem Mäh­dre­scher Ein­halt gebietet und auf den Feldern Kultur sät (griechische Masken, klassische Musik).

Trotz aller Einwände ist der Film ein sehenswertes Experiment, dem es gelingt, in kraftvolle Bilder und Ge­räu­sche zu fassen, was sardische Kultur und Charakter ausmachen mag.


DisamistadeInimiciziaZur Rache verdammt«)

Regie: Gianfranco Cabiddu

Das sardische Wort »disamistade« bedeutet Feindschaft (»inimicizia«), Fehde (»faida«). Sein Wortstamm bezeichnet das Gegenteil von Freundschaft, also »disamicizia«. Das sind die Themen dieses Films, der 1958 in Nuoro angesiedelt ist. Er konfrontiert die Tradition der vendetta mit modernen Auffassungen von Gerechtigkeit. In der Figur des Hirtensohnes Sebastiano Catte, der durch Bildung seiner Heimatkultur ent­frem­det wird, prallen die beiden Welten auf­ein­an­der.

Sebastianos Mutter sorgt dafür, dass der Junge fleißig lernt, damit er Medizin oder Juristerei stu­die­ren, et­was Besseres werden und aus dem rückständigen Dorf entkommen kann. Aber als sein Vater ermordet wird, soll er dessen Platz einnehmen; er verlässt die Schule in der Stadt wieder und kehrt in sein Dorf zurück. Dort weiß jeder, wer der Mörder ist, und erwartet, dass der Sohn jetzt seine Pflicht tut und vendetta übt.

Doch der inneren Stimme, die ihm von Anfang an einflüsterte, dass er den Mann umbringen müsse, um die Ehre der Familie wiederherzustellen, folgt Sebastiano nicht – er hat bereits zu viele Bücher gelesen, als dass er den dumpfen, irrationalen Regeln seines Dorfes noch blind gehorchen würde. Er weicht dem Kon­flikt aus, indem er als einsamer Hirte in den Bergen lebt. Erst nach acht Jahren findet er zurück zu sei­ner in­zwi­schen ver­arm­ten und verachteten Mutter, um die Aufgaben seines Vaters zu übernehmen. Bald lernt er die Studentin Domenicangela kennen, eine Gleichgesinnte, und die beiden verlieben sich in­ein­an­der.

Noch immer läuft der Mörder frei herum, ohne dass Sebastiano tätig wird. Das Unverständnis über ihn nimmt noch zu, als er, nachdem einige Tiere aus der Herde seiner Familie gestohlen werden, nicht auf die Diebe schießt, sondern die allseits verhasste staatliche Gerichtsbarkeit (die Carabinieri) einschaltet.

Über einen Cousin findet Sebastiano Anschluss bei einer Bande von Viehdieben und Banditen, deren wohlhabender Anführer, Barone Piana, seine Qualitäten zu schätzen weiß. Damit wendet sich sein Schick­sal. Er wird in immer dreistere Verbrechen verwickelt. Als er aussteigen will, löst das eine Kette blutiger An­schlä­ge aus, die Gewalt eskaliert, die disamistade zwischen den Lagern im Dorf verhärtet ausweglos. Die Ca­ra­bi­nie­ri greifen durch und fassen Sebastiano schließlich in Domenicangelas Haus.

Sebastiano lässt sich nicht nur widerstandslos festnehmen, sondern erklärt auch vor Gericht, dass er in allen Anklagepunkten unschuldig und im Übrigen nur seinem Gewissen verantwortlich sei; er verteidigt sich nicht weiter. Es bleibt offen, wer ihn verpfiffen oder ob er sich gar selbst ausgeliefert hat, um seiner Mutter die hohe Belohnung zukommen zu lassen. Domenicangela verlässt die hoffnungslose Gegend.

Gianfranco Cabiddus erster Spielfilm stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse der Anthropologen Antonio Pigliaru und Giulio Angioni, die über die sich wandelnde Bedeutung der vendetta geforscht hatten. Neben der spannenden, glaubhaften Handlung faszinieren die Berglandschaft mit fantastischen Höhlen und großartige Folkloreszenen (Pferderennen, eine Hochzeit, Trauer), die sehr authentisch gehalten sind.


Il figlio di Bakunin

Regie: Gianfranco Cabiddu

nach dem Roman »Il figlio di Bakunin« Sergio Atzeni: »Il figlio di Bakunin« bei Amazon () von (1952-1995)

Ein Film aus dem Sardinien der Arbeiter und Bürger – ohne Trachten, ohne launeddas, ohne vendetta. »Bakunin« – das ist der Spitzname, unter dem Antoni Saba allgemein geführt wird. Er betreibt eine an­ge­se­he­ne Schus­ter­werk­statt in einem sardischen Bergarbeiterdorf der Dreißiger Jahre. Nach dem rus­si­schen Anar­chis­ten und Re­vo­lu­tio­när nennt man ihn, weil auch er ein kämpferischer Freigeist ist. Da ver­steht es sich von selbst, dass sein Sohn Tullio »il figlio di Bakunin« ist. Der führt ein bewegtes Leben in den schwie­ri­gen Zeiten des Faschismus, des Krieges und der Nach­kriegs­zeit und ist die zentrale Figur die­ses Films. Bei seinem Tod hinterlässt er ein Söhnchen, das den Vater nicht mehr per­sön­lich ken­nen­ler­nen konn­te.

