Rezension zu »Die Gauner von Pizzofalcone« von Maurizio de Giovanni

Die Gauner von Pizzofalcone

von


Kriminalroman · Kindler · · Taschenbuch · 400 S. · ISBN 9783463403816
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Neapel und Golf

Es fehlt der Biss

Rezension vom 01.12.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Irgendwas bleibt immer hängen. Zwar hat man dem In­spek­tor Giu­seppe Loja­cono nie nach­weisen können, dass er wirklich mit der Mafia kolla­boriert hat, aber schon die An­schul­di­gung genügte, um den als unbe­quem gel­ten­den Poli­zisten ab­zu­schie­ben. Damit verlor Loja­cono alles, was ihm lieb gewe­sen war. Er musste seine Posi­tion in Agri­gent räumen und sogar seine Heimat Sizi­lien ver­las­sen, um an seinen neuen Arbeits­platz in Neapel zu zie­hen. Sein Fami­lien­leben zer­brach. Ehefrau Sonia und die Teen­age-Toch­ter Mari­nella setz­ten sich nach Paler­mo ab.

An seiner ersten neuen Wir­kungs­stätte, dem Kom­mis­sariat San Gae­tano mitten in der Stadt, bewies er, dass er seinen guten Spür­sinn, seine Intui­tion und sein logi­sches Denk­ver­mögen aus Sizi­lien mit­ge­bracht hatte. Er konnte den Mord an vier Kindern auf­klären und einen ver­zwei­felten alten Mann, genannt »das Kro­ko­dil«, fest­nehmen. Seitdem sind Loja­conos Qua­li­täten aner­kannt, aber bei seinen Kolle­gen hat er sich damit nicht be­lieb­ter gemacht.

Dann hat ihn sein Vorgesetz­ter Di Vicenzo ein­be­stellt, um ihm eine er­neute Ver­set­zung nahe­zu­legen. Er soll jetzt ins Kom­mis­sa­riat Pizzo­fal­cone weiter­ziehen. Das dortige Re­vier ist nicht sehr groß, aber dicht be­völ­kert. Es liegt im Spa­ni­schen Vier­tel, den Quar­tieri Spa­gnoli östlich des Hafens und reicht hin­unter bis zum Castel dell'Ovo am Meer. Hier, am Hügel Pizzo­fal­cone (auch als Monte di Dio bekannt), grün­deten die Grie­chen vor 2.700 Jahren ihre Stadt Parthe­nope.

Der Polizeiprä­sident möchte das Kom­mis­sa­riat Pizzo­fal­cone am liebsten auf­lösen. Es ist zu einer Art Müll­halde für Poli­zis­ten her­unter­ge­kom­men. Vier Kollegen waren dort dumm auf­ge­fallen, weil sie be­schlag­nahm­tes Kokain zum Teil für sich zur Seite ge­schafft und versil­bert hatten. Da sie hinter italie­nische Gar­dinen wander­ten, mussten ihre Stellen neu be­setzt werden. Man füllte die Dienst­stelle mit lauter »faulen Äpfeln« aus an­de­ren Ab­tei­lun­gen auf und war sicher, dass sie es niemals packen würden, richtig zu arbei­ten. Einer ist jäh­zornig und gewalt­tätig, ein anderer un­fähig, aber aus guter Familie; eine ist psycho­pathi­sche Waffen­fanati­ke­rin, ein anderer über­zeugt, dass er einem Serien­killer auf der Spur sei, ob­gleich nie­mand seinen Wahn teilt. Hier passt Loja­cono, der mut­maß­liche mafioso, gut hin, und seine Kurz­zeit-Kolle­gen aus San Gae­tano sehen ihn gern ziehen.

Aber »I Bastardi di Pizzo­fal­cone« lassen sich nicht unter­kriegen. Ihr Chef, com­mis­sa­rio Luigi Palma, 40, ehr­geizig, tempera­ment­voll und »ständig unter Strom«, leitet seine »ver­lotter­te« Truppe der »Aus­ge­sto­ße­nen« mit kla­ren Zielen vor Augen: den Mit­arbei­tern ver­trauen und sie moti­vieren, die Vor­gesetz­ten durch gute Ar­beit über­zeugen und die Auf­lö­sung des Kom­mis­sariats ver­hin­dern. Gleich in seiner ersten Dienst­bespre­chung nordet er alle auf gute Zu­sam­men­arbeit ein – »wir soll­ten uns duzen«.

Ehe sie einander näher beschnup­pern können, haben sie ihren ersten Fall auf dem Tisch lie­gen, eine Be­zie­hungs­tat in bes­se­ren Kreisen, die nicht schwer auf­zu­klären scheint. Die schöne Gattin eines Notars wurde ermor­det. Er hat seine Kar­riere allein ihrem Ver­mögen und ihren gesell­schaft­lichen Be­ziehun­gen zu ver­dan­ken und ist ihrer jetzt offen­bar end­gültig über­drüs­sig gewor­den, nach­dem er sich schon seit Jah­ren mit diver­sen Damen amü­siert hat. Doch der Ver­däch­tige hat ein siche­res Alibi: Zur Tat­zeit weilte der un­dank­bare Leicht­fuß mit seiner neuen Flamme in Sor­rent.

