Rezension zu »Auf der Suche nach Italien« von David Gilmour

Auf der Suche nach Italien

von


Sachbuch · Klett-Cotta · · 464 S. · ISBN 9783608947700
Sprache: de · Herkunft: gb · Region: Italien

Italia – zur Einheit geboren, getragen, gezwungen?

Rezension vom 26.06.2013 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Gott hat den Italienern »das am klarsten umrissene Vaterland Europas ge­ge­ben«, begrenzt durch die Alpen und das Meer, glaubte Giuseppe Mazzini, einer der Wegbereiter des ri­sor­gi­mento, des »Wiedererstehens« der italie­ni­schen Nationalstaatlichkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und ist das Land nicht weiter ge­segnet durch seine privilegierte geo­gra­phi­sche Lage mitten im Mittelmeer?

Als Italien im Jahr 2011 den 150. Geburtstag der Nation feierte, veröffentlichte David Gilmour, einer der be­deutendsten britischen Autoren historischer und biografischer Werke, sein großartiges Buch »The Pur­suit of Italy: A History of a Land, Its Regions, and Their Peoples« David Gilmour: »The Pursuit of Italy: A History of a Land, Its Regions, and Their Peoples« bei Amazon , das nun in der rundum ge­lun­ge­nen Übersetzung von Sonja Schuhmacher und Rita Seuß bei Klett-Cotta erschienen ist (vollständiger Titel: »Auf der Suche nach Italien: Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart«)..

Doch Gilmour mag nicht einstimmen in den Chor der offiziellen Jubelfeiern, noch ist sein Buch ein weite­rer Beitrag zur traditionellen Geschichtsschreibung, die, begleitet von zigtausend Straßennamen, Statuen und Gedenktafeln im ganzen Land, die selbstlosen Großtaten der Heroen der Einheit verherrlicht: Giusep­pe Garibaldi, Camillo Cavour, Giuseppe Mazzini, Giuseppe Verdi, Vittorio Emanuele II …

Der Autor konstatiert vielmehr, dass ein italienisches Nationalgefühl sich selbst nach eineinhalb Jahrhun­der­ten noch nicht herausgebildet habe. Damit trifft er einen Wesenskern der Italiener, die sich vielfach schwer damit tun, die Politik und Gesetze einer zentralen Staatsregierung zu respektieren, während die meisten gleichzeitig glühende Liebhaber ihrer jeweiligen Region und stolze Lobredner ihres Städtchens sind, dessen vino und formaggio selbstverständlich die besten des Landes sind (campanilismo). In der Tat finden wir die charakteristischen Stärken des Landes in der Vielfalt seiner Regionen. In ihrer Eigenschaft als »Italiener« aber lassen sich seine Bürger allenfalls begeistern, wenn Gli Azzurri (die Mannen der Fuß­ballnationalmannschaft) in die Arena stürmen.

Im Zuge von Gilmours Darstellung erkennen wir, dass es ein nationales Bewusstsein der italianità wohl nie gegeben hat, wie oft sie im Laufe der Jahrhunderte auch beschworen sein mochte (nicht zuletzt im Be­griff des risorgimento). Wo es reklamiert wurde, steckten zumeist ganz andere Interessen dahinter.

In seiner »chronologischen Skizze«, wie der Autor bescheiden formuliert, verfolgt er einen ebenso faszinie­renden wie plausiblen Ansatz: »Herkömmliche Darstellungen der italienischen Geschichte waren aus einer zentralistischen Perspektive geschrieben, als wäre die Einigung Italiens unausweichlich gewesen. Mich da­gegen interessierten die zentrifugalen Tendenzen der Halbinsel.« Seine »Geschichte der Zerrissenheit Itali­ens« kommt zu ungewohnten, aber stimmigen und überzeugend belegten Interpretationen wichtiger histori­scher Ereignisse, insbesondere des risorgimento, das er als geschickten Expansionscoup nachweist. Cavour und das Königreich Piemont seien keineswegs gebeten worden, den Ehrenvorsitz über die neue italienische Nation zu übernehmen, nachdem die Regionen sich freiwillig und begeistert vereinigt hätten, sondern der Graf und sein Monarch hätten ihre machtpolitischen Interessen einschließlich der kon­ser­va­ti­ven piemonte­sischen Rechts- und Wirtschaftsordnung bis hinunter nach Sizilien durchgesetzt und dadurch die vielfach überlegenen, aufgeklärteren, in jedem Fall aber den Gegebenheiten viel besser angepassten Systeme der süditalienischen Regionen verdrängt. Die Folge waren Wettbewerbsnachteile und ein Nie­der­gang, unter dem Süditalien bis heute leidet.