Als Erwachsener macht sich »Bakunins« Enkel auf die Suche nach Vater Tullios Spuren. Er kehrt an die Orte seines Wirkens zurück und befragt Männer und Frauen, die ihn kannten – seine Geliebten, seine Mit­kämp­fer für die Rechte der Bergarbeiter, den Bergwerksdirektor, Polizisten, Freunde ... Aus ihren Aus­sa­gen re­kon­stru­iert der Sohn Stück für Stück das Leben des Vaters: verwöhntes Kind in einem gut­bür­ger­li­chen Haus­halt, Arbeiterführer im Bergwerk, Lebenskünstler.

So unterschiedlich die Leute über Tullio Saba dachten (die einen liebten ihn, andere hassten ihn, wieder andere fürchteten ihn), so vielschichtig war das Wesen dieses Mannes und seine Rolle. Er erlebte den Krieg und danach die Versuche, auf der Insel eine moderne Gesellschaft aufzubauen, Industrie und Land­wirt­schaft zu modernisieren, die Kämpfe um soziale Gerechtigkeit, die schmerzhaften Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die in den Gemeinden und in den Familien um die Abkehr von überholten Prin­zi­pien und Tra­di­tio­nen ausgefochten wurden. Tullio gibt bei alledem ein schillerndes Bild ab – zwischen Held und Op­por­tu­nist, An­füh­rer und Verräter, Idealist und Egozentriker.

Cabiddus Film (produziert von den Gebrüdern Tornatore) dokumentiert die Recherchen von Tullios Sohn (der im Übrigen nur von hinten zu sehen ist und nicht spricht) in Dutzenden von kleinen Sequenzen: Szenen direkt aus Tullios Leben sind gekoppelt mit den Aussagen von Augenzeugen, die (Jahre später) direkt in die Kamera berichten. So entsteht für den Zuschauer ein mosaikartiges Bild des Mannes – und gleichzeitig eine bewegte, aufregende Geschichte Sardiniens, mit der »il figlio di Bakunin« aufs Engste verstrickt war.


Un delitto impossibile

Regie: Antonello Grimaldi

nach dem Roman »Procedura« Salvatore Mannuzzu: »Procedura« bei Amazon ( neu aufgelegt) von (*1930)

Nachdem er mit seiner Geliebten Lauretta einen cafè getrunken hat, bricht der allseits ge­schätz­te und be­lieb­te Staats­an­walt Valerio Garau im Ge­richts­ge­bäu­de in Sassari zusammen. Kein Zweifel: Er wurde ver­gif­tet. commissario Pani will den Fall zusammen mit dem Staatsanwalt Piero D’Onofrio aus Palermo auf­klä­ren. Die beiden kennen einander seit Langem, aber ihr Verhältnis ist durchwachsen. Außerdem steht D’Onofrio kurz vor der Pensionierung.

Für Pani ist die Sache klar: Laurettas gehörnter Ehemann, der Präsident des Appellationsgerichtshofes, hat den Rivalen umgebracht. D’Onofrio ist aber ganz anderer Ansicht. So naheliegend der Verdacht eines Ehrenmordes sein mag, will er doch lieber Garaus Vergangenheit durchleuchten. In der Tat findet er bei seinen ruppig geführten, aber wirkungsvollen Nachforschungen eigenartige Tatsachen heraus: Neben wei­te­ren Liebschaften pflegte Garau ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester Biba, bis sie sich im Jahr zuvor unter unklaren Umständen umbrachte, und er war in den illegalen Handel mit archäologischen Kunst­wer­ken verwickelt. Eine ganze Reihe von Personen hätten guten Grund gehabt, den pluriaktiven Ju­ris­ten aus dem Verkehr zu ziehen.

Doch die Arbeit geht nicht recht weiter (was manche in der Stadt mit Genugtuung erfüllt). Pani bringt nichts von seiner Rache-Theorie ab, doch gelingt es ihm auch nicht, D’Onofrio zu bremsen. Im undurchsichtigen Netz der Rivalitäten, Liebesaffären, Händel, Leidenschaften und Intrigen der Stadt bahnt sich D’Onofrio seinen Weg, bis schließlich die überraschende Wahrheit ans Licht kommt.