Palma weist den Fall Loja­cono zu und stellt ihm Polizei­ober­wacht­meister Marco Ara­gona zur Seite. Der extro­ver­tier­te junge Mann braucht sich dank seines fa­mi­liären Netzes an Be­ziehun­gen und Be­sitz­tümern nicht sonder­lich anzu­strengen und widmet sich gern seinem Styling und dem lebens­gefähr­li­chen Hang, Neapel als For­mel-1-Renn­strecke zu nut­zen. Während sie noch im Trü­ben fischen, ahnt der ge­schulte Krimi­leser schon längst, wer der Täter ist. Wo kein Gärt­ner, ist es immer der ... – mehr darf hier auf kei­nen Fall ange­deutet wer­den, denn die Span­nungs­res­sour­cen dieses Kriminal­romans sind ohne­hin be­grenzt.

Maurizio de Giovanni, ein fähiger, origi­neller und viel­seiti­ger Schrift­steller (1958 in Neapel gebo­ren), übt sich hier in einer Spiel­art des Noir-Genres, die als Police proce­dural firmiert. Sie kam in den Vier­ziger­jah­ren bei angel­sächsi­schen Krimi­nal­schrift­stellern auf und wurde in Romanen, Kino- und Fernseh­fil­men weiter­ent­wickelt. An Stelle des ge­wohn­ten Er­mittler-Helden als einzelne Identi­fikations­figur verfolgt man hier die Arbeit eines ganzen Poli­zis­ten­teams, dessen Mit­glieder alle das gleiche Maß an Auf­merk­sam­keit erhalten. Man be­schäf­tigt sich, wie es ihrem Alltag ent­spricht, auch nicht nur mit einem Kriminal­fall, son­dern simul­tan mit meh­reren, die mit­einan­der meist nichts zu tun haben. Für die Struktur des Romans folgt daraus realis­ti­scher­weise, dass er seinen Höhe­punkt nicht wie gewohnt am Ende in der Ent­lar­vung des Tä­ters findet. Oft sind die Schul­digen dem Leser/Zu­schauer schon von An­fang an bekannt, und die Fälle wer­den im Ver­lauf der Hand­lung nach und nach gelöst. Viel Raum erhal­ten proze­durale Details der Arbeit der Poli­zei­behör­den, wie bei­spiels­weise Verhör­proto­kolle, die Siche­rung von Indi­zien, Berichte der Gerichts­me­di­ziner.

Bei »Die Gauner von Pizzo­fal­cone« hat mich dieses Konzept nicht über­zeugt. Die Krimi­hand­lung und die Be­zie­hungs­problem­chen der Mann­schaft zie­hen sich ziem­lich lustlos dahin wie die fade künst­liche To­ma­ten­soße auf einer Tief­kühl­pizza. Die weite­ren Fälle, die am Pizzo­fal­cone-Hügel zu klären sind, fügen hier ein Krümel­chen Ore­gano, dort eine Spur Basili­kum hinzu, rei­chen aber nicht aus, um das Ganze noch richtig ge­schmacks­inten­siv und knusprig auf den Tisch zu bringen. Da prü­gelt ein Macho, der schnell die Kon­trolle ver­liert. Dort begibt sich eine jugend­liche Schönheit frei­willig in Ge­fangen­schaft, worüber sich ein alter Knabe ebenso freut wie ihre Familie, die mit Geld und Jobs reich­lich belohnt wird. Ein Pater schenkt seinen Schäf­lein durch einen »Akt der Barm­herzig­keit« das »Paradies« ... Das sind nette Alltags­fälle, aber sie werden ohne Biss auf­be­rei­tet.

Nach »Das Krokodil«, dem gelungenen Erstling der Reihe [› Rezension], war meine Er­war­tungs­hal­tung hoch, umso tie­fer erfolgte der Fall. Aber die Dienst­stelle Pizzo­fal­cone wird trotz­dem vorerst nicht auf­gelöst. Vor Ort gibt es schon drei weitere Bände, und wegen ihres Erfolgs soll die Serie sogar zu einer Fern­seh-Saga ver­arbeitet werden. Geben wir Maurizio de Giovanni und seiner Über­set­ze­rin Susanne Van Volxem also noch eine Chance, sobald ihre nächste Arbeit fertig ist. Schließ­lich hat­ten die bas­tardi im Kom­mis­sa­riat auch einen Versuch frei, sich zu bewäh­ren.


[Aktualisierung im Juni 2017:] Die sechs bisher veröffentlichten Bände über Inspektor Giu­seppe Loja­cono und seine Kolle­ginnen und Kollegen (alle Übersetzungen von Susanne Van Volxem):

Stadtplan Napoli

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