Rezension zu »Das Blaue Buch« von A.L. Kennedy

Das Blaue Buch

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 368 S. · ISBN 9783446239814
Sprache: de · Herkunft: gb

Überfrachtete Schiffspassage

Rezension vom 15.10.2012 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Elizabeth Caroline Barber und Derek haben eine Schiffspassage von Southampton nach New York gebucht - eine perfekte Kulisse für ein Hochzeitsversprechen. Doch der Wellengang auf See fordert seinen Tribut von Derek ebenso wie von der Mehrzahl der anderen Reisenden. Mehr oder weniger ansprechbar liegt er die meiste Zeit in seinem Zimmer. Elizabeth kommt das sehr gelegen. Denn zufällig bemerkt sie, dass noch ein weiterer guter Bekannter an Bord ist: Arthur Lockwood hat eine Suite auf Deck gebucht und damit ein geschickt geplantes Arrangement eingefädelt.

Die beiden sind miteinander bestens vertraut, sind sie doch Jahre lang gemeinsam durch die Welt getingelt, um die Wünsche eines verzweifelten Publikums zu erfüllen: In Séancen täuschten sie Hinterbliebenen vor, Kontakt mit ihren Verstorbenen aufzunehmen. Zu diesem Zweck entwickelten und perfektionierten sie geschickte Techniken der Kommunikation, insbesondere einen geheimen Code aus Zahlen, denen kurze Botschaften entsprachen und mit dessen Hilfe sie sich untereinander unauffällig zu verständigen vermochten. Das ging eine Weile gut, bis Elizabeth mehr und mehr moralische Bedenken kamen, sich am traurigen Schicksal anderer zu bereichern, noch dazu mit faulem Zauber. Die beiden Künstler trennten sich abrupt.

Doch waren Elizabeth und Arthur nicht nur Geschäftspartner gewesen, sondern Liebe und sexuelle Erfüllung verbanden sie nicht minder. Während Derek also tagelang das Bett hütet, treffen sich die beiden heimlich, und schnell finden ihre Körper wieder zueinander.

Damit ist bereits der reine Plot dieses Romans grob umrissen. Die Handlung wird in Rückblenden aus Elizabeths und Arthurs Perspektiven erzählt und durch allerlei Nebenschauplätze bereichert. Die beiden erzählen von ihrer Kindheit, ihrem Elternhaus, wie sie sich kennenlernten und warum Elizabeth Arthur das Blaue Buch schenkt, das wir nun in Händen halten und zusammen mit Arthur lesen werden: "... hier ist es, das Buch, das du liest ... Dein Buch - jetzt fängt es an, es ist berührt und aufgeschlagen."

"Das Blaue Buch" (The Blue Book), das Ingo Herze übersetzt hat und das bei Hanser erschienen ist, spricht den Leser optisch und haptisch sofort an. Es ist wunderbar in dunkelblaues Leinen gebunden, und dicht unterhalb des oberen Buchdeckelrandes sehen wir am fernen Horizont einen Luxusdampfer von rechts ins Bild schippern ... Ich war sogleich Feuer und Flamme und voller unterschiedlichster Erwartungen.

Die schottische Erzählerin Alison Louise Kennedy ist eine vielfach ausgezeichnete, außergewöhnliche Literatin. Sie begnügt sich nicht damit, einfach eine Handlung und Dialoge wiederzugeben, sondern unterbricht diese mit umfänglichen reflektierenden, vertiefenden, abschweifenden Passagen, die es in sich haben. Da entfaltet sie einen vielschichtigen, eigenwilligen Stil - oft arabesk, auch syntaktisch ausladend, in sich widersprüchlich; manchmal wie gesprochen, z.B. wenn sich der Erzähler gleich wieder korrigiert, die vorangegangene Aussage nachbessert, ergänzende Parenthesen einfügt ...

Kennedys Sprache fordert den Leser heraus, strengt an. Ellenlange Sätze, inhaltlich manchmal rätselhaft, voller Brüche, voller Widersprüche. Seitenlang werden Seelennöte, Ängste, Träume, Leidenschaft, Sehnsucht, Schuld, emotionale Verletzungen und andere Gefühle thematisiert.

Die unbestreitbare poetische Virtuosität geht, wenn man so will, "auf Kosten" der Klarheit und des Leseflusses. Mich haben viele der 368 Seiten nicht wirklich packen können; ich musste mich immer stärker zwingen, den geistigen Exkursionen und Elizabeths inneren Monologen (kursiv abgesetzt) zu folgen. Die Lektüre gestaltete sich bisweilen wie die Querung eines Stromes, indem man von Felsblock zu Felsblock hüpfend trübe dahinwirbelnde Wassermassen überwinden muss ...

Im Grunde ist auch Kennedys Figurenzeichnung recht artifiziell, zu kopfgesteuert. Protagonist Arthur ist bezeichnenderweise ein anämischer, bleicher, durchscheinender Mann mit blonden Haaren. Am berührendsten sind Lockwoods Kunden, die traumatisiert und fast wie Abhängige an des Meisters Lippen hängen, wenn sie mit ihm die furchtbarsten Stunden ihres Lebens erneut durchleben und seelischen Trost in seinen nur ihnen allein gewidmeten kostbaren Dreitages-Séancen finden.


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