Rezension zu »Ein besonderer Junge« von Philippe Grimbert

Ein besonderer Junge

von


Belletristik · dtv · · Taschenbuch · 180 S. · ISBN 9783423249218
Sprache: de · Herkunft: fr

Zwei besondere Geschichten

Rezension vom 13.10.2012 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Louis verkriecht sich lieber in seine Bücher, als mit anderen Kindern zu spielen. Der stille, introvertierte Junge wächst als wohlbehütetes Einzelkind in einer Familie der Pariser Oberschicht auf. Den Sommer verbringt man im Badeort Horville an der Atlantikküste. Dort lernt Louis Antoine kennen, einen gleichaltrigen, lebhaften, abenteuerlichen Jungen. Sie buddeln im Sand, streunen durch den Ort, suchen überall nach Relikten der Alliierten, die hier zu Kriegsende an Land gingen. Besonders anziehend ist ein verbotener Park. Die Jungen wagen sich hinein, stoßen auf eine verschlossene Tür, dahinter eine Grotte - und Antoine stürzt mit dem Kopf auf eine Betonplatte.

Es war für Louis der letzte Urlaub in Horville und das letzte Mal, dass er Antoine sah. Was aus ihm danach wurde, weiß Louis nicht, aber ein ungutes Gefühl beschleicht ihn bis heute. All die Erinnerungen, die guten und vor allem schlechten Geheimnisse holen Louis durch einen Zufall nun wieder ein.

Anfang der Siebziger Jahre studiert Louis orientierungslos an der Universität Paris. Wieder mal hat er ein Fachgebiet aufgegeben, und sein Vater ist seine Unstetheit leid. Er soll sich sein Geld selber verdienen. Da kommt eine Stellenanzeige wie gerufen. "Horville" springt Louis sogleich ins Auge: Eine Familie sucht einen Studenten zur Betreuung eines "besonderen Jungen" ...

Der für sein Debüt "Ein Geheimnis" mehrfach ausgezeichnete Autor Philippe Grimbert ist Psychoanalytiker mit dem Schwerpunkt Jugendpsychiatrie. Auf der Basis seines Fachwissens seziert er drei außergewöhnliche Charaktere, die er in seinem neuesten Roman "Ein besonderer Junge" ("Un garçon singulier", übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller) als Protagonisten eines Kammerspiels auftreten lässt.

Der Alltag im Ferienhaus wird bestimmt von dem 16-jährigen Iannis, einem Autisten. Seine Mutter Helena, 40, liebt ihren Sohn, kann jedoch seine instinktgesteuerten Verhaltensweisen und den Stillstand seiner persönlichen Entwicklung nicht mehr ertragen. Schon einmal ist sie schwer abgestürzt, und aus ihrer Depression konnte sie sich nur mit Mühe wieder herausholen. Jetzt zieht sie sich an ihre Schreibmaschine zurück, versucht sich als Schriftstellerin "spezieller Romane".

Schon viele Studenten haben Iannis' Allround-Pflege schnell aufgegeben. Auch Louis, der weder die mindeste Erfahrung als Erzieher noch irgendwelche psychologischen Kenntnisse mitbringt, stößt nach wenigen Tagen an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Der "besondere Junge" kann nicht sprechen; er springt Louis plötzlich an und beißt ihn in die Brust; er will sich nicht duschen lassen, weil er die Tropfen als Höllenmarter empfindet; er stößt markerschütternde Schmerzensschreie aus, wenn er ein rosiges Stück Fleisch auf seinem Teller liegen sieht, und sticht dann mit dem Messer darauf ein, als wolle er sich selber zerstückeln.

Doch dann spürt Louis zarte Zeichen. Während sie durch die kleinen, stillen Gassen von Horville und über den Strand streiften, hat er Iannis seine Erinnerungen an die Sommer mit Antoine und all deren kleine Geheimnisse erzählt. Iannis scheint mehr zu verstehen als vermutet, scheint starke Gefühle wie ein Schwamm aufzusaugen. Bald verbindet die beiden eine geheime Vertrautheit, die Iannis nur Louis schenkt.

Die unausgefüllte, irritierte Helena stellt Louis gern auf die Probe, macht ihn zum Objekt ihrer Begierde und benutzt ihn als Quelle für ihre literarische Selbstverwirklichung. Ihre Avancen sind unmissverständlich. Wie laviert sich Louis aus der "speziellen" Situation?

Trotz seiner psychologischen Tiefe liest sich Philippe Grimberts kleiner Roman schnell und leicht; da ist kein Satz überflüssig, und jeder steckt voller Details, voller Aussagekraft.

Ein nicht alltägliches Sujet, oft aufwühlend, im Spannungsfeld zwischen Abscheu und Faszination, einfühlsam und anspruchsvoll erzählt.


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