Wenn Italien also nicht gegen seine Natur geeint worden wäre, hätte es womöglich eine Staatlichkeit ge­funden, die seiner Vielfalt entspricht. Dann, so stellt sich Gilmour vor, »wäre [im heutigen Europa] sicher auch Platz für eine blühende Toskana, die im 18. Jahrhundert der vielleicht zivilisierteste Staat Europas war«, oder für »ein prosperierendes Venedig« (dem Gilmour ein besonders engagiertes Kapitel voller Be­wunderung für seine Staatsform und Regierungsgeschicke widmet). Selbst einem eigenstaatlichen Süden mag man in diesem Denkmodell eine Chance einräumen. In jedem Fall aber hätte ein föderales Konzept der weiteren Entwicklung aller Landesteile besser getan als der Zentralismus, den die Gründerväter damals aus durchsichtigen Motiven vorantrieben.

Im Sinne seiner Kernthese stellt Gilmour seinem Durchgang durch 2500 Jahre italienischer (und europäi­scher) Geschichte ein Kapitel »Vielgestaltiges Italien« voran, welches auch guten Kennern des Landes Überraschendes zu Geographie sowie ethnischer und sprachlicher Entwicklung bieten wird – ein frappie­rendes Feuerwerk an Fakten vom Holzverbrauch im Mittelalter bis zur Ernährungsweise heutiger Italiener (mehr Fleisch/weniger Fisch als der Durchschnittseuropäer – hätten Sie’s gedacht?), dem Vergleich der In­selländer England und Sizilien, der Gebirgszüge Alpen und Apennin … Am Ende ist klar: Schon die geo­physischen Besonderheiten des »Stiefels« können gar kein Nationalbewusstsein aufkommen lassen, be­hin­dern das Entstehen eines Nationalstaats, bergen eine Fülle von Handicaps für wirtschaftliches Ge­dei­hen.

Die Hauptteile sind gemischt chronologisch und nach Großthemen strukturiert: »Imperiales Italien« über das römische Reich (das Kohärenz schafft, aber nicht nationalistische Züge entwickelt) und die nachfol­genden Herrscher aus Byzanz und Deutschland (deren räumliche Abwesenheit später die Autonomie der aufstrebenden bürgerlichen Städte fördert) – »Die Macht der Städte« (die mit vordemokratischen Regie­rungsformen groß werden, ehe sie an deren Schwächen und an denen der Herrschenden untergehen) – Jahrhunderte der Fremdherrschaften – die Revolutionen und der Weg zur Einheit. Für ein Zwischenkapitel wechselt der Fokus zur Betrachtung einzelner Personen: Römer, Feldherren, Politiker, Revolutionäre. Den Abschluss bilden die Kapitel über die Jahrzehnte des Faschismus, die Phase des Kalten Krieges und schließ­lich das moderne Italien.

Dies ist also in erster Linie ein solides Geschichtsbuch. Doch es ist auch ein Lesebuch, will heißen: eine exzellent formulierte (und durchweg überzeugend übersetzte) Erzählung, voller lebendiger Episoden (»das Buch eines Zuhörers«), anschaulicher Beschreibungen, faszinierender Gedankengänge, die zu genießen ein intellektuelles und ästhetisches Vergnügen ist.

