Rezension zu »Unter Wölfen« von Alex Beer

Unter Wölfen

von


Im März 1942 bietet sich für Isaak Rubinstein eine winzige Chance, der Deportation zu entgehen. Dazu muss der Antiquar in eine Rolle schlüpfen, die ihm viel zu groß ist und keinen einzigen Fehler verzeihen wird. Mitten im Rudel von Nazi-Wölfen muss der Jude den Mord an einem Filmstar aufklären – und noch mehr erledigen.
Historischer Kriminalroman · Limes · · 368 S. · ISBN 9783809027119
Sprache: de · Herkunft: de

Undercover bei der Gestapo

Rezension vom 16.02.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Seinen Laden haben die Nazis geplündert und enteignet. Mit seinen Eltern, seiner verwit­weten Schwester und deren zwei kleinen Kindern wurde er aus der Wohnung vertrie­ben. Wie die meisten noch in Nürnberg verblie­benen Juden wurden sie in soge­nannten »Juden­häusern« zusam­menge­pfercht. Der frei gewordene Wohnraum wurde deutsch­blütigen »Herren­menschen« zugeteilt. Jetzt schuftet Isaak Rubin­stein, bislang Antiquar, mit vielen anderen Zwangs­arbeitern in einer Munitions­fabrik.

Nürnberg ist eine der politischen Hochburgen Nazi-Deutsch­lands. In der Stadt der Reichs­partei­tage mit ihren ein­schüch­ternden Massen­auf­märschen sind die Spuren jüdischen Lebens im Frühjahr 1942 fast völlig aus dem Alltag verbannt. Längst ist Hass geschürt, ruft man ohne Scham zynisch-verächt­liche Beschimp­fungen, sind Gesetze erlassen, Befehle erteilt, Deporta­tionen organi­siert. Dass Juden mit gepackten Koffern plötzlich aus dem Straßen­bild verschwin­den, ist allgemein zu beob­achten. Trotz allem finden die Gerüchte, die Nazis wollten die Juden »vom Antlitz der Erde tilgen«, keinen Glauben. Auch Isaak Rubin­stein denkt, man könne doch nicht auf seine Leistung in der Fabrik verzich­ten. Doch der schrift­liche »Evaku­ierungs­bescheid« belehrt ihn eines Besseren. Am Samstag, dem 21. März 1942, habe er sich um 13.00 Uhr mit genau definier­tem Gepäck zur Abholung bereitzu­halten. Wohin es geht, sagt der Brief nicht.

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, der Deporta­tion zu entkom­men, wendet sich Isaak an Clara, mit der er vor dem Krieg ein Ver­hältnis hatte. Sie wäre damals mit ihm aus dem Nazi-Reich fortge­zogen, doch er wollte seine Familie nicht in Unsicher­heit zurück­lassen. Tatsäch­lich ist Clara bereit, Isaak und seine Ver­wandten zu ver­stecken und über ihre Kontakte außer Landes zu schaffen. Aller­dings hat die Wider­stands­gruppe, mit der sie in Verbin­dung steht, ihre besten Kräfte durch eine Verhaf­tungs­welle verloren und wünscht für diese gefähr­liche Mission eine Gegen­leistung. Doch was kann ein Bücher­mensch wie Isaak schon anbieten? Materiell hat man ihm alles genommen, und er ist kein geborener Kämpfer. Sein wert­volls­tes Kapital sind seine geistigen Fähig­keiten, und die reizt seine Schöp­ferin, die Autorin Alex Beer (Pseudo­nym der Wienerin Daniela Larcher), nun aus: Sie wandelt ihren Protago­nisten zum Star-Ermittler und schmug­gelt ihn in Nazi-Kreise ein.