Arcipelaghi

Regie: Giovanni Colombu

nach dem Roman »Gli arcipelaghi« Maria Giacobbe: »Gli arcipelaghi« bei Amazon () von (*1928)

Der elfjährige Giosuè wird von seiner Mutter auf dem Bauernhof einer befreundeten Familie in der Nähe von Nuoro zurückgelassen. In der Nacht wird er dort unfreiwillig Zeuge, wie drei Männer aus dem Dorf fünf Pferde aus dem Stall stehlen. Der Eigentümer der Tiere bedrängt das Kind unter Androhung grausamster Strafen, immer bei der Wahrheit zu bleiben und ihm die Namen der Diebe zu nennen. Einmal bekannt, müs­sen die Ganoven ihre Beute zurückgeben, beschließen aber, dem Jungen für seinen Verrat eine Lek­tion zu er­tei­len. Sie kehren auf den Bauernhof zurück und nehmen mitleidlos Rache an dem ver­ängs­tig­ten, wehr­lo­sen Kind. Flores, der brutalste der drei, verliert völlig die Kontrolle über seine Agg­res­sio­nen und schlitzt mit einem Glasscherben die Kehle des Jungen auf. Als die Mutter mit Oreste, Giosuès vier­zehn­jäh­ri­gem Bru­der, eintrifft, ist ihr kleiner Sohn bereits verblutet.

Alle im Dorf wissen, wer die Tat begangen hat, doch alle halten sich an l’omertà: Die unausgesprochene traditionelle Schweigepflicht, aus prinzipiellem Misstrauen entstanden, bewahrt den Einzelnen vor Sche­re­rei­en und schließt jede Kooperation mit der Obrigkeit aus. Der Dorfpfarrer rät der Mutter, den Tä­tern zu vergeben, um die Angelegenheit zu einem Ende zu führen; die Polizei ermuntert sie, selbst Be­wei­se zu be­schaf­fen, um die Mörder zu überführen.

Während des ausgelassenen nächtlichen Karnevalsumzugs (kirchliche Prozession, dabei treibende Wech­sel­ge­sän­ge zwischen Vorsänger und vielstimmiger Gemeinde, dann ein orgiastisches Treiben von mas­kier­ten und schwarz beschmierten Menschen um ein riesiges Feuer) wird Flores aus nächster Nähe er­schos­sen.

Der Tat angeklagt wird Oreste, aber die Verwandten stellen ihm ein Alibi aus, so dass der Prozess vor dem Jugendstrafgericht mit seinem Freispruch endet. Wieder sorgt das allgemeine Stillschweigen, das Zu­rück­hal­ten und Zurechtbiegen der Wahrheit, dafür, dass der Mord ungesühnt bleibt. Es war Giosuès Mut­ter, die ihn aus Schmerz, Reue und Ehrgefühl ausgeführt hat, um sich in aller Stille und ganz privat an den Mör­dern ihres Kindes, das sie unverzeihlicherweise alleingelassen hatte, zu rächen.

Diese Geschichte erzählt der Film auf unglaublich packende, vielgestaltige Weise. Giovanni Colombus wich­tigs­tes Stilmittel ist die Montagetechnik. Während in der personell erheblich differenzierteren Ro­man­vor­la­ge von Maria Giacobbe der Gerichtsprozess am Ende steht, nachdem mehrere Erzähler das Ge­sche­hen aus verschiedenen Perspektiven aufgerollt haben, entwickelt Colombu die Ereignisse aus dem Verlauf des Prozesses, der wie ein Dokudrama dargeboten wird: Der Richter befragt einen Zeugen nach dem an­de­ren, und jede Aussage geht in die szenische Wiedergabe der betreffenden Episode über, als gäbe der Zeuge ihr Gestalt oder erlebte sie erneut. Erst am Ende setzt sich aus all den Szenen das Gesamtbild zu­sam­men.

Während im Gerichtssaal und in den sozial besser gestellten Familien (gut verständliches) Italienisch ge­spro­chen wird, sprechen die meisten Dorfbewohner Sardisch miteinander. Nur dank der italienischen Un­ter­ti­tel können wir folgen ...


Pesi leggeri

Regie: Enrico Pau

Ein Film aus dem Boxer-Milieu im öden Vorstadtgürtel von Cagliari. Nino ist ein hoffnungsvolles Talent. Sein ehrgeiziger, aufbrausender Trainer Melis, früher selbst Europameister, sieht ihn schon als ita­li­e­ni­schen Champion.

Eines Tages stellt sich der düstere, wortkarge Giuseppe vor und möchte in den Trainingskader auf­ge­nom­men werden. Seine Kraft und seine Beweglichkeit machen ihn bald zu einer Konkurrenz für Nino, wenn es ihm auch noch an Varianz und Selbstkontrolle fehlt. Die Rivalität zwischen den beiden spitzt sich zu, als Ninos unzufriedene Freundin Maddi ihm ständig Vorhaltungen macht, er solle sich lieber eine richtige Arbeit suchen. Um ihn anzustacheln, wendet sie sich Giuseppe zu, ohne allerdings bei ihm mehr Glück zu finden. Sie muss ihren eigenen Weg finden.

Die Geschäfte laufen schlecht. Der Manager der Anlage, Claudio, der einst ebenfalls als Boxer Kar­rie­re machen wollte, aber versagte, verdient seinen Lebensunterhalt mit der Vermietung von Woh­nun­gen.

