Rezension zu »Io sono il Libanese« von Giancarlo de Cataldo

Io sono il Libanese

von


Kriminalroman · Einaudi · · Taschenbuch · 131 S. · ISBN 9788806211097
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Rom

Zu flacher Aufstieg

Rezension vom 17.10.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Im Gefängnis fühlt Libano sich wie zu Hause. Er ist auf der Straße groß geworden, und sie war ihm "una maestra che non perdona". Er hat gelernt, sich mit bloßen Händen und einem Messer durchzusetzen. Jetzt - im Jahr 1976 - ist er 25 und sitzt wegen einer kleinen Waffenhandelssache ein.

Da kommt beim Hofgang seine Chance: Er rettet den jungen Mann, der von schrankgroßen Mithäftlingen zusammengeschlagen zu werden droht, aus seiner misslichen Lage. Knochen und Nasen brechen, böse Tritte fahren in Unterleibe, und schon ist der Junge befreit.

Libanos Riecher hat ihn nicht getrogen: Er hat Ciro, dem Enkel des großen camorrista Pasquale 'o Miracolo geholfen, und wie es der Ehrenkodex gebietet, darf er nun seinerseits anständige Hilfe erwarten. Don Pasquale findet Libano einen fähigen guagliu', weiht ihn ein in die glorreiche Historie, die Mechanismen und Hierarchien des Systems camorra und öffnet ihm fortan Türen, knüpft Beziehungen.

Zwischen unumgänglicher Unterwerfung - Lehrjahre sind keine Herrenjahre - und stolzer Verachtung der unzeitgemäßen und seinem hochfliegenden Machtanspruch nicht genügenden Strukturen laviert sich Libano vorsichtig durch, findet aber immer den richtigen Ton, um Sympathie zu gewinnen - devot, aber dezidiert-markig. Die Annäherung erreicht ihren Höhepunkt, als Don Pasquale ihm eine einfache Aufgabe stellt, um seine Loyalität zu testen: Er soll einen Verräter hinrichten. Etwas Besonderes ist das nach camorra-Maßstäben nicht, denn "senza 'o muort' nun ce sta 'a vita", nicht wahr?

Aber Libano will gar nicht fidelizzato (einer, den die Bosse an sich binden) werden, sondern selber die Fäden ziehen ("mai servo di nessuno, ma solo e sempre padrone di se stesso"). Er hat nichts übrig für die Pseudo-Ethik und düstere Mystik, mit der sich die Ehrenwerten schmücken und legitimieren.

Sein Ziel: nichts weniger als "diventare il re di Roma". Aber die Stelle ist schon mehrfach besetzt: Da ist il Terribile, da sind i marsigliesi, da sind vor allem die camorristi aus dem Süden, die die Stadt im Griff haben. Raffaele Cutolo (il Professore) aus Neapel hat den alten Familien den Krieg erklärt und möchte eine neue, modern konzipierte camorra durchsetzen. Unter diesen Umständen fühlen sich die einheimischen Kriminellen zwar wie Vertriebene, haben aber weder das Zeug dazu noch den Willen, sich zu organisieren. Als Libano das im Freundeskreis vorschlägt, hält man ihn für größenwahnsinnig und lässt ihn allein.

Wieder ist es Don Pasquale, der ihm eine Chance eröffnet, seinem Ziel näher zu kommen. Er lädt Libano ein, sich an einer ganz großen Heroinsache zu beteiligen; dafür muss er bloß trecento milioni lire als Einsatz mitbringen.

Von da an kennt Libano nur ein Bestreben: diesen Betrag, der seine Verhältnisse in absurdem Maß überragt, zusammenzukratzen. Er spannt seine drei Kumpels seit Kindertagen ein - Dandi, il Bufalo und Scrocchiazeppi. Denen ist er zwar weit voraus, doch auch ihm fallen nur Kleinkriminalität und Glücksspiel ein, und selbst da fehlt es ihm an Selbstbeherrschung. Er kommt dem Ziel kaum näher, die Nummer ist einfach zu groß für ihn.

