Rezension zu »Jahre mit Martha« von Martin Kordić

Jahre mit Martha

von


Die Erlebnisse eines aus Bosnien-Herzegowina zugewanderten Jungen und seiner Familie. Er hat den Ehrgeiz, alles sehr viel besser zu machen als es die Vorurteile gegen ihn erwarten lassen. Eine Gönnerin spielt dabei eine schillernde Rolle.
Belletristik · Fischer · · 288 S. · ISBN 9783103971637
Sprache: de · Herkunft: de

Ankommen und Fernbleiben

Rezension vom 03.12.2022 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Zwanzig Jahre ist es her, dass die Familie Kovačević aus Bosnien-Herze­gowina nach Deutsch­land kam. Nun, mit Mitte dreißig, blickt der Sohn Željko zurück, weil er »die Irrwege meines jungen Erwach­senen­lebens in eine Drama­turgie sortieren will, die auf ein versöhn­liches Ende zusteuern soll«. Der ausge­prägte Gestal­tungs­wille ist eines seiner Persön­lich­keits­merk­male.

Auch die Eltern wollten sich in ihrer neuen Umgebung nicht passiv treiben lassen oder gängige Vorur­teile bestä­tigen. Sie haben alles getan, um als »gute Ausländer« angesehen zu werden. Sie bezogen eine beschei­dene Zwei­zimmer­wohnung im Vorder­haus der Gemeinde, mietfrei, doch als Gegen­leistung betätigte sich der Vater als Haus­meister, und die Mutter hielt das Gebäude sauber. Fürs Überleben und eine bessere Zukunft der drei Kinder rackerte der Vater auf Bau­stellen und die Mutter bei weiteren Putzjobs. Den Wellen­sittich der Familie nannten sie »Lothar Matthäus«. Auch Željko mochte nirgendwo anecken, nicht einmal beim Diktieren seines hierzu­lande sperrigen Vornamens. Lieber nennt er sich viele Jahre lang »Jimmy« – das Aller­welts­wort wurde ihm in der ersten Englisch­stunde zuge­ordnet.

In der Schule entwickelt der Junge eine starke Motiva­tion, sich vor allem sprach­lich hervor­zutun. In der Stadt­büche­rei hat er ein Abo. Auf Papp­karten notiert er Vokabeln, die außer­gewöhn­lich und schlau klingen. Er findet sie in »guten« Zeitungen, die er aus Müll­contai­nern klaubt. Wer »Die Leiden des jungen Werther« liest, so ist er überzeugt, muss davon doch so wortge­wandt werden, dass er »verbale Aus­einander­setzun­gen führen kann«. Kurzum: »Ich wollte einer werden, den man nicht herum­schieben kann.«

All sein Bemühen, in der deutschen Gesell­schaft voran­zukom­men, ist freilich vom Wohl­wollen anderer abhängig. Darauf aber kann niemand bauen. Željkos Real­schul­lehre­rin erkennt Potenzial und Ehrgeiz ihres Zöglings und ebnet ihm den Weg aufs Gymnasium. Dagegen rät ihm der Berater im Berufs­informa­tions­zentrum, unge­achtet seiner dokumen­tierten Qualifi­kationen »nach der 10. Klasse abzu­gehen und eine Aus­bildung zum Gärtner zu beginnen«. Entsetzt vernimmt Željko die Prognose, »dass mein Weg nicht über ein Studium gehen, aber trotzdem viele interes­sante Chancen bieten werde«. Leider allzu hand­greiflich sträubt er sich gegen die Bevor­mun­dung – und handelt sich damit neben einer Schul­strafe vor allem Sympa­thiever­luste bei der Lehrer­schaft und den Eltern ein, die einem »Mann vom Amt« mehr Glauben schenken als der verwe­genen Selbst­einschät­zung ihres Sohnes. Der beharrt nämlich auf seinem Ziel, Abitur zu machen – das beste, um genau zu sein. Den Eltern fordert das weiterhin größte Ein­schrän­kungen ab. Am Ende schafft er, was er will, und widerlegt damit das pragma­tisch-resig­native Credo seines großen Bruders (»Das ist nichts für Kinder wie uns.«). Er wird seinen ambitio­nierten Weg mit Stipen­dium und Studium fort­setzen.

Den Anfang von Željkos Erzählung macht die Feier zum vier­zigsten Geburts­tag der Mutter. Neben seinem älteren Bruder Kruno und seiner jüngeren Schwester Ljuba sind Verwandte und Kolle­ginnen aus der Kranken­haus-Putz­kolonne zugegen. Für sie alle wurden Kekse und andere Lecke­reien vorbe­reitet, doch für ihren Ehrengast hält Mutter derlei für zu »minder­wertig«. Frau Martha Gruber, der sie die Wohnung putzt, ist Profes­sorin und »ein feinerer Mensch«. Da muss schon eine Schwarz­wälder Kirsch­torte aus der Tief­kühl­truhe her, um Eindruck zu schinden.

