Rezension zu »Verbrenn all meine Briefe« von Alex Schulman

Verbrenn all meine Briefe

von


Als die jungvermählte Ehefrau sich in einen anderen Mann verliebt, brechen in ihrem Gemahl die schlimmsten Charakterzüge durch und vergiften das Leben der ganzen Familie bis hin zu den Enkeln.
Belletristik · dtv · · 304 S. · ISBN 9783423290371
Sprache: de · Herkunft: se

Toxisches Erbe

Rezension vom 14.12.2022 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Alex Schulman entstammt einer überaus renom­mierten Familie. Sein Großvater war Sven Johan Stolpe (1905-1996), ein frucht­barer Schrift­steller, hochge­bildeter Literatur­kritiker und Über­setzer, dazu Jour­nalist und enga­gierter Kommen­tator des politi­schen Zeitge­schehens, der sich gegen die Unter­drückung im National­sozialismus und in der Sowjet­union wandte. 1931 heiratete er die Autorin und Überset­zerin Karin Maria von Euler-Chelpin (1907-2003), Tochter des Chemikers und Nobel­preis­trägers Hans von Euler-Chelpin und der Natur­wissen­schaft­lerin Astrid Cleve. Aus der Ehe gingen zwischen 1933 und 1951 vier Kinder hervor, als jüngstes Lisette Schulman, Alex Schulmans Mutter.

Was bedeutet es, als junger Spross in einen solchen Stammbaum hinein­geboren zu werden? Ein geneti­scher Segen, ein gesell­schaft­liches Privileg, eine besondere Chance auf Selbst­verwirk­lichung – oder bedeutet es Verengung, ist es ein Fluch von Druck und Erwar­tungen?

Alex Schulman, 1976 geboren, ist selbst ein erfolg­reicher Schrift­steller geworden. Mit seinem Roman »Die Über­leben­den«, in dreißig Sprachen übersetzt, hatte er seinen bislang größten Erfolg [› Rezension]. Es ist eine erschüt­ternde fiktio­nale Erzählung von fami­liärer Lieb­losig­keit und Gefühls­kälte. Wie wir nun in seinem neuen Buch lesen, beob­achtet der Autor beun­ruhi­gende Eigen­schaften aber auch in sich selbst. Da sind eine uner­klär­liche tiefe Wut und Neigung zu Aggres­sion, die ihn selbst, seine Kinder und seine Frau in Angst versetzen und das Zusammen­leben der Familie gefährden. Woher kommen diese Züge, fragt er sich, und wie kann er sie beherr­schen?

Schulman beginnt bei sich selbst und unter­zieht sich acht Jahre lang einer Therapie. Parallel dazu forscht er nach Spuren des Bösen in seiner Kindheit und seiner Familie. Auf mütter­licher Seite findet er chaoti­sche Zustände. Lisette Schulman und ihre drei Geschwis­ter »hassten einander in wech­selnden Konstel­lationen … über Jahr­zehnte hin … ein Schlacht­feld … von Streit, Tren­nungen und Ausein­ander­setzun­gen. Niemand wurde verschont«. Was dem Kind zunächst unver­ständ­lich ist, gewinnt für den Jugend­lichen durchaus an Attrak­tivität.

Ebenso starke Erinnerungen lenken Schulmans Nach­forschun­gen zu den Eltern seiner Mutter. Besuche beim Großvater riefen bei allen Enkel­kindern Ängste und Wut hervor. Eigent­lich beschränk­ten sie sich auf eine schweig­sam zele­brierte Respekt­bezeu­gung, nach deren Ent­gegen­nahme der Mann wieder ins Neben­zimmer ent­schwand. Das Ritual war die größte Nähe, die Sven Johan Stolpe zuließ. So war er für den Enkel noch zu Beginn seiner Recher­chen ein Unbe­kann­ter, über den zwar Anekdoten kursier­ten, dessen Wesen aber ein »Mythos« blieb. Viel­leicht gerade deshalb ging von dem autori­tären, abwei­senden Großvater, einem der »ge­bildet­sten Männer Schwedens«, der in vier Sprachen fließend Diskurse führen konnte und von sich wie von anderen permanent intellek­tuelle Höchst­leistung einfor­derte, eine eigen­artige Anziehung auf den Enkel aus, »ein ge­heimnis­volles Kraftfeld, selbst­leuchtend und uner­gründlich«, das ihn stets die Nähe des Groß­vaters suchen ließ. Dennoch mochte Alex Schulman kein einziges seiner fast einhun­dert Bücher lesen.

Ein Besuch im Jahr 1988 wird zu einem prägenden Ereignis und liefert Alex Schulman den Schlüssel zu allem Folgenden. Dabei entdeckt er eine Pistole (ein gut gehütetes Geheimnis) und einen Brief­wechsel zwischen Karin, seiner Groß­mutter, und einem jungen Mann. Durch die Beschäf­tigung damit lernt der Enkel die Groß­eltern in neuem Licht zu sehen, und es erschlie­ßen sich ihm mögliche Wurzeln für seine eigene Verfas­sung.

Der junge Mann ist eine weitere illustre Persön­lichkeit der schwedi­schen Kulturge­schichte. Olof Gustaf Hugo Lager­crantz (1911-2002) war ebenfalls Schrift­steller, Publizist und Kritiker und wird später zu Sven Stolpes erbitter­tem Gegen­spieler. Die Leid­tragen­de dieser exzes­siven Feind­schaft ist Stolpes Ehefrau Karin.

