Rezension zu »Doppelleben« von Alain Claude Sulzer

Doppelleben

von


Die Lebensläufe der adligen Brüder de Goncourt und ihrer Hausangestellten Rose im Paris von Napoleon III. – drei Leben und eine Epoche voller Widersprüche, voller Geheimnisse, voller Skandale.
Belletristik · Galiani · · 304 S. · ISBN 9783869712499
Sprache: de · Herkunft: de

Gemischtes Doppel

Rezension vom 08.12.2022 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Jeder, der sich ein wenig für Literatur interes­siert, hat schon einmal vom Prix Goncourt gehört. 1903 erstmals verliehen, ist es der bedeu­tendste Literatur­preis Frank­reichs und der älteste. Seine Historie ist weniger bekannt. Er geht auf die Stiftung einer Akademie zurück, die Edmond de Goncourt (1822-1896) auch im Sinne seines früh ver­storbe­nen Bruders Jules (1830-1870) testa­menta­risch verfügt hatte. Den verdienst­vollen Begrün­dern widmet der Schweizer Autor Alain Claude Sulzer seinen Roman »Doppel­leben«.

Die beiden Brüder waren engagierte Schrift­steller aus Berufung und Wegbe­reiter des Natura­lismus. Sie lebten sehr zurück­gezogen, abseits der Öffent­lichkeit. Seit Ende 1851 führten sie gemein­sam ein frei­mütiges Tage­buch, und nach Jules’ Tod setzte Edmond es alleine und mit unver­minder­ter Schärfe fort. Die Ver­öffentli­chung einiger Bände um 1890 brachte ihm trotz Abmilde­rung brisanter Inhalte Skandale und Feind­schaf­ten ein. Heute sind die »Journale« ein kunst­histori­sches Zeugnis ersten Ranges. Dank dieser soliden, umfang­reichen Quelle kommt Sulzers Roman einer Biografie sehr nahe. Er wächst jedoch darüber hinaus, indem der Autor das wahre Leben der Goncourts mit dem einer weite­ren Person verquickt, deren Außen­perspek­tive es kommen­tiert und relati­viert.

Rose Malingre stand bis zu ihrem Tod 1862 in Diensten der Familie Goncourt, erst der Eltern, dann der Gebrüder. Die schätz­ten sie als treue, zuver­lässige, verschwie­gene Person. Doch so hoch­sensibel sie waren, wenn es um ihre eigenen alltäg­lichen Malaisen, ihr Ansehen, ihre Sehnsucht nach An­erken­nung ihrer innova­tiven Literatur in der gehobenen Gesell­schaft ging, so blind waren sie für das Nächst­liegende: Rose führte unbe­merkt ein Doppel­leben.

»Doppelleben« ist ein mehrschich­tiger, inten­siver Roman. Er malt zunächst ein fein­sinniges Sitten­gemälde der Zeit, welches das Bühnen­bild für die Geschich­te um die beiden adligen Exzen­triker und ihre einfache Dienst­magd liefert. Sulzers moderner Sprach­stil und die dis­kontinuier­liche Erzähl­weise entrücken es dem Pathos und dem Muff, an die wir heute denken mögen, wenn es um das Fin de Siècle geht, und fokus­sieren uns auf die psycho­logische Ebene.

Durch Erbschaft aller Alltags­sorgen enthoben, können sich die beiden sensiblen jungen Männer aus­schließ­lich ihrem Innen­leben widmen. Insbe­sondere Jules ist extrem geräusch­empfind­lich (»Hunde, spielende Kinder, Rauschen der Bäume, Klappern von Fenster­läden, Krächzen der Krähen, Quaken der Frösche«). Sich gegen­seitig stimulie­rend, ent­wickeln sie sich zu seltsamen, auf sich konzen­trierten, fragilen Wesen, die unzer­trenn­lich in symbio­tischer Harmonie exis­tieren, nach Laune zeichnend, lesend, schrei­bend, »als hätten sie ein Herz, eine Seele, einen Verstand, eine Hand, selbst der Augen­blick sexuellen Verlan­gens über­mannte nicht selten beide zur gleichen Zeit«.

Ihr sozialer Status einer­seits und ihre privaten Inter­essen anderer­seits bedingen eine gespal­tene Existenz. Sie bewegen sich nicht nur in der Pariser Künstler- und Lite­raten­szene, wo sie sich mit Flaubert, Zola und anderen namhaften Per­sönlich­keiten aus­tauschen, sondern werden auch zu den turbu­lenten Festen einge­laden, die die Tochter von Napo­léons jüngstem Bruder Jérôme, Prin­zessin Mathilde Bona­parte veran­staltet. In der Intimität ihres Heims spötteln die beiden genauen Be­obach­ter über ihre Zeitge­nossen und halten ihre Erleb­nisse höchst detail­liert in ihren Tage­büchern fest. Dass sie dabei kein Blatt vor den Mund nehmen, keine Häme scheuen, kein indis­kretes Detail auslassen, macht sie zu unge­wöhnli­chen Chronis­ten ihrer Zeit – als scharf­züngige Skandal­reporter wie als ernst­zuneh­mende Kultur­kritiker.

