Rezension zu »Die Hummerschwestern« von Beverly Jensen

Die Hummerschwestern

von


Belletristik · btb · · Gebunden · 480 S. · ISBN 9783442753314
Sprache: de · Herkunft: us

Die Wege zweier ungleicher Schwestern

Rezension vom 09.09.2012 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Es hat doch so schon kaum zum Leben gereicht, und schuld an allem Unglück ist Vater Bill. Unverantwortlich, noch ein viertes Kind zu zeugen. Als seine Frau Emeline nach Baby Emmas Geburt stirbt, ist für Dalton (12), Idella (8) und Avis (6) die Kindheit jäh zu Ende. Wir sind an der Chaleur-Bucht in New Brunswick, Kanada, und es ist das Jahr 1916.

Idella, die Große im Hause, muss jede Drecksarbeit übernehmen und auf ihre kleine Schwester Avis achten. Emma wird zu Verwandten gegeben. Vater Bill bemüht sich redlich, die Familie als Feldarbeiter, Jäger und Hummerverkäufer über Wasser zu halten. Doch wenn er seine Selbstvorwürfe in Whiskey ertränkt und um die beste aller Frauen trauert, wird er für seine Kinder unberechenbar.

Idella erträgt alles mit stoischer Ruhe, leidet aber seelisch. Avis, Vaters Liebling, sein "Sahnetörtchen", findet auf ihre Art Zugang, tauscht gegenseitige Wärme mit ihm aus. Der schweigsame Dalton geht Vater lieber aus dem Weg, zieht sich in die Scheune oder auf sein Boot zurück, um allein auf See zu schippern und Hummerfallen ins Wasser zu lassen.

Gegen Kost und Logis hat Bill schon mehrere französischsprachige Mädchen engagiert. Doch mit der minderjährigen Maddie, die Bill in Mutters Kleid und ihrem Parfum glücklich machen will, beendet er endgültig seinen Versuch, Normalität in den Alltag zu bringen. Er schickt die beiden Mädchen zu Mutters Schwester und bleibt mit Dalton allein zurück.

Jetzt dürfen Idella und Avis die Schule besuchen. Idella ist besonders ehrgeizig, überspringt eine Klasse und schafft einen Mittelschulabschluss. Aber ihr kleines Glück währt nur kurz. Vater Bill wird bei einem Jagdunfall verletzt, liegt mit einem steifen Bein im Bett und braucht Pflege. Dieses Mal muss Avis ran, denn Idella hält es nicht mehr aus. Sie packt ihren Koffer, besteigt das Postauto und fährt nach Boston in die Vereinigten Staaten.

Beverly Jensens Roman "Die Hummerschwestern" (The Sisters from Hardscrabble Bay, übersetzt von Beate Brammertz) begleitet das Leben der beiden ungleichen Schwestern Avis und Idella bis zu ihrem Tod im Jahre 1987. In vielen kleinen Episoden – die Romanstruktur wirkt etwas bröselig – erfahren wir das Schicksal zweier Glückssuchender. Die schöne Avis wird viele Männer erobern, doch mit einem dreht sie, naiv wie sie ist, krumme Dinger und landet im Knast. Kinder wird sie nie haben.

Die flachbrüstige, dürre Idella findet den Mann fürs Leben in Eddie Jensen, mit dem sie vier Töchter bekommt. In ihrem Lebensmittelladen schuftet Idella hart, während Eddie, ein guter Autoverkäufer, bei seinen Probefahrten gern manches Schäferstündchen genießt.

So tragen beide Schwestern ihr individuelles Päcklein. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder. Dass sie einander haben, ist ihr wahres Glück. Manches Geheimnis haben sie der anderen noch nicht mitgeteilt, und Idella möchte auch gar nicht alles wissen ...

Fast hätten sie Vater Bill nicht beerdigen können. Avis und Dalton hatten den Sarg, der überführt werden musste, an einem Bahnhof vergessen. Schließlich wird er neben Mutter ins Grab gelassen. Man reicht sich Whiskey, trinkt auf den "alten Scheißkerl" und legt auch ihm eine Flasche zu Füßen, für einen Drink in der Not ...

Die Autorin Beverly Jensen starb mit 49 Jahren. Nach ihrem Tod hat ihre Familie die Aufzeichnungen – darunter bereits veröffentlichte short stories – zusammengefasst und in die vorliegende Romanform gebracht. Dadurch hat die Komposition zwar literarische Schwächen, doch kann man darüber getrost hinweg sehen. Denn die Bindungen der Autorin zu ihren Figuren spürt man haut- und unglaublich lebensnah. Wiewohl vom Schicksal vielfach erschüttert, halten sie sich an ihre Lebensdevise, wie sie sich in den einzelnen Episoden widerspiegelt: Durchhalten, weitermachen. Keiner kriegt etwas geschenkt. Da hat Idella das Glück, einen Mann zu finden, den sie liebt. Dafür wird ihr eine Schwiegermutter mitgeliefert, die alles überwacht, schlichtweg unausstehlich ist. Wirklich Stärke und psychologisches Geschick beweist Idella, als sie in ihrem Gemischtwarenladen von einem jungen Mann mit Waffe überfallen wird.

Es sind die kleinen Dinge, in denen die Autorin großartig ist, in denen sie die Atmosphäre eindringlich schildert. Wie armselig ist Avis' und Idellas Kindheit. Spielzeug? In Zigarrenkisten sammeln sie ihre kleinen Schätze: Muscheln, Steine, Knöpfe. Auch Maddie drückt nachts ein kleines dreckiges Etwas an ihre Brust: eine Puppe aus Sackleinen, ohne Augen, mit Mund aus gesticktem Wollfaden und aufgenähtem Knopf als Nase ...

Wunderbare, emotionale Unterhaltung – frei von jeglichem Kitsch.


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