Rezension zu »223 oder Das Faustpfand« von Manfred Wieninger

223 oder Das Faustpfand

von


Kriminalroman · Residenz · · Gebunden · 236 S. · ISBN 9783701715800
Sprache: de · Herkunft: at

»Davon geht die Welt nicht unter.«

Rezension vom 03.04.2012 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Franz Winkler wurde 1893 in Baumgarten im österreichischen Bezirk Krems geboren. Als 52-jähriger Revierinspektor wurde er im Januar 1945 von seiner Dienststelle in Mautern nach Persenbeug versetzt, um dort stellvertretender Postenkommandant zu werden. 1946 kehrte er nach Mautern zurück. Am 11. August 1967 starb er. Es war die kurze Amtszeit in Persenbeug, die ihn noch bis zu seinem Lebensende verfolgte. Warum?

Am Vormittag des 25. April 1945 erhält der Persenbeuger Postenkommandant Engelbert Durchkowitsch telefonisch "einen denkbar unangenehmen Befehl": Er möge ein Auffanglager für Juden einrichten. Für den überzeugten NSDAP-ler ist es ein Ding der Unmöglichkeit, seinen Dörflern jetzt auch noch die "dreckigen, verlausten Itzigs zu Hunderten" (S. 28) zuzumuten, wo sie doch schon seit 1941 von ca. 2000 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus dem Osten, aus Italien und Frankreich umgeben sind und ständig um ihre eigene Sicherheit fürchten. Da reicht Durchkowitsch die undankbare Aufgabe lieber an seinen neuen Stellvertreter, den als "Auswärtigen" ohnehin noch kritisch beäugten Franz Winkler weiter, nicht ohne ihm großzügig freie Hand zu lassen.

Winkler ist ein korrekter, ruhiger Beamter. Auf das "Gebrabbel vom nahen Endsieg", "die endgültige Abrechnung mit den jüdisch-bolschewistisch verseuchten Elementen" und ähnliche Parolen pflegt er "mit undeutbarem Schweigen, bestenfalls mit unscheinbaren, indifferenten Gesten" (S. 34) zu reagieren. Er hat nur ein Ziel vor Augen: diesen Krieg zu überleben. Vielleicht bringt ihm die neue Aufgabe am Ende sogar noch ein paar Pluspunkte ein. Die Russen stehen schon vor Wien ...

Ein Philanthrop ist Winkler nicht unbedingt, doch sucht er für die bald Ankommenden nach einer Bleibe und bemüht sich beim Bürgermeister um Lebensmittelkarten für sie. Die drei heruntergekommenen einstöckigen Holzbaracken, die einstmals für die Zwangsarbeiter eines projektierten Kraftwerks errichtet wurden, sind besser als nichts.

Und dann kommen sie, die Unterzubringenden: Mit letzter Kraft schleppen sich klapperdürre, in Lumpen gekleidete Männer, Frauen, Kinder und Greise, auf dem Rücken kleine Bündel, ihr letztes Hab und Gut, herein nach Persenbeug. Diese 229 ungarischen Juden haben sich in Lagern rund um Wien schier zu Tode geschuftet, bis sie für den Todesmarsch nach Mauthausen zusammengetrieben wurden. Aber für 223 von ihnen wird Persenbeug die letzte Station sein.

Denn in der Nacht des 2. Mai 1945 treibt ein SS-Rollkommando erst die Männer, dann die Frauen und Kinder aus dem Lager, um sie auf unbeschreiblich brutale, skrupellose, menschenverachtende Weise zu massakrieren.

Tags darauf ringt Winkler beim Anblick der apokalyptischen Leichenberge um Fassung. Und er macht sich Vorwürfe: Wie konnte er die seinem Schutz Anbefohlenen ohne jegliche Bewachung durch seine Gendarmen allein lassen? Vielleicht hätten sie die furchtbare Hinrichtungsaktion verhindern können.