Dann schlägt das Schicksal zu: Libano, diese "macchina da guerra, ... il dio stesso della guerra" (Da trägt der Erzähler dick auf; nicht einmal Libano selbst glaubt das wirklich ...), verfällt Giada, einer unglaublich schönen dea, Luxusgirl aus stinkreichem Hause und gern sexuell aktiv. Ihren gutbürgerlichen Freund Sandro hat Libano schnell platt gemacht und ins Abseits geschoben. Es dauert allerdings, bis la Bella e la Bestia auch außerhalb des Schlafzimmers und des Drogendunstkreises zueinander finden. Während sie von il movimento und il collettivo schwadroniert und naiv voraussetzt, dass auch er proletarischer Klassenkämpfer sein müsse ("Tu e io stiamo dalla stessa parte"), hat er von all dem keinen Schimmer, und es interessiert ihn auch keinen Deut. Da er sich seiner Herkunft und seiner primitiven Lebensverhältnisse schämt, hält er sich lieber bedeckt.

Dies sind die Linien, an denen entlang der Plot sich recht gemächlich weiter entwickelt, bis Libano am Ende da landet, wo er hingehört.

Insgesamt fand ich Giancarlo de Cataldos Krimi eher enttäuschend. Klappentext, die Anfangsszene und Libanos eigene Ambitionen wecken große Erwartungen, die nicht annähernd erfüllt werden.

Die Charakterzeichnungen sind selbst beim Protagonisten ohne Tiefe, belanglos und klischeehaft: Natürlich kommt alles Schlechte aus trastevere, der nette Dandi ist immer fein gewandet, ein echter Kerl liebt große Motorräder, und für die camorristi ist der Mensch entweder pecora o leone. Libano entwickelt sich nicht; er ist kein tragischer Held, sondern einfach nur ein Verlierer, aber Mitleid kommt nie auf; der Leser schwankt zwischen Sympathie, Antipathie und Gleichgültigkeit.

Insbesondere langweilte mich die staubtrockene Form des Erzählens, das eher ein karges Berichten ohne Spannungskurve ist: "er ging", "er sah", "er sagte", "er erkannte", "er verlor". Die Ereignisse folgen einander, ohne dass Dynamik aufkommt. Ab Kapitel XXVIII wird auf einmal alles gut: "A Roma ... ciascuno se ne andò per la sua strada." Und wenn sie nicht gestorben sind, ...

Andererseits finden sich auch hübsche Formulierungen, die de Cataldos Potenzial ahnen lassen: "Non esiste il destino, esistono solo le scelte." - Libano sieht sich als "un fantasma fatto di rabbia e di fantasia". Angesichts Giadas Perfektion - "ricci così neri che mandavano lampi da temporale notturno, quando il cielo si spacca a metà fra blu scuro e ghiaccio che acceca" - empfindet er "il curioso senso di tenerezza". Und il Terribile ist nichts als "un contadino rivestito a festa, con ... una cameriera ingioiellata per signora e quattro pecorai sudaticci per guardaspalle".

Nett ist natürlich der Dialekt in zahlreichen Dialogen ("Roma nun è più quella de 'na vorta"; "quarche cosa", weggelassene Endsilben, "'o" statt "il", "guagliu'" usw.). Die einschlägigen Fachausdrücke der Kleinkriminalität (spaccio, retta armi) hat man ebenso schnell erfasst wie "testone" für "milione" oder "tirare una pista" für "eine Linie Kokain reinziehen" ... Manches paraphrasiert de Cataldo gleich selber, denn auch nicht jeder Italiener wird alles verstehen: "'e vvote', alle volte, bisogna dare libero sfogo all'istinto ...".

Nachtrag im März 2013: Seit dem 11.3. gibt es eine deutschsprachige Ausgabe - lesen Sie hier meine Kurzrezension zu Giancarlo de Cataldo: »Der König von Rom« auf Bücher Rezensionen. Dort finden Sie auch Hinweise zu den anderen Teilen der Roman-Tetralogie über Libanos kriminelle Karriere.


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