Rezension zu Anthony Doerr: »Alles Licht, das wir nicht sehen«

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Alles Licht, das wir nicht sehen

Belletristik · C.H. Beck · · Gebunden · 528 S. · ISBN 9783406667510
Sprache: de · Herkunft: us

Bewertung: 5 Sterne
Zwei, die ihr Schicksal in die Hand nehmen

Rezension vom 30.07.2015 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Marie-Laure, 1928 geboren, ist Halbwaise. Mit sechs Jah­ren erblindet sie. Aber ihr Vater hadert nicht mit dem Schicksal: »Man kann Glück haben oder auch Pech.« Viel­mehr unternimmt er alles, um seine Tochter zu be­fähi­gen, sich die Vielfalt der Welt zu erschließen und ein möglichst un­be­ein­träch­tig­tes Leben zu füh­ren. Mit be­wun­derns­wer­ter Imagination, Tatkraft und Disziplin schenkt er dem Mädchen eine ein­zig­ar­ti­ge Kindheit.

Jeden Morgen nimmt Daniel LeBlanc Marie-Laure mit zu seinem außer­ge­wöhn­li­chen Arbeitsplatz. Im »Muséum national d'Histoire naturelle« ist er der Verwalter der zwölftausend Schlüssel für sämtliche Tür­schlösser des Museumsgebäudes, der Werkstätten, Gewächshäuser und des Jardin des Plantes. Er nutzt jede Sekunde, um den Tastsinn des Kindes zu entwickeln, indem er ihr Schlüssel und All­tags­gegen­stände in die Hand gibt, und der Wissen­schaftler Dr. Geffard erweitert ihre Sensitivität mit Schätzen aus aller Welt, die er aus den Schränken und unzähligen Schubladen seines Labors hervorholt: Schalentiere mit un­ter­schied­lichsten Gehäusen, Stacheln, Dornen, Windungen, Höhlungen, weich, glatt oder rau ...

Auch zu Hause ist alles auf Marie-Laures Förderung eingerichtet. Ihr Vater achtet darauf, dass sich immer alles am selben Platz befindet, und ordnet sogar die Speisen auf ihrem Teller gemäß dem Zifferblatt der Uhr an. Klebestreifen am Boden und Zwirnfäden von Raum zu Raum ermöglichen ihr die Orientierung in der Wohnung. Damit sie sich demnächst auch in ihrem Wohnviertel zurecht­finden kann, konstruiert er in seiner Werkstatt ein Miniatur­modell aus Holz mit Häusern, Straßen­zügen, Plätzen, Bänken, Bäumen und Gullys. Zu jedem Geburtstag verbirgt er sein Geschenk in einer neuen Holz­schachtel, die zu öffnen dank raffiniert angeordneter Leisten, Fugen und Mechanismen ein Gedulds­spiel ist. Anhand eines Lehrbuchs erlernt Marie die Blinden­schrift, den Zugang zur Welt der Bücher.

Das wertvollste Exponat des Naturkunde-Museums ist »Meer der Flammen«, der größte Diamant der Welt. Zwar kann Marie-Laure das tropfen­förmige Rot im Innern des bläu­lichen Steins niemals sehen, doch die ihm zuge­schriebene mythische Geschichte von Glück und Unglück, einem Fluch und seiner Auf­hebung behält sie in Erinnerung.

Im Juni 1940 vertreibt der Krieg Vater und Tochter aus Paris. Das Museum ist geschlossen. Seine Schätze hat man vor den anrückenden Deutschen in Sicherheit gebracht. Das »Meer der Flammen« und drei Kopien davon wurden an verschiedenen Orten in Verwahrung gegeben. Daniel und Marie-Laure finden bei Onkel Etienne in Saint-Malo Unterschlupf.