Nach einer unbeherrschten Aggression Giuseppes gegen Nino im Training platzt Melis der Kragen, und er jagt ihn davon. Aber Claudio will ihn nicht fallen lassen und lässt ihn von Trudu, einem Bekannten, wei­ter trainieren. Um endlich den bedrohlichen finanziellen Schwierigkeiten zu entkommen, drängt Trudu, ein großes Turnier zu organisieren. Claudio ist gegen das Projekt, denn Nino und Giuseppe ge­hö­ren nicht in die gleiche Gewichtsklasse, und er fürchtet eine zu aggressive Prügelei zwischen den Rivalen. Doch Trudu erpresst ihn, und so kommt es schließlich zu einem dramatischen, verheerenden Kampf.

Gelungen ist die geruhsame Kameraführung, auch der jazzige Soundtrack (Klavier & Cello bzw. Trom­pe­te). Die Sprache ist gut zu verstehen. Ansonsten ist der Film allerdings nicht spezifisch sar­disch, weder the­ma­tisch noch atmosphärisch.


Ballo a tre passi

Regie: Salvatore Mereu

Der erste Spielfilm des Regisseurs Salvatore Mereu aus Dorgali lässt in seiner Filmsprache zwar neo­rea­lis­ti­sche Wurzeln erkennen und spielt etliche tra­dit­io­nel­le Stereotypen aus (vom archaischen Lebensstil, dem Hirtenidyll über die ab­son­der­li­che Sexualität bis zum gehüpften Rundtanz und dem vielstimmigen Män­ner­chor), bindet sie aber in ein symbolbefrachtetes Konzept ein. Sie sind da­durch ein wenig der Realität enthoben, ohne jedoch ironisch gebrochen zu werden.

Der Film besteht aus vier Episoden, die unvermittelt ineinander übergehen. Ab­ge­se­hen von einigen Schauspielern, die wiederholt auftreten, sind sie lediglich auf der me­ta­pho­ri­schen Ebene verbunden, indem jede eine Jahreszeit und eine Lebensphase repräsentiert. Im ersten, heiteren Teil (Frühling/Kindheit) fahren vier kleine Jungs auf der Ladefläche eines Kleinlasters über Land, um zum ersten Mal das Meer zu sehen. Unterwegs ärgern sie einander und andere, rauchen und amüsieren sich; am Meer tollen sie geradezu ekstatisch herum. – In der zweiten Episode (Sommer/Jugend) fliegt eine attraktive junge Französin ein und ist gleich fasziniert von dem stillen, bärtigen, drahtigen Hirten, dem wir schon zusammen mit den Knaben begegnet sind. Mit Flug­zeug, Disko und weiblichen Initiativen bricht die Moderne ins Hirtenleben. Sprachlich können beide nur ru­di­men­tär mit­ein­an­der kommunizieren, kulturbedingt unterscheiden sich auch ihre sexuellen Wünsche, aber die Verführung gelingt. Kaum ist der Naturbursche auf tragische Weise wieder allein, sehen wir dieselbe at­trak­tive Schauspielerin im dritten Teil als Nonne (was zunächst weiß Gott irritiert). Sie reist zu ihrer Familie aufs Land, wo eine Angehörige heiratet. Dies (Herbst/Reife) ist der stimmigste der vier Teile: Das viel­ge­stal­ti­ge Gedränge in den Innenräumen, vom magischen Chorgesang begleitet, spiegelt sich im erns­ten, sanf­ten Mie­nen­spiel der Nonne wieder. Das große Fest beginnt, wird aber jäh von einem Platz­re­gen be­en­det; Traurigkeit und Enttäuschung in allen Gesichtern – bis einer die Initiative ergreift: Das Ge­mein­schafts­er­leb­nis mit Musik und Tanz erweist sich als mystisches Heilmittel (mehr dazu in meiner Besprechung des Films »Su ballu ‘e s’arza – il ballo dell’argia«), die Sonne bricht hervor, der Regen hört auf, alles wird gut. – In der letzten Episode (Winter/Alter) verbringt ein einsamer Alter seine letzte Nacht mit einer un­kom­pli­zier­ten Pro­sti­tu­ier­ten (sie sin­gen und mu­si­zie­ren ge­mein­sam), ehe er in einer me­lo­dra­ma­ti­schen Prozession aus dem Leben geleitet wird.

Der Titel des Films bezeichnet eine Variante der typischen sardischen Rundtänze, bei denen sich die ge­sam­te Tanzgruppe kreisförmig hüpfend zum Rhythmus des Akkordeons oder der launeddas bewegt und bestimmte Choreografien ausführt.

An »Ballo a tre passi« kann man manches kritisieren: Der Film erzählt keine richtige Geschichte, wirkt ar­ti­fi­ziell, ist inhomogen strukturiert und führt ein inzwischen veraltetes Sardinienbild fort, das die Ent­wick­lung der Insel ignoriert. Aber er lässt das filmische Talent des Regisseurs erkennen, das er in »Bellas mari­posas« entfaltet: die ruhige Kameraführung, die Gestaltung anrührender Szenen, die frontalen Groß­auf­nah­men, um den Pro­ta­go­nis­ten ganz nahe zu kommen.


