Rezension zu »Goldkind« von Claire Adam

Goldkind

von


Ein infames Verbrechen zwingt einen Vater in einen unerträglichen Konflikt. Er muss über den weiteren Lebensweg seiner beiden ungleichen Zwillinge entscheiden – und zwischen ihnen.
Belletristik · Hoffmann und Campe · · 272 S. · ISBN 9783455005981
Sprache: de · Herkunft: gb

Eine unmenschliche Zwangslage

Rezension vom 26.02.2020 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Obwohl sie Zwillinge sind, unterscheiden sich Peter und Paul erheblich. Peter kann schon vor seiner Einschu­lung lesen, wird gefördert und geht ziel­strebig seinen Weg. Paul, der während der Geburt nicht genug Sauer­stoff bekam, wirkt durch Verhalten und Aussehen auf manche etwas zurück­geblie­ben. Aber sie halten zusammen wie Pech und Schwefel.

Die beiden leben auf der Karibikinsel Trinidad, die man bei uns gemeinhin mit einem Traum-Urlaub im Paradies assozi­iert. Die Wirk­lich­keit sieht anders aus. Drogen­bosse, Gangs und Klein­krimi­nelle bevölkern ein dichtes Milieu, in dem Politik und Polizei lieber mitmachen als Ordnung schaffen, denn jeder will sein Stück vom Kuchen abschnei­den. Selbst aus Kolumbien kommen Banden auf die Insel herüber, um in der Haupt­stadt Port of Spain mitzu­mischen.

Nicht so Clyde, der Vater der Zwillinge. Er weiß genau, »wie die Dinge in diesem Land laufen«, lässt sich aber nicht anstecken. Seine morali­schen Maßstäbe sind klar und fest. Er wuchs unter einfach­sten Verhält­nissen in einem Dorf am Meer auf. Seine Schul­bildung endete mit dem zwölften Lebens­jahr. Auch Joy, das Mädchen, das er heiratete, hatte es »nicht so mit Büchern«. Anfangs verdient Clyde den Lebens­unter­halt als Bauhelfer, später bei einer Ölfirma, die besser zahlt. In ihrem von Busch und Kakao­plan­tagen umgebenen Dorf, gut vier Stunden von Port of Spain entfernt, lebt man ehrlich, beschei­den und gemäch­lich. So können sich Clyde und Joy eines glück­lichen Familien­lebens erfreuen. Ihr größtes Glück sind die Zwillinge, die sie liebevoll und streng erziehen.

Mit aller Ruhe führt uns die Autorin durch die Geschichte von Clydes und Joys Clan. Vergli­chen mit den Verwand­ten seiner Frau ist Clyde ein »Hunger­leider« und »Habe­nichts«. Ihr Onkel Vishnu ist Arzt, ihr älterer Bruder Philip Richter und Romesh, ihr jüngerer Bruder, Pilot. Alle residie­ren in den besseren Wohn­vierteln der Haupt­stadt – Romesh zum Beispiel in einer wehrhaft gesicher­ten Villa, die sein reicher Schwieger­vater finan­ziert hat.

Onkel Vishnu, selbst genügsam lebend, hat die armen Verwand­ten gern materiell unter­stützt. Als Joys Geburts­helfer hat er an der Entwick­lung der Jungen beson­deren Anteil genommen. Nachdem er Peters Intelli­genz früh­zeitig erkannt hatte, versprach er Clyde, ihm einmal ein Studium zu finan­zieren. Als der Arzt vorzeitig stirbt, hinter­lässt er Peter ein beträcht­liches Vermögen.

Dann tritt Onkel Philip in seine Fußstapfen als Förderer der Jungen. Da keiner der beiden ohne den anderen leben könnte, bringt Philip dank seiner Beziehun­gen nicht nur Peter, sondern auch den lern­schwa­chen Paul an einem katholi­schen Privat­college in Port of Spain unter. Dort findet Paul tatkräf­tige Unter­stüt­zung bei einem jungen irischen Pater.

Die Beziehung zwischen Clyde und Paul ist nicht so problem­los wie die zu Peter, der jede Prüfung mit Bravour meistert, schuli­sche Spitzen­plätze erobert und alle Erwar­tungen des zu jedem Opfer bereiten Vaters auf eine interna­tionale akademi­sche Karriere erfüllt. Clydes Liebe zu Paul ist ebenso groß und unver­brüch­lich, auch wenn er ihn nicht selten für einen nichts­nutzigen Tagträu­mer hält und ihm in Momenten größter Verzweif­lung damit droht, ihn in ein Heim für geistig Behin­derte zu stecken. Mit Pater Kavanagh aber glaubt zum ersten Mal jemand an den Jungen, und sein Selbst­wert­gefühl wird gestärkt. Er rackert sich ab, macht einige Fort­schritte, stößt aber, da andere Schwächen bleiben, an seine Grenzen. Schließ­lich akzep­tiert Paul die Aus­sichts­losig­keit seines Kampfes. Er erwägt, den Vater jetzt damit zu beein­drucken, dass er sich Arbeit sucht und sein eigenes Geld verdient – oder notfalls so weit wegläuft, dass Daddy ihn niemals mehr findet.

