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Rezension zu »Die sieben Leben des Arthur Bowman« von Antonin Varenne

Die sieben Leben des Arthur Bowman

von


Abenteuerroman · Bertelsmann · · Gebunden · 560 S. · ISBN 9783570102350
Sprache: de · Herkunft: fr

Tödlicher Countdown

Rezension vom 03.12.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Sergeant Arthur Bow­man ist ein knallharter Kämp­fer, der vor keinem Abenteuer zu­rück­schreckt. Schon mit sech­zehn trat er 1840 in die Dienste der ehrwür­digen British East India Com­pany, der 1600 be­gründe­ten »mächtigsten Han­delsge­sell­schaft des Uni­versums« mit Sitz in London. Eine eigene Ar­mee von drei­hundert­tau­send Mann sichert ihre welt­weiten Ge­schäftsakti­vi­täten mit einem Fünf­tel der Welt­bevöl­ke­rung. Bei Ein­sät­zen in Afrika und Asien hat er sich einen ver­läss­lichen Na­men ge­macht: dis­zi­pliniert, tap­fer, scho­nungslos zu sich und an­deren, durch­setzungs­stark und anpas­sungsfä­hig. Deswegen wird er jetzt, mit 28 Jah­ren, für eine Ge­heimmis­sion aus­ge­wählt.

Eine Flotte von siebzehn Schif­fen se­gelt kurz vor der Monsun­zeit auf dem Irrawaddy, dem rie­sigen Strom im Kö­nig­reich Ava (heute Myanmar). In Major Ca­ven­dishs Ka­bine er­hält Bow­man nä­here Instruk­tionen und weiß gleich, als er auf die ausge­breite­ten Karten blickt, dass man ihn auf ein Himmel­fahrts­kommando schickt. Zehn Män­ner sei­ner freien Wahl sollen ihn be­glei­ten. Sein Trupp be­steht aus Drauf­gän­gern, Ver­ur­teil­ten und Gefan­ge­nen, die Dizi­pli­nar­verfahren oder To­des­urteile er­warten und ihr Leben oh­nehin schon ver­spielt haben, und nie­mand rechnet da­mit, dass sie und Bowman von dieser heiklen Mis­sion je­mals zu­rückkeh­ren werden.

Ehe die Son­der­ein­heit auf eine kleine Dschunke wechselt, um ihren Auftrag ganz auf sich ge­stellt wei­terzu­ver­folgen, müs­sen alle Männer ihre per­sönliche Habe an Bord zu­rücklassen, so­gar ihre Uni­for­men gegen Klei­dung der Einheimi­schen tau­schen. Das gilt auch für ihren Anfüh­rer Bowman. Ihm ist ein Pulver­horn besonders wichtig, das er sich als Beloh­nung nach dem Sieg über Pun­jab auf eigene Kos­ten in Bom­bay an­ferti­gen ließ. Es ist eine feine Arbeit aus Silber und Perl­mutt, im Inne­ren mit Kautschuk überzogen und da­her wasser­dicht. Vertrau­ens­voll bittet er den Kapitän der »Sea Runner«, das gute Stück im See­sack sorg­sam für ihn zu ver­wahren.

Die Mission, das ist auch uns Le­sern klar, wird kein Zu­cker­schlecken. Wie zur Ein­stim­mung müssen Bow­man und seine Männer von ihrer zu­rück­ge­lasse­nen Dschunke aus tatenlos zu­se­hen, wie die Solda­ten der »Sea Run­ner« die Bucht und ein ganzes Fischer­dorf mit seinen sämtli­chen Bewoh­nern mitleidlos ab­fa­ckeln.

Dann sollen im Na­vigie­ren an­geblich beson­ders ge­schickte Chinesen das kleine Boot über die Mä­ander des unwegsamen Irra­waddy len­ken. Doch schon wenig später steckt es mitten im tiefsten Dschungel fest. Die Wasser­mas­sen der ein­set­zenden Mon­sun­stürme dro­hen das ma­növrier­unfä­hige Gefährt zu zer­stören, feindli­chen An­griffen ist man wehrlos ausge­lie­fert.

