Rezension zu »Ein Mann von Welt« von Antoine Wilson

Ein Mann von Welt

von


Belletristik · Insel · · Gebunden · 324 S. · ISBN 9783458175643
Sprache: de · Herkunft: us

Amateur-Philosophen

Rezension vom 25.06.2013 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Oppen Porter, unser Ich-Erzähler, lebte mit seinem Vater George auf einem »Fleckchen Wildnis« am Orts­rand von Madera, einer kleingeistigen ka­li­for­ni­schen Kleinstadt, bis George starb. Da war Oppen 27 Jahre alt, hatte keine Schule besucht, weder richtig lesen noch schreiben gelernt, half, wo er konnte, auch ohne Bezahlung, und fügte sich in sein Schicksal des Dorftrottels, denn einer muss es ja machen.

Zu letzterer Rolle gehört das tägliche Demütigungsritual des »feigen Huhns«. Oppen (allein, auf seinem Fahrrad) reitet den Alvarez-Brüdern entgegen (zu zweit, im pickup) – wer weicht als erster? Die ewigen Sieger deklarieren diese showdown-Farce als Spiel, der ewige Verlierer landet im staubigen Graben: »das feige Huhn war immer ich«.

Trotz der widrigen Basisbedingungen hinterlässt Vater George seinem Sohn die Leitidee, man müsse sich zu einem »Mann von Welt« entwickeln, ein Ideal, das Oppens Denken ebenso wie seine Beurteilung ande­rer Menschen bestimmt; die vielschichtige Phrase durchzieht den ganzen Roman.

Desweiteren hinterlässt George seinen letzten Willen, nämlich auf dem »Fleckchen Wildnis« neben seinen Hunden zur Ruhe gebettet zu werden. Das gestaltet sich freilich schwierig und bringt den Sohn in Konflikt mit den einschlägigen Gesetzen. (Am Ende bedarf es dreier Beerdigungen, bis der Vater seinen Frieden findet.)

Nun ist klar, dass Oppen nicht sich selbst überlassen bleiben kann. Gottlob lebt in Panorama City seine kinderlose Tante Liz, die sich des armen vernachlässigten Neffen annehmen wird, und bereits mit der An­reise im Bus beginnt Oppens neues, rasant anderes Leben.

Von Gestalt übergroß, im Outfit kauzig: So besteigt er den Bus, der ihn in die Welt hinaus bringt. Er trägt des Vaters Kordanzug, dessen Nähte aufgetrennt und Säume herausgelassen sind, auf dem Kopf ein »ech­ter Hut«, um den Hals ein Fernglas, dazu ein »elegantes Handgepäckstück«, die alte »Rasier­zeug­tasche« des Vaters. Binnen vier Wochen wird er – in gewissem Sinn – zu einem »Mann von Welt«.

Zunächst lernt er einen kennen. Paul Renfro heißt er. Leute wie Tante Liz durchschauen natürlich gleich, dass er nichts als ein hochstapelnder Kleinkrimineller ist. Aber Oppen ist von simplem Gemüt, für ihn sind alle Menschen gut, und er will Freundschaften schließen. Pauls Weltgewandtheit und seine klugen Sprüche deutet er als Kennzeichen eines »Mannes von Welt«. Am stärksten beeindruckt Oppen freilich, dass ihn hier jemand ernst nimmt, ihm ganz persönlich weltanschauliche Vorträge widmet, als wäre er selbst ein »Mann von Welt«. Paul will sich »Zeit für fortgeschrittenes Denken kaufen«! »Du bist ein Denker, das ge­fällt mir« – so etwas hat noch keiner zu ihm gesagt! »Vom Leben, das keinen inhärenten Sinn hat« – das hat er nicht gewusst. Der Beginn einer asymmetrischen Freundschaft, die krachend zerbrechen wird …

Tante Liz’ ehrenwerte Bemühungen, den merkwürdigen Neffen zu einem anständigen Norm-Amerikaner zu machen, scheitern durchweg: Den schlichten Job im Fastfood-Lokal schmeißt er hin, die Sitzungen beim Psychologen schwänzt er, religiöse Grundbildung und soziale Geborgenheit in der »Leuchtturmgemeinde« des Pastors Scott lässt er fahren (»eine Brutstätte philosophischer und spiritueller Perversität«). Tante Liz, so empfindet Oppen, unterdrückt ihn und will ihn »generell von jeglicher Art von Größe abhalten«.