Gut ein Jahr nach ihrer Vermählung mit Sven Stolpe begegnet die Fünfund­zwanzig­jährige dem vier Jahre jüngeren Literaten Olof Lager­crantz. Es ist für beide Liebe auf den ersten Blick. Beide werden sie zeit­lebens in ihren Herzen tragen, und sie wird beider Leben bestimmen. Olof gibt ihr in Gedichten und Texten Ausdruck, aber Karin weiß, dass ihr Ehemann sie niemals freigeben würde, schon gleich nicht an den verhass­ten Rivalen Lager­crantz. Seine despo­tische, narziss­tische, boshafte Natur würde eine solche Nieder­lage niemals zulassen, eher würde er bis zum Äußersten gehen, um das Verhält­nis zu unter­binden. Die Konse­quenzen sind fatal: Obwohl Karin sich unter­wirft und in ihr Schicksal fügt, wird sie »aus Stolpes Narrativ wie ausra­diert«, bleibt für ihn auf ewig eine treulose, verdor­bene »Hure«, nie wieder erachtet er sie der gering­sten Zärtlich­keit für würdig. Sie »selbst aber schweigt all die Jahr­zehnte hindurch«.

Wie nachhaltig Eifersucht und verletzter Stolz die exzent­rische Psyche des Mannes gestört haben, schlägt Alex Schulman in vielen beklem­menden Briefen seines Groß­vaters an die Ehefrau entgegen. Immer wieder spukt dort noch Jahr­zehnte später »OL« als ewiger Dämon und Erzfeind durch Sven Stolpes Gedanken und Albträume (»Dies Leben, eine ewige Dunkel­heit«). In den Sieb­ziger­jahren ist auch das Verhält­nis zu seinen Kindern vergiftet, wie erschüt­ternde Brief­wechsel belegen. So formu­liert einer der Söhne an Sven Stolpe, er hätte jeden anderen, der ihm so etwas angetan hat wie sein Vater, »mit bloßen Händen erwürgt« – worauf der Vater entgegnet, er wolle alles Weitere dazu in einem Roman mit dem Titel »Ein Sohn« nieder­schrei­ben, und »wir werden uns in diesem Leben nicht wieder­sehen«.

Alex Schulmans Roman ist im Wesent­lichen die Erzählung seiner Recher­chen und die Ausge­staltung der persön­lichen Bezie­hungen, wie sie sich ihm daraus enthüllen. Zum Beispiel hat der Autor den Ort der schicksal­haften Begegnung zwischen Karin und Olof aufge­sucht. Neben familien­internen Doku­menten hat er Olof Lager­crantz’ Tagebuch von 1932 sowie dessen Briefe und Gedichte für Karin Stolpe einbe­zogen. Schulman betont, dass sein Material »authen­tische Begeben­heiten« wieder­gebe, die er jedoch leicht verändert habe, und er legt Wert darauf, dass sein Werk dank der fiktio­nalen Gestal­tung ein Roman sei.

In der Tat ist die im Mittelpunkt stehende Dreiecks­ge­schichte litera­risch hoch­wertig aufbe­reitet. Ereig­nisse und Emotionen sind sehr berührend beschrie­ben, mensch­liche Abgründe ebenso. Karins letzte Bitte an Olof, mit verzwei­felter Todes­angst formu­liert, lautet »Verbrenn all meine Briefe« – ein markanter Titel, dessen tiefe Tragik sich erst beim Lesen er­schließt. Das lange im Raum stehende Geheimnis bindet unsere Aufmerk­samkeit und Neugier wie ein span­nender Kriminal­roman.

So enthusiastisch »Bränn alla mina brev« oft gefeiert wird (Hanna Granz hat das Buch übersetzt), so stellen sich beim Lesen doch auch Bedenken nicht unbedingt literari­scher Art ein.

In seinem Roman, dessen Nähe zum Biografi­schen er selber einräumt, enthüllt Alex Schulman nicht nur sein eigenes Privat­leben, seine Neigung zu Aggres­sionen gegen engste Vertraute, sondern demas­kiert auch seine Vorfahren. Als rein fiktio­nales Konstrukt haben solche Themen einen anderen Stellen­wert, aber die schmerz­lichen Einblicke in familiäre Interna (wenn sie denn wahr sind) bringen uns Leser in die Rolle von Voyeuren. Bedient sich Schulman seines Romans nicht auch als einer Art Waffe, ebenso wie Stolpe es mit »Ein Sohn« androhte, aber dann doch unterließ?

Zweifellos hat Alex Schulman mit seinem Roman das Bild des hoch­ange­sehe­nen Groß­vaters gehörig beschä­digt. Ob die Einblicke in dessen Wesen neu sind und wie weit sie Wahrheit wieder­geben, sei dahin­gestellt. Gewiss war die Demontage inten­diert und kein zufäl­liger Neben­effekt – schließ­lich suchte Schulman ja den Quell seiner eigenen Makel. Erzwingen Schulmans Enthül­lungen nun eine Neube­wertung von Sven Johan Stolpes Leis­tungen auf zahl­reichen Gebieten? Das ent­spräche den Auffas­sungen heutiger Haltungs­apostel, die gern die Werke längst verstor­bener Menschen verbannen, weil deren Ansichten oder Handeln den hehren Maßstäben späterer Genera­tionen nicht genügen. Oder hält Schulman es mit François-Xavier Roth, dem Diri­genten der Bayeri­schen Staats­oper, der über Richard Wagner sagt: »Der Mann interes­siert mich nicht. Mich interes­siert, wie er als Kompo­nist unsere Welt ver­ändert hat.«

Unterm Strich schenkt dieses Buch uns Klein­bürgern eine triviale, aber tröst­liche Erkennt­nis: Halb­götter aller Art, die dafür verehrt werden, dass sie der Welt Würde und Weis­heiten schenken, sind auch nur Menschen.


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