Mit der Titelfigur kommt das eigentliche Thema des Romans ins Spiel und weitet die Welt des Fünf­zehn­jährigen beträcht­lich und viel­schichtig. Seine erste Lektion ist Peinlich­keit. Die kulti­vierte Dame ist befremdet, dass sie, auf der Toilette sitzend, nur ein Vorhang von dem Jungen trennt, der auf seinem Bett die Zeitung liest. Doch ein Funke der Zuneigung scheint von Anfang an überge­sprungen zu sein. Bei einer zufäl­ligen Begegnung in der Stadt lädt »Frau Gruber«, wie Željko sie stets respekt­voll nennt, ihn zum Eis ein, für die Sommer­ferien beschäf­tigt sie ihn in Haus und Garten und öffnet ihm ihre umfäng­liche Biblio­thek zum Staunen und zur Ausleihe. Die Profes­sorin wird zur groß­zügigen Mäzenin des Jungen.

Was motiviert die weltgewandte, kluge Frau wohl, sich so zu enga­gieren für einen zwanzig Jahre jüngeren Heran­wach­senden? Es ist eine sehr seltsam anmutende Liebes­geschich­te, die lange mit der Spannung zwischen sexueller Anziehung, Hinaus­zögern und Verwei­gerung spielt. Martha bemerkt sehr wohl, dass der ansehn­liche junge Gärtner ihr Bad im Pool und ihre frei­zügige Gymnastik auf dem Rasen verstoh­len beob­achtet, und legt es wohl darauf an, ihn zu stimu­lieren. Genießt sie seine Ver­legen­heit und ihre Über­legen­heit? Will sie, die vom Vater ihrer Tochter getrennt lebt, heraus­finden, ob ihre Reize noch wirken, und sucht sich dafür sicher­heits­halber ein uner­fah­renes Versuchs­kanin­chen heraus? Oder provo­ziert sie den Jungen selbst­bewusst, indem sie sich der Konkur­renz der Mädchen seiner Alters­gruppe stellt?

All das mag sein, doch keinesfalls ist Željko nur Spiel­ball einer gelang­weilten Akademi­kerin. In ihren Gesprä­chen wird deutlich, dass sie seine Reife, seine Inter­essen, seinen Wissens­hunger schätzt und neugierig ist auf ihn, sein Wesen, seinen fami­liären und kultu­rellen Hinter­grund. Sie meint es ernst mit ihm, nimmt ihn für voll, themati­siert auch die körper­liche Begehr­lichkeit. »Hättest du keine Bedenken, wenn wir uns küssen würden?«, fragt »Frau Gruber« unver­mittelt und rückt das Thema damit ins Bewusst­sein. Željko erweist sich als vernünf­tig und abgeklärt. Er erkennt an, dass »Frau Gruber eine sinnvolle Überein­kunft zwischen Wesen und Körper aus­strahlte«, »ein schöner Mensch« ist, aber er bleibt vorerst beim »Sie« und der förm­lichen Anrede. Die späteren, durchaus konkreten sinn­lichen Begeg­nungen ent­wickeln sich aus ihrer Situation heraus.

So zieht sich eine unregel­mäßige Fernbe­ziehung mit Post­karten und Telefo­naten über Jahre hin. Dies als »Liebes­ge­schichte« zu bezeich­nen fällt schwer, denn Liebe ist nicht wirklich das tragende Fundament. Entschei­dender sind Macht­spiele und, damit verknüpft, gewisser­maßen verdiente oder erkaufte, jederzeit abrufbare Erotik. Die gut betuchte Intellek­tuelle bestimmt die Regeln, entwirft die Choreo­grafie und lässt Željko, mit raffi­niert dosierter Begierde abhängig gemacht, am ausge­streck­ten Arm baumeln.

Nicht einmal das Wort »Romanze« will so recht passen, schon weil es eine »Verein­barung« gibt, dass keiner dem anderen ver­pflichtet ist. So bleiben zwei Pole, die einander anziehen, sich aber der Vereini­gung verwei­gern. Die Profes­sorin weiß ihre Position subtil auszu­spielen, etwa wenn sie dem jungen Studenten eine Kredit­karte zur freien Verfügung über­reicht oder ihn zu einem Wochen­ende in ihr nobles Ferien­hotel auf Juist einlädt. Hier genießen sie endlich, was sie sich so lange verwei­gert haben.

Als erwachsener Mann und Erzähler wirkt Željko abgeklärt. Er trägt seine Erleb­nisse recht sachlich vor, oft klingt Süffisanz durch, Hass aber nicht, auch nicht, wenn es um die schiere Unmög­lichkeit seines sozialen Aufstiegs geht. Wenn er trotz allen Bemühens ewig am Rand stehen zu müssen droht, nehmen die Frustra­tionen überhand, Resig­nation stellt sich ein, die Kraft zum Kämpfen schwindet.

Tatsächlich ist Martin Kordićs Roman ein etwas unent­schlosse­ner Genremix. Er verbindet eine Art Sozial­kritik des deutschen Wohl­stands­bürger­tums mit einer Coming-of-Age-Story und einer Migra­tions­geschich­te. Dem letzteren, wohl aktuell­sten Thema haben sich andere Autoren (z.B. Sven Pfizen­maier, › Rezension) schon profi­lierter gewidmet und die Probleme offen­gelegt, die aufkommen, wenn Migranten sich um Integra­tion mühen, indem sie in all ihrem Streben besser als die Deutschen sein, vor allem angesehen werden wollen. Dies ist hier nur der Hinter­grund, vor dem sich die eigen­artige Bezie­hungs­handlung ent­wickelt.


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