Rezension zu »Das späte Geständnis des Tristan Sadler« von John Boyne

Das späte Geständnis des Tristan Sadler

von


Belletristik · Arche · · Gebunden · 333 S. · ISBN 9783716026649
Sprache: de · Herkunft: ie

Zweierlei Feigheit

Rezension vom 07.04.2012 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Nach dem Rausschmiss aus dem elterlichen Haus mehr als ein Jahr zuvor ist dies Tristan Sadlers letzter Versuch, sich mit seiner Familie zu versöhnen. Vielleicht wird es kein Wiedersehen mehr geben, denn Tristan wird noch am Nachmittag zu seinem Ausbildungslager Aldershot zurückkehren. Wenn er dann mit seiner Kompanie an die Front ausrückt, erwartet ihn in den Schützengräben auf französischem Boden das wahre Grauen.

Bis zu seiner Verstoßung war Tristan, der einzige Sohn, in der Metzgerei Sadler & Son als würdiger Nachfolger fest eingeplant, doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Der Vater hat ihn endgültig aus der Familie ausgeschlossen und gibt ihm seinen aufrichtigen Herzenwunsch mit auf den Weg: "Die Wahrheit ist, Tristan, dass es das Beste wäre, wenn dich die Deutschen gleich erwischten." (S. 42)

Was hat der junge Mann bloß angestellt? Schon der Titel stellt klar, dass Tristan über sehr lange Zeit ein Geheimnis hüten wird, und spätestens nach der kaltherzigen Verabschiedung durch den Vater wird der Leser sich auf die Suche machen nach Hinweisen, die auf ein Vergehen welcher Art auch immer hindeuten.

Schon als Tristan siebzehn Jahre alt ist, will er sich, wie viele Männer im Europa unmittelbar vor und nach Ausbruch des 1. Weltkriegs, freiwillig für den Dienst an der Waffe melden. Doch dafür ist er noch ein Jahr zu jung. Also täuscht er vor, er sei schon achtzehn.

Im Ausbildungslager lernt er einen außergewöhnlichen jungen Mann kennen: Anders als die anderen, hält sich Will Bancroft, 19 Jahre alt, gern zurück und lässt sich nicht von der Hochstimmung und den Kriegsgesprächen der anderen anstecken.

Unruhe bringt Arthur Wolf in die Gruppe. Lautstark verkündet er seine abfällige Meinung über Soldaten und den Krieg. Er hat einen Antrag als Kriegsdienstverweigerer gestellt. Obwohl das Tribunal seinem Antrag stattgibt, wird Wolf Aldershot nicht lebend verlassen.

Will erkennt immer deutlicher, dass niemand das Heer verlassen, dass niemand der einmal in Bewegung geratenen Tötungsmaschinerie entrinnen kann. Mit dieser Einsicht geht seine innere Verwandlung einher, deren Richtung er im Briefwechsel mit seiner Schwester Marian auslotet: Was berichten die Zeitungen über diesen Krieg? Gibt es eine Bewegung, die sich für Menschenrechte einsetzt? Gibt es Gruppen, die sich gegen den Krieg zusammenschließen?

Fühlte sich Tristan in Aldershot seinem Kameraden Will noch eng verbunden, so verliert er ihn nun mehr und mehr; die beiden jungen Männer entfernen sich voneinander, und in einer eminent entscheidenden Situation steht Tristan nicht auf Wills Seite ... Will fällt im Krieg.

Orts- und Zeitwechsel: Neun Monate nach Kriegsende trifft sich Tristan mit Wills Schwester in deren Heimatstadt Norwich. Er hat alle Briefe, die sie ihrem Bruder während des Krieges sandte, mitgebracht, um sie ihr zu übergeben. Nicht wissend, was Will und Marian sich gegenseitig geschrieben haben, berichtet Tristan ihr, Will sei der tapferste und mutigste Kämpfer überhaupt gewesen, und das sei doch eine gute, erhebende Botschaft, die er auch den Eltern Bancroft überbringen könne.

Dass er selbst große Schuld auf sich geladen hat, will Tristan Marian gegenüber jetzt noch nicht gestehen. Dazu müssen volle sechzig Jahre verstreichen, in denen Tristan sich zu einem gefeierten Autor entwickelt. Als er 1979 in London einen Preis verliehen bekommt, begegnet er Marian, die in der Lounge seines Hotels auf ihn gewartet hat, erneut – und zum letzten Mal. Dabei kommt es zu dem titelgebenden Bekenntnis ...

John Boynes Roman "Das späte Geständnis des Tristan Sadler" (den Werner Löcher-Lawrence übersetzt hat) ist zunächst einmal ein Anti-Kriegsroman. Der Autor schont uns nicht, wenn er schildert, wie zum Teil noch Halbwüchsige zu blindem Gehorsam gedrillt werden; wie Sergeanten, schier dem Wahnsinn verfallen, die ihnen Unterstellten und Anvertrauten dem Feind zum freien Abschuss präsentieren; wie Schützengräben eilends ausgehoben, mit Sandsäcken und Stacheldraht bestückt werden, um dann zum Lebensraum völlig verängstigter, hungernder, frierender junger Soldaten zu werden.

Über diesen zeitbedingten Vordergrund hinaus wirft Boyne grundsätzliche Fragen auf – sie drängen sich aus dem Handlungsverlauf heraus auf, aus dem Blick auf die Verhaltensweise der Protagonisten. Einerseits betreffen sie die öffentliche Moral, die in der Gesellschaft geltenden sittlichen Regeln hinsichtlich Bindungen in der Familie, in der Liebe und in der Freundschaft – und den Verstoß dagegen. Andererseits begegnen uns individuelle Schuld, Feigheit, Verlogenheit ebenso wie Prinzipientreue, standhafter Mut, Pflichterfüllung bis zum Irrsinn.

Der englische Originaltitel lautet "The Absolutist". Das englische Wort bezeichnet (in diesem selten verwendeten Sinne, der auch dem Ich-Erzähler erst erklärt werden muss) einen radikalen Kriegsdienstverweigerer, der zu keinerlei Tätigkeit bereit ist, die eine kriegerische Auseinandersetzung befördern könnte. Auch die Pflege von Verwundeten im Lazarett lehnt er ab.
Mit dieser Titelwahl rückt der Autor den kompromisslosen Will Bancroft in den Mittelpunkt. Der "absolute" Kriegsgegner vertritt eine Position, die zu seiner Zeit inakzeptabel war – "Feigheit in ihrer extremsten Form" (S. 283) – und die Todesstrafe verdiente; der standhafte Will muss sterben.
Der deutsche Titel richtet uns dagegen auf Tristan Sadler aus, den späten Bekenner eigener Schuld. Er überlebt, und das in vollem Bewusstsein seiner Verlogenheit. Seine Schande, so hatte er es sich gedacht, sollte erst nach seinem Tode bekannt werden. Von Marian muss er sich sagen lassen: "Sie sind wirklich ein Feigling, Tristan [...] Bis zum Ende" (S. 332).
Zwei kontrastierende Begriffe von Feigheit also, und die Titel akzentuieren sie unterschiedlich ...

John Boyne wurde 1971 in Dublin geboren und hat bisher neun Romane verfasst, darunter "Der Junge im gestreiften Pyjama" (3596806836). Er wurde mit zahlreichen internationalen Buchpreisen ausgezeichnet und u.a. für den British Book Award nominiert.


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