La destinazione

Regie: Piero Sanna

Der neunzehnjährige Emilio aus Rimini, noch sorglos und etwas naiv, absolviert seine einjährige Ausbildung bei den Carabinieri in Rom. Sie ist von militärischer Strenge und zielt auf Disziplin und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein. Emilio freundet sich mit dem Sarden Costantino an, einem ernsten, schweigsamen jungen Mann, erheblich reifer und nach­denk­li­cher als seine Altersgenossen. Nach Abschluss der Ausbildung wird Emilio – Ironie des Schicksals – nach Sardinien abgeordnet, in das (fiktive) Städtchen Coloras in der Barbagia. Er verspricht sich von dieser »destinazione« geradezu eine Art Ur­laubs­auf­ent­halt, doch schon der Ortsname täuscht: Das sardische Wort »Coloras« hat nichts mit Farben zu tun, sondern bedeutet »Schlangen« ... Die Umständlichkeit der Reise dorthin sig­na­li­siert, dass es in eine andere Welt geht. (Mit der Schmalspur-Dampfeisenbahn allerdings übertreibt es Piero Sanna.)

In Coloras wird Emilio einer Aufklärungseinheit zugewiesen, die gegen die üblichen Vieh­dieb­stäh­le vor­ge­hen soll. Bei einem solchen Verbrechen töten die beiden Diebe einen Hirten, dessen kleiner Sohn Efisio in seinem Versteck Augenzeuge wird. Beim Begräbnis seines Vaters erkennt er einen der beiden Mör­der, Fran­ces­co Cortes, wieder (was einer der Carabinieri bemerkt), behält das furchtbare Geheimnis aber für sich. Unter der Belastung seines Gewissens verstummt und verstockt er.

Die Carabinieri versuchen, ihren Hauptverdächtigen Francesco Cortes zu fassen zu bekommen, und auch seine Mutter setzt ihn unter Druck. Schließlich flüchtet er mit Hilfe von Komplizen in eine Höhle in den Ber­gen.

Inzwischen ver­liebt sich Emilio in Giacomina, ein Mädchen aus dem Dorf. Wegen des Misstrauens der Men­schen gegen alle Frem­den und die Polizei im Besonderen können sie sich aber nur insgeheim treffen. Doch in Coloras bleibt nichts verborgen, und Giacomina entgeht nicht der Ächtung.

Endlich deutet Efisio seiner Mutter an, was er weiß, und gegen alle Gebote der omertà öffnet sie sich den Carabinieri, damit der Mörder ihres Mannes verurteilt werden kann. Aber es bekommt ihr schlecht, obwohl die Polizei ihr Schutz garantiert hat. Denn Francesco Cortes wird zwar (dank Emilios tapferen und be­dach­ten Einsatzes) gefangen und vor Gericht gestellt, doch, weil das Kind nicht als zuverlässiger Zeuge an­er­kannt wird, freigesprochen: In dubio pro reo.

Nun bricht alles zusammen. Emilio verliert seinen Glauben an die Ge­rech­tig­keit und den Sinn seiner Arbeit. Giacominas Eltern unterbinden ihre Beziehung zu dem Ca­ra­bi­nie­re, nach­dem sie öf­fent­lich geworden ist. Efisio und seine Familie sehen sich im Dorf als Verräter ausgegrenzt und bedroht. Francesco Cortes und seine Kumpane fühlen sich sicher genug, um gnadenlos Rache zu üben.

Das Ende ist für Coloras (stellvertretend für das sardische Inland?) deprimierend: Emilio lässt sich zu einer neuen »destinazione« versetzen, und sein Freund Costantino erklärt ihm resignierend: »Noi siamo fatti così. Siamo un popolo di servi.«

Piero Sannas ruhiger, rationaler Film (in Mamoiada und Benetutti bei Nuoro gedreht) lässt Zeit zum Schau­en, Zu­hö­ren und Nachdenken. Es gelingt ihm überzeugend, ein Sardinienbild zu entwickeln, das moderne Zeiten und alte Überzeugungen und Traditionen glaubhaft vereint. Unter sich spricht man Dialekt (italie­nisch un­ter­ti­telt), man hegt immer noch Ressentiments gegen die italienischen Behörden, als wären sie eine feindliche Besatzungsmacht, die Frauen tragen alltäglich schwarze Kleider und Kopftücher, und in den Bergen leben die Hirten mit ihren Schafherden und machen einander wie eh und je das Leben schwer. Aber niemand heroisiert sie mehr; die Mütter und Väter nehmen die Taten ihrer wilden Söhne nicht einmal stillschweigend hin, sondern missbilligen sie mit Blicken und Gesten.

Ein deutlicher Schwerpunkt des Films liegt auf Ausbildung, Arbeit und Ethos der tüchtigen Carabinieri; man könnte ihn geradezu als Werbefilm für die stolze Arma dei Carabinieri einsetzen (deren Ursprünge im Üb­ri­gen aufs Engste mit Sardinien verwoben sind).