Im weit entfernten Essen hat derweil ein Altersgenosse von Marie-Laure eine nicht minder außer­gewöhn­liche Kindheit verbracht. Werner Hausner und seine jüngere Schwester Jutta sind Vollwaisen und wachsen in einem Heim auf, wo nach der Welt­wirt­schafts­krise Hunger und Not groß sind. Doch Werner, klein für sein Alter, abstehende Ohren und schlohweiße Haare, scheint über all dem »zu schweben«. Jeden Tag streunt er, seine Schwester im Boller­wagen ziehend, durch das Viertel um die Zeche Zollverein. Sie erkun­den alles, was Kinderaugen wahrnehmen, schwatzen mit der Bäckersfrau und bringen den erfreuten ande­ren Heimkindern Brot und Milch mit. Vor allem aber bemerkt und fördert Elena, die elsässische Erziehe­rin, Werners Forscher­drang (»Wenn der Mond so groß ist [...], warum sieht er dann so klein aus?« »Wenn ein Blitz ins Meer einschlägt, warum sterben dann nicht alle Fische?«) und sein hand­werk­lich-tech­nisches Talent, denn er bastelt für die Kinder Spielzeug aus Papier, experi­men­tiert mit Elektro­schrott und bringt ein defektes Radio wieder zum Laufen.

Elenas Prophezeiung – »Du wirst einmal etwas Großes tun.« – bewahrheitet sich, jedoch leider nicht zum Wohle der Mensch­heit. Zunächst gehört er dank seiner natur­wissen­schaft­lich-tech­nischen Begabung zu den wenigen, die für die Elite­schulen des Nazi-Regimes, die »National­politi­schen Erzie­hungs­anstalten« (Napola), aus­erkoren sind. Dort wird er nicht nur ideolo­gisch linien­treu ausge­richtet (»Ihr werdet Heimat essen und Nation atmen ... Schwäche ablegen ... in die gleiche Richtung marschieren ... allein für die Pflicht leben«), sondern auch schikanöse Aus­sonde­rungs­metho­den und menschen­verach­tende Diskriminie­rung kennen­lernen. Er aber setzt sich durch, wird Funk­techniker, zieht mit einer Spezial­einheit an die Ost­front, trägt bei zum ver­hehren­den Vormarsch der Wehr­macht.

Im August 1944 hat sich das Blatt gewendet. Werner wurde in eine der letzten von den Nazis gehaltenen Städte beordert, nach Saint-Malo. Mit seinen Peil­sendern soll er die Kämpfer der Résistance auffinden, die den Ameri­kanern ver­schlüsselte Informationen über die Stellungen der Deutschen über­mitteln. Unter hefti­gem Beschuss des Feindes ist sein Quartier zerstört, er selbst im Keller verschüttet, da spürt er tatsächlich eine zarte weibliche Stimme aus einem nicht weit entfernten Radio auf, die aus Jules Vernes »20.000 Mei­len unter dem Meer« vorliest. Es ist die Stimme Marie-Laures.

Hiermit sind die zwei Handlungsstränge angedeutet, die die Kindheits- und Jugendjahre der beiden Prota­gonisten umfassen. Obwohl die Französin und der Deutsche einander nicht persönlich begegnen, verbinden sich ihre Schicksale subtil miteinander. Erzählt werden ihre Werde­gänge im Präsens, in regelmäßig alter­nierender Perspektive und scheinbar un­systema­tischer zeit­licher Abfolge (der jeweilige Erzähl­zeit­raum dient als Kapitel­über­schrift). Ab Seite 145 (Juni 1940) tritt ein neuer Handlungs­strang hinzu. Der deutsche Offizier Reinhold von Rumpel soll den sagen­um­wobe­nen Diamanten für die geplante deutsche Kultur­haupt­stadt Linz requirieren, verfolgt dabei jedoch auch vitale persönliche Interessen.