Winkler nimmt Ermittlungen auf, und nichts und niemand kann ihm jetzt mehr Angst einjagen oder ihn gar aufhalten. Er hat drei Überlebende, etliche Zeugen wie die Bauern, die kaum zwanzig Schritte vom Tatort entfernt wohnen, dazu Bilddokumente, die ein Fotograf gemacht hat, und ein kleines Paket mit Pässen, Geldbörsen, Brillenetuis, Fotografien und ein paar Zloty – Dinge, die man bei den Toten fand.

Nach drei Jahren der Recherche wird Winklers Anzeige am 26. Mai 1948 bei Gericht aufgenommen. Fünfzehn Jahre lang wird dann auf vielen Ämtern gründlich vertuscht, Akten und Indizien verschwinden – bis das Verfahren 1963 endgültig eingestellt wird. Das beschämende Kapitel wirft ein dunkles Licht auf die österreichische Gerichtsbarkeit und Politik: Die Täter konnten sich ihrer Verhaftung entziehen, sie brauchten keine Verantwortung zu übernehmen, ihre Tat wurde nicht gesühnt.

Der niederösterreichische Autor Manfred Wieninger wurde durch seine Krimiserie um Kommissar Marek Miert bekannt. Aber schon lange widmet er sich auch der Geschichte seiner Heimat. Mit "223 oder Das Faustpfand" hat er nun ein tatsächlich geschehenes Verbrechen zum Gegenstand seines neuesten Buches werden lassen, wobei er die historischen Unterlagen behutsam bearbeitet und durch fiktionale Passagen ergänzt hat, so dass ein authentischer, gleichzeitig literarisch beachtlicher und anrührender Roman entstand. Seine umfänglichen Recherchen dazu hat er übrigens in "Das Dunkle und das Kalte: Reportagen aus den Tiefen Niederösterreichs" veröffentlicht.

Die Romanfiguren sind die Zeitzeugen. Wir lesen Revierinspektor Winklers formal korrekt – unter Angabe des "Nationalen" (S. 210) – erfasste Zeugenaussagen ebenso wie Tagebucheintragungen eines Dreizehnjährigen und eines 60-jährigen Handelsvertreters; Kursivdruck betont die Authentizität. Den vielen unbekannten Juden gibt Wieninger Namen und Identität. Wir begleiten den 55-jährigen Mediziner Dr. Henrik Weisz auf einem Stück seines Leidensweges. Präzise Kalenderdaten und Ortsangaben dokumentieren den Wahrheitsgehalt des Erzählten bzw. Berichteten. Wieninger gestaltet auch die Sprache der Zeit entsprechend: bei Bedarf umständlich-hölzernes, distanzierendes Amtsdeutsch, Erzählpassagen und Dialoge in einem steifen, leicht altmodisch anmutenden Vokabular, reich durchsetzt mit niederösterreichischem Dialekt: "San a nur so Tschuschen, nur halt piefkinesische ..." (S. 38). So ähnelt Wieningers Kriminalroman ein wenig einem Dokudrama, der ausgestalteten Rekonstruktion eines geschichtlichen Geschehens.

Seit bald sieben Jahrzehnten mindestens ist bekannt, wie die Juden im Dritten Reich geschunden und schließlich systematisch vernichtet wurden. Doch Wieninger konfrontiert uns mit ihren konkret erzählten Lebensbedingungen, mit tatsächlichen individuellen kaltblütigen Mordtaten, dazu mit menschenverachtenden Sprüchen aus dem kontemporären Alltag. Diese Mischung habe ich so noch nicht angetroffen, und sie bereitet mir erneut Angst vor meiner eigenen Spezies.

Besonders eine Textseite (S. 145) hat mich so berührt, dass ich mich von dem beschriebenen Bild (der Berge verstümmelter Leichen) abwenden möchte – und doch weiterlesen muss: Denn auf eine poetische Weise, die bis in die tiefste Seele schmerzt, wird erzählt, wie viele der Namenlosen dem Fotografen Markus ihre Namen zuhauchen, "nicht lauter als ein Windhauch, der nicht einmal einen Grashalm zu bewegen vermag. Eva, Judith und Rosa Singer – der Kopf eines Gänseblümchens, der zur Nacht nach unten kippt und gegen seinen Stängel schlägt ... Ihre Schreie bleiben unhörbar für die Lebenden."


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