Rezension zu »Gegenwinde« von Olivier Adam

Gegenwinde

von


Belletristik · Klett-Cotta · · Gebunden · 270 S. · ISBN 9783608938876
Sprache: de · Herkunft: fr

Das Leben wird weitergehen

Rezension vom 24.04.2011 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Friedlich schlummern auf dem Cover ein kleines blondes, pausbäckiges Mädchen und ihr etwas älterer Bruder. Sie liegen vor einem etwas kärglich geschmückten Tannenbaum und ruhen teils auf einem Tierfell, teils auf einem Kopfkissen. Es sieht alles harmonisch und still aus, doch der Schein trübt. Der Raum wirkt kahl, der Fliesenfußboden kalt ...

Als die Familie noch in Paris wohnte, verschwand Sarah, die Mutter der Kinder, von einem Tag auf den anderen spurlos, ohne etwas mitzunehmen. Offenbar hat sie die Familie nicht im Stich gelassen, ist nicht mit einem anderen Mann durchgebrannt, so räsonniert Vater Paul auf Grund der wenigen Indizien. Dass sie tot sein könnte, diesen Gedanken, kann er nicht zulassen: Dass sie noch lebt, ist der kleine Funke Hoffnung, der ihn weiterleben lässt.

Seither ist nichts mehr, wie es einmal war. Lange haben Paul und seine Kinder Manon und Clément, vier und neun Jahre alt, auf Sarahs Rückkehr gewartet. Keiner von ihnen hat den Schmerz verwunden; verändert haben sie sich alle. Manon ist hypersensibel geworden, Clément verschließt sich mehr und mehr, und Paul hat lange Medikamente eingenommen; seit drei Jahren ist er schon nicht mehr in der Lage, seiner schriftstellerischen Arbeit nachzugehen.

Weil das Haus mit seinen Spuren der Erinnerung für alle unerträglich wird, verlassen sie Paris. Paul möchte in der Bretagne, am Ort seiner Kindheit, einen neuen Anfang machen. Sein älterer Bruder Alex und dessen Frau Nadine stehen ihnen mit all ihrer Herzlichkeit zur Seite. Paul kann in Alex' Fahrschule arbeiten. Aber die Kinder sind psychisch zu schwer verletzt, als dass sie sich in ihrer neuen Schule leicht integrieren könnten – es gibt Ärger und heftige Auseinandersetzungen zwischen Paul und den Lehrern.

Paul tut alles, um seinen Kindern ein bisschen entspannte Fröhlichkeit zu bieten. Sie besuchen Onkel und Tante, toben bei Wind und Wetter am Strand. Doch währt das Vergessen immer nur Momente, ehe wieder Erinnerungen an das Familienglück mit Sarah auftauchen und zu starken Gefühlsausbrüchen besonders bei Manon und Paul führen.

Dass Paul ausgerechnet Menschen kennenlernt, die ähnlich wie er vom Schicksal geschlagen sind, fordert ihn zusätzlich. Er nimmt sich Zeit für sie, hört ihnen zu und versucht, aktiv zu helfen.

Olivier Adam hat eine Figur geschaffen, die ihrem Schicksal durch den Freitod entflieht. Es ist die vierjährige Manon, die zum ersten Mal ausspricht, was niemand zu sagen wagt: "Wenn sie [Sarah] tot ist, dann brauchen wir nur alle drei zu sterben, dann sind wir bei ihr" (S. 232). Paul will wohl das Schicksal entscheiden lassen, als er sich am Weihnachtstag in sein Kajak legt und sich aufs Meer treiben lässt. In letzter Minute gerettet, feiert er dann doch mit Kindern, Bruder und Schwägerin.

Dies ist ein sentimentaler, ein poetischer Roman, der durchgehend melancholisch stimmt. Olivier Adam ist ein literarischer Landschaftsmaler, und er schreibt der Natur eine entscheidende Rolle zu. Zur Herbst- und Winterzeit ist die Bretagne eine schroffe, abweisende Landschaft – außerhalb der Saison sind die Dörfer gespenstisch leer, die Ferienhäuser verbarrikadiert. Nur selten strahlt die Sonne vom Himmel (dann sind die tollsten Lichtspiele zwischen Himmel, Meer und Strand zu beobachten) ; umso häufiger tobt der Sturm, und dann wirkt alles dunkel und bedrohlich, der Wellenkamm ist schneidend scharf wie ein Messer. Die Brecher rauschen gewaltig heran, überfluten alles, nehmen immer etwas mit, werfen anderes wieder an den Strand, ohne Pause, wieder und wieder – genauso wie das Leben immer weiter geht, egal was über einen hereinbricht. Vor diesem Naturschauspiel wirken die wechselnden Gefühle der Menschen besonders eindringlich. Paul und seine Kinder brauchen das Getöse und diese Gewalt, denen sie sich trotz winterlicher Kälte, Regen und Schneefall aussetzen. Gegen diese unbesiegbaren Urkräfte kämpfen sie in geradezu symbolischer Weise an.

Am Ende sagt Paul, der Ich-Erzähler: "Wir waren nicht am Ende unseres Leids. ... Bald würde der Regen auf die Häuser niedergehen, sie standen Seite an Seite am Meer, aneinandergeschmiegt, ... an den Rand gedrängt, fragil und gefährdet, aber sie standen" (S. 270). So endet der aufwühlende Roman, der keine schlichte Lebensweisheit vermitteln, keinen wohlfeilen Rat geben möchte. Aber er lässt die Hoffnung, dass wir, die wir im Sturmwind des Lebens stehen, im glücklichsten Fall selber entscheiden können, wie wir uns bewähren.


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