Rezension zu »L'ultima famiglia felice« von Simone Giorgi

L'ultima famiglia felice

von


Belletristik · Einaudi · · Taschenbuch · 240 S. · ISBN 9788806224479
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Rom

Unter dem Mikroskop

Rezension vom 17.05.2016 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Matteo Stella ist ein Familienvater, wie er im Buche steht. All sein Denken und Tun kreist darum, seine Frau Anna (49), Tochter Eleonora (17) und Sohn Stefano (13) glücklich und frei zu sehen. Jegliche eigene Bedürf­nisse stellt er hintan.

Matteo leiten wunderbare Ideale. Er setzt auf Vernunft und Einsicht, die Kraft der Argu­mente und das Wirken eines konse­quenten Vorbilds. Niemals würde er anderen einen fremden Willen auf­zwingen, ihrer Ent­faltung Grenzen setzen. Schon über andere zu urteilen bereitet ihm Skrupel. »Bisogna lasciare agli altri il loro spazio, farli sfogare, rispet­tarne l'auto­nomia anche se cor­rode la tua serenità.«

Dank dieses Konzepts und Matteos Persönlichkeit ist die Familie ein Hort gegen­seitigen Verständ­nisses, der Toleranz und der Harmonie. Die Kinder, so scheint es, haben die Ideale und Schlüssel­tugenden wie gewünscht ver­inner­licht. Und doch tun sich Risse in Matteos Welt auf.

Anna, einst kapitalismuskritische Studentin, hängt auch als Unter­nehmerin noch rebelli­schen Idealen nach. Mit provo­kanten Kam­pagnen hat sie eine Werbe­agentur im Markt etabliert. Ihre Einkünfte begründen den gut­bürger­lichen Lebens­standard der römischen Familie. Matteo hat Anna den Rücken freige­halten, auf eine eigene Karriere (er ist Soft­ware-Ingenieur) verzichtet. Dass sie mit ihrem engsten Mitarbeiter eine Affäre hatte (oder vielleicht noch hat), weiß er, baut aber darauf, dass sie Annas Bin­dungen an ihre Familie nicht gefähr­den kann.

Uneingeschränkt glücklich ist Anna trotz allem nicht. Die Freiheit, die Matteo allen einräumt, macht sie nicht wirklich frei für ihre Selbst­findung; ange­sichts seines Vorbilds fühlt sie sich unzu­länglich und als schlechte Mutter. In dieser Position hält sie sich zurück, obgleich sie sich von Matteo oft einen zupacken­deren Umgang mit den Kindern wünscht.

Eleonora, Papas Prinzessin, hat ihren Vater stets bedingungslos bewundert und geliebt. Jetzt nimmt sie ihn in Schutz, wenn Anna oder Stefano sich gegen ihn wenden. Trotzdem verheim­licht sie ihre jüngsten Eska­paden vor ihm. Lorenzo, ein Nichts­nutz von der Straße (Spitz­name »il Canaglia«), merkt, dass er bei einer wie Eleo­nora nicht landen kann, wenn er nicht ein besserer Mensch wird. Das wiede­rum macht ihn für das Mädchen umso interes­santer.

Die tiefgreifendsten Probleme hat Stefano. Seine schulische Karriere droht bald zu crashen, da er seit ge­raumer Zeit trotzig jede Koope­ration verweigert. Intellek­tuelle Kapazi­täten hat er, findet damit aber keine Aner­kennung. Seine Begeis­terung für die Astro­nomie etwa liefert nur Anlass, ihn mit seinem Familien­namen und einem Kinder­lied aufzu­ziehen (»Stella stellina, la notte si avvicina.«). Seine sport­lichen Leis­tungen reichen nicht aus, um ernst genommen zu werden, weder beim Schwimm­training noch in der Fuß­ball­mannschaft unter dem gnaden­losen, ordinären Macho-Trainer »Mister Magni«. So muss er sich per­ma­nent mit den Demüti­gungen der lauten Rudel­führer herum­schlagen, und Francesca aus der Ballett­gruppe, die er von ferne bewundert, bleibt für ihn uner­reich­bar.

Anders als Matteo glaubt, bietet die Familie Stefano keine Orien­tierung. Mit der großen Schwester und ihren komischen Bekannt­schaften kann er nichts anfangen, nicht einmal mehr ohne Stiche­leien sprechen. Papa hat nichts als die üblichen Sprüche für ihn, und Mama ist nie zu Hause. Seine Wut bündelt der Junge in ausge­fuchsten Provo­kationen gegen den Vater, die gleich­zeitig nach Freiheit und nach Regle­mentierung schreien und denen Matteo gleichwohl niemals eine Angriffs­fläche bietet. Warum kann er keinen Vater wie all die anderen haben, bei denen es kein Nach­denken und keine Zweifel gibt?

Matteo bemerkt, wie sein Sohn ihm entgleitet. Staunend nimmt er auch zur Kenntnis, wie ein Wider­ling wie »Mister Magni« sich die Zunei­gung seiner Herde und die Aner­ken­nung ihrer Väter zu sichern vermag: durch eine groteske Kombi­nation aus scham­losen Erniedri­gungen, brutaler Körper­sprache und plumpem Zuspruch (»Tar­chiato, il collo taurino, il vocione, gridava paro­lacce e be­stemmie ... poi mister Magni se lo strinse al petto fino a fargli male. – Dome­nica gli fai due gol e li mandiamo a casa. Pro­metti­melo. – Va bene, mister.«).

In zwei gleich langen Teilen ohne weitere Untergliederung erzählt Simone Giorgi (*1981, Rom) in seinem Roman­erstling den Verlauf eines einzigen Tages. Es ist der 12. Dezem­ber 2003, an dem die Lage eskaliert (wobei für die Rück­datierung der Geschichte nicht der geringste Grund zu erkennen ist). Schon die Nacht war ener­vierend. Stefano spielte in seinem Zimmer Tennis gegen die Wand, nicht ohne dem Vater vorher raffi­niert die Hände zu binden (»Colpo, silenzio, colpo, silenzio, colpo, silenzio. Lo aveva fatto per strap­pare Matteo dalle retrovie e trasci­narlo sul campo della battaglia finale, spingerlo ad aprire senza permesso la porta su cui c'era un cartello scritto a mano: papà qui non può entrare.«).

Anna muss an diesem Tag mit ihrem Team das Konzept einer extra­vaganten Kampagne präsen­tieren. Ob sie den Auto­hersteller begeis­tert oder ver­schreckt, entscheidet über Wohl und Wehe ihrer Firma. Eleo­nora soll mit Canaglia auf dessen motorino ans Meer fahren. Stefano hat einen Fan-Schal geklaut und will end­lich Francesca beein­drucken, aber er weiß auch, dass ein Blauer Brief von der Lehrerin unter­wegs ist.

Das Geschehen ragt aus dem Alltäglichen nicht allzu sehr heraus. Geschäft, Schule, Sport, Freud und Leid puber­tärer Freund­schaften, das Ringen um einen gang­baren Slalom zwischen Führen und Wachsen­lassen, Kon­sequenz und Ver­ständnis – welche Familie muss sich damit nicht herum­schlagen?

Die äußere Handlung ist jedoch lediglich die Träger­folie für das, was Simone Giorgi wirklich inter­essiert. Wie ein Seismo­graf analy­siert er jede seelische Regung in dieser Familie. Kein Schritt, kein Blick, kein Wort, keine Geste, keine Emp­findung, die nicht eine Reflexion, eine Erinne­rung, einen Zweifel, eine Be­fürch­tung aus­lösten. Der Autor erweist sich in allen vier Perspek­tiven als scharf­sinniger Beob­achter und über­zeugender Formu­lierer.

Doch was ist sein Anliegen über die kunstvolle Darstellung hinaus? Wir erleben, wie Matteos Be­glückungs­konzept scheitert, aber der Grund bleibt offen. Ist es die Hals­starrig­keit, mit der er es durch­zieht? Flexibler Pragma­tismus wäre der leichtere Weg. Es wäre einfach, endlich einmal klare Kante zu zeigen, auf Auto­rität und kalte Regeln zu setzen, wie es sein Sohn und seine Frau von ihm erwar­ten. Sich konse­quent treu zu bleiben , den Dialog zu suchen, Ver­ständ­nis aufzu­bringen, kostet ihn dagegen größte An­stren­gung und Disziplin (»La gente pensa che essere miti sia una fortuna, beato lui, non si arrabbia mai. La gente non capisce nulla. Essere miti è uno sforzo senza pari.«).

Oder ist Matteos Konzept falsch – sein Menschen­bild, sein Glaube an die Vernunft, seine Ob­session, alle glücklich sehen zu wollen? Dazu fehlt es an fass­baren Gegen­positio­nen. Die Geschichte köchelt in ihrem eigenen Sud vor sich hin. Wie andere Zeit­genossen denken und handeln, dringt zu wenig herein. Dabei bietet doch gerade die italie­nische Familien­tradition eine Fülle interes­santer Varianten zwischen urkatho­li­schen, patriarcha­lischen, matriarcha­lischen, bäuer­lich und groß­städtisch geprägten Mustern, mit Setups von Groß­familien bis zu Allein­erziehen­den und bequemen mammone-Nestern. Zwar erleben alle vier Cha­rak­tere, dass es andere Welt­anschau­ungen als die der Familie Stella gibt, und Matteo kennt alle Argu­mente zur Genüge. Doch unterm Strich über­zeugen sie ihn nicht. Weder Diskus­sionen noch Reflexio­nen noch der Plot führen am Ende zu mehr als der banalen Ein­sicht: Wie man's auch an­packt in der Kinder­erzie­hung – es ist immer falsch.

Oder ist Giorgis Roman gar eine General­absage an die überholte Institu­tion der Familie, die über­fordert ist und ihre einzel­nen Mit­glieder über­fordert? Matteo weigert sich zuzu­lassen, dass Familien zer­fallen kön­nen, und sei es einfach nur, weil jedes Kind im Wachsen eigene Interessen entdeckt und entwickelt.

Zu viele Positionen bleiben uneindeutig. Jeder Protagonist hat nach­voll­zieh­bare und berech­tigte Wünsche, handelt dann aber doch oft impulsiv, un­reflek­tiert. Das ist zutiefst mensch­lich, nur: Was soll dann der ge­waltige Überbau von Matteos Prin­zi­pien? Wenn er mit seinem Alltag hadert, suggeriert er sich selbst Halt mit einem Netz selbst­gestrick­ter Theorien: »tu hai una teoria: [...] respira, prima di dire qualcosa di cui ti pentirai. E un'altra: siamo esseri umani, mica palline da biliardo che devono sotto­stare alla fisica classica secondo cui a ogni azione corris­ponde una reazione uguale e contraria. E un'altra. E un'altra.«

So leidet Simone Giorgis Erstling unter Missverhältnissen. Der psycho­logisie­renden Erzähl­weise steht ein allzu flacher, un­dyna­mi­scher Plot über im Grunde all­tägliche Themen gegen­über, das auf­wändige Sinnie­ren ermüdet und führt zu keinem Ergebnis. Eine stärkere Raffung hätte das Buch reiz­voller gemacht; die Geschichte hätte verlust­los auf 120 Seiten auf­bereitet werden können.


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