Sonetàula

Regie: Salvatore Mereu

nach dem Roman »Sonetàula« Giuseppe Fiori: »Sonetàula« bei Amazon () von (1923-2003)

Zuanne Malune ist zwölf, als sein geliebter Vater 1938 das (fiktive) Heimatdorf Orgiadas verlassen muss. Er wurde für ein Verbrechen verurteilt, das er gar nicht begangen hat, und er wird in der Verbannung sterben. Seine Mutter zerbricht daran.

Der Großvater erzieht den Jungen nach den uralten einfachen Gesetzen der Hirten, und immer behält er die Pflicht vor Augen, das Unrecht zu rächen, das seinem Vater widerfahren ist.

»Sonetàula« wird der Junge genannt, weil sein magerer Körper bei jedem Schlag, den er erhält, ein Ge­räusch abgibt, als sei er aus Holz (sardisch sonù | it. suono: Klang, sard. tàula | it. tavola: Tisch). Aber das Leben mit der Schafherde auf den Weiden, bei Wind und Wetter in der rauen Felslandschaft des Genn­ar­gen­tu-Gebirges macht ihn hart. Der Umgang der Männer untereinander ist rau, ohne Umschweife und ohne Schonung; jede Freundlichkeit könnte als Schwäche ausgelegt werden.

Zuannes Weg ins Banditentum beginnt mit einer Ungerechtigkeit und führt ihn wie zwangsläufig ins Abseits der Gesetz- und der Sinnlosigkeit. Er muss sich in den Bergen vor den Carabinieri verstecken und dafür auch auf Maddalena verzichten, in die er sich schon als Junge verliebt hatte und die nun einen an­de­ren hei­ra­ten wird. Am Ende ist er bereit, sich zu stellen, um ihr mit der hohen Belohnung, die auf sei­nen Kopf aus­ge­setzt ist, ein besseres Leben mit ihrer Familie zu ermöglichen, doch Maddalena lehnt ab. Sein Un­ter­gang ist unausweichlich.

Der Regisseur Salvatore Mereu liefert mit seinem zweiten Spielfilm die x-te Variation des Themas, wie ein junger Sarde zum bandito wird, und tritt damit gegen starke Vorbilder an. Inhaltlich kann er nichts Neues hinzufügen, aber filmisch hat er einen neuen Maßstab gesetzt, kompromisslos in mehrfacher Hinsicht: aus­führ­li­che Einstellungen (daher zweieinhalb Stunden Gesamtdauer), komplett in Sardisch gedreht (für das nicht-sardische Publikum nur über die Untertitel verständlich), keine Musikuntermalung, keine Pro­fi­schau­spie­ler. Aber Mereus Filmsprache geht unter die Haut. Die Kamera ruht auf den Gesichtern der Men­schen, oft im Halb­schat­ten, und zeigt sie stoisch der Natur, dem Regen und ihren Krankheiten aus­ge­lie­fert. Wir sehen Porträts aus einer anderen Zeit, lederhäutige Männer in ihren Steinhütten, im Schlamm, eins mit ihren Tieren. Augen drücken mehr aus als die wenigen gesprochenen Worte. Szenen wie die am Anfang, als ein rasender, etwas älterer Junge Zuanne provoziert, demütigt, bedroht, mit Steinen bewirft und un­un­ter­bro­chen kehlig schreiend bis in seine Schutzhütte verfolgt, vergisst man nicht mehr.


Bellas mariposasSchöne Schmetterlinge«)

Regie: Salvatore Mereu

nach der Erzählung »Bellas mariposas« Sergio Atzeni: »Bellas mariposas« bei Amazon () von (1952-1995)

Die zwölfjährige Ca­te­ri­na wächst in einem verwahrlosten, übervölkerten Wohn­block in Sant’Elia, einer Vor­stadt von Cagliari auf. Trotz der deprimierenden Le­bens­be­din­gun­gen in ihrer chaotischen Patchwork-Fa­mi­lie bewahrt sie ihre Hei­ter­keit, Cha­rak­ter­stär­ke und ihre Träume (z.B. »cantante« werden). In jeder Le­bens­la­ge trällert sie den »Mambo italiano«, dessen Melodie und Rhythmus sie durch die verworrensten, lautesten, be­drän­gend­sten Situationen ziehen ...

Während ihre Mutter arbeitet, so gut es geht, und sich bemüht, auch für ihre Kinder da zu sein, ist ihr Vater nicht nur arbeitslos und stinkfaul (»mandrone« im sardischen Dialekt), sondern hurt auch schamlos herum. Zu Hause spielt er gern den starken Max – eine hohle Fassade.

Ca­te­ri­na kümmert sich insbesondere um ihre kleine Schwester Luisella, während sie bei ihren Brüdern we­nig bewirken kann: Der eine hing schon mit zwölf an der Spritze; die großen gehen längst ihrer eigenen Wege.