Was dieses Buch nicht ist: ein Sehnsuchtsbuch (wie das Cover der deutschen Ausgabe es vielleicht sugge­riert; das Original zeigt viel passender eine jubelnde Volksmenge auf der piazza vor einem palazzo); ein Reisebuch; ein Kunst- und Kulturführer; ein »Porträt« der Italiener (wie etwa Beppe Severgninis »Über­leben in Italien – ohne verheiratet, überfahren oder verhaftet zu werden« Beppe Severgnini: »Überleben in Italien – ohne verheiratet, überfahren oder verhaftet zu wer­den« bei Amazon , original »La testa degli Italiani« Beppe Severgnini: »La testa degli Italiani« bei Amazon ). Gilmours Buch liefert vielmehr – um im Bild von Severgninis Originaltitel zu bleiben – den historischen Unterbau von zwei Jahrtausenden, in denen jener »Kopf der Italiener« sein In­nen­leben entwickeln konnte.

Sir David Gilmour (Jahrgang 1952) ist seit Jahrzehnten als Journalist auf Reisen, hat in sämtlichen Regio­nen Italiens ebenso wie in Spanien und Palästina gelebt. Sein beeindruckendes Wissen hat er nicht nur akademischen Studien zu verdanken, sondern auch aus Gesprächen mit ungezählten bedeutenden Per­sön­lich­kei­ten gewonnen. Dementsprechend geweitet ist sein Horizont, und sein Buch ist von tiefstem Ver­ständ­nis für die Menschen und ihr Wesen durchdrungen.

Vor allem im Einleitungsteil schimmert seine persönliche Zuneigung durch, und des Öfteren spielt er mit den Träumen, die wir Nordlichter nur zu gerne hegen: »unter einer Pergola in der Toskana die Glühwürm­chen zu beobachten, Chianti zu trinken und Olivenöl aus Lucca über ihren Rukolasalat zu träufeln … Gutes im Überfluss …: funghi porcini und bistecca fiorentina, Feigen, Hülsenfrüchte und gegrilltes Gemüse …«

Neben dem Mythos von der italienischen Nation und manch liebgewordener Idylle räumt Gilmour mit wei­te­ren etablierten Vereinfachungen auf – über Stauferkaiser Friedrich II. und seine Fähigkeiten (»auf­ge­bauscht«), Macchiavelli (ein »waschechter Republikaner«), Vasari (»armseliger Maler und pedanti­scher Architekt«), Napoleon Bonaparte (»stürzte das Land ins Chaos«), Venedigs grausame Tyrannenherr­schaft (reine ausländische Propaganda, z.B. Napoleons), die Expedition des »Zuges der Tausend« (»ein Akt der Piraterie«). Dass die Bevölkerung stets einen abgrundtiefen Hass gegen die ausländischen Besat­zer­mäch­te (v.a. Österreich) gehabt habe, entlarvt Gilmour als Mär; sie sei im Gegenteil oft so gut regiert worden, dass sie gar keinen Grund sah, einen Herrscherwechsel herbeizuführen oder auch nur zu wün­schen. Des­halb fanden die glorifizierten »Revolutionäre« (wie Mazzini, Garibaldi u.a.) kaum Rückhalt bei ihnen. Und auch dafür, dass Verdis erste »Risorgimento-Opern« (»Nabucco«, »I Lombardi …«, »Attila« – alles höchst unzeitgemäße Sujets) das italienische Publikum mit Gefühlen nationaler Erhebung geflutet und von den Stühlen gerissen hätten, kann Gilmour keine Belege finden.

Die Klett-Cotta-Ausgabe bietet acht Seiten mit 39 Abbildungen im Inneren, 24 Seiten Anmerkungen und Bibliographie, 3 Karten des politischen Zustands des Landes (um 1490, nach 1815, heute) und 20 Seiten Register. All das deckt den Bedarf an Wissenschaftlichkeit; für den Wunsch nach unterhaltsamer und in­formativer Anschaulichkeit hätte ich mir allerdings viel mehr Bilder und Skizzen gewünscht.


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