Rezension zu »Ein Herz so kalt« von Árni Thórarinsson

Ein Herz so kalt

von


Kriminalroman · Droemer · · Gebunden · 410 S. · ISBN 9783426198636
Sprache: de · Herkunft: is

Sex, drugs and crime

Rezension vom 08.08.2012 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Schlimm genug, dass unsere Vorstellung über den Skandinavier und den Isländer im Speziellen oft genug von dem Vorurteil geprägt ist, er ertränke seine Melancholie in Alkohol. "Ein Herz so kalt", der neueste Krimi des in Reykjavík geborenen Autors Árni Thórarinsson, enttäuscht in dieser Hinsicht insofern, als er sich dieses Klischees sowohl für seine handelnden Figuren als auch für das Tatmotiv weidlich bedient. Als wär's nicht genug, setzt er noch Drogen, Sex und Gewalt obendrauf. "Daudi Trudsins" heißt das Buch im Original, und übersetzt hat es Tina Flecken.

Den Journalisten Einar hat es aus der Hauptstadt in den hohen Norden Islands verschlagen. Dahinter steckt der Versuch des "Abendblatts", in Akureyri eine Außenstelle aufzubauen. Einar steht unter großem Erfolgsdruck, doch was soll es von hier oben schon zu berichten geben? Zwar ist die Stadt die viertgrößte im Land, doch mehr als 17.000 Einwohner hat sie nicht zu bieten. Letzten Endes ist Akureyri ein abgelegenes Kaff.

Immerhin ist aktuell Land in Sicht, und es sind sogar große Ereignisse, die sich ankünden. Die Stadt plant ihr jährliches Festival "Alles in einem". Tausende Besucher werden erwartet. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die Polizei rechnet mit Alkohol- und Drogenexzessen. Krawalle und Gewalttaten besonders sexueller Art werden weiter zunehmen.

Auch Einars sechzehnjährige Tochter Gunnsa und ihr dunkelhäutiger Freund Raggi reisen an. Vaters Bedenken zählen nicht viel; natürlich wollen die beiden die riesige Fete ausreizen. Doch leider hat Einar Recht: Schon am ersten Abend prügelt sich Raggi mit ein paar rassistischen Jugendlichen, die Gunnsa attackiert und als "Negernutte" beschimpft hatten.

Ein amerikanisches TV-Team ist ebenfalls vor Ort. Sie wollen hier einen Erotikthriller drehen ("Hot Ice"), und als Set für einen Teil der Aufnahmen ist ein leerstehendes Haus vorgesehen. Genau hier aber hat sich Grauenhaftes abgespielt. Polizei und Spurensicherung haben den Tatort erst einmal gesperrt.

Schon zuvor hatte Einar ein seltsames Telefonat erhalten. Ohne ihren Namen zu nennen, hatte eine offensichtlich alkoholisierte Frau von Geräuschen, Geistern und sonstigem Spuk in diesem Haus erzählt. Sie habe Visionen, könne in Kontakt zu Verstorbenen treten.

Einar und Hauptkommissar Ólafur Gísli, mit dem er sich gut versteht, gehen dem obskuren Hinweis nach. Gespenster finden sie keine; wohl aber die nackte Leiche eines sechzehnjährigen Mädchens. Mit aufgeschnittenen Pulsadern liegt sie in der Badewanne, ihre Arme voller Einstiche. Wahrscheinlich hat sich da ein Junkie den letzten Schuss gesetzt ...

Der kriminalistische Plot setzt ein, als sich die anonyme Anruferin wieder meldet. Zwischen der Toten und ihr besteht eine Verbindung, doch welche? Einar und die Unbekannte werden sich in Reykjavik treffen. Sie will sich an jemandem rächen. Doch vorerst wird sie zum wiederholten Mal in die Spezialklinik Virkid einziehen, auf Entzug. Ein geschlossener Ort – und dennoch ist sie hier nicht sicher: Schon bald ist sie tot.

Einar war selber lange Jahre Alkoholiker; er kennt also den Betrieb und die alte Rolle aus dem Effeff. Er lässt sich in die Klinik einweisen, um als "Undercover-Agent" zu recherchieren ...

Die kleine Episode über Einars stationären Aufenthalt ist dem Autor herrlich schräg gelungen. Virkid ist nämlich ein paradoxer Ort der freien, aber absolut verbotenen Sexualität. Hier treibt's jeder mit jedem: Therapeuten, Patienten und Ärzte feiern zusammen eine ganz große, fette, fröhliche Schlafanzugparty. Auch die Gespräche und die Therapiesitzungen in trauter Gemeinschaft zeigen, dass der Autor literarisches Vermögen besitzt. Ein bisschen mehr davona, dazu noch eine intelligentere, nicht so abgedroschene Aufklärung der Morde, und ich hätte mich wohler gefühlt in Akureyri ...


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