Rezension zu »Eine Frau verschwindet« von Benjamin/John Black/Banville

Eine Frau verschwindet

von


Kriminalroman · Kiepenheuer & Witsch · · Gebunden · 343 S. · ISBN 9783462044676
Sprache: de · Herkunft: gb

Rote Blutflecken auf weißem Arztkittel

Rezension vom 06.06.2013 · noch unbewertet · noch unkommentiert

April Latimer ist verschwunden. Ihre Freundin Phoebe macht sich ernsthafte Ge­dan­ken. Wenn die beiden sich nicht zu einem Plausch beim Tee in ihren Woh­nun­gen oder zu einem Bier im Pub treffen, so telefonie­ren sie doch nahezu täglich miteinander.

April und Phoebe stammen beide aus Dublins besten Kreisen – die Väter sind Mediziner. April hat eine Assistentenstelle an dem Krankenhaus, in dem Dr. Quirke, der Vater ihrer Freundin, als Pathologe arbeitet. Gesehen haben sie sich dort allerdings noch nie. Vielleicht ergab sich bisher einfach noch keine Gelegen­heit, denn Quirke war bis vor kurzem noch außer Gefecht; er hatte sich seinem Alkoholproblem stellen wollen und sich für gut ein halbes Jahr zum Entzug in eine Fachklinik begeben.

Ist Gefahr im Verzug? Dr. Quirke nimmt die Sorgen seiner Tochter ernst und kontaktiert Inspektor Hackett. Der verschafft sich in Aprils Wohnung einen ersten Eindruck. Da springt ihm nur der normale Alltag ent­ge­gen. Nichts ist aufgeräumt, die Kleidung hängt im Schrank, Koffer wurden nicht gepackt, und vor allem steht im Bad noch Aprils Lippenstift, ein Utensil, ohne das keine Frau verreisen würde. Seltsam ist nur das frisch gemachte, unberührte Bett – es passt nicht zu dem ansonsten chaotischen Gesamtein­druck.

Aprils Verschwinden wird heiß diskutiert in ihrem Freundeskreis. Der feste Zirkel gibt sich gern bo­hemien­haft und gewandet sich in existentialistischem Schwarz (wir befinden uns in den Fünfziger Jah­ren). Isabel, Schauspielerin mittlerer Güte, glaubt, April sei auf und davon gen England und dort längst mit einem gut­be­tuch­ten Mann verheiratet. Jimmy, ein Reporter, weiß nicht so recht, was er von der Sache hal­ten soll. Ein bisschen besorgt ist er schon; noch mehr aber treibt ihn um, dass sich da womöglich ein spek­takuläres Ereignis anbahnen könnte, dessen Schlagzeile – seine Schlagzeile! – bald auf sämtlichen Dub­liner Zei­tun­gen zu lesen sein würde. Auch Patrick Ojukwu, Medizinstudent aus Afrika, hält sich mit Mut­maßun­gen auf­fällig zurück.

In letzter Zeit hatte Phoebe etwas den Überblick verloren, was sich in der Gruppe gerade so tut. War da was zwischen Isabel und dem gutaussehenden Patrick, genannt »der Prinz«? Hatte April Zwietracht gesät, ihn Isabel ausgespannt? Phoebe kann nicht verhehlen, dass sie den Exoten aus einem ihr unbekannten Kulturkreis ja selbst sehr anziehend findet …

Als Hackett die Wohnung der Vermissten ein zweites Mal durchsucht, kommt zutage, dass wohl doch ein Gewaltverbrechen stattgefunden haben muss. Darauf lassen Blutspuren in den Ritzen der Bodendielen und ein paar unscheinbare Blutspritzer am Bett schließen.

Was kann eigentlich Aprils Familie zur Klärung des Falls beitragen? Sie residiert auf einem protzigen An­wesen. Aprils Mutter Celia ist Witwe (Der Vater war Herzspezialist.) und kultiviert ein königinhaftes Image durch äußerst distinguiertes, kühles Auftreten etwa bei öffentlichen Charity-Veranstaltungen; Bru­der Oscar hat sich als konservativer Gynäkologe (katholisch und Verhütungsgegner) einen Namen ge­macht; Schwa­ger Bill hat es gar zum Gesundheitsminister gebracht. Alle sind empört, dass sich wildfremde Menschen in ihre innerfamiliären Angelegenheiten einzumischen wagen. Und wer sind die überhaupt – Hackett, ein ehe­maliger Streifenpolizist, und Quirke, der nicht einmal sein eigenes Leben in den Griff be­kommt (Alkohol! Frauen!) … Derlei inkompetente und inadäquate Versager fertigt man kurz und bündig ab: Man wisse sowieso nichts von April; sie habe sich schon lange von der Familie gelöst; sie lebe ihr ei­genes, un­kon­ven­tio­nel­les, peinliches Leben … Gut, dass man genug hilfreiche Beziehungen im Rücken weiß, etwa um dem Herausgeber der Tageszeitung Ärger zu bereiten, sollte auch nur eine Zeile über sie veröffentlicht werden.

Der produktive Autor John Banville, der seine Krimis unter dem Pseudonym Benjamin Black veröffent­licht, versetzt uns in seinem Kriminalroman »Elegy for April« Benjamin Black: »Elegy for April« bei Amazon (übersetzt von Andrea O’Brian) nach Dublin vor etwa sechzig Jahren. Da lag die Stadt noch am Rande Europas, war touristisch unerschlossen und arm. Im Winter wabert allerorten dichter, klammer Nebel, verdunkelt vom Ruß der Kohle, mit der die Menschen ihre engen Wohnungen heizen. Ein Telefon ist Luxus; allenfalls teilen sich mehrere Parteien in einem Mietshaus eines. Die strikte Klassen­gesellschaft sorgt für klare Verhältnisse, aber die Starre der Traditionen, Bigotterie, Rassenvorurteile u.ä. machen vielen Individuen das Leben schwer. Polizeiliche Ermittlungen sind reine Hand- und Kopfarbeit – allein Beobachtungen, Zeugenaussagen und nüchternes Schlussfolgern führen auf die Spur des Täters.

Dem Zeitkolorit ist die literarische Machart angepasst. Wie im klassischen Whodunit üblich, hören wir still zu, wenn sich die handelnden Personen ordentlich nacheinander und zumeist einzeln treffen, um die bisher bekannten Fakten zusammenzufassen, ehe sie dem Gegenüber dann neue Details mitteilen, die sich als mehr oder minder wichtig erweisen könnten. Daraus ergeben sich für uns Wiederholungen, die das Lesen angenehm leicht gestalten und uns jederzeit den Überblick garantieren. Im vorliegenden Krimi ist es aber einfach zuviel des Guten, denn der Plot ist mehr als simpel, und auch die Auflösung bringt keinen Über­raschungsknüller.

So steht auf der Habenseite die hübsch erfasste Atmosphäre der Zeit, der Stadt und der Kultur; im Soll bleibt die Erfüllung der Erwartung auf ein raffiniert gestricktes Handlungskonzept und ein bisschen Span­nung, einen kleinen Kick. Ein etwas nostalgisches Leseerlebnis …


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