Was derweil mit ihrer getreuen Dienst­magd vor sich geht, nehmen die sonst so aufmerk­samen Brüder nur nebenbei wahr. Was sie kocht, schmeckt unzu­mutbar, sie ist oft krank, sie verfällt sichtlich. Aus der gesell­schaft­lichen Distanz erscheint ihnen so etwas als Problem proleta­rischer Herkunft und des allgemein Weib­lichen. Erst nach und nach erschließt sich ihnen Roses Tragödie, die Alain Claude Sulzer wie einen eigen­ständi­gen Roman im Roman einflicht. Es geht um eine unsterb­liche Liebe zu einem nichts­würdigen Mann, für den sie sich bis zur völligen Selbst­aufgabe ernied­rigt, mit Schuld belädt und zerstört, bis der Tod sie erlöst. Ihr Nieder­gang geht einher mit einem moralisch verwerf­lichen Abstieg, wie ihn die Doppel­moral der Zeit unnach­sichtig aburteilt. Tief erschüt­tert arbeiten die Brüder posthum Roses Vita litera­risch auf und veröffent­lichen drei Jahre nach Roses Tod den Roman »Germinie Lacer­teux«.

Das Buch wird höchst kontrovers aufge­nommen. Der Natura­list Émile Zola ist einer der sehr wenigen, die sich für die unver­fälschte, durch keinerlei literari­sche Über­höhung beschö­nigte Darstel­lung der grausamen Lebens­weise sozialer Unter­schichten begeis­tern. In bürger­lichen und adligen Kreisen dagegen erntet der Roman Ekel, Spott und Hass ange­sichts seiner scham­losen Präsen­tation eines laster­haften Lebens und einer perver­ierten Liebes­beziehung. Von Prin­zessin Mathilde Bonaparte wird erzählt, sie habe sich nach der Lektüre übergeben.

Es ist eigenartig, dass die Gebrüder de Goncourt für die Tragödie ihrer Unter­gebenen zu deren Lebzeiten keinen Sinn ent­wickel­ten. Hat ihr hoher gesell­schaft­licher Status sie derart isoliert? Anderer­seits hätte sie der minutiös verfolgte Leidens­weg des jüngeren Bruders Jules durchaus auch für den eines so nahe­stehen­den Mitmen­schen wie Rose sensibili­sieren können.

Der begabte Jules, vor Ideen nur so sprühend, hatte sich mit der weit verbrei­teten Syphilis ange­steckt, für die es kaum eine Rettung gab. Im Gegensatz zu weniger wohl­haben­den Kranken konnte Jules reisen und sich in Sana­torien kost­spieligen Behand­lungs­metho­den unter­ziehen, die freilich nichts als unsäg­liche weitere Qualen einbrach­ten. Seine letzten Jahre gestaltet Sulzer in einem weiteren ein­dring­lichen, berüh­renden Erzähl­strang. Edmond nimmt die un­überseh­baren Symptome des geistigen und körper­lichen Verfalls seines Bruders wahr, dessen Persön­lichkeit sich nahezu auflöst, ihm immer fremder wird, ihn in machtlose, uner­trägli­che Verzweif­lung treibt. Anderer­seits verdrän­gen beide die Wahrheit um die schänd­liche Ursache der Krankheit. Jules, so wird verlaut­bart, sei »an Über­anstren­gung im Dienst der Kunst gestorben [...]: für die Literatur, für das richtige Wort, für die Wahrheit auf dem Papier«.

»Doppelleben«, der Titel von Alain Claude Sulzers melan­cholisch-empathi­schem Roman, schlägt darin mehrere Saiten an. Nicht nur Rose führt konkret zwei Exis­tenzen, auch die Brüder, die wie Zwillinge stets im Doppel auftreten, leben privat ganz anders als öffent­lich. Roses Siechtum spiegelt das ebenso geheime, ebenso erbärm­liche, ebenso tödliche von Jules, doch seines wird kaschiert und mit einem Glorien­schein umhüllt, ihres ist unrühm­lich und muss sich einsam in Löchern verkrie­chen. Innerhalb der gesell­schaftli­chen Möglich­keiten ist Roses hilfloses Dahin­vegetie­ren bis zum Sterben ein erschüt­ternder Kontra­punkt. Und allem zu Grunde liegt die Doppel­moral der Gesell­schaft.


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