Bowmans schlimms­te Be­fürchtun­gen nehmen Gestalt an. Der Auftrag, ein Schiff zu ka­pern, um seine Waf­fenladung an die Min zu verkau­fen, kann sie leicht alle ihr Leben kos­ten. Ange­sichts der drohenden äu­ßers­ten Gefahr sta­tuiert der Komman­deur ein grauenvolles Exempel, um seinen Män­nern einzu­schärfen, wem sie aus­schließlich zu folgen haben. Er wolle überle­ben!

Die entschei­dende Schlacht ge­winnen, wie befürchtet, die Min durch hefti­gen Kano­nen­be­schuss. Bow­man verliert ei­nen seiner Män­ner, alle an­deren werden gefan­genge­nommen und in die Tie­fen des dunklen, hei­ßen Dschun­gels ver­schleppt, wo sie schlimms­te Fol­ter er­wartet. Nach ei­nem Jahr erreichen Abge­sandte der bri­ti­schen Kom­panie in Verhandlun­gen mit Kö­nig Mindon Min von Birma ihre Freilassung. Schwer ge­zeich­net mit tie­fen seeli­schen und äußeren Narben keh­ren Bowman und seine ver­blie­benen Män­ner 1853 nach London zu­rück.

Sechs Jahre später ist Bow­man nur noch ein Schatten sei­ner selbst, ein dahin­vegetie­render, ge­schun­dener Kör­per. Ein Job als Schutzmann bei der »Themse­bri­gade« – eine Art Gnaden­brot für Ve­tera­nen, die in den Kolo­nien ge­dient hatten – be­wahrt ihn da­vor, betteln zu müssen. Nacht für Nacht su­chen ihn Alb­träume heim. Dann schaut er in die ver­zwei­felten, schmerzver­zerrten Ge­sich­ter von Män­nern, denen man die Zähne aus­geschla­gen und noch Schlimme­res angetan hatte, die, um überle­ben zu dür­fen, ihre ei­ge­nen Ka­me­ra­den ver­stüm­meln mussten. Klapperdürre Ge­stalten, wie Vieh in Käfigen ge­halten, schreien Tag und Nacht vor Schmer­zen. Bow­man sucht den Horror in Alko­hol und Opium zu er­trän­ken.

Mit dem über­durch­schnittlich heißen Sommer 1859 wan­delt sich das fernöst­lich-exoti­sche Abenteuer aus der Ko­lonialge­schichte in einen Krimi. In einem Kanal wird eine Leiche gefun­den, die eben sol­che Narben aufweist, wie Bowmans Kör­per sie trägt. An ei­ner Wand hat der Mörder eine Bot­schaft hinter­lassen: »Überleben«. Der Tatver­dacht fällt auf Bow­man. Der hatte erst kürzlich Aufse­hen er­regt, als er ei­nen Vor­ar­beiter er­bar­mungslos zu­sammenschlug und man sein Opfer später mit durch­trennter Kehle und abge­schnit­tenen Fin­gern fand ...

Damit holt Bow­man seine Ver­gangenheit ein. Kein Zweifel: Ei­ner der ande­ren neun Über­leben­den muss die blutige Tat begangen haben. Um seine eigene Unschuld zu bewei­sen, muss er den Täter un­ter ihnen fin­den. Seine Odys­see von Kandidat zu Kandidat – ent­lang einer Blut­spur wei­terer Ri­tualmorde – wird ihn und uns wieder in die Ferne führen, diesmal nach Westen.