Ca­te­ri­nas wichtigste Bezugspersonen sind (neben Luisella) ihre gleichaltrige Freundin Luna und der etwas linkische, mollige Brillenträger Gigi, den alle mobben (am übelsten Ca­te­ri­nas Bruder). Ca­te­ri­na und Luna sind »più che sorelle«; sie vertrauen einander blind und haben keinerlei Geheimnisse voreinander. Wie »bellas mariposas« flattern sie durch ihr Viertel, beobachten, kommentieren alles und jeden, kichern un­ent­wegt.

In ihrem desolaten Umfeld wirken die drei Mädchen wie Felsen in der Brandung. Während wir miterleben müssen, wie andere, kaum älter als sie, sexuell ausgenutzt werden und sozial abdriften, bestärken die bei­den älteren einander immer wieder darin, ihre Unschuld bewahren zu wollen. Die halten sie hoch wie ein Banner, um sich abzugrenzen und zu schützen: »Samantha non è come me e Luisella ... lei non è vergine come noi.«

Der einzige männliche Hoffnungsträger ist Ricciotti, das Fußballtalent, der seinen Mann­schafts­ver­pflich­tun­gen zuverlässig nachkommt und dadurch sogar für Papa zum Idol wird.

Bestechend und innovativ ist die außergewöhnliche Filmsprache, die Regisseur Salvatore Mereu hier kul­ti­viert. Ca­te­ri­na (Sara Podda agiert großartig: unbefangen, selbstsicher, energisch, variabel) spricht direkt in die Kamera hinein, erzählt aus ihrem Leben und tratscht mit uns über alles und jeden. Der Effekt der un­ver­mit­tel­ten Ansprache ist umwerfend, sie zieht den Zuschauer ungebremst hinein ins Geschehen. Die Wir­kung verstärkt, dass die Kamera ständig sehr nah am Geschehen bleibt. Die Räume sind voll­ge­pfropft mit Ramsch, und selbst wenn, wie oft, ein Gesicht in Großaufnahme die Leinwand aus­füllt, ragen irgendwelche Gegenstände ins Bild – eine Atmosphäre ständiger Hektik, Bedrängung, Unfreiheit. Nur relativ selten gönnt uns einmal eine Totale einen ruhigen Überblick. Der einzige Ort un­ge­stör­ten Selbstseins in der Wohnung ist das Badezimmer.

Ca­te­ri­na erzählt uns einen entscheidenden Tag in ihrem Leben – es ist August und sehr heiß. Nachdem sie uns im ersten Teil des Films mit ihrer Umgebung vertraut gemacht hat, fährt sie im zweiten Teil mit ihrer Freun­din im Bus ans Meer, wo sie erst ein Weilchen die Freiheit unter Wasser genießen (»dimentico di tutto«) und Unmengen Eis verputzen. Dann holen all die kleinen Motive des Anfangs sie ein, die Handlung spitzt sich zu, die beiden geraten in Gefahr, Ca­te­ri­na muss Entscheidungen treffen, um z.B. Gigi (»l’inna­mo­ra­to mio«) vor seinen Häschern zu retten, auf dem Platz vor dem Wohnblock treten eine Wan­der­trup­pe und eine Wahrsagerin auf, die Ca­te­ri­na Entlastung bringen könnte, die Stimmung wird ein wenig magisch; dann gibt es einen Toten, die Polizei rückt an ...

Ein rea­lis­ti­scher, turbulenter Film, zart-bitter, abenteuerlich und schonungslos, originell gemacht, ideal für Jugendliche, ein rundherum überzeugendes Kunstwerk für Erwachsene. Es wird viel Dialekt gesprochen, was den Genuss für uns leider etwas einschränkt.


Su ballu ‘e s’arzaIl ballo dell’argia

Regie: Serafino Deriu

Der interessante Versuch, ein uraltes Ritual des Volksglaubens anschaulich zu machen und zugleich in un­se­re Zeit zu transponieren. Ein Mann wird durch Tänze, Gesänge usw. von der unglücklichen Seele be­freit, die sich seiner bemächtigt hatte. Mit Exorzismus, wie ihn törichte Hollywood-Horrorfilme ausmalen, hat das nichts zu tun. Vielmehr geht es um die Dokumentation tief verwurzelter naturmystischer Vorstellungen vom Menschen: Bei dem Kranken ist etwas in Unordnung geraten; jemand, der dank seiner Er­fah­run­gen über ein tieferes Verständnis verfügt, versucht die Ursache zu erspüren; kann sie mit zweck­mä­ßi­gen Mit­teln aus­ge­schal­tet werden, ist das natürliche Gleichgewicht wiederhergestellt. Ähnliche Wirkung sagt man ja auch dem Tanz der Tarantella nach.

Die Handlung ist einfach: Der junge Pietro kehrt vom Militärdienst in Norditalien in sein sardisches Hei­mat­dorf bei Macomer zurück, in dem sich seit langem nichts verändert hat: Die Oma sitzt am Webstuhl, der Vater hackt im Garten, die Mutter bessert Kleidung aus. Man denkt an den Bruder, der in Deutschland ar­bei­tet. Alles bereitet sich auf das bevorstehende Fest des San Giovanni vor. Pietro kehrt in den Kreis sei­ner Tanz­grup­pe zurück, nimmt wie früher an den Proben und dem Fest teil, erlebt Geborgenheit und Freu­de, die von innen heraus erwächst.