In dieser Lage beginnt Claire Adams ergrei­fender Roman und stürzt uns in eine Szene, die jede Familie in Unruhe versetzen würde. Paul ist noch »unterwegs«. Viel­leicht treibt er sich im dichten Busch oder irgendwo am Fluss herum, wie er das gerne tut. Man könnte gelassen abwarten, bis er irgend­wann eintru­delt, hätten nicht zwei Wochen zuvor bewaff­nete Gangster das Haus über­fallen, Joy und die Jungen gefesselt und bedroht, die ganze armselige Hütte durch­wühlt und verwüstet. Unter diesen Vorzei­chen ent­wickelt die Autorin einen aufwüh­lenden Entfüh­rungs­fall, der Vater Clyde in eine schier unlösbare und mensch­lich uner­träg­liche Notlage treibt. Denn während er die Löse­geld­forde­rung für Pauls Freilas­sung aus eigener Kraft niemals aufbrin­gen könnte, liegt Onkel Vishnus Vermögen abruf­bereit auf einer briti­schen Bank. Doch es ist dem »Gold­kind« ver­sprochen, um seine golde­ne Zukunft in Harvard zu sichern.

Eingebettet in das dörfliche Treiben der Karibik­insel Trinidad, deren Lebens­weise und Alltag die Autorin anschau­lich beschreibt, stellt Claire Adam einen liebenden, gewissen­haften, pflicht­bewuss­ten Vater in einen existen­tiellen Konflikt, den er nicht aus eigener Kraft lösen kann, aus dem es keinen Ausweg gibt und der nur Opfer hinter­lassen kann.

Den Rahmen dafür bildet die schwierige, sozial und charakter­lich breit gespreizte Groß­familie. Alle Verwand­ten, die Kinder voran, besuchen die armen Schlucker auf dem Land gern und zu jeder sich bietenden Gelegen­heit. Dort wird gegessen, getrun­ken und gestrit­ten, vor allem um Geld. Während Ramesh, dem es zwischen den Fingern zerrinnt, beständig bei Onkel Vishnu um Nachschub vor­spricht, tut sich Clyde schwer, Zuwen­dungen des Arztes anzu­nehmen – sein Ehren­kodex fordert, dass einem nur das wirklich zustehe, was man selbst geschaf­fen habe.

Die eindrucksvollste Charakterzeichnung gilt Paul und seiner Anders­artig­keit. Wer ihn (wie gelegent­lich sein Vater) für schlicht, dumm oder »zurück­geblie­ben« hält, wird dem Jungen nicht gerecht. Paul hat Inter­essen, die Clyde mit Befremden wahrnimmt, und Stärken, von denen er nichts ahnt. Ganz bei sich ist Paul in der Natur, wenn er Tiere, Mond und den Sternen­himmel beobach­tet und sich um die Hunde der Familie kümmert. Bei dem Über­fall auf das Haus setzt er sich mutig zur Wehr (»Erschie­ßen Sie mich!«). Mit seinem Bruder ist er in untrenn­barer Liebe ver­bunden. Wenn sie neben­einan­der im Bett schlafen, horcht er auf die Geräusche der Nacht und fühlt sich geborgen. Dass Peter sich gern im Bett breit­macht, stört Paul nicht. Vielmehr bewegt er sich »ganz vor­sichtig, um seinen Bruder nicht zu wecken«.

Trotz des selbstlosen Einsatzes seines gesamten Besitzes gelingt es Clyde nicht zu verhin­dern, dass das Schicksal die Wege seiner Zwillinge trennt. Peter muss seinen Weg zum Studium in Amerika alleine gehen, verliert Paul aber nie aus seinem Herzen. Folge­richtig und stimmig endet der Roman hoch emotional.

Claire Adam wuchs in Trinidad auf, studierte Physik in den USA und lebt heute in London. »Golden Child« Claire Adam: »Golden Child« bei Amazon , ihr Debüt­roman, erhielt 2019 den Desmond Elliott Prize, und die BBC nahm ihn im November 2019 als Neuzugang in die Liste der »100 most inspiring novels« engli­scher Sprache auf (die mit Jane Austens »Pride and Prejudice« von 1813 beginnt). Marieke Heim­burger und Patricia Klobu­siczky haben ihn kraftvoll und prägnant ins Deutsche übersetzt. Es ist ein Thriller, dessen Struktur­prinzip die Ausspa­rung ist. Die Abbrüche von Erzähl­strängen bewirken jedoch nicht einfach Neugier auf die spätere Lösung von Rätseln, sondern lösen vielmehr beim Leser Beklem­mungen aus, die sich wie Bänder um die Psyche legen und sie zusammen­schnüren, bis endlich die Schluss­passage Emo­tionen evoziert, denen sich selbst der coolste Leser wie eine Befreiung hin­geben wird.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2019/20 aufgenommen.


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