Antonin Varennes Roman »Trois mille chevaux vapeur« Antonin Va­renne: »Trois mille chevaux vapeur« bei Amazon (Anne Spielmann hat ihn aus dem Franzö­si­schen über­setzt) ist ein echter Schmö­ker. Die gut 550 Seiten sind zü­gig gele­sen, denn sie sind lite­ra­risch leichte Kost, der Sprachstil ist schlicht und fak­tisch, und auch der Plot ist nicht kom­pliziert: Wie beim Kinder­reim von den »zehn klei­nen Ne­ger­lein« spürt der vom Schick­sal hart herange­nommene Prota­gonist einen nach dem ande­ren seiner ehe­maligen Mitstreiter auf (die ge­nau wie er ihr Le­ben nicht mehr in den Griff be­kom­men ha­ben, von Halluzina­tionen heim­ge­sucht wer­den, irrsinnig wur­den), bis es am Ende heißt: »Da wa­ren's nur noch zwei« ...

Ebenso gut wie die spannende Hand­lung gefiel mir, wie der Au­tor den histo­ri­schen Hin­ter­grund ge­staltet. Er belässt es nicht bei ober­flächli­chen De­tails zum Alltag in Asien, Groß­britan­nien und später Ame­rika, sondern lässt die po­litischen, wirtschaft­li­chen und so­zialen Pro­bleme der Zeit erken­nen. Den ganzen Ro­man durch­zieht ein kri­ti­scher Un­terton, der die ungezü­gelte Aus­beu­tung von Län­dern und Men­schen an­pran­gert.

Schließlich ging es zur Hochzeit der Kolonialisie­rung schon lange nicht mehr bloß um den Aus­bau freund­li­cher Han­delsbezie­hun­gen mit fremden Län­dern, sondern um eine mit al­len Mitteln aus­gefoch­tene Ri­vali­tät zwi­schen den euro­päi­schen Groß­mäch­ten um die Aneignung wertvoller Res­sour­cen, die Si­che­rung lukra­ti­ver Absatz­märkte und die Vor­machtstel­lung auf den Ozeanen. In die­sem grö­ßeren Kon­text stand die geheime Mission, für die Bowman und seine Leute ihre Seele gaben.

Besonders des­illu­sionie­rend fällt das Bild aus, das Va­renne von Amerika zeichnet. Mitte des 19. Jahrhun­derts über­schwemmt ein Exodus aus Eu­ropa die »Neue Welt«, auf der Flucht vor Ar­mut, Krankheit und Unfrei­heit, auf der Suche nach ei­nem Stück fruchtba­ren Landes für je­dermann, nach dem kaliforni­schen Gold und den »unbe­grenz­ten Mög­lich­keiten«. Doch die Ver­hei­ßun­gen er­füllen sich sel­ten. Die ameri­ka­ni­sche Re­gie­rung zieht be­reits die Not­bremse, um die Zu­wanderung zu beschrän­ken. Auch in der neuen Heimat er­weisen sich die Lebens­be­dingungen als harter Über­lebens­kampf. Kaum in New York von Bord gegangen, ge­rät Bow­man gleich in eine Ausein­an­dersetzung zwischen strei­kenden Textil­ar­bei­terinnen und Solda­ten. Die meis­ten Men­schen, denen er be­geg­net, wäh­rend er mit der Postkut­sche bis nach Texas reist, haben ihre Hoff­nungen auf eine bes­sere Zukunft be­graben, denn die Goldminen sind leerge­schürft, das beste Land ist längst verkauft.

Welches Ende die­ser Roman nimmt und wie auch Bow­man selber auf sei­nen lan­gen Reisen eine innere Wand­lung durchläuft, das sei hier nicht verra­ten. Jeden­falls ist die Ge­schichte die­ses Sol­daten, Abenteu­rers und Wes­ternhelden, der wie ein Pit­bull erst zur Ruhe kommen kann, wenn er sei­nen gnaden­losen Wi­der­sacher gefasst hat, eine zwar düste­re, aber bes­tens un­ter­haltende Lektüre für dunkle Herbst- und Win­tertage.


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