Stattdessen beschreitet er eigene (eigenwillige) Pfade: Er bringt herrenlose Einkaufswagen in ihre jeweilige Supermarkt-Heimstatt zurück, versteckt den inzwischen polizeilich verfolgten Philosophenfreund Renfro bei sich, und seelentröstende Erfahrungen sammelt er lieber bei der Wahrsagerin Maria, deren geheimnis­voll-magisches Ambiente ihn ebenso fesselt wie die Art und Weise, in der sie seine Hand hält … Und er lernt, »an einem Ort zu sein, wo man sich nicht mit allen anfreunden kann.«

Nach einiger Zeit fliegt das ganze Spiel auf. Enttäuscht, hintergangen worden zu sein, gibt Tante Liz ihre Ambitionen auf. Oppen freut sich, wieder nach Hause zurückkehren zu können, und die gewonnene Unab­hängigkeit von der Tante ist ihm eine weitere Bestätigung, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet, um zum »Mann von Welt« zu werden.

Daheim in Madera bezieht er das Vaterhaus zusammen mit Carmen vom Ort, mit der er kurz vor seiner Abreise seine ersten sexuellen Erfahrungen sammeln konnte und die davon schwanger wurde. Nun fehlt ihm nur noch ein letztes Zeichen seiner Qualifizierung zum »Mann von Welt«: endlich nicht mehr das »feige Huhn« sein … Die krasse Hybris lässt Oppen erst auf die massige Kühlerhaube des Pickups prallen und dann in der Intensivstation des Krankenhauses landen.

Wieviel Zeit bleibt ihm noch bis zum Exitus? Ehe es zu spät ist, kommt ihm eine milde Gabe aus der »Leucht­turm­ge­mein­de« zupass: Deren Pastor hatte dem Leseschwachen eine Hörkassettenversion der Bibel geschenkt, und Oppen führt die Tonträger einem nicht weniger missionarischen Zweck zu: Er be­richtet seinem noch im Fruchtwasser schwimmenden Sohn Juan-George, wie er in nur vier Wochen zu einem »Denker« werden, seine »kohärente eigene Philosophie entwickeln« und damit den Schlüssel finden konnte, um zu einem »Mann von Welt« zu reifen. Zwar wird Juan-George seinen eigenen Weg finden müs­sen, doch sollen ihm die väterlichen Erkenntnisse Starthilfe leisten.

Was wir lesen, ist die Transskription dieser Botschaft auf Kassetten. Und wir fragen uns beim Hö­ren/Lesen: Was ist dieser Oppen Porter bloß? Philosoph, Schelm, Kaspar Hauser, liebenswürdiger Riese, Parzival, der tumbe tor, Forrest Gump, Simplicius oder Dorfdepp?

Naja, wir wollen die Messlatte trotz der literarischen Anspielungen, die einem bei der Lektüre durch den Kopf gehen mögen, nicht zu hoch hängen. Weder bringt Oppen den Mitmenschen Heilung noch hält er ihnen (oder uns) den Spiegel vor; zur Parabelfigur fehlt ihm die Statur; er gelangt nicht zu höheren Weihen oder auch nur zu echten Erkenntnissen; sein Reifegrad bleibt bescheiden. Er schlägt sich im Grunde ähn­lich unbedarft durch wie »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand«, und dabei unterhält er uns ebenso gut wie jener.

Antoine Wilsons Roman »Ein Mann von Welt« (»Panorama City« Antoine Wilson: »Panorama City« bei Amazon, von Wilhelm Werthern über­setzt) rührt auf ganz besondere, warm- und offenher­zige Weise. Oppen, im Grunde eine tragische Figur, wird immer jemanden brauchen, der ihn ein wenig unter seine Fittiche nimmt – sei es die Tante Liz der Lebenshilfe oder seine Carmen der Mutterschaft. Oppens absurde Lebensweisheiten verblüffen, und immer wieder ist man perplex ob einer Logik, die man von einem eindimensionalen Dummkopf nicht erwarten kann. So vieles davon reizt zum Lachen, wenn nicht unter der Schale manches zum Weinen wäre: »Das ist der Lauf der Welt, wer zuletzt lacht, muss vor­her das Gelächter der anderen aushalten.«

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Sommer 2013 auf­genommen.


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