Rezension zu »Erleuchtung« von Anne Chaplet

Erleuchtung

von


Kriminalroman · List · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783471772836
Sprache: de · Herkunft: de

Blutige Erde in Klein-Rhoda und in Lima

Rezension vom 04.04.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Kommissar Giorgio DeLange und drei Kollegen von der Frankfurter Polizei befinden sich im Rahmen eines Austauschprogramms in Peru. Die Sightseeing-Tour im Bus – Machu Picchu und Cuzco, 3.400m über dem Meeresspiegel – und die zahlreichen Horrorgeschichten der Reiseleiterin über die Gräueltaten der spanischen Eroberer und die bluttriefenden lokalen Riten ("Nos bañamos en la sangre" – wir baden in Blut) sind DeLange schwer aufs Gemüt und den Magen geschlagen.

Vor seiner Abreise nach Frankfurt möchte DeLange unbedingt noch den Ort Ayla besuchen. Dort haben in den siebziger Jahren drei Deutsche eine Zeitlang gelebt, unter ihnen der sehr vermögende und einflussreiche Finanzberater Dr. Karl-Heinz Neumann aus Frankfurt. Als Hippies wollten sie sich hier getreu dem Leitspruch "Love and Peace" ungezügelter Freiheit hingeben.

Der peruanische Kollege Tomás versucht, DeLange seinen Plan auszureden. Ayla sei ein gefährlicher Ort, die "Wiege des Bösen". Hier entstand die Bewegung "Sendero Luminoso" ("Leuchtender Pfad"), gegründet von Professor Abimael Guzmán, um die Indios zu "befreien". Doch die Gruppe wurde immer radikaler, bis es sich bald um reine Terroristen handelte, die statt Freiheit und Gleichheit den Tod in die Dörfer brachten. Wer sich ihnen nicht anschloss, wurde auf brutale Weise massakriert ...

Welche Rolle hat Dr. Neumann, damals Charly genannt, in dieser Organisation gespielt? Der angesehene Bürger Frankfurts führt ein ehrenwertes Leben; eine seiner Aktivitäten ist die Verwaltung des Spendenkontos einer Wohltätigkeitsorganisation, deren Schirmherrin seine Ehefrau Margot von Braun ist. Doch hat er diese Fassade womöglich nur aufgebaut, um dahinter Verbrechen im ganz großen Stil zu vertuschen?

Kaum zurück in Frankfurt, wird DeLange in die Archivabteilung hinunter gestuft (eine völlig unspannende, unmotivierte, überflüssige Aktion). Er wird auch zusammengeschlagen und erhält eine ganz klare Ansage: Sollte er sich weiterhin mit der Vergangenheit Neumanns beschäftigen, so sei nicht nur sein Leben bedroht, sondern auch das seiner Töchter und seiner Freundin, der Staatsanwältin Karen Stark.

Doch DeLange weiß, was er zu tun hat: Klammheimlich fliegt er wieder nach Lima, um Licht in das Dunkel des "Leuchtenden Pfades" zu bringen. Natürlich informiert er niemanden über seinen Aufenthaltsort ...

Lima und Klein-Rhoda sind zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch verbindet sie ein seit Jahren nicht aufgeklärtes Verbrechen: Als sich Neumann im Jahr 1968 nach Peru absetzte, verschwand seine Mitbewohnerin Alexandra Raabe spurlos.

Welch eine Steilvorlage für einen superspannenden, bildgewaltigen Krimi an exotischen Schauplätzen mit scharfen sozialen und kulturellen Kontrasten auf der Basis erschütternder historischer Vorgänge! Doch leider nutzt die Autorin das Potenzial ihres Konzepts bei weitem nicht aus. Der über Jahre hin die Geschicke Perus bestimmende maoistische Anführer Abimael Guzmán – 1992 gefasst und zu lebenslanger Haft verurteilt – taucht nur als Name am Rande auf, und seine kommunistische Organisation "Sendero Luminoso" reduziert die Autorin auf die brutalen, blutigen Gemetzel der Terroristen und der ihnen nachfolgenden Militärs – die Anfangszeit in den Sechziger Jahren, in der die tragische Entwicklung des Landes ihren Lauf nahm und in denen doch auch Charly Neumann wirkte, blendet sie zu sehr aus. Also eine Enttäuschung: Ich hatte sehr viel mehr Informatives, Kontroverses und Tiefgang erhofft.

Während der hessische Kommissar in Peru recherchiert, wird Klein-Rhoda zum Ort des Grauens, wo man täglich eine neue Leiche findet, ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen. Und wie versprochen, werden DeLanges Töchter und Karen Stark tatsächlich massiv bedroht. Na, wer hat wohl ein Motiv, sich so hemmungslos durchsetzen zu wollen und dafür sogar in immer gleicher Weise brutal zu morden?

Aber Vorsicht! Liebe, Hass, späte Vergeltung – zwar sind diese Motive bisweilen etwas wirr arrangiert, überzogen gestaltet und nicht ganz überzeugend zu Ende geführt, aber zu schlicht ist Anne Chaplets "Erleuchtung" nun auch wieder nicht. Nach dem tollen Auftakt verliert er halt leider und wird durchschnittlich.


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