In der Fiktion mag alles erlaubt sein, aber überzeugen muss es schon. Als wäre es nicht bereits ein tolles Husaren­stück, einen dem Tod geweihten Juden so geschickt bei seinen Erzfein­den unter­zubrin­gen, dass nicht einmal die aus Profes­sion misstraui­schen Kollegen Lunte riechen, setzt die Autorin kühn noch eins drauf. In eine Art Falle gelockt, über­nimmt Isaak die Iden­tität des Berli­ners Adolf Weiss­mann, 38, des fähigsten Sonder­ermitt­lers des Deut­schen Reiches. Während der Wider­stand den wahren SS-Sturm­bann­führer auf seiner Dienst­reise nach Nürnberg kalt­stellt, startet dort sein Doppel­gänger durch in höchste Kreise, um ein Ver­brechen von natio­naler Relevanz aufzu­klären: Die berühmte und beliebte Film­schau­spie­lerin Lotte Lanner wurde im Wohn­trakt der traditions­reichen Nürn­berger Burg mit aufge­schlitz­ter Kehle aufge­funden. Auf aller­höchsten Befehl soll Weiss­mann den Mörder der populären Diva finden und darf sich dazu freiweg bis in die Macht­zentrale der Gestapo bewegen. Genau dort kann er für die Wider­ständler Nütz­liches tun – nicht etwa irgend welchen Klein­kram, nein, er soll nichts weniger als das Proto­koll einer Konfe­renz heraus­schmug­geln, damit die Pläne für die drohende Massen­ermor­dung der Juden ins Ausland geschafft werden können.

Wer sich nun nicht weiter über die Hürden der Plausi­bilität quält, sondern einfach drunter durch­schlüpft und sich groß­mütig in das Beer­sche Maximal­pro­gramm plumpsen lässt – ein Agent des Wider­stands wird einge­schleust, um den Holo­caust zu verhin­dern –, darf sich auf eine span­nende Lektüre freuen. Böse Mord­verdäch­tige gibt es genug, doch wer den Filmstar nieder­gemet­zelt hat, ist ange­sichts der histori­schen Aufgabe des coura­gierten Ermitt­lers und seines minen­feld­ähnli­chen Aktions­berei­ches geradezu sekundär.

Was den Leser an den wendungsreichen Handlungs­gang fesselt, ist vielmehr die bestän­dige Sorge um Isaaks Sicher­heit. Als Schaf »unter Wölfen« auf sich allein gestellt, kann seine prekäre Tarnung jeder­zeit auf­fliegen, auch wenn die Behaup­tung einge­fleisch­ter Nazis, sie könnten einen Juden am Geruch erkennen, bis heute nichts von ihrer Dämlich­keit verloren hat. Aber glück­licher­weise steht die Autorin ihrem Helden zur Seite und hilft ihm mit Fantasie und literari­schen Winkel­zügen aus der Patsche. Wenn es brenzlig wird – wenn er etwa zu Gesell­schaften einge­laden, nach seiner beein­drucken­den Karriere in Berlin befragt oder von ehe­maligen Studien­freunden über­rascht wird –, hält er sich klug zurück, und in der Not kann er über sich hinaus­wachsen.

Alex Beer hat eine Gratwanderung riskiert, als sie beschloss, einen auf Unter­haltung und Spannung aus­gerich­teten Krimi­plot in der beklem­menden Atmos­phäre der Juden­verfol­gungen 1942 anzu­siedeln, als in einer Villa am Wannsee die Unvor­stellbar­keit europa­weiten millionen­fachen Mordens gerade organisa­torisch und technisch in Angriff genom­men wurde. Auf der Grund­lage ihrer Recher­chen hat die Autorin ihr aben­teuer­liches Handlungs­gerüst ent­wickelt und in leicht kon­sumier­barem Erzähl­stil zu Papier gebracht. Indem sie den Mut ihres Protago­nisten und die Wag­halsig­keit seiner Unter­nehmung bis jenseits aller Wahr­schein­lich­keit über­treibt, wappnet sie ihre Geschichte viel­leicht gegen den denk­baren Vorwurf, sie verharm­lose die tragi­schen histori­schen Vorgänge der Zeit für einen schlichten Krimi. Indem sie die Ängste, Nöte und Bedro­hungen der Verfolgten, die mitleid­lose Grau­sam­keit der Verfolger und die eiskalte Un­mensch­lich­keit der Organisa­toren der »End­lösung der Juden­frage« realis­tisch dar­stellt, macht sie an­schau­lich, was manche heute gern vergessen lassen möchten.


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