Rezension zu »Männer mit Erfahrung« von Castle Freeman

Männer mit Erfahrung

von


Kriminalroman · Nagel & Kimche · · Gebunden · 176 S. · ISBN 9783312006878
Sprache: de · Herkunft: us

Die üble Aura des Katzenmörders

Rezension vom 11.05.2016 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Langsam vergeht die Zeit hier in den Tiefen der dun­kels­ten Wälder Vermonts. Ruhe und Gleich­maß be­stim­men den Alltag. Auf Neuig­keiten wartet man ver­ge­bens.

In der alten Stuhlfabrik stehen die Maschinen schon seit fünf­zig Jahren still. Über drei Gene­ratio­nen hin­weg hatte der Fami­lien­betrieb dem Ort Arbeit und Brot ver­schafft. Zu seinen besten Zeiten, in den Vier­zi­ger­jah­ren, konnte sich der ihr Chef uner­hörte Reisen bis nach Alaska er­lau­ben. Noch heute be­zeugt ein gewal­tiger Ka­ribu­kopf mit aus­laden­dem Geweih hoch oben an der Wand des Direk­tor-Büros die Aben­teuer, mit denen der Vater des heu­tigen Eigen­tümers einst seine Zu­hörer be­ein­druck­te. Dass die fabel­hafte Ab­schuss­quote seiner Groß­wild­jagd mit dem legen­dären Elwood »Grizzly« Single­ton mehr seinem Wunsch­denken als der Rea­lität ent­sprang (wie ja auch die mit­ge­brach­ten Trophäen weni­ger aus den Ur­wäl­dern als von einem Tier­prä­para­tor in Van­cou­ver stamm­ten), blieb Insider­wissen.

Was der stolze ausgestopfte Hirsch mit seinen Glas­augen heute unter sich erblickt, muss ihn aller­dings mi­tleidig stim­men. Da lebt Alonzo, der Sohn des Jägers, in­zwi­schen selber alt und immer noch allein­stehend, und ver­lässt sein Büro gar nicht mehr. Wenn die Müdig­keit ihn über­mannt, lässt er sich auf dem Sofa nie­der­sin­ken. Nach ein paar ver­schla­fe­nen Stunden hievt er sich mit Hilfe eines Seils in den Roll­stuhl. Dessen Elektro­motor schiebt ihn, be­glei­tet von leisem Sum­men, Rich­tung Toi­lette.

Die alten Männer, deren Arbeitgeber er früher einmal war, nennen ihn noch immer respekt­voll »Whizzer«. Am Nach­mittag trudeln sie bei ihm ein, um ihm Ge­sell­schaft zu leisten, um das biss­chen Klatsch und Tratsch um­zu­wäl­zen, um ge­müt­lich bei Kaffee und Bier in den Fern­seher zu starren, um zu reden – »oder auch nicht«. Haupt­sache, »die Zeit verging«.

In den letzten Tagen des Hoch­sommers gibt es eine schöne Über­raschung: richtig neuen Ge­sprächs­stoff!

Ehe die Sensation – Lillian legt sich mit Black­way an! – leib­haftig bei Whizzers Clique ein­trifft, muss She­riff Ripley Win­gate sie pflicht­gemäß ver­walten. Lillian, jünger, weib­licher und at­trak­tiver als alles andere, was das Kaff zu bieten hat, er­wartet ihn schon zum Dienst­antritt, wofür sie auf dem Park­platz hinter dem Ge­richts­ge­bäude über­nach­tet hat. Die cor­po­ra de­licti kann sie somit gleich vor­wei­sen. Es han­delt sich um das zer­trüm­merte hin­tere Seiten­fenster sowie ein Messer und ein pel­ziges Etwas auf der Rück­bank ihres he­run­ter­ge­kom­me­nen Wagens. Im Büro trägt sie dem Hüter des Ge­setzes vor, was ge­schehen ist.

Seit gut zehn Tagen werde sie beobachtet, verfolgt und bedroht, und zwar von Black­way. Jetzt habe er ihr Auto­fens­ter ein­ge­schla­gen und ihrer Katze Anna­belle die Kehle durch­ge­schnit­ten. Sie müsse nun um ihr Leben fürch­ten und wünsche Polizei­schutz, fordert sie resolut. Ob sie Black­way denn auf frischer Tat er­wischt habe? Das nicht, aber man kenne den Kerl ja im All­ge­mei­nen. Alle im Ort fürch­teten sich doch vor ihm. Wer anders als Black­way könne ihr das ange­tan haben?