Plötzlich wird Pietro von einer arza gebissen. Das ist die einzige gefährliche Spinnenart in Italien, auch argia oder varza genannt (was »bunt, vielfarbig« bedeutet). Ihr Biss löst schmerzhafte Unterleibskrämpfe, Fieber und Entkräftung aus. Aber niemand ruft einen Arzt, wenn doch jeder weiß, was der Vorfall in Wahr­heit bedeutet und wie dem Mann geholfen werden kann.

Als erste Maßnahme steckt man ihn mit den Füßen voraus in den warmen Ofen. Doch dann trifft pro­fes­sio­nel­le Hilfe ein: Die junge, energische Heilerin Burica, im schwarzen Umhang nach alter Sitte ge­wan­det, wirft alle Gaffer raus, um in Ruhe auf den Besessenen einreden zu können. Woher kommt er? Was hat er er­lebt? Schließlich kommt sie der »comare Arza mia« auf die Spur und beschwört sie: »Dovete lasciare questo corpo. Parlate. Mi dovete dire che Arza siete!«

Die Zielrichtung der Therapie ist jetzt klar: Zuerst tanzt ein Kreis alter Frauen den »ballo delle vedove«; Pietro liegt reglos in ihrer Mitte ausgestreckt. Seine Agonie weicht nicht, es muss sich also ein anderer Typ von arza seiner bemächtigt haben. Jüngere Frauen müssen versuchen, ihn zu animieren. Bis zum Hals wird er mit Stroh zugedeckt, dann folgt ein erneuter Rundtanz mit Gesang, der »ballo delle nubili«.

Drei Tage dauert die Behandlung mit Umtanzen, Singen, Streicheln, Zureden, bis Burica feststellt, man habe die arza gefunden: Es handle sich, schildert sie lebhaft, um »un’Arza nubile« aus Oliena, die – un­glück­lich verliebt – Pietro in Besitz genommen hatte. Da sie erkannt und ihre Schuld vergeben ist, kann sie sich entfernen, und der junge Mann ist wieder frei und geheilt. Klar, dass man das mit einem fröhlichen Ab­schluss­fest und weiterem Tanzen und Musizieren feiert.

Der Film schafft eine altertümliche, anrührende Atmosphäre, als trage sich die Handlung vor hundert Jah­ren zu; die wichtigsten Fortbewegungs- bzw. Transportmittel sind Pferd, Esel, Maultier und Och­sen­kar­ren; wir sehen die Menschen Steinbrocken sammeln, Trockenmauern bauen, unterm Baum Brot­zeit hal­ten ...

Das ist alles wunderschön anzuschauen. Die Tänze und Rituale berühren uns aus ferner Zeit, und es ist frag­los interessant zu erfahren, was für ein Menschenbild und was für naturmagische Hintergründe und Le­gen­den von ver­wun­sche­nen, unglücklichen, Rache suchenden Seelen dahinterstecken. Doch die Ins­ze­nie­rung als heutige Realität vorzuspielen ist unnötig und zuviel des Guten; nicht einmal im ent­le­gens­ten sar­di­schen Weiler werden heutige junge Leute derart aus der Zeit gefallen sein und aus vollster Über­zeu­gung ur­al­tem Aber­glau­ben nachhängen.

Im Übrigen gibt es eine viel breitere Varianz von argia-Ritualen, als der Film mit diesem Konzept illustrieren kann. Sie können religiöse Symbolik tragen (vgl. die drei Tage zwischen Biss und Wie­der­er­we­ckung / Hei­lung), viel häufiger aber derb erotische Züge. Man steckte den armen Kranken nackt in einen Sack voller Mist oder auch in sein Bett, es umsprangen ihn ledige, verheiratete, verwitwete Frauen, man suchte ihn durch alberne oder obszöne oder provokante Bewegungen und Sprüche zum Lachen zu bringen – viel­leicht gar keine so abwegigen Therapien, um dem erkrankten Körper frische Abwehrkräfte zuzuführen. Mag es sich aus naturwissenschaftlicher Sicht bloß um eine Art Placebo-Effekte handeln, so unterstützen sie doch die biologischen Mechanismen, wie wir sie heute durchschauen.


Paolo Zucca: »L’arbitro«

Paolo Zucca ()

L’arbitro

Aberwitziges Fußball-Ballett
Rezension vom 28.01.2018

Pabarile ist ein (fiktives) Kaff im Nord­westen Sardi­niens. Nur Fußball peppt das Leben dort auf, auch das der schweig­samen Hirten und Käuze und der alten Frauen mit schwarzen Kopf­tüchern. Atletico, die Lokal­mann­schaft, hat den letzten Platz in der dritten sard...

auf YouTube suchen: »L’arbitro«


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