Schließlich, am 7. August 1944, mit dem der Roman erzählerisch einsetzt, laufen alle drei Hand­lungs­fäden in Saint-Malo zusammen. Die Alliierten sind in der Normandie gelandet. Flugblätter »regnen ... vom Himmel ... wehen über die Be­festi­gungs­mauern, fliegen radschlagend über die Dächer«. Die Stadt ist von den vorauf­gegan­genen alliierten Bom­barde­ments zerstört und verbrannt. Der größte Teil der Bevölkerung verlässt, den Flugblatt­auf­rufen der Ameri­kaner folgend, die Stadt. Marie-Laure aber traut sich nicht hinaus, denn sie ist jetzt allein. Ihr Vater war nach Paris zurück­be­stellt worden, kam jedoch nie dort an, und Onkel Etienne ist wegen seiner Aktivi­täten in der Résis­tance (bei denen sie ihm zur Hand ging) inhaf­tiert. Die Lage des blinden Mädchens spitzt sich lebens­bedroh­lich zu, als von Rumpel sie entdeckt ...

Anthony Doerrs »All the Light We Cannot See« Anthony Doerr: »All the Light We Cannot See« bei Amazon ist ein rundum gelungenes, viel­schichtiges Werk, das Werner Löcher-Lawrence kon­genial über­setzt hat. Die beiden jungen Prota­gonisten unter­schied­licher Na­tion lassen uns das Kriegs­geschehen aus unge­wohnten Perspek­tiven erleben. Marie-Laure ist von vorn­herein die stille, gute Heldin. Werner, das Technik­genie, lässt sich für das Vernichtungs­system instrumen­talisieren und vermag sich erst am Ende zu bekehren. Die Schrecken der Zeit werden keines­wegs ausge­spart: nicht die bittere Not im Ruhrgebiet, nicht die mitleid­lose Selektion in der Napola, nicht die Gräuel auf den Schlacht­feldern, nicht der Horror der Bom­barde­ments.

Der dritte Handlungsstrang um den legendären Diamanten sorgt für eine Art drama­tischer Ent­span­nung von der immer wieder erschüt­ternden Welt­kriegs­historie. Die rück­sichts­lose Jagd eines gierigen Bösen nach einem Schatz, die krimina­listi­sche Suche nach dem Original unter drei versteckten Kopien, dazu die eso­teri­schen Eigen­schaften des Diamanten (die nach meinem Geschmack allerdings fehl am Platz sind) könnten auch Inhalts­stoff eines span­nenden Jugend­romans sein.

Jedes Detail hat seinen funk­tiona­len Platz im stimmi­gen Sinn­zu­sammen­hang. Nichts ist bloß Füll­material in diesem motivisch dichten und konsis­tenten Gefüge. Bei­spiels­weise spiegelt sich in der Keller­szene, als Werner die zarte Stimme hört, das Schick­sal seines in der Kohlegrube um­ge­kom­me­nen Vaters, das den Sohn immer verfolgt hatte. Interessant auch die disparaten Funk­tio­nen des Radios als tech­nische Inno­va­tion, bedroh­liche und rettende Technik, wich­tiger Infor­mations­kanal und Instru­ment politi­scher Indok­tri­nation (Dem Roman ist – ohne Quellen­angabe – ein Goebbels-Zitat voran­gestellt, dass sich »die deutsche Re­volu­tion« ohne Rund­funk nicht in dieser Form hätte ab­spie­len können.).

Sprachlich begeistert der Roman durch­gängig mit detail­reichen Be­schrei­bun­gen, ein­dring­lichen Schil­de­rungen, faszinie­render Wort­gewalt, klugen Sen­ten­zen, un­gewöhn­lichen Per­spek­tiven (wie erlebt eine Blinde die Welt?), kühnen Meta­phern und Ver­gleichen (Marie-Laure isst ein Omelett: »Die Eier schme­cken wie Wolken. Wie ge­spon­ne­nes Gold.« und ein­gemach­te Pfirsiche: »Stücke nassen Sonnenlichts«).

Kein Wunder, dass Anthony Doerr für seinen wunder­baren Roman mit dem Pulitzer-Preis 2015 geehrt wurde.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Sommer 2015 auf­genommen.

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