Verständnisvoll geht der Sheriff auf jegliche Gefühls­not ein, die die junge Frau ihm mit großer Ent­schie­den­heit vor­trägt. Doch leider, ver­sucht er ihr zu er­klä­ren, könne er so gar nichts für sie tun. Eine Fest­nahme, wie Lillian sie sich vorstellt, geht schon gleich gar nicht. »Für etwas, das er vorhat, kann ich ihn nicht fest­neh­men. [...] So was wäre gegen das Gesetz.«

Mit der pragmatischen Lösung, die Sheriff Wingate vor­schlägt, landet er bei Lillian freilich auf dem völlig fal­schen Fuße. Wo sie doch nicht aus der Gegend sei und nie­man­den kenne, könne sie doch ein­fach weg­ziehen. Als ob abhauen, wenn man gar nichts getan hat, eine ver­nünfti­gere Lösung wäre.

Im Übrigen kennt Lillian durchaus jemanden aus der Gegend. Nur wegen Kevin ist sie schließ­lich hier­ge­blie­ben, anstatt nur durch­zu­rei­sen. Doch vor kurzem hat sich Kevin aus dem Staub gemacht, nach­dem er eine heftige Aus­ein­ander­set­zung gehabt hatte – mit Black­way ...

Was tun zwischen Ungesetzlichkeit und Feigheit? Einen letzten Rat hält der Sheriff noch bereit. Lillian könne sich ja mal bei all den Männern in der ehe­maligen Fabrik um­hören. Whizzer zum Bei­spiel kenne Black­way noch aus alten Zeiten, in denen sie mit­einan­der zu tun hatten. Und nach Scotty solle sie sich er­kundigen, der könne in der Sache bestimmt wei­ter­hel­fen.

Indem Lillian nun auf dem Fabrik­hof vor­fährt, den stau­nen­den Vete­ranen sich und ihr An­liegen vor­stellt, ver­binden sich die beiden An­fangs­kapitel. Nach langem Palaver, das Lillians Geduld bis an die Grenzen strapa­ziert, haben die Senio­ren eine Spezial­einheit für sie auf die Beine gestellt. Das Team besteht aus »Nate the Grate«, einer Aus­hilfs­kraft fürs Grobe, die gerade Beton­blöcke ablädt, und dem klapp­rigen alten Lester, der die Gegend kennt, wo sich Black­way auf­halten könnte.

Bleibt Lillian eine Alternative? Nein. Furchtlos wie sie ist, zieht sie also mit dem bären­starken, aber leicht be­schränk­ten Nate, der kein anderes Wort als »Yo« hervor­bringt, und Lester mit dem steifen Bein, der je­doch jede Menge Tricks auf Lager haben soll, los, um es mit dem ge­heim­nis­vollen Wald­men­schen Black­way auf­zu­neh­men.

Wie sich die drei in den finsteren Forsten Neu­eng­lands schlagen und den bösen Black­way im Dickicht auf­spüren, das ist der span­nen­dere und düs­te­rere Hand­lungs­strang von Castle Free­mans etwas comic­haftem Krimi »Go With Me« Castle Freeman: »Go With Me« bei Amazon aus dem Jahr 2009, den Dirk van Guns­teren über­setzt hat (Die eng­lische Original­version ist offenbar schwer erhältlich.). Min­des­tens eben­so gut gefällt mir aber, was zwi­schen den Epi­soden aus Whizzers Büro zu uns dringt. Da treten die in­zwi­schen durch die un­erhör­ten Er­eig­nisse auf­ge­kratz­ten Se­nio­ren ohne Punkt und Komma breit, was ihnen gerade zu Ohren, vor Augen oder in den Sinn ge­kom­men ist. High­school-Mäd­chen, bei­spiels­weise, »haben alle das­selbe an: oben­rum ein kurzes Ober­teil mit Spaghetti­trägern, dann kommt der Bauch­nabel und dann die knall­enge Jeans. Um so was zu sehen, musste man früher Geld be­zah­len«. Und wir sitzen quasi mit am Tisch und dürfen solche Weis­heiten pro­vinziel­len ame­ri­ka­ni­schen Zeit­geists als Zu­gabe ge­nie­ßen.


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