Rezension zu »Lady Africa« von Paula McLain

Lady Africa

von


Belletristik · Aufbau · · Gebunden · 464 S. · ISBN 9783351036195
Sprache: de · Herkunft: us

Eine Überfliegerin

Rezension vom 03.12.2015 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Charles Lindbergh kennt jeder. Im Mai 1927 gelang ihm ein Dop­pel­coup: der erste Non­stop-Flug von New York nach Paris, und das auch noch im Allein­gang. Im Sep­tem­ber 1936 schaffte Beryl Mark­ham Ver­gleich­bares in der Ge­gen­rich­tung: den ersten Non­stop-Flug von Eng­land nach Nord­ame­rika und den ers­ten Allein­flug einer Frau über den Atlan­tik von Ost nach West. Zu je­ner Zeit wa­ren aller­dings schon so viele Pilo­ten auf der nörd­lichen und süd­li­chen Atlan­tik-Route unter­wegs, dass Beryl Mark­hams Wa­ge­mut keine Sen­sa­tion von Dauer war. Sie geriet in Ver­ges­sen­heit.

Auf Grund ganz anderer Qualitäten wurde sie 1982 wieder­ent­deckt. In einem Brief von Ernest He­ming­way an sei­nen Lektor aus den Vier­zi­gern stieß man auf eine Passage, in der er Beryl Mark­hams 1942 ver­öffent­lichte Memoi­ren in be­mer­kens­werten Tö­nen lobt: »Sie schreibt so gut, so er­staun­lich gut, dass es mich als Schrift­steller be­schämt hat ... Sie steckt uns alle lo­cker in die Tasche ... Das ist wirk­lich ein ver­dammt gutes Buch.« Auf diesen Zu­falls­fund hin wurde »West with the Night« Beryl Markham: »West with the Night« bei Amazon 1983 wieder auf­gelegt (die deutsche Aus­gabe »West­wärts mit der Nacht« Beryl Markham: »Westwärts mit der Nacht« bei Amazon ist allen­falls noch anti­quarisch aufzu­trei­ben), ver­kaufte sich viel besser als die Erst­aus­gabe, ver­schaffte der ver­arm­ten Beryl Mark­ham, 81, will­kom­mene Ein­nah­men – und inspi­rierte Paula McLain zu ihrem Ro­man »Circling the Sun« Paula McLain: »Circling the Sun« bei Amazon (Yase­min Dinçer hat ihn über­setzt).

Die Fliegerei spielt darin aller­dings so gut wie keine Rolle. Viel­mehr erzählt diese starke, aben­teuer­lus­tige, un­kon­ventio­nelle Frau aus der Ich-Per­spek­tive die Ge­schich­te ihrer außer­ge­wöhn­li­chen frühen Jahre in Afrika, von ihrer Kind­heit, ihrer Ju­gend und ihren ersten kom­pli­zier­ten Lieb­schaften. Der Roman endet, als Beryl mit 26 Jahren ihre Be­geis­te­rung für die Flie­gerei ent­deckt und be­schließt, als erste Frau über­haupt die B-Li­zenz zu er­wer­ben, um die ein­zige Berufs­pilo­tin in Afrika zu werden.

Beryl Clutter­buck kommt 1902 in Leicestershire zur Welt (im selben Jahr wie Charles Lind­bergh). Bereits 1904 ziehen ihre Eltern Charles und Clara mit ihr und dem äl­teren Bruder Dickie in das Pro­tek­torat Bri­tisch-Ost­afrika. Nachdem die Imperial British East Africa Com­pany das Gebiet des heu­tigen Kenia seit 1888 erkun­det hatte, über­nahm die britische Krone 1895 des­sen Ver­wal­tung und Erschlie­ßung. 1896 be­gann man mit dem Bau einer Eisen­bahn vom Hafen Mom­basa über 900 Kilo­meter zum Vic­toria­see. Etwa auf halber Strecke ent­wickelt sich aus einer Hütten­sied­lung die spätere Haupt­stadt Nairobi. Um die Wirt­schaft voran­zu­treiben, lockte man Siedler mit nied­rigen Boden­prei­sen in den öden, tro­cke­nen Busch.

Charles Clutter­buck ist so ein Pionier. Er inves­tiert sein ganzes Hab und Gut in 600 Hek­tar in Njoro, noch einmal fast 200 Kilo­meter nord­östlich von Nairobi. Seine Vor­stel­lung, ohne land­wirt­schaft­liche Vor­kennt­nisse eine Farm auf­bauen zu können, er­for­dert un­säg­li­che Placke­rei unter primi­tivs­ten Um­ständen. Zwei Jahre spä­ter wirft seine Frau das Hand­tuch und kehrt mit dem kränk­li­chen Dickie nach Eng­land zurück.

Für Beryl ist der Verlust der Mutter die erste prä­gende Er­fah­rung. Dass schmerz­liche Abschiede auch miwanzo (Suaheli für ›Anfänge‹) be­deuten und man etwas Neues be­ginnen kann, durch­zieht Beryls ge­samtes Leben. Sie wird noch oft bei Null an­fangen müs­sen.

Unverdrossen verfolgt Vater Charles sein Konzept weiter. Die ersten Ein­nah­men aus Mais und Wei­zen steckt er in zwei alte Dampf­maschi­nen, baut daraus eine Getreide­mühle, die Tag und Nacht rattert und viel Geld ein­bringt. Damit kann er Ar­beiter an­heu­ern und schließ­lich sei­nen wah­ren Traum verwirk­li­chen, näm­lich Pferde zu züch­ten. Bald stehen in seinen Stal­lun­gen die bes­ten Voll­blüter Afrikas. Beryl, nicht weniger pferde­när­risch, arbei­tet als Stall­bursche mit den Tieren, fiebert den Gebur­ten der jungen Foh­len ent­gegen.

In diesen harten Jahren überlässt Charles seine Tochter weit­gehend sich sel­ber. Als Kind der Wildnis und der Freiheit ver­wil­dert sie selbst. Etwas wie eine Ersatz­fami­lie findet sie im Lehm­hütten­dorf des be­nach­barten Kipsi­gis-Stammes. Dort lernt Lakwet (»sehr klei­nes Mäd­chen«) mit dem gleich­alten Kibii, wie man mit Speer, Pfeil und Bogen um­geht, Natur- und Tier­geräu­sche aus­wertet, War­zen­schweine jagt, Messer­atta­cken ab­wehrt und ein furcht­loser, starker Krieger wird. Von ihren Kämp­fen mit Jungs und wil­den Tie­ren zeu­gen Narben am ganzen Kör­per.

Als Beryl zwölf ist, holt ihr Va­ter eine Haus­häl­te­rin auf die Farm. Mrs Or­chard­son räumt gründ­lich auf. Weg mit dem Dreck, den Spinn­weben und dem Chaos im Haus. Auch das un­zivili­sier­te Kind will die fremde Frau zähmen, seine baren Füße in Schuhe zwän­gen, die wüsten Haare mit einer Schleife bän­di­gen, ein Kleid­chen tragen, damit es als weib­li­che Per­son wahr­ge­nom­men wird, bei Tisch Besteck statt ihrer un­ge­wa­sche­nen Fin­ger be­nut­zen, und ge­spro­chen wird fortan aus­schließ­lich herr­schaft­liches Ox­ford-Eng­lisch. Am schlimms­ten ist freilich, dass sie den Vater dahin bringt, sie für eine »ordent­liche Bil­dung« nach Nairobi zur Schule zu schi­cken. Was er ihr als »wun­der­ba­res Ge­schenk«, »etwas, das du besitzen und für dich selbst be­halten kannst«, schmack­haft macht, lässt das Mädchen rebel­lieren. Nach zwei­ein­halb Jah­ren wird Beryl der Schule ver­wiesen.

Vieles hat sich verän­dert, als Beryl auf die Farm zurück­kehrt. Vater und Mrs Or­chard­son sind ein Paar. Der erste Welt­krieg ist aus­ge­bro­chen. Die Pferde werden für den Mili­tär­dienst ein­ge­zo­gen. Der Farm droht die Pleite. Charles möchte seine Tochter gut versorgt wis­sen. Eine gute Partie in Nairo­bis Ge­sell­schaft muss ein­ge­fädelt wer­den. Das Er­wach­sen­wer­den holt Beryl schnel­ler ein, als sie ver­stehen kann und reif dafür ist.

Die Sieb­zehn­jährige wird mit dem wesentlich älteren Far­mer Jock Purves ver­heira­tet. Er ist reich, aber un­fä­hig und dem Al­kohol mehr zu­ge­tan als seiner jun­gen, attrak­ti­ven Frau. Die versteht noch gar nichts von Liebe und Ehe. Erst später wird sie einen Mann wirk­lich lieben, doch der ge­hört einer anderen. Denys Finch Hatton, adli­ger Aus­stei­ger, In­tel­lektu­eller und Groß­wild­jäger, der Safari­touren für reiche Weiße or­ga­ni­siert, ist der Ge­liebte der Dänin Karen Blixen, die spä­ter unter den Pseudo­nymen Tania Blixen und Isak Dine­sen als Schrift­stellerin Welt­ruhm erlangt. Sie war 1914 ihrem Ehe­mann Bror nach Afrika gefolgt und baut auf ihrer Farm Mba­gathi in den Ngong Hills Kaffee an. Beryl lernt Karen als ver­trauens­volle Freun­din und groß­zügige Gast­geberin schätzen.

»Lady Africa« ist das unter­halt­same Porträt einer äußerst unge­wöhn­lichen Frau. Ihre Vita bietet un­end­lich viel Stoff über ihre frühen Jahre hinaus, denn sie ist ge­prägt von unab­lässi­gen privaten Wech­sel­fäl­len vor dem poli­tischen und sozia­len Hinter­grund des Kolonia­lismus und dem aus­ge­las­senen Treiben einer bunten Clique rei­cher Safari-Touris­ten in der Kron­ko­lonie Kenia. Von früher Ju­gend an setzt sich Beryl Mark­ham immer wie­der gegen alle Widrig­keiten durch, ver­schafft sich An­er­ken­nung als Traine­rin von Renn­pferden, als Dame der feins­ten Ge­sell­schaft, später als Busch­pilotin, die aus der Luft Groß­wild und Herden für die Jagd­partys auf­spürt, dann bis ins hohe Alter als Pferde­züch­terin bei Nai­robi (wo sie 1986 starb). Sie war drei Mal ver­hei­ratet und hatte, so heißt es, Affä­ren mit Safari-VIPs wie dem Herzog von Glou­cester (einem Sohn von König George V.), Denys Finch Hatton und Ernest He­ming­way. Als Schrift­stellerin trat sie nur ein einzi­ges Mal in Er­schei­nung.

Natürlich evo­ziert dieses Buch Erinne­run­gen an Tania Blixens Best­seller »Out of Africa« Tania Blixen: »Out of Africa« bei Amazon von 1937 (»Jenseits von Afrika« Tania Blixen: »Jenseits von Afrika« bei Amazon ) und seine Ver­fil­mung (1985). Afrika und sei­ner wil­den Na­tur­schön­heit ist Beryl Mark­ham ebenso lei­den­schaft­lich ver­fallen wie Karen Blixen. Paula McLains Roman ist aller­dings weniger sen­ti­mental. Da­für be­schreibt die Autorin recht un­ver­blümt die Deka­denz der bri­ti­schen Upper Class, die sich re­gel­mäßig in Nairobis Mu­thaiga-Club trifft, um rau­schende Partys zu fei­ern. Wer zum inners­ten Zirkel gehört, wird zu edlen Jagd­gesell­schaften ge­la­den. Selbst mit­ten in der Wild­nis lässt es die weiße Herren-Klasse an nichts fehlen: Beim Pick­nick servie­ren farbige But­ler Whisky on the rocks mit Eis aus der genera­tor­be­trie­be­nen Eis­maschine, dazu röhrt ein Grammo­phon Jazz in die Nacht. Mit so einem gesell­schaft­lichen Hö­he­punkt endet der Roman im Jahr 1928. Der britische Thron­fol­ger Edward, Prince of Wales, und sein Bruder Henry reisen zu einer Sa­fari an, die Denys Finch Hatton or­ga­ni­siert. Beryl Mark­ham ist auch dabei.


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