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Rezension zu »Die verlorenen Schwestern« von Adrian McKinty

Die verlorenen Schwestern

von


Kriminalroman · Suhrkamp · · Taschenbuch · 378 S. · ISBN 9783518465950
Sprache: de · Herkunft: gb

David und Goliath im Nordirland-Konflikt

Rezension vom 27.07.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Sean Duffy glaubt, er habe die troubles hinter sich. Vor sich wähnt er einen friedlichen Ruhe­stand im son­nigen Spanien, je­den­falls weit weg von Nord­irland. Da klopfen Tom und Kate an seine Tür, und die Ver­gan­gen­heit hat ihn wieder.

Seans Vergangenheit – das ist im We­sent­li­chen eine unselige Verbindung mit Dermot McCann, die als Schul­freund­schaft begann und tief verwurzelt ist in der ebenso unseligen Geschichte ihrer Insel. Während deren größter Teil 1949 als Republik Irland (Eire) unabhängig wurde, verblieb der nördliche Teil im Uni­ted Kingdom, was die seit Jahr­hun­der­ten aus­ge­tra­ge­ne Feind­schaft zwischen den katholischen Kämpfern für eine Loslösung von London und den protestantischen Unionists, den Befürwortern der Zu­ge­hö­rig­keit zu Großbritannien, in den Siebziger Jahren zu ungeahnter Heftigkeit und Brutalität anheizte. Vor allem die militante IRA (Irish Republican Army) verübte grausame Bombenattentate, auf die die schwer bewaffneten britischen Polizei- und Militärbehörden mit kompromissloser Härte reagierten.

Nach der Schule schloss sich Dermot der IRA an, wo er zum Sprengstoffexperten und Bombenbauer aus­gebildet wurde. Als Sean später ebenfalls aufgenommen werden wollte, verweigerte Dermot ihm seine Unterstützung, wohl weil er ihn für zu wenig ner­ven­stark, zu akademisch erachtete. Da trennten sich die Wege der beiden für immer: Sean Duffy machte Karriere als Detective Inspector beim Criminal Investiga­tion Department (CID), Dermot McCann wurde zu einem der führenden Köpfe und gefährlichsten IRA-Terroristen.

Da ein Spitzel McCann verriet, wurde er verhaftet und zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Doch nachdem er fünf Jahre verbüßt hatte, gelang ihm am 25. September 1983 gemeinsam mit 37 anderen IRA-Kämpfern der Ausbruch aus dem Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis in Maze. Die Hälfte der flüchtigen Männer wurde gefasst, nicht aber McCann. Man vermutete, er halte sich in einem Ausbildungslager der IRA in Li­byen auf.

Nach diversen spektakulären und konfliktbeladenen Einsätzen fand Sean Duffys Karriere ein jähes Ende. Er hatte »einer Menge Leute ans Bein gepisst«, u.a. einem »hochrangigen FBI-Agenten«. Er wurde degra­diert und wieder ins Polizeirevier im Süden von Armagh versetzt, um Streife zu schieben. Den endgültigen Rausschmiss nach neun Jahren Dienstzeit bei der Royal Ulster Constabulary (RUC) bescherte ihm ein Autounfall mit Todesfolge, den man ihm böswillig anhängte.

Da klopfen Tom und Kate an seine Tür. Die beiden, hohe Tiere beim Geheimdienst MI5, wissen Seans Talente, vor allem aber seine persönlichen Beziehungen zu McCann und seiner Familie zu schätzen und möchten ihn rekrutieren, um den Flüchtigen endlich zu stellen.

Sean Duffy soll seinen ehemaligen Klassenkameraden dem Geheimdienst Ihrer Majestät ausliefern? Sollte sich der Frührentner in spe jemals auf so einen Deal einlassen, wird er die Briten teuer zu stehen kommen. Sein kühner Forderungskatalog: Wie­der­ein­set­zung in die Position eines Detective Inspectors, voller Lohn­ausgleich, Streichung aller Hinweise auf Fehlverhalten in seinen Akten, und schließlich für die miese Be­handlung durch seine Dienstherren eine »Entschuldigung von oben«. (Damit ist nicht etwa der Chief Con­stable gemeint, sondern Mrs Thatcher persönlich ...)

Wiewohl Tom und Kate seinen Wunschzettel ordentlich zusammenstreichen, kann Duffy der kriminalisti­schen Herausforderung nicht widerstehen: McCann, so weiß der Geheimdienst, plant seine Rückkehr auf die Britischen Inseln und eine »groß angelegte IRA-Bombenkampagne«.

Duffys Aufgabe gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das Heu ist das umfangreiche Material, das der Geheimdienst angehäuft hat, indem er Verwandte, Freunde, Bekannte und Knastgenossen des Ter­roristen abhörte. Duffy klingelt zunächst bei McCanns Exfrau Annie, dann bei Mutter Maureen und Schwester Fiona, die gemeinsam in einem versifften Wohnblock leben. Hinsichtlich Dermots Aufenthalts­ort erfährt er nichts, dafür Unfassliches über Orla, seine zweite Schwester. Wie konnte sie trotz eines derart mächtigen Bruders in die Fänge eines Drogendealers, eines Zuhälters gelangen? Schert sich McCann denn gar nicht um das Schicksal seiner Familie? Sean Duffy weiß, was zu tun ist. Er holt Orla aus dem Sumpf der Prostitution heraus und bringt sie in den Schoß ihrer Familie zurück. Fiona, eine Krankenschwester, ist fachkundig.

Auch bei McCanns Ex-Schwiegermutter Mary Fitzpatrick beißt Duffy zunächst auf Granit: »Sehe ich aus wie eine Informantin?« Doch er spürt, dass irgendetwas nicht stimmt, und lässt nicht locker, bis Mary schließlich mit einer alten Geschichte herausrückt. Jetzt kann er noch einen Deal abschließen: Wenn er Mary den Mörder ihrer jüngsten Tochter Lizzie bringt, serviert sie ihm ihren Ex-Schwiegersohn auf dem Silbertablett ...

Dadurch wird der polit-terroristisch basierte Ausgangsplot um eine reizvolle Nebenhandlung mit dem klas­sischen »Verschlossene-Räume«-Motiv bereichert, denn nur ein begnadeter Trickkünstler vom Schlag ei­nes Harry Houdini konnte sich Zugang zu der hermetisch abgeriegelten Kneipe verschaffen, in der Lizzie tot aufgefunden wurde. Zwar ist des Lesers Nase schnell auf der richtigen Spur, aber dennoch sind beide Fälle kurzweilig und unterhaltsam gestaltet. Das Lesevergnügen ist großenteils dem Protagonisten Sean Duffy geschuldet, der in seiner schnoddrigen, coolen, selbstironischen Art von seiner Suche nach McCann und seinen Recherchen nach Lizzies Mörder erzählt. Wenn ihn die Vergeblichkeit seiner Mühen allzu de­pressiv stimmt, sucht er Trost bei Joints, Alkohol und Musik von Velvet Underground über Leonhard Cohen bis zu Haydn, Schubert und Wagner.

Der in Belfast geborene Adrian McKinty hat über seinen Helden schon vier Bände verfasst (siehe Zusam­menstellung weiter unten). Sie versetzen den Leser in die brisante politische Lage im Nordirland der Acht­ziger Jahre, als weiße Linien auf der Straße katholische und protestantische Viertel trennen – wer sich auf der falschen Seite bewegt, muss damit rechnen, von He­cken­schüt­zen aufs Korn genommen zu werden –, und sie vermitteln authentisch die Alltagsatmosphäre blinden Hasses und trister Hoff­nungs­lo­sig­keit. Wer es irgendwie schafft, verlässt Nordirland; die anderen müssen sich weiter durchschlagen in den verslumten Städten mit Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Streiks, Straßenkämpfen.

Etliche der erzählten Ereignisse sind historisch. In London regierte seit 1979 Margaret Thatcher mit eiser­ner Hand. 1982 eroberte »Mrs T« die Falkland-Inseln zurück, dann brach sie die Macht der Gewerkschaf­ten, indem sie einen Bergarbeiterstreik bis zur bitteren Niederlage der Arbeiter ausbluten ließ. Es versteht sich, dass sie mit allen, die Nordirland aus dem United Kingdom lösen wollten, nicht zimperlich umsprang und sich auch von einem gegen sie persönlich gerichteten Bombenattentat der IRA nicht schrecken ließ.

Am hochexplosiven Ende dieses lesenswerten Kriminalromans zeigt die »Eiserne Lady« jedoch einen sym­pathischen Zug, nach­dem Sean Duffy, unser kleiner David, den übermächtigen Goliath besiegt hat. Dieser showdown ist recht unglaubwürdig kon­stru­iert, aber das – und eine gesunde, lebensrettende Paranoia – bewahrt uns den Protagonisten für zukünftige Fälle. Gut, dass er nie in sein Auto steigt, ohne sich zu ver­gewissern, dass keine Sprengstoffladung unterm Bodenblech angebracht wurde. So klappt er unversehrt seinen Mantelkragen hoch, steigt ein und macht sich »bereit für den kommenden langen, langen Krieg ...«

Die Bände der Reihe mit Detective Inspector Sean Duffy (alle deutschen Ausgaben sind bei Suhrkamp erschienen und wurden von Peter Tor­berg übersetzt):

1. »The Cold Cold Ground« Adrian McKinty: »The Cold Cold Ground« bei Amazon | »Der katholische Bulle« Adrian McKinty: »Der katholische Bulle« bei Amazon
2. »I Hear the Sirens in the Street« Adrian McKinty: »I Hear the Sirens in the Street« bei Amazon | »Die Sirenen von Belfast« Adrian McKinty: »Die Sirenen von Belfast« bei Amazon
3. »In the Morning I’ll be gone« Adrian McKinty: »In the Morning I’ll be gone« bei Amazon | »Die verlorenen Schwestern« Adrian McKinty: »Die verlorenen Schwestern« bei Amazon
4. »Gun Street Girl« Adrian McKinty: »Gun Street Girl« bei Amazon | »Gun Street Girl« Adrian McKinty: »Gun Street Girl« bei Amazon (24